Ergeb­nisse Umfrage Hörgeräte Special

Probieren. Die gute Anpassung des Hörgeräts durch den Akustiker ist maßgeblich für den Erfolg.

Die Resonanz war groß. Fast 2 800 Menschen nahmen an unserer Online­umfrage zum Thema Hörgeräte teil. Viele Befragte stehen zu ihren Hörhilfen.

„Niemand braucht sich für Hörgeräte zu schämen“, meint einer der Nutzer. Ein anderer bestätigt: „Junge Leute laufen heute ständig mit Kopf­hörern herum. Wir müssen keine Hemmungen haben.“ Und ein dritter Umfrage­teilnehmer findet, dass Hörhilfen dank moderner Technik kaum noch auffallen – zumal er genügend Haare habe, „um alles ein wenig abzu­decken“.

Ergeb­nisse Umfrage Hörgeräte Special

Ein Viertel der Befragten ist trotz der Hörgeräte mit dem Hören nicht zufrieden, die Mehr­heit aber schon.

Nicht nur die Einstellung ist über­wiegend positiv. Die befragten Hörgeräte­nutzer – die meisten sind männ­lich, gesetzlich versichert, 60 und älter – sind mehr­heitlich mit ihrer Versorgung zufrieden oder sehr zufrieden.

Sie loben etwa, dass die Maschinchen lang vermisste Natur­geräusche zurück­bringen. Musiklieb­haber freuen sich über wieder­entdeckten Konzert­genuss. Auch Vorteile wie „Sicherheit im Verkehr“ oder „Gespräche ohne Nach­fragen“ werden oft genannt. Kurz: Hörgeräte ermöglichen mehr Teilhabe am Leben.

Keine ungetrübte Freude

Doch es gibt auch kritische Töne. Zwei Punkte bemängeln die Nutzer besonders oft. Erstens: Hörgeräte sind teuer; häufig fallen dafür hohe Ausgaben aus eigener Tasche an. Zweitens: Die Geräte filtern Störschall schlecht aus. Das macht Neben­geräusche quälend laut, Gruppen­gespräche schwer verständlich.

Beides müsste nicht sein. Akustiker können gegen­steuern: Akkurate Anpassung der Geräte hilft, Neben­geräusche zu mindern; gute Beratung verhindert, dass Kunden in unnötige Extras investieren.

Tipp: Wie Sie das richtige Hörgerät finden, zeigt die Checkliste.

Unterschätztes Leiden

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Büro. Am Telefon, bei Meetings, im Groß­raumbüro – bei der Arbeit ist das Gehör oft besonders gefordert. Hörgeräte können den Berufs­alltag erleichtern.

Etwa 2,5 Millionen Menschen in Deutsch­land tragen Hörgeräte. Wohl deutlich mehr bräuchten welche. Und insgesamt haben sogar rund 14 Millionen Personen Hörprobleme. „Eine wichtige Ursache ist Lärm“, sagt Professor Dr. Jürgen Kieß­ling von der Universität Gießen, der die Stiftung Warentest beim Buch Besser hören fachlich beriet. Die moderne Welt tönt laut: Verkehr rauscht, Baugeräte hämmern, Musik dröhnt. Alle Geräusche gelangen ins Innen­ohr, wo sie zarte Sinneshärchen anregen – aber auch über­reizen oder zerstören können. Passiert das auf einen Schlag, sprechen Experten von einem Knall­trauma. Öfter aber entsteht der Schaden schleichend. Hinzu kommt: Auch Ohren altern. In der Summe wird es für viele Menschen im Laufe der Zeit immer stiller.

Oft sind beide Ohren betroffen

Erste Anlauf­stelle bei Hörproblemen ist der Ohren­arzt. Er kann den Gesund­heits­zustand unter­suchen und spezielle Tests durch­führen. Sie zeigen, ob, wo und wie stark das Hörvermögen einge­schränkt ist. Bei fast 90 Prozent der Befragten sind beide Ohren betroffen, der Hörverlust ist oft mittel- (57 Prozent), seltener (21 Prozent) hoch­gradig. Da führt am Hörgerät meist kein Weg mehr vorbei – und Kassen beteiligen sich an den Kosten. Was Kassen zahlen.

Tipp: Auch Akustiker bieten gratis Hörtests an. Stellt sich heraus, dass Sie Hörgeräte brauchen, fordern Krankenkassen für Zuschüsse aber eine ärzt­liche Verordnung. Die soll bei Folgegeräten fortan nur noch in bestimmten Fällen nötig sein. Was die privaten Versicherungen verlangen und erstatten, hängt vom Tarif ab.

Mini-Hightech fürs Ohr

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Verkehr. Zu Fuß, auf dem Rad, im Wagen – wer schlecht hört, nimmt Verkehrs­geräusche nicht so gut wahr. Hörgeräte erhöhen hier klar die Sicherheit.

Moderne Hörhilfen bieten Hightech auf kleinstem Raum. Mikrofone nehmen den Schall auf, Mikrochips verstärken und verarbeiten ihn, Laut­sprecher leiten ihn ins Ohr – so laut, dass es trotz geschädigter Sinneshärchen etwas empfängt. Fast alle Geräte funk­tionieren heute digital und bieten Programme für verschiedene Hörsituationen – entweder zum Selbst­bedienen oder voll­automatisch. „Derzeit gibt es mindestens 500 Modelle“, schätzt Experte Kieß­ling. „Teils ähneln sie sich. Die meisten Firmen wollen die ganze Palette abdecken.“

Unsere Umfrage­teilnehmer tragen über­wiegend Produkte von Phonak (27 Prozent), Oticon (16 Prozent), Siemens (15 Prozent) und Widex (11 Prozent).

