Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung zahlt, wenn ein ­Versicherter in keinem Beruf mehr arbeiten kann. Für viele Berufe ist sie oft der einzige Invaliditätsschutz.

Selbst vorsorgen. Was für die Altersversorgung gilt, hat seit der Rentenreform auch für den Fall der Erwerbsunfähigkeit viel größere Bedeutung. Der Staat hat seine Leistungen extrem ein­geschränkt. Wer aus gesundheitlichen Gründen schon vor Beginn der Altersrente nicht mehr erwerbstätig sein kann, muss selbst vorgesorgt haben, um keinen dramatischen Rückgang seines Lebensstandards in Kauf zu nehmen. Immer mehr Menschen interessieren sich deshalb für einen privaten Inva­liditätsschutz. Finanztest hat untersucht, wie gut die Angebote für den Fall der Erwerbsunfähigkeit sind.

Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung zahlt, wenn der Kunde in gar keinem Beruf mehr tätig sein kann, also zu 100 Prozent invalide ist. Seine berufliche Qualifikation, Erfahrung und bisherige Lebensstellung oder die Arbeitsmarktlage sind ohne Belang. Die Versicherung zahlt also erst im schlimmsten Fall.

Das ist ein geringerer Schutz als ihn die Berufsunfähigkeitsversicherung bietet. Diese zahlt bereits, wenn der Versicherte zu mindestens 50 Prozent außerstande ist, in seinem zuletzt aus­geübten Beruf weiterzuarbeiten.­

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist die erste Wahl. Doch viele bekommen diese Versicherung gar nicht und brauchen trotzdem einen Invaliditätsschutz. Manche Arbeitnehmer können sich auch keine Berufsunfähigkeitsversicherung leisten.

Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist preiswerter als eine vergleichbare Versicherung, die bei Berufsunfähigkeit leistet. So kostet eine gute Berufsunfähigkeitsversicherung mit Risikolebensversicherung mit 30-jähriger Laufzeit für eine 30-jährige Busfahrerin rund 600 Euro im Jahr. Eine gute Erwerbsunfähigkeitsversicherung mit Risikolebensversicherung kann sie schon für einen 342,29 Euro abschließen.

Auszubildende und Studenten

Sinnvol ist eine Versicherung gegen Erwerbsunfähigkeit gerade für Kunden, die keine oder noch keine berufliche Tätigkeit ausüben, etwa für Studenten und Auszubildende. Denn sie können Berufsunfähigkeit nur schwer nachweisen, weil sie mit ihrem eigentlichen Berufsweg noch gar nicht begonnen haben. Auch Hausfrauen haben häufig dieses Problem. Dann kann es sinnvoller sein, weniger Geld für weniger Schutz auszugeben als viel für eine Versicherung, die in der Praxis nicht zahlen wird.

Auch für viele Berufstätige kann eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung sinnvoll sein. Selbstständige können die Zahlung einer Berufsunfähigkeitsrente beispielsweise oft nur schwer durchsetzen, wenn sie ihren Betrieb so umgestalten könnten, dass ein Mitarbeiter den Teil ihrer Tätigkeiten übernimmt, den sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schaffen. Ihre Berufsunfähigkeit wird dann faktisch erst anerkannt, wenn sie erwerbsunfähig sind. Dann ist es meist besser, von vornherein eine preiswertere Erwerbsunfähigkeitsversicherung abzuschließen.

Wer sich bewusst nur für den schlimmsten Fall absichern will, kann ebenfalls auf eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung zurückgreifen. Andere haben keine Wahl: Angehörige bestimmter Berufe, wie etwa Dachdecker, Mu­siker oder Fotografen werden von den Versicherern als besonders risikoträchtig eingestuft und bekommen häufig keinen Versicherungsschutz gegen Berufsunfähigkeit. Eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist für diese Berufsgruppen als Invaliditätsvorsorge eher geeignet als eine Unfallversicherung. Denn die zahlt nur bei Unfallfolgen.

Preiswert allein genügt nicht

Finanztest hat 23 Angebote für Erwerbsunfähigkeitsversicherungen untersucht und bewertet. Unter die Lupe genommen wurde die Kombination mit einer Risikolebensversicherung, also die Erwerbsunfähigkeitszusatzversicherung (EUZ). Zusätzlich zur vereinbarten Rente bei Erwerbsunfähigkeit läuft die Risikolebensversicherung dann beitragsfrei weiter. Stirbt der Versicherte, zahlt das Unternehmen seinen Angehörigen die vereinbarte Todesfallsumme aus.

Der Versicherer Inter zahlt bei Erwerbsunfähigkeit keine Rente, sondern eine einmalige Summe. Aus diesem Grund wurde er imTest nicht berücksichtigt.

Kombinationen mit Lebensversicherungen sind in dieser Sparte ebenso üblich wie bei Berufsunfähigkeitsversicherungen. Die Verbindung mit der preiswerteren Risikolebensversicherung ist der mit einer Kapital bildenden Lebens- oder Rentenversicherung vorzuziehen. Teilweise werden auch eigenständige Erwerbsunfähigkeitsversicherungen angeboten. Sie sind zum Teil aber sogar teurer als die Kombinationsprodukte.

