Erste Hilfe Meldung

Oft entscheiden nur wenige Minuten über Leben und Tod. Neue Konzepte der ersten Hilfe wollen Laien noch stärker als bisher in die Rettungskette einbeziehen ­ sogar bei drohendem Herzstillstand.

In diesem Sommer ist in München ein europaweit einzigartiges Erste-Hilfe-Projekt angelaufen. In mehreren U-Bahnhöfen der Innenstadt wurden an den Notrufsäulen Defibrillatoren platziert. Die aktenkoffergroßen Geräte sind Lebensretter: Sie können mit einem Stromstoß das Kammerflimmern beheben, bei dem das Herz ­ meist nach einem Infarkt ­ aufhört zu pumpen. In diesem Zustand wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt ­ die Überlebenschance sinkt mit jeder Minute um zehn Prozent. Bislang hatten nur geschulte Personen, etwa Notärzte im Rettungswagen, Zugang zu solchen Geräten. Da diese im Durchschnitt erst nach acht Minuten und damit oft zu spät vor Ort sind, sollen nun die Fahrgäste der Münchener U-Bahn im Notfall einspringen.

"Die Geräte sind dank neuer Technologie in ihrer Handhabung so einfach und sicher, dass auch ungeübte Laien damit umgehen können", versichert Projektleiter Dr. Josef Assal. In simulierten Notfällen sei das in München mit Passanten geprobt worden. Die Defibrillatoren in der U-Bahn sind zudem so angebracht, dass sie nur benutzt werden können, wenn gleichzeitig ein Notruf an die Leitstelle im Bahnhof abgesetzt wird. Dort sitzt ein geschulter Mitarbeiter, der dem Ersthelfer sofort zur Seite eilen kann.

Nach Einschalten des Defibrillators müssen zwei Elektroden auf die Brust des Bewusstlosen geklebt werden. Das Gerät analysiert dann automatisch die Herztätigkeit, und nur wenn ein Kammerflimmern vorliegt, kann ein Elektroschock abgegeben werden. Sprachbefehle und Displayanweisungen erläutern das weitere Vorgehen.

"Bislang überleben in München nur zwölf Prozent der Betroffenen ein plötzliches Herz-Kreislauf-Versagen, das fast immer mit Kammerflimmern einhergeht", sagt Assal. Er schätzt, dass mit dem Einsatz von automatisierten Defibrillatoren an belebten öffentlichen Orten die Überlebensrate auf 30 bis 60 Prozent steigen könnte.

Erfahrungen aus Amerika, wo diese Geräte entwickelt wurden und schon länger in Flughäfen oder Flugzeugen im Einsatz sind, geben ihm Recht. Eine US-Studie untersuchte etwa, ob Mitarbeiter in Spielkasinos den heilsamen Schock erfolgreich auslösen können. Ergebnis: Fast 60 Prozent der Personen, die am Roulettetisch einen Herzschlag mit Kammerflimmern erlitten, überlebten bis zur Klinikentlassung.

Zeigt das Münchener Projekt ähnliche Erfolge, soll es zunächst auf Bayern, später auf ganz Deutschland ausgedehnt werden. Die Rettungsorganisationen empfehlen, die automatischen Defibrillatoren deutschlandweit an belebten Orten aufzustellen ­ zum Beispiel auch in Bahnhöfen, Theatern oder Fußballstadien.

Das Vorhaben wird hierzulande aber auch kritisch gesehen. Die Bundesärztekammer fordert in einer Stellungnahme, dass alle Personen, die automatisierte Defibrillatoren benutzen, darin ausgebildet sein müssen, und beruft sich formal auf das Medizinproduktegesetz, das eine Geräteeinweisung vorschreibe. Die Münchener Projektgruppe kontert mit dem Strafgesetz, das im Notfall jedes angemessene Mittel rechtfertige, wenn die Gefahr nicht anders abzuwenden sei.

