Mehr Durch­halte­vermögen für Party­nächte, mehr Höchst­leistung beim Sport: Gerade junge Menschen hoffen auf den Energieschub durch Red Bull und Co. Die Stiftung Warentest hat 25 Energiegetränke untersucht. Einer der Drinks hätte nicht verkauft werden dürfen: Sein Koffein­gehalt ist zu hoch. Alle anderen halten die Grenz­werte ein. Wer Energy Drinks aber dosen­weise trinkt, schadet der Gesundheit. Riskant sind sie zusammen mit Alkohol oder als Sport­getränk.

Energy Drinks Test

Ein Markt im Aufwind

Höher, schneller, weiter. Sport ist das Marketing­instru­ment von Red Bull. Beim Strato­sphären­sprung aus 39 000 Metern Höhe prangte das Logo des österrei­chischen Getränke­herstel­lers auf dem Anzug von Felix Baumgartner. In der Formel 1 fährt Welt­meister Sebastian Vettel für das Red Bull Racing Team Siege ein. 5,2 Milliarden Dosen seiner Gummi­bärchenbrause hat Red Bull im vergangenen Jahr welt­weit verkauft. Lange war der Markt­führer konkurrenzlos. Mitt­lerweile gibt es Energiegetränke von interna­tionalen Marken wie Coca Cola und PepsiCo, auch der Handel setzt mit Eigenmarken auf den Umsatz­garanten. Das Geschäft mit dem Leistungs­versprechen lohnt sich: Die Zuwächse sind zwei­stel­lig. Kein anderes alkoholfreies Getränk hat beim Umsatz 2012 so stark zugelegt wie Energy Drinks. Was ist dran und drin in der vermeintlichen Powerbrause? Die Stiftung Warentest hat 24 Energy Drinks im Labor untersucht, darunter auch zuckerfreie Produkte, und zusätzlich einen Energy Shot.

Keine Wirkung ohne Neben­wirkung

Das Image der Kunst­getränke bestimmen vor allem zwei Dinge: zum einen vital klingende Namen wie „Energy Rocket“, „Flying Power“ oder „Speed­star“, zum anderen exotisch anmutende Zutaten wie Taurin, Inosit oder Glucuronolacton. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass auch nur einer dieser Inhalts­stoffe leistungs­steigernd wirkt. Den Effekt von Energy Drinks bewirken zwei altbewährte Zutaten: Zucker liefert Energie, Koffein sorgt für die Aufputschwirkung. Dessen belebende und anregende Wirkung ist belegt – das gilt aber nur für Koffein in Maßen. Im Über­maß hat es Neben­wirkungen wie Unruhe, Nervosität, Übel­keit, Schlaflosig­keit, Herz­rasen. Die Gefahr der Koffein-Über­dosierung durch Energy Drinks ist relativ hoch. Kinder, Schwangere, Stillende und koffein­empfindliche Menschen sollten sie ganz meiden. Auch Müdig­keit und Erschöpfung sollten mit den Getränken nicht über­spielt werden. Auto­fahrer riskieren so, sich selbst zu über­schätzen und auch andere in Gefahr zu bringen siehe "Unser Rat".

Grenz­werte meist schon einge­halten

Was einen Energy Drink ausmacht, ist erst seit 2. Juni 2013 gesetzlich geregelt. Laut Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung handelt es sich um ein koffeinhaltiges Erfri­schungs­getränk. Es darf maximal 320 Milligramm Koffein pro Liter enthalten. Auch für andere Zutaten gelten jetzt Höchst­gehalte – für Taurin 4 000 Milligramm, für Inosit 200 Milligramm, für Glucuronolacton 2 400 Milligramm pro Liter. Halten sich die Anbieter schon daran? Einge­kauft haben die Tester bereits vor dem Stichtag im Juni, doch beschlossen wurden die Höchst­gehalte schon im vergangenen Jahr. Eine einjährige Über­gangs­frist bot den Anbietern ausreichend Zeit, die Zusammenset­zung ihrer Produkte anzu­passen. Die Labor­analysen zeigen: Die Höchst­gehalte werden schon jetzt größ­tenteils einge­halten. Bei 9 der 24 Energy Drinks haben die Tester jedoch Taurin­gehalte über dem Grenz­wert gemessen. Kritisch für die Gesundheit ist das nicht und auch noch zulässig für solche Getränke, die vor dem Stichtag im Juni produziert wurden.

