Englischkurse für Fortgeschrittene Test

Ob Small Talk oder Diskussion – ums Sprechen kam in den Englischkursen im Test keiner herum. Besser als mittelmäßig war der Unterricht nirgendwo. Vor allem kulturelle Inhalte vermissten wir.

Zu diesem Thema bietet test.de einen aktuelleren Test: Englischkurse.

Wie gibt man auf Englisch Kontra? „I don't agree with you“? „I disagree“ oder „I don't share your opinion“? So werden es früher viele in der Schule gelernt haben. Sprachlich ist daran nichts auszusetzen, doch wird sich jeder Brite vor den Kopf gestoßen fühlen. „Muttersprachler würden diese Antworten als unhöflich ansehen und vielleicht sogar als Signal zum bevorstehenden Abbruch eines Gesprächs interpretieren“, sagt Dr. Rudolf Camerer, Anglist und Experte für interkulturelles Training. In Großbritannien widerspricht man „softer“ und versöhnlicher, etwa mit „I see your point, but. . .“ oder „I know what you mean, but. . .“.

Das Beispiel zeigt: Sprachliche Korrektheit ist nicht alles. Es nützt wenig, die englische Grammatik perfekt zu beherrschen, aber nicht auch mit den Besonderheiten der britischen Kultur vertraut zu sein. Moderner Englischunterricht sollte daher nicht nur die Sprache, sondern auch kulturelle Kompetenzen vermitteln.

Möglichkeiten kaum genutzt

In den Englischkursen für Fortgeschrittene in unserem Test passierte das viel zu selten. Nicht nur in puncto kulturelle Unterschiede blieben die 14 Sprachschulen im Test weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Nirgendwo war der Unterricht – in der Tabelle unter dem Punkt „Kursdurchführung“ – besser als „befriedigend“. Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Wer Hemmungen beim Sprechen hat, kann sie in jedem Kurs abbauen. Das gilt für die preisgünstigen Volkshochschulen genauso wie für die bis zu sechsmal so teuren privaten Anbieter von Sprachkursen.

Getestet haben wir fünf überregionale und neun regionale Sprachschulen, darunter drei Volkshochschulen. Alle 24 Testpersonen brachten gute Englischkenntnisse aus der Schulzeit mit, auf dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens, kurz GER. Bei jedem überregionalen Anbieter wurden drei Kurse mit dem Zielniveau B1/B2 an verschiedenen Standorten besucht, um am Ende ein test-Qualitätsurteil vergeben zu können. Die Kurse der regionalen Anbieter haben wir nach denselben Kriterien geprüft. Da unsere Testpersonen sie aber jeweils nur einmal besucht haben, wurden sie nur in einem test-Kommentar bewertend beschrieben.

Small Talk im Rollenspiel

In allen Kursen stand das Gespräch auf Englisch im Mittelpunkt. Hinzu kam überall ein gutes bis sehr gutes Grammatiktraining. Das gab zusätzlich Sicherheit beim Sprechen. Auf den Stundenplänen standen vielfältige, oft spielerische Kommunikationsübungen. Bei der Hamburg School of English übte sich unsere Testperson im Small Talk mit einem Geschäftspartner. Berlitz ließ die Teilnehmer Preise verhandeln. Bei Fokus und der Anglo English School in Hamburg wurde das Gesellschaftsspiel „Tabu“ gespielt: Ein Schüler musste einen zu erratenden Begriff umschreiben, durfte dabei aber vorgegebene naheliegende Wörter nicht benutzen.

Gespräche ergaben sich häufig auch spontan über Dinge, die die Teilnehmer interessierten oder erlebt hatten. Die Themen reichten von der Geburt eines Kindes bis zur Diskussion politischer Systeme. Einige Kurse im Test setzten den inhaltlichen Schwerpunkt auf Wirtschaftsenglisch. Beruf und Arbeit, Bewerben und Verhandeln wurden aber auch in anderen Kursen angesprochen.

Weniger einfallsreich waren die meist muttersprachlichen Lehrkräfte beim Schreib-, Hör- und Lesetraining. Abwechslungsreiche schriftliche Übungen gab es selten. Vor allem das Schreiben frei formulierter Texte kam zu kurz. Am besten klappte das noch bei Berlitz. Da verfassten die Teilnehmer Postkarten, Wohnungsgesuche und E-Mails.

