Ernährungsberatung Test

Das Thema Ernährung boomt, und Interessierte aus den unterschiedlichsten Berufen hoffen auf neue Perspektiven. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und uns Kurse zur Ernährungsberatung angeschaut.

Wie macht Heidi Klum das bloß? Deutschlands weltberühmter Model-Export ist bekennender Bratwurst-Fan – und nur wenige Wochen nach ihrer ersten Schwangerschaft präsentierte sich die Blondine so rank und schlank der Öffentlichkeit, als sei überhaupt nichts geschehen.

Neben einer gehörigen Portion Sport dürfte Klums persönlicher Essberater großen Anteil an der Wiederherstellung des makellosen Körpers der Bergisch Gladbacherin gehabt haben. Solche „Foodcoacher“ belassen es nicht bei allgemeinen Ernährungsempfehlungen. Sie durchleuchten das Essverhalten ihrer Klienten bis ins kleinste Detail. Sie fragen nach ihrem täglichen Speiseplan und nach besonderen Vorlieben, sie schauen in ihre Kühlschränke – und erstellen ihnen dann einen maßgeschneiderten Ernährungsplan.

„Foodcoaching“ ist ein Wellnesstrend aus den USA, bei dem Verbraucher ganz individuell in Sachen Ernährung beraten werden. Er könnte auch hierzulande Schule machen.

Ernährungstipps darf jeder geben

Ernährungsberatung Test

Noch ist es nicht soweit. Gleichwohl haben sich Ernährungsberatungen auch in Deutschland etabliert. Inzwischen bietet eine unüberschaubare Zahl von Ernährungsberatern ihre Dienste an. Das berufliche Spektrum reicht von den Fachkräften – Ärzten mit einschlägiger Fortbildung, staatlich anerkannten Diätassistenten sowie an Hochschulen ausgebildeten Ernährungswissenschaftlern und Ökotrophologen – bis hin zu den so genannten Quereinsteigern.

Die Quereinsteiger haben in der Regel zwar Fachkenntnisse erworben, können jedoch entweder keine ernährungsbezogene Ausbildung oder aber keine Kenntnisse zum Körperbau und Stoffwechsel des Menschen vorweisen. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen: Die Spanne reicht von Heilpraktikern und Apothekern bis zu Fitnesstrainern, Arzthelferinnen, Köchen, Hauswirtschafterinnen und Beschäftigten im Wellness- und Gesundheitsbereich. Das ist möglich, weil die Berufsbezeichnung Ernährungsberater rechtlich nicht geschützt ist und jeder als solcher auftreten darf. Da liegt es nahe, dass sich die unterschiedlichen Voraussetzungen der Beteiligten auch auf die Qualität der Beratungen auswirken.

Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und Weiterbildungen zur Ernährungsberatung untersucht. Insgesamt haben wir uns 13 Qualifizierungen für Quereinsteiger angeschaut, um zu prüfen, ob sie das notwendige Wissen vermitteln. Das Ergebnis ist alarmierend: Weder gibt es einen Konsens unter den Anbietern, was unter gesunder Ernährung zu verstehen ist, noch vermitteln sie ein realistisches Bild von den fachlichen und rechtlichen Grenzen des Jobs.

Gute Ansätze in ihren Kursen boten unseren Testern lediglich die Akademie für Homöopathie, das Institut für gesunde Ernährung und Lebensführung, die Reformhaus Fachakademie und die Walner-Schulen. In keinem Fall jedoch vermittelten die Anbieter die Anforderungen des Jobs ausreichend (siehe „Was Quereinsteiger wissen sollten“).

Vieles ging durcheinander

Oder um es kulinarisch auszudrücken: Die Anbieter servierten unseren Testern eher ein wild zusammengewürfeltes Leipziger Allerlei als ein ausgewogenes Fünf-Gänge-Menü. Und es steht leider zu befürchten, dass sich dieses Durcheinander später dann auch auf die Qualität ihrer Arbeit auswirken wird.

Das spiegelt sich bereits in den Kursbeschreibungen wider, mit denen die Anbieter warben: Daraus ging nicht hervor, für welche Bereiche in der Ernährungsberatung fortgebildet wird und für wen der Kurs als berufliche Weiterbildung etwas bringt. So saßen in den Seminaren zum Beispiel Heilpraktiker neben Friseuren oder Fitnesstrainer neben Haushälterinnen.

Qualität nur bei Fachkräften sicher

Für Weiterbildungsinteressierte wären deshalb allgemein gültige Qualitätsstandards für Quereinsteiger eine große Hilfe. So könnten sie sich schon im Vorfeld darüber informieren, was genau in Kursen zur Ernährungsberatung vermittelt werden müsste. Zwar haben verschiedene Fachverbände eine Rahmenvereinbarung zur Qualitätssicherung in der Ernährungsberatung verabschiedet. Doch was die Quereinsteiger angeht, empfiehlt sie in erster Linie nur, für welche Bereiche der Beratung sie geeignet sind. Wir haben deshalb ein Anforderungsprofil entwickelt, das auch die notwendigen Inhalte für solche Kurse benennt (siehe hierzu „Was Quereinsteiger wissen sollten“).

Was aber dabei herauskommt, wenn die Weiterbildungsinhalte beliebig sind, zeigt unser Test: So sollten Ernährungsberater nach Abschluss des Kurses – so banal es klingt – eine Vorstellung davon haben, wie man sich gesund ernährt. Für die meisten Teilnehmer der von uns getesteten Kurse kann man das aber nicht behaupten: Es wurde ihnen einfach nicht vermittelt.

Hintergrund: Als Bezugspunkt für eine gesunde Ernährung sind die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für eine vollwertige Ernährungsform allgemein anerkannt. Doch nur drei Anbieter, die Internationale Fitness- und Aerobic Akademie (IFAA), das Institut für gesunde Ernährung und Lebensführung sowie die Walner-Schulen, erwähnten die DGE-Regeln nicht nur, sondern vermittelten sie den Teilnehmern als gesicherten Standard für eine gesunde Ernährung.

Dass in den von uns getesteten Kursen elementare Grundlagen zum Thema Ernährung nicht vermittelt wurden, zeigt auch der Mangel an praktischen Übungen, die meist auch noch recht einfallslos gestaltet waren. Einzig bei der Reformhaus Fachakademie und den Walner-Schulen wurde ausgiebig gekocht und verkostet, waren zum Beispiel Geschmackstests oder die Bestimmung der Nährstoffzusammensetzung von Lebensmitteln Bestandteil des Kurses.

Profess & Hippokrates  kam sogar ohne praktische Übungen aus. Den Vogel schoss aber die Heilpraktikerschule Catrin Wehlend ab, deren Kurs ohnehin katastrophal war. Hier gab es nur eine einzige Übung, die so genannte Moxa-Behandlung, eine Akupunktur-Variante aus der chinesischen Medizin. Dies ist aus zwei Gründen problematisch: Einmal ist „Moxa“ so speziell, dass nur die wenigsten Ernährungsberater jemals mit ihr in Berührung kommen dürften. Zum anderen wird die Behandlung zur Beseitigung von Krankheitssymptomen, zum Beispiel Durchfall, angeboten. Doch damit schickte die Schule ihre Kursteilnehmer geradewegs in eine rechtliche Grauzone – ist doch die Behandlung von Kranken in Deutschland in erster Linie nur Ärzten und Heilpraktikern gestattet.

Dass es bei der Ernährungsberatung zunächst um den Umgang mit gesunden Kunden und nicht um die Behandlung kranker Patienten geht, ist in den von uns untersuchten Kursen generell nicht deutlich gemacht worden. Zwar haben die Dozenten in den Seminaren oft richtig darauf hingewiesen, dass bei einer ernährungsabhängigen Krankheit der Arzt für die Diagnose zuständig ist. Dennoch vermittelten die meisten Anbieter den Teilnehmern Praktiken für den Bereich der Ernährungstherapie, also der Behandlung von Kranken.

Auch die Reformhaus Fachakademie verwies in ihrem Kurs für Arzthelferinnen darauf, dass dem Arzt die Diagnose obliegt. Die Teilnehmer bekamen allerdings auch konkrete Empfehlungen für die Behandlung von Patienten mit Bluthochdruck, Übergewicht oder Gicht frei Haus geliefert. Dass der Arzt aber auch den Therapieplan vorgeben muss, den die Arzthelferin dann umzusetzen hat, wurde nicht eindeutig vermittelt.

Berufsprofil nicht deutlich gemacht

Ebenso problematisch wie die lückenhafte Vermittlung der rechtlichen Fallstricke ist die mangelnde Aufklärung der Kursteilnehmer über die fachlichen Grenzen ihrer beruflichen Tätigkeit: Wie bereits erwähnt, darf sich rechtlich gesehen zwar jeder Ernährungsberater nennen, doch gibt es eine klare Grenze zwischen den Tätigkeitsfeldern der Fachkräfte und der Quereinsteiger.

Aus der Sicht von Ernährungsexperten sollten Quereinsteiger zu Ernährungsfragen nur allgemein informieren, aufklären, Erwachsene und Kinder schulen sowie praktische Tipps geben. So können sie zum Beispiel in persönlichen Gesprächen erklären, was unter guter Ernährung zu verstehen und von bestimmten Diäten zu halten ist oder wie Lebensmittel ausgewählt, gelagert und zubereitet werden sollten. Diese Aufgaben sind von der individuellen Beratung zu unterscheiden und können unter Ernährungskommunikation zusammengefasst werden. Hintergrund: Das Fachwissen, das für Einzel- oder Gruppenberatungen nötig ist, um eine dauerhafte Ernährungsumstellung zu erreichen und mögliche persönliche Essprobleme zu bewältigen, ist im Rahmen einer Weiterbildung kaum zu erwerben.

Doch in welchen Bereichen sie als Quereinsteiger später Chancen haben, Geld zu verdienen, muss den Kursteilnehmern klargemacht werden – sonst ist die Gefahr groß, unrealistische Erwartungen an die eigenen beruflichen Perspektiven zu wecken.

Die Krankenkassen zahlen nicht

Den Unterschied zwischen Fachkräften und Quereinsteigern berücksichtigen auch die Krankenkassen: Sie bezuschussen nur die Ernährungsberatungen der Fachkräfte. Wer also Tipps von seinem Fitnesstrainer haben möchte, wie er seine Pfunde reduzieren kann, muss diese aus der eigenen Tasche zahlen.

Das gilt auch für diejenigen, die einen Heilpraktiker – selbst wenn er eine Weiterbildung zum Thema Ernährung nachweisen kann – konsultieren: Obwohl Heilpraktiker Kranke behandeln dürfen, sind sie aus Expertensicht weder für die Ernährungstherapie (Behandlung ernährungsmitbedingter Krankheiten) noch für die persönliche Beratung geeignet. Vielmehr sollten sich die Heilpraktiker auf die Ernährungskommunikation beschränken. Grund: Da die Heilpraktikerausbildung in Deutschland nicht einheitlich geregelt ist, also die tatsächliche vorhandene Qualifikation unklar bleibt, können die Heilpraktiker nicht pauschal als Ernährungsfachkräfte bezeichnet werden.

Auf falsche Tätigkeit vorbereitet

Von all diesen Feinheiten und Unterschieden erfuhren unsere Tester in ihren Kursen aber nur wenig: Alle von uns besuchten Qualifizierungen sollten die Teilnehmer auf die persönliche Einzel- oder Gruppenberatung vorbereiten, mit dem Ziel eine Umstellung des Essverhaltens zu erreichen. Doch dafür fehlen nach Expertenmeinung die fachlichen Voraussetzungen.

Und selbst diese fragwürdige Vorbereitung hat ihren Namen nicht verdient: So klagten fast alle unsere Tester, dass sie sich nach der Weiterbildung nicht in der Lage fühlten, ein Beratungsgespräch zu führen. Die wenigen Rollenspiele, in denen die Teilnehmer auf die Gesprächsführung in Beratungen vorbereitet werden sollten, reichten dafür nicht aus. Meist konnten die Teilnehmer nur ein einziges Beratungsgespräch selbst üben. Wenige probten außerdem noch das Halten von Vorträgen. Möglicherweise beschlichen auch die Anbieter leise Zweifel, ob sie ihre Teilnehmer richtig vorbereitet haben. Das zeigt zum Beispiel eine zweifelhafte Empfehlung Safs & Betas: Der Anbieter legte seinen Kursteilnehmern nahe, vor dem Kontakt mit Kunden Anamnese (Protokoll des Krankheitsverlaufs) und Beratung mit Bekannten zu üben.

Fazit: Insgesamt haben Weiterbildungsinteressierte, die ohne entsprechende vorherige Berufsausbildung in die Ernährungsberatung einsteigen wollen, derzeit keine gute Ausgangsposition. Dafür sind die Kurse viel zu weit von der beruflichen Realität entfernt.

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