US-Drink nicht verkehrs­fähig

Kritisch wird es aber bei einem zu hohen Koffein­gehalt. Ein Energy Drink im Test über­schreitet den Grenz­wert – und zwar deutlich. Beim High Performance Energy Drink NOS haben die Tester 560 Milligramm Koffein pro Liter nachgewiesen – fast doppelt so viel wie erlaubt. Zwei Dosen dieses Energy Drinks – und Neben­wirkungen durch das Koffein sind nicht mehr auszuschließen. Außerdem enthält er als einziges Produkt im Test synthetische Azofarb­stoffe: Tartrazin-Gelb (E102) und Gelb­orange S (E110). Werden sie verwendet, muss seit Juli 2010 laut EU-Verordnung auf der Verpackung der Warnhin­weis stehen: „Kann Aktivität und Aufmerk­samkeit von Kindern beein­trächtigen.“ Der findet sich aber nicht auf der Dose. Zu viel Koffein, fehler­hafte Kenn­zeichnung – nur mit einer Ausnahme­genehmigung wäre das Produkt aus den USA auf dem deutschen Markt verkehrs­fähig siehe Interview.

Verkauf gestoppt

Der deutsche Anbieter des High Performance Energy Drink NOS, Americanfood4you, teilte mit, das Produkt nicht mehr zu importieren und zu vertreiben. Wegen der Über­schreitung des Grenz­werts für Koffein habe er den Verkauf gestoppt und das Produkt zurück­gerufen. Im Online­shop des Anbieters findet es sich jedenfalls nicht mehr. Auch das Geschäft, in dem die Mitarbeiter der Stiftung Warentest den Drink gekauft hatten, bietet ihn nicht mehr an.

Gefähr­liche Kombinationen mit Alkohol

Zusammen mit Alkohol können Energy Drinks zum Risiko werden. So zeigte eine Studie der Universität Sao Paulo, dass Probanden nach dem Konsum von Energy Drinks und Alkohol den Grad ihrer Betrunkenheit nicht richtig einschätzten. Das kann auf dem Nach­hauseweg nach der durch­tanzten Disconacht fatale Folgen haben. Auch zu körperlicher Anstrengung passen Energy Drinks nicht. Mögen Red Bull und Co. auch noch so sehr bei Sport­ereig­nissen dafür werben: Energy Drinks sind keine Sport­getränke. Sie können den Flüssig­keits- und Mineral­stoff­verlust durch das Schwitzen nicht ausgleichen. Sie enthalten zu viel Zucker und nicht die richtige Mineral­stoff­mischung. Wie Cola oder andere zuckerhaltige Getränke sind auch sie hyper­tonisch. Als Sport­getränk unge­eignet sind sie auch, weil das Koffein harn­treibend wirkt. Die Kombination der Koffeinbrausen mit Alkohol oder sport­licher Belastung kann sogar gefähr­liche Folgen haben. So beschreibt das Bundes­institut für Risiko­be­wertung (BfR) in seiner Stellungnahme zur Bewertung von Energy Drinks aus dem Jahr 2008 Fälle von Herz­rhythmus­störungen und Nieren­versagen bis hin zu Todes­fällen siehe Interview. Die US-amerikanische Lebensmittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) führt Listen, die über mögliche gesundheitliche Folgen nach dem Verzehr von Energy Drinks berichten.

Koffeinhin­weis ist Pflicht

Warnhin­weise zu Risiken sind auf den Verpackungen aber nicht vorgeschrieben. Lediglich der Hinweis „erhöhter Koffein­gehalt“ muss auf der Dose stehen – zusammen mit der konkreten Koffeinmenge in Milligramm pro 100 Milliliter. Erst ab Dezember 2014 wird der Hinweis „Für Kinder und schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen“ Pflicht. Warnhin­weise zur kritischen Kombination mit Alkohol oder Sport sind nicht vorgesehen. Der NOS-Drink trägt als einziges Produkt im Test weder die vorgeschriebene Koffein­angabe noch zusätzliche Warnhin­weise in deutscher Sprache. Erfreulich: Einige Anbieter schreiben freiwil­lig alle Warnhin­weise auf die Verpackung. Gerade die vier Energy Drinks der Handels­marken im Test fallen positiv auf. Aldi (Nord), Lidl, Netto Marken-Discount und Norma informieren umfang­reich. Das gilt auch für die Energy Drinks Effect, Billy Boy und Take Off. Aber diese Hinweise fallen nicht ins Auge, sie stehen im Klein­gedruckten unter der Zutaten­liste.

