Erwerbs­minderungs­rente Special

Seit dem 20. Juli 2010 kann Christian Mitter­maier nicht mehr arbeiten. Ein Blut­gerinnsel im Gehirn machte den damals 44-Jährigen über Nacht erwerbs­unfähig. „Trotzdem hatten wir großes Glück. Er hat über­lebt“, sagt seine Frau Amira.

Rund 360 000 Menschen pro Jahr beantragen eine gesetzliche Rente, weil sie zu krank zum Arbeiten sind. Nur die Hälfte erhält sie.

Christian Mitter­maier sieht es positiv: „Nur ein Bruch­teil der Patienten mit einem Aneurysma über­leben. Ich hatte riesiges Glück.“ Am 20. Juli 2010 brach er zusammen. Ein Blutgefäß in seinem Gehirn war geplatzt. Das geschah, wie es typisch ist – ohne Vorwarnung. Wer über­lebt, behält oft neurologische Ausfälle zurück.

Mitter­maier dagegen merkt man auf den ersten Blick nichts an. Er kann sprechen, hat keine motorischen Störungen und doch hat sich sein Leben radikal verändert.

Der Mann aus Eichenau unweit von München muss jede Anstrengung vermeiden, kann höchs­tens drei Stunden am Stück wach sein und braucht anschließend vier Stunden Schlaf, um sich zu erholen. Gegen Angst­zustände und Depressionen muss er Psycho­pharmaka einnehmen.

Der heute 47-Jährige kann nicht mehr arbeiten, weder in seinem Beruf als Lagerist noch in irgend­einem anderen Beruf. Er ist erwerbs­unfähig. Trotzdem hatte er es nicht leicht, seine Erwerbs­minderungs­rente beim Renten­versicherungs­träger durch­zusetzen.

Mitter­maier hatte sich sofort an den VdK Bayern gewandt. Der Sozial­verband hilft seinen Mitgliedern Sozial­leistungen zu beantragen und gewährt recht­lichen Beistand. „Ohne die Unterstüt­zung des VdK hätten wir null Chance gehabt“, meint er. Das Verfahren ist nicht einfach.

Harter Weg zur Rente

Rund 178 000 Versicherte stellten im ersten Halb­jahr 2013 den Antrag auf Erwerbs­minderungs­rente, weist eine Statistik der Deutschen Renten­versicherung Bund (DRV) aus. Knapp 94 000 von ihnen bekamen eine Rente.

VdK-Anwalt Rainer Strauch sagt: „Es war schon immer schwierig, eine Erwerbs­minderungs­rente durch­zusetzen, aber in den letzten Jahren ist es noch härter geworden.“ Lehnt der Renten­versicherungs­träger ab, liegt es meist daran, dass er die gesundheitliche Einschränkung nicht als schwer genug anerkennt.

Psychische Erkrankungen sind mitt­lerweile die häufigste Ursache dafür, dass Berufs­tätige ihre Arbeit aufgeben müssen. Im Jahr 2011 gingen 41 Prozent der neuen Erwerbs­minderungs­renten darauf zurück. Nur 14,2 Prozent der Neurentner hatten Rückenleiden oder andere Erkrankungen des Bewegungs­apparates.

Die volle Rente bekommt jemand, der nicht mehr in der Lage ist, für drei Stunden am Tag irgend­eine Tätig­keit zu verrichten. Wer mehr als drei Stunden, aber weniger als sechs Stunden arbeits­fähig ist, bekommt eine halbe Rente.

Anders ab Jahr­gang 1961

Berufs­tätige, die nach dem 1. Januar 1961 geboren sind, bekommen gar kein Geld, wenn sie noch in irgend­einer Tätig­keit wenigs­tens sechs Stunden am Tag arbeiten können. „Das kann im Extremfall bedeuten, dass ein Ingenieur keine Rente erhält, weil er aus medizi­nischer Sicht noch sechs Stunden täglich als Pförtner arbeiten könnte“, erklärt DRV-Sprecher Stefan Braatz. Diese Neuregelung gilt seit 2001. Vor 1961 Geborene bekommen zumindest schon dann die halbe Rente, wenn sie nur noch einge­schränkt in einem ihrer Qualifikation entsprechenden zumut­baren Beruf arbeiten können. Es wird jedoch oft darüber diskutiert, welche Tätig­keiten vergleich­bar und zumut­bar sind.

Da ist es gut, wenn die Kranken neben dem gesetzlichen Schutz noch eine gute private Berufs­unfähigkeits­versicherung haben. Viele Versicherer verzichten hier inzwischen darauf, allgemein auf vergleich­bare Tätig­keiten zu verweisen (siehe Beruf­unfähigkeits­versicherung, Finanztest 07/2013). Und klappt es dann auch noch mit der gesetzlichen Rente, ergänzen sich die beiden Auszahlungen.