Welches Angebot das beste ist, ist erst in zweiter Linie eine Frage des Preises. Entscheidend sind gute Versicherungsbedingungen, damit ein Kunde sicher sein kann, dass er im Versicherungsfall schnell die erste Rente erhält. Eine preiswerte Versicherung, die nicht zahlt, nutzt ihm nichts. Wichtig ist außerdem eine exakte und eindeutige Formulierung der Gesundheitsfragen im Versicherungsantrag, sodass dem Versicherer kein Spielraum bleibt, um sich mit- hilfe schwammiger Klauseln vor dem Zahlen zu drücken.

Pluspunkte für Tarif-Transparenz

Die Definition der Erwerbsunfähigkeit, die klarmachen soll, unter welchen Bedingungen ein Unternehmen zahlt, ist in den untersuchten Angeboten uneinheitlich und wenig transparent. Ein „Sehr gut“ erreichte deshalb kein Produkt. Mit „gut“ wurden nur die Bedingungen von sechs Gesellschaften bewertet. Die übrigen 17 Angebote erreichten lediglich ein „Befriedigend“ oder ein „Ausreichend“.

Je klarer und verbraucherfreundlicher die Definition der Erwerbsunfähigkeit ist, desto besser schnitt ein Tarif ab. Positiv bewertet wurde es, wenn der Versicherte trotz der Erwerbsunfähigkeit noch täglich einige Stunden erwerbstätig sein darf, ohne dass sein Rentenanspruch entfällt.

Eine auf zwei Stunden befristete tägliche Arbeitszeit ist als Obergrenze für einen Versicherten zum Beispiel nicht so gut wie die vertragliche Formulierung „bis zu drei Stunden täglich“. Jemand, der noch zweieinhalb Stunden täglich arbeiten könnte, hätte in diesem Fall noch einen Rentenanspruch.

Sehr wichtig ist die vom Versicherer verlangte ärztliche Prognose. Die Victoria erkennt eine Erwerbsunfähigkeit bereits an, wenn der Arzt sie für mindestens sechs Monate prognostiziert. Die Unternehmen Adler, Asstel, DBV-Winterthur, Gothaer, Iduna, Mannheimer verlangen eine Prognose für 12 oder 24 Monate.

Eine Sonderstellung nimmt die Barmenia ein. Denn nur sie definiert Erwerbsunfähigkeit anhand des Berufs eines Versicherten. Kann er in diesem zu 100 Prozent nicht mehr arbeiten, ist der Versicherungsfall eingetreten. Deshalb wurde das Gruppenurteil für die Bedingungen um eine Note aufgewertet. Insgesamt erhielt das Angebot aber nur das Qualitätsurteil „befriedigend“.

Positiv bewertet wurde außerdem, ob die Erwerbsunfähigkeit bis zu drei Jahren rückwirkend dem Versicherer gemeldet werden kann, ohne dass Teile der Rente verloren gehen. Wichtig ist auch, ob ein Unternehmen sein Rücktrittsrecht auf fünf Jahre ab Vertragsbeginn begrenzt, wenn ein Kunde im Antrag versehentlich falsche Angaben gemacht hat. Alle Unternehmen, außer der Generali Lloyd, haben sich auf diesen Zeitrahmen festgelegt.

Minuspunkte für unklare Anträge

Bei den Anträgen haben nur Asstel, LVM und R+V das Gruppenurteil „sehr gut“erhalten. Die Anträge von Adler, Deutscher Ring, DLVAG, Hamburger Leben und Iduna haben wir nur mit „ausreichend“ beurteilt.

Im Antragsformular sollte klar und drucktechnisch deutlich bei den Gesundheitsfragen auf die Folgen falscher oder unzureichender Antworten hingewiesen werden. Wir prüften ferner, ob nur objektive gesundheitliche Tatbe­stände erfragt wurden.

Nach früheren Krankenhausaufenthalten sollte nur gefragt werden, wenn sie maximal zehn Jahre zurückliegen, nach Arztbesuchen und Erkrankungen (bis auf die Frage nach einer HIV-Infektion) nur für die letzten fünf Jahre. Kaum zu beantwortende Fragen wie „Sind Sie völlig gesund und arbeitsfähig?“ sollten nicht vorkommen.

Bieten zwei Angebote gleich gute Versicherungsbedingungen, sollte der Kunde das mit dem besseren Antrag vorziehen. Entscheidet er sich für den schlechteren Antrag, weil das Angebot viel billiger ist, sollte er die Gesundheitsfragen im Antrag besonders umsichtig ausfüllen und im Zweifel beim Unternehmen nachfragen.

Der richtige Vertrag

Wer sich bewusst nur gegen Erwerbsunfähigkeit versichern will, sollte auch wirklich eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung abschließen und nicht eine abgespeckte Berufsunfähigkeitsversi­che­rung. Manche Versicherer bieten Berufsunfähigkeitsversicherungen an, die durch eine Klausel im Vertrag die Leistungen reduzieren: Die Versicherung zahlt dann erst bei 100-prozentiger Invalidität, kostet aber meist so viel wie der Berufsunfähigkeitsschutz.

Ein Kunde, der eigentlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung haben will, bekommt also nur Schutz für den unwahrscheinlicheren Fall der Erwerbsunfähigkeit. Das hat keinen Sinn. Der Kunde sollte sich entweder bei einem anderen Versicherer um einen Berufsunfähigkeitsschutz bemühen oder sich für den günstigeren eigenständi­gen Schutz bei Erwerbsunfähigkeit entscheiden.

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