Eine Ausbildung hält auch der Notfallmediziner Professor Peter Knuth für notwendig, um etwa zu vermeiden, dass die Elektroden falsch platziert werden und die Aktion wirkungslos bleibt. Er vermutet zudem, dass niemand die Geräte benutzen werde, wenn die Handhabung unbekannt sei. "Anstatt Verfügbarkeit und Schnelligkeit des professionellen Rettungswesens auszubauen, wird hier versucht, die Verantwortung auf Laien abzuwälzen, um Geld zu sparen", so Knuth.

"Schritt in die richtige Richtung"

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Für Franz Keggenhoff, Leiter des Lehrinstituts an der Landesschule des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Münster, ist das Projekt dagegen ein Schritt in die richtige Richtung. "Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ihre akuten Folgen zählen zu den häufigsten Notfällen", so Keggenhoff. In diesen Fällen entscheide das "von Fachleuten freie Intervall" oft über Leben und Tod. "Aber auch wenn kein Defibrillator in der Nähe ist, können beim Kammerflimmern die Wiederbelebungsversuche mittels Herzdruckmassage und Atemspende bis zum Eintreffen des Notarztes Leben retten."

"Viele unterschätzen die Bedeutung der ersten Hilfe immer noch und beschränken sich darauf, den Notarzt zu rufen", sagt Keggenhoff. "Die Hightech-Medizin im Rettungswagen und später im Krankenhaus hilft aber nur bei guter Erstversorgung optimal." Und die ist oft einfacher als viele glauben, denn nicht jeder Bewusstlose muss wiederbelebt werden. Oft arbeiten Herz und Kreislauf noch. Die größte Gefahr besteht dann darin, dass die Reflexe des Bewusstlosen ausgeschaltet und die Muskeln erschlafft sind. Liegt er auf dem Rücken, können Blut, Erbrochenes oder auch seine eigene Zunge die Atemwege verschließen ­ er droht zu ersticken. Allein die stabile Lagerung auf der Seite kann ihm das Leben retten. "Ein paar Handgriffe, die schnell gelernt sind", so Keggenhoff.

Voraussetzung ist allerdings, den Zustand eines Betroffenen richtig einzuschätzen. Dafür sind in der Regel Kenntnisse erforderlich, die nur ein Erste-Hilfe-Kurs vermitteln kann. "Ein Wochenendlehrgang reicht aus, um in jedem Notfall richtig handeln zu können", sagt Keggenhoff. "Die Kurse sind heute sehr viel praxisnäher als früher und orientieren sich an typischen Situationen, etwa im Haushalt oder beim Sport." Zwei Drittel aller Notfälle ereignen sich laut DRK in solch privaten Situationen und nicht, wie oft angenommen, im Straßenverkehr. "Viele denken bei erster Hilfe immer zuerst an Hilfe für fremde Personen, dabei sind es zu 90 Prozent Familienangehörige, Freunde oder Arbeitskollegen, die erste Hilfe brauchen."

Meist sind es kleine Verletzungen, etwa beim Sport, bei denen erste Hilfe große Wirkung zeigt. Bei Muskelzerrungen oder Bänderdehnungen gilt zum Beispiel: Sofort kühlen, jede Minute Verzögerung verlängert den Heilungsverlauf um einen Tag. Gelenkverletzungen sollten immer von einem Arzt untersucht werden.

Wer zu Hilfe eilt und in der Aufregung doch mal etwas falsch macht, obwohl er nach bestem Wissen handelt, kann dafür nicht strafrechtlich belangt werden. Im Gegenteil: Ein Ersthelfer genießt besonderen Schutz. Er ist automatisch unfallversichert, Sachschäden und Auslagen werden ihm ersetzt. "Eigentlich kann ein Ersthelfer nichts falsch machen", sagt Keggenhoff. "Der einzige Fehler ist, nichts zu tun."

"Und auch wer keinerlei Kenntnisse in erster Hilfe hat, kann trotzdem helfen", ergänzt er. Dazu zählt etwa, den Betroffenen mit einer Jacke oder Decke warm zu halten, da bedingt durch Verletzungen und die psychische Belastung alle Verletzten frieren. Und: "Tröstendes Zureden, Beruhigen, die Hand halten ­ viele Unfallopfer berichten, dass ihnen gerade die Zuwendung am meisten geholfen habe."

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