Ob vor oder nach 1961 geboren – das Antrags­verfahren ist für alle das gleiche. Beim Renten­versicherungs­träger gibt es die Antrags­formulare, Sozial­verbände, Versicherten­älteste oder Gewerk­schaften bieten Hilfe beim Ausfüllen an.

Fünf Jahre Versicherung sind Pflicht

Wichtig sind nicht nur die gesundheitlichen Einschränkungen. Der Renten­versicherer prüft auch, ob die versicherungs­recht­lichen Voraus­setzungen erfüllt sind: Um eine Rente wegen verminderter Erwerbs­fähig­keit beantragen zu können, müssen Versicherte der gesetzlichen Renten­versicherung mindestens fünf Jahre lang angehört haben.

In den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbs­minderung müssen sie zudem mindestens 36 Monate mit Pflicht­beiträgen haben. Ausnahmen gibt es beispiels­weise für behinderte Menschen oder Versicherte, die einen Arbeits­unfall hatten.

Viele Antrag­steller schaffen es aber nicht im ersten Anlauf. Der Renten­versicherungs­träger lehnt ihren Antrag ab oder spricht ihnen statt der vollen nur die halbe Rente zu.

Zunächst nur 324 Euro im Monat

Mitter­maier erhielt zunächst nur 324 Euro im Monat. Der Renten­versicherungs­träger ging davon aus, dass der Lagerist noch vier Stunden täglich arbeiten könne. „Ich würde ja liebend gerne wieder arbeiten“, sagt der heute 47-Jährige, „aber es geht nicht. Schon der Weg zur Arbeit wäre zu anstrengend.“

Er legte Wider­spruch ein. Im Sommer 2012 erhielt er endlich den Bescheid und eine Nach­zahlung. Jetzt bekommt er monatlich 660 Euro. Große Sprünge kann das Ehepaar damit nicht machen, aber es sichert ihnen zusammen mit Amira Mitter­maiers Gehalt als Pflegerin zumindest die Existenz.

Die Höhe der Erwerbs­minderungs­rente richtet sich nach dem Verdienst des Versicherten in den Jahren seiner Berufs­tätig­keit und nach der Anzahl der Jahre, in denen er Beiträge an die Rentenkasse gezahlt hat.

Hoher Abschlag für Frührentner

In der jähr­lichen Renten­information teilt die Renten­versicherung allen Versicherten mit, wie hoch eine volle Erwerbs­minderungs­rente in ihrem Fall wäre. Dabei zählen nicht nur die Jahre, in denen jemand tatsäch­lich Beiträge einge­zahlt hat.

Alle, die vor dem 60. Geburts­tag erwerbs­unfähig werden, erhalten eine sogenannte Zurechnungs­zeit. Sie bekommen für die Zeit vom Eintritt der möglichen Erwerbs­minderung bis zum 60. Geburts­tag zusätzlichen Zeiten ange­rechnet. Diese werden entsprechend ihres durch­schnitt­lichen Verdienstes bewertet.

Im Gegen­zug gibt es Abschläge bis zu 10,8 Prozent. Die ungekürzte Rente erhalten nämlich nur Versicherte, die mit 63 oder später erwerbs­unfähig werden. Diese Grenze wird bis zum Jahr 2024 schritt­weise auf 65 Jahre ange­hoben.

Beispiel: Ein Versicherter arbeitet seit seinem 25. Lebens­jahr und wird mit 50 Jahren erwerbs­gemindert. Er hat in den Jahren seiner Berufs­tätig­keit immer ein Gehalt in Höhe des Durch­schnitts­einkommens verdient (aktuell 2 839,25 Euro brutto im Monat). Das ergibt in den alten Bundes­ländern etwa 878 Euro Erwerbs­minderungs­rente im Monat, rund 804 Euro in den neuen Ländern.

Die Reform von 2001 hat nicht nur zu Renten­abschlägen, sondern auch zu sehr viel nied­rigeren Hinzuver­dienst­grenzen geführt. Versicherte mit einer vollen Erwerbs­minderungs­rente dürfen nun höchs­tens 450 Euro im Monat dazu­verdienen, ohne dass es Abzüge von ihrer Rente gibt. Höhere Grenzen gelten für alle, die eine halbe Erwerbs­minderungs­rente beziehen oder ihre Rente schon vor 2000 bezogen haben.

Rente nur befristet

Häufig erhalten Versicherte ihre Erwerbs­minderungs­rente nur für einen fest­gelegten Zeitraum und müssen recht­zeitig an den Antrag auf Weiterzahlung denken. Bei Mitter­maier ist es 2014 so weit. Er und seine Frau hoffen, dass die Rente danach unbe­fristet weitergezahlt wird.

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