Jeder Zweite trinkt sie mit Alkohol

Wie wichtig gut lesbare Warnhin­weise wären, zeigt eine Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Sie hat erst­mals europa­weite Daten zu den Verzehrs­gewohn­heiten von Energy Drinks erhoben. Mehr als 52 000 Personen aus 16 EU-Mitglieds­staaten wurden befragt – Erwachsene, Jugend­liche und Kinder. Jeder dritte Erwachsene in Europa konsumiert danach Energy Drinks, jeder zehnte sogar vier- bis fünf­mal pro Woche oder öfter. Besonders beliebt sind sie aber bei den 10- bis 19-Jährigen. 68 Prozent der befragten Jugend­lichen trinken die Szenebrausen, davon jeder zehnte mehr­mals pro Woche. Besorgnis­erregend: Jeder Zweite der Erwachsenen und der Jugend­lichen trinkt Energy Drinks zusammen mit Alkohol. Fast genauso viele nutzen die Kunst­brause bei sport­licher Betätigung. Der Fehl­gebrauch ist also nicht die Ausnahme, sondern erschre­ckende Regel.

Eine ordentliche Zuckerdröhnung

Weiteres beunruhigendes Ergebnis der Studie: Selbst die unter 10-Jährigen trinken Energy Drinks, obwohl Koffein für Kinder nicht geeignet ist. Neben dem Gummi­bärchen-Aroma dürfte vor allem die Riesen­portion Zucker die Kleinen auf den Geschmack bringen. Die meisten Energy Drinks im Test enthalten etwa so viel Zucker wie Cola. Ein Liter Cola bringt es durch­schnitt­lich auf 106 Gramm. Die zuckerhaltigsten Energy Drinks im Test mit fast 140 Gramm Zucker pro Liter sind Rock­star von Pepsico und 28 Black der Berliner Firma Calidris.

Umge­rechnet 23 Stück Würfel­zucker

Die 500-Milliliter-Dose Rock­star Energy Drink von Pepsico enthält 70 Gramm Zucker – umge­rechnet 23 Stück Würfel­zucker. Frauen haben damit schon die für sie tolerier­bare tägliche Menge Zucker über­schritten – Kinder bei weitem. Laut Welt­gesund­heits­organisation (WHO) gilt die Faustformel: Maximal 10 Prozent des täglichen Energiebe­darfs sollten durch Zucker gedeckt werden. Aber die Versuchung ist groß. Eisgekühlt, süß und sprudelnd verleiten die Getränke dazu, mehr zu trinken. Große Dosen oder Flaschen verführen zusätzlich. Manche Energy Drinks werden sogar in 1-Liter- oder 1,5-Liter-Flaschen angeboten. Die Prüfer haben exemplarisch den Energy Drink XL in der 1-Liter-Version in den Test einbezogen. Wer die Flasche austrinkt, nimmt 107 Gramm Zucker auf. Das entspricht fast 36 Stück Würfel­zucker. Das sind 428 Kilokalorien.

Zuckerfreie Energy Drinks

Alternativ bieten die meisten Hersteller auch zuckerfreie Varianten an. Die vier Produkte im Test sind zwar aufgrund der zugesetzten Süßstoffe besser für die Figur als zuckerhaltige Drinks, Verbraucher sollten aber auch sie wegen des hohen Koffein­gehalts nur in Maßen verzehren. Ob Süßstoffe oder Zucker – die Süße über­spielt den bitteren Geschmack des Koffeins und – gemixt mit Wodka und Co.– auch das Kratzen des Alkohols. Nicht umsonst sind Energy Drinks in Discos und Clubs so beliebt.

Sonderfall Energy Shot

Der Exot im Test­feld ist der Energy Shot von Red Bull. Beim Shot, eng­lisch für Schuss, handelt es sich um ein hoch konzentriertes Koffein­getränk. Die Portion ist kleiner, die Inhalts­stoffe sind höher dosiert. 1 240 Milligramm Koffein pro Liter haben die Tester im Red-Bull-Shot nachgewiesen – das Vierfache des Grenz­werts und trotzdem erlaubt. Der