Die meisten (81 Prozent) nutzen Hinter-dem-Ohr-Geräte. Die sitzen dort, wo auch Brillenbügel Halt finden, und leiten den Schall durch einen Schlauch in den Gehörgang weiter. Auf Platz zwei folgen mit weitem Abstand die Im-Ohr-Geräte. 9 Prozent der Befragten setzen auf diese vergleichs­weise unauffäl­ligen, aber auch schwächeren Hörhilfen. Andere Typen wie Hörbrillen oder -implantate kommen so gut wie gar nicht vor.

Tipp: Viele Hörhilfen lassen sich mit anderen Geräten koppeln. 23 Prozent der Befragten nutzen Funk­zubehör wie Bluetooth, 12 Prozent die etwas ältere Technik der T-Spule. Beide Methoden senden Schall von der gewünschten Geräusch­quelle direkt zum Ohr. So umgehen sie die Über­tragung per Luft mit möglichen störenden Neben­geräuschen. Das hilft etwa beim Telefonieren, Fernsehen oder auf öffent­lichen Veranstaltungen.

Nervender Störschall

Bei aller Finesse gibt es auch Mängel. „Batterien schnell alle“, notiert ein Nutzer. Andere monieren, dass Hörgeräte nicht feucht werden dürfen – also etwa vorm Duschen oder Schwimmen, bei Regen oder zum Sport heraus­zunehmen sind.

Viel Kritik gibt es am Störschall. „Papierk­nistern, Plastiktüten und Alufolie treiben mich in den Wahn­sinn“, klagt ein Nutzer. Ein anderer: „Die Geräusch­kulisse in Gast­stätten ist zu laut. Man hört, aber versteht nichts.“ Dieses Problem sei selbst mit teuren Geräten nicht komplett zu lösen, so Experte Kieß­ling. „Teils weckt die Werbung unrealistische Erwartungen.“ Akustiker können Störschall aber mindern und insgesamt das Beste aus Hörhilfen heraus­holen: durch optimale Anpassung.

Gehirn muss neu lernen

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Natur. Blätterrauschen, Vogel­stimmen, Grillenzirpen – Natur­geräusche erfreuen die Seele. Dank Hörgeräten können viele Menschen sie wieder genießen.

Solche Anpassungen kosten Zeit. Renate Welter vom Deutschen Schwerhörigenbund: „Patienten brauchen Geduld.“ Sie müssen Geräte intensiv probetragen, auch in lauter Umge­bung. Ihre Eindrücke und Probleme sollten sie genau dokumentieren und dem Akustiker ehrlich schildern. Nur so kann er Geräte ideal auf die Bedürf­nisse des Patienten einstellen. Wichtig: Hörgeräte sollten möglichst ganz­tags zum Einsatz kommen. Manche Nutzer müssen die Tragedauer allerdings Schritt für Schritt steigern, weil sie die unge­wohnte Klangfülle zunächst nicht aushalten. „Das Gehirn muss erst wieder lernen, die vielen lange nicht gehörten Eindrücke zu verarbeiten und die unerwünschten auszufiltern“, sagt Kieß­ling. „Das kann Wochen oder sogar Monate dauern.“

Tipp: Halten die Probleme an, kommt ein Hörtraining infrage. Menschen werden stufen­weise unter Anleitung wieder an verschiedene Geräusche gewöhnt. „Es handelt sich aber leider nicht um eine reguläre Kassen­leistung“, so Welter. Auch wird die Methode nicht über­all angeboten. Nur jeder fünfte Befragte absol­vierte ein solches Training.

Auch von Vorteil: mehrere Geräte ausprobieren. 38 Prozent der Umfrage­teilnehmer erhielten vom Akustiker aber nur ein oder zwei. Insgesamt war die Anpassungs­phase recht kurz. Sie dauerte bei 61 Prozent der Befragten maximal drei Monate.

Nutzer zahlen zu

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800 Euro pro Ohr zahlten die Befragten im Mittel selbst. Nur bei jedem Sechsten entfiel die Eigen­leistung.

Um hohe Summen ging es bei vielen Umfrage­teilnehmern dagegen bei den Kosten. Nur jeder Sechste hat zuzahlungs­freie Hörgeräte. Diese bekamen viele Befragte nicht mal zur Probe – was bei gesetzlich Versicherten eigentlich Pflicht ist. Fazit eines Nutzers: „Akustiker wollen nur verkaufen. Sie sind sehr, sehr freundlich beim Abraten von Kassengeräten.“

Tipp: Manchmal, vor allem bei komplizierten Störungen, reichen zuzahlungs­freie Geräte für gutes Hören nach­weislich nicht aus. „Dann müssen Krankenkassen die Mehr­kosten für geeignete Geräte über­nehmen“, so Expertin Welter. Den Anspruch können Versicherte per Antrag bei der Kasse einfordern – was aber viele nicht wissen.

Zusatz­kosten trägt die Kasse nur, wenn es wirk­lich ums Hören und Verstehen geht. Für Design, bequeme Hand­habung, Extras wie Fernbedienung und Bluetooth muss sie nicht zahlen. Kunden sollten gut über­legen, was sie wirk­lich brauchen, und gegebenenfalls um Kassengeräte bitten.

Großer Lohn für große Mühe

Der Weg zum richtigen und gut angepassten Hörgerät ist nicht ganz ohne. Doch die Mühe lohnt. „Ich bedauere alle, die schlecht hören und aus Scham oder welchen Gründen auch immer kein Hörgerät tragen“, schreibt ein Umfrage­teilnehmer. Er ist mit dieser Meinung nicht allein.

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