Mehr als 100 000 Kinder vergiften sich jedes Jahr an Haushalts- und Arzneimitteln. Wenn Eltern für den Ernstfall vorsorgen und ein Notfallset zusammenstellen, können sie rascher helfen als die Feuerwehr und der Notarzt.

Jedes Jahr gibt es in Deutschland etwa 150 000 bis 200 000 Unfälle mit giftigen Substanzen. In mehr als drei von vier Fällen sind Kinder die Opfer von Spülmaschinenpulver, Entkalkern, Rohrreinigern, Bleichmitteln, Schreib- und Malutensilien, Kosmetika, Medikamenten, Pflanzenteilen, Zigaretten, Schädlingsbekämpfungsmitteln. Eltern oder andere Angehörige treffen bei der ersten Hilfe häufig nicht die richtigen Entscheidungen. Oft geht wertvolle Zeit verloren, die manches Menschenleben kostet.

Das gehört hinein

Bei jedem zehnten Unfall besteht Lebensgefahr, ist rasches Eingreifen geboten. Mehr Sicherheit verspricht ein Notfallset, mit dem in der Regel die schlimmsten Vergiftungsschäden zu vermeiden sind. Eltern können es sich selbst zusammenstellen. Sie brauchen eine Faltschachtel mit

  • dick aufgedruckter Notrufnummer für den schnellen Expertenrat aus der Giftnotrufzentrale,
  • 20 Gramm Aktivkohle aus der Apotheke zur Entgiftung. Es muss pulverisierte Aktivkohle sein, keine Compretten! Die aufzulösen, erfordert zu viel Zeit. Aktivkohle muss luftdicht verpackt sein (in Glas, Blechbehältnis, verschweißter Folie),
  • 30 Milliliter des Entschäumers Dimeticon (wie Sab Simplex, Elugen, Lefax), das es bereits in vielen Hausapotheken als Mittel gegen schmerzhafte Blähungen von Säuglingen gibt,
  • einer Anleitung zum Umgang mit Betroffenen von Vergiftungen, bei Verätzungen oder nach Einnahme seifenhaltiger Mittel.

Modellversuch erfolgreich

Wer ein solches Set zu Hause hat, ist auf den Ernstfall vorbereitet und kann im Kontakt mit dem Fachmann der Notrufzentrale die Notfallmedikamente rasch und gezielt einsetzen, je nachdem, ob schäumende Haushaltsmittel die Ursache waren (Entschäumer nehmen) oder ob es sich um eine Vergiftung handelt (Aktivkohle).

Im Modellversuch hat sich die Vorsorge schon bewährt. Die AOK Berlin ließ 28 000 Eltern, die mit ihren Kindern im Alter von zehn bis zwölf Monaten zur Vorsorgeuntersuchung kamen, in Zusammenarbeit mit dem Berliner Giftnotruf und Kinderärzten ein „Pädiatrisches Notfallset“ aushändigen. Dagegen stand eine Kontrollgruppe von 100 000 Eltern ohne Set.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Eltern flößten verunglückten Kindern die Mittel innerhalb von 14 Minuten ein. Im Unterschied dazu vergingen bei der Kontrollgruppe etwa 50 Minuten, bis Apotheke, Arzt, Klinik oder die alarmierte Rettungsstelle eingreifen konnten. Durch das Set waren etwa 90 Prozent aller Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Türkische Mütter nutzten das Set ebenfalls rasch und wirkungsvoll.

Nichts ist ähnlich effektiv

Die Giftnotrufzentrale Berlin ist bundesweit für Kinderunfälle zuständig. Der ärztliche Leiter Dr. Matthias Brockstedt: „Kein Rettungssystem der Welt kann ähnlich effektiv arbeiten.“ Die Erstbehandlung per Set ist meist ausreichend. Und trotzdem ist das Projekt Notfallset gefährdet – trotz Erfolgsnachweis. Denn das Arzneimittelrecht verbietet im Normalfall die Abgabe von Arzneimitteln (10 Gramm Aktivkohlepulver zum Einkaufspreis von 2 Euro) durch den Arzt in der Praxis im Rahmen seiner Vorsorgeuntersuchungen.

Doch der Eigeninitiative steht nichts entgegen. Eltern können das Set mithilfe des Apothekers selbst bestücken. Die Gesamtkosten belaufen sich dann auf etwa 15 Euro. Unklar bleibt, warum Gesetzgeber und Krankenkassen das Projekt nicht mitfinanzieren und weiterhin viel Geld in ineffiziente Ratgeberbroschüren investieren. Australien und der US-Bundesstaat Kentucky wollen das Set jetzt offiziell einführen.

Am falschen Ende gespart

Hierzulande werden Giftinformationszentren wegen „mangelnder Wirtschaftlichkeit“ dagegen auch schon mal infrage gestellt. Dabei übersteigt der volkswirtschaftliche den betriebswirtschaftlichen Nutzen bei weitem. Von 100 000 gefährdeten Kindern können nach telefonischer Fachberatung 90 000 zu Hause bleiben. Ohne Fachberatung müssten 50 000 in der Klinik behandelt werden.

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