Learning by listening

Das Hörverständnis kann man am besten mit authentischen Materialien wie Radio- und Fernsehsendungen trainieren. So gewöhnen sich die Teilnehmer an verschiedene Dialekte und Hintergrundgeräusche. Bei den meisten Kursen im Test war aber Funkstille. Positive Ausnahmen: Die Hamburg School of English schulte das Hörverständnis mit Telefonmitschnitten und Aufnahmen von Geschäftsdialogen. Bei der Anglo English School in Hamburg sahen die Teilnehmer eine Folge der britischen Sitcom „The Office“. Beide Anbieter setzten auch authentische Lesetexte wie Zeitungsartikel im Unterricht ein.

Das Vokabeltraining ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Heute führt man Vokabeln im Zusammenhang ein, zum Beispiel im ganzen Satz oder in Form von Wortfamilien. Gut klappte das nur bei der Münchner Volkshochschule. Zu Oberbegriffen wie „Facial expressions“ (Gesichtsausdrücke) oder „Personality“ (Charakter, Persönlichkeit) wurden Dutzende Wörter an der Tafel notiert – und ganze Wortwelten erschlossen.

Parallelen zum Deutschen aufzeigen

Dass die Lehrkräfte auch Kenntnisse der Teilnehmer in anderen Sprachen vorteilhaft für den Englischunterricht nutzen können, ist in den Sprachschulen bislang noch nicht angekommen. Allein zwischen Englisch und Deutsch gibt es schon viele Parallelen und Wortverwandtschaften, auf die Dozenten hinweisen könnten. Das motiviert die Teilnehmer und hilft beim Lernen. Leichter wird das Lernen zusätzlich mit ein paar Tricks und Strategien. Eine Vokabelkartei ist zum Beispiel eine wichtige Hilfe. Lerntipps in dieser Richtung gab es im Unterricht aber viel zu selten.

Sonderfall Wall Street Institute

Das Lehrmaterial der Anbieter überzeugte meist mit „guten“ und „befriedigenden“ Noten. Einzige Ausnahme: das Wall Street Institute. Mit „ausreichend“ bewerteten wir dessen Lehrbücher – keine Verlagswerke, sondern Produkte vom Anbieter selbst. Das Wall Street Institute ist ein Sonderfall bei den überregionalen Anbietern, denn diese Sprachschule kombiniert Unterricht in der Gruppe mit E-Learning. Vor jeder Lehrerstunde, den sogenannten „Encounters“, absolvieren die Teilnehmer zunächst Übungslektionen am Computer. Bei unseren Testpersonen waren das rund drei PC-Übungseinheiten, die jeweils etwa 80 Minuten dauerten. Da wir die PC-Stunden nicht testen konnten, haben wir kein Qualitätsurteil vergeben.

„Encounter“-Buchung schwierig

Problematisch beim Wall Street Institute: die Buchung der „Encounters“. Zwar wirbt die Sprachschule damit, dass diese Stunden – nach Abschluss der PC-Lektionen – flexibel buchbar seien. Unsere Tester erlebten das aber anders. Feste Kurszeiten gab es für die Lehrerstunden nicht. Die Vergabepraxis für die Termine variierte an den verschiedenen Standorten. Teils hingen „Wunschtermin“-Listen aus, teils gab es einen Tag in der Woche, an dem Termine vergeben wurden. Oft gingen unsere Tester leer aus, weil die wichtigen Termine mit den Lehrern schon vergeben waren oder die „Encounters“ am Tag stattfanden und so Berufstätige das Nachsehen hatten. Bei der Kursorganisation gab es für das Wall Street Institute nur ein „Befriedigend“. Bei allen anderen Sprachschulen im Test gab es keine großen organisatorischen Probleme. In Ordnung war meist auch die Beratung vor Kursbeginn. Ganz wichtig dabei: die Einstufung der künftigen Teilnehmer. Die fehlte bei keiner Sprachschule.

Wenig Anlass zur Freude boten die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Sprachschulen. Überall fanden wir rechtswidrige Klauseln. Deutlich waren die Mängel bei Berlitz, Fokus, inlingua und der Anglo English School in Hamburg. Bei den überregionalen Anbietern drückten sie das Qualitätsurteil um eine halbe Note nach unten.

Es scheint, als hätten die Sprachschulen bei der Vertragsgestaltung noch eine Lektion zu lernen. Wie sagt man in Großbritannien? A lesson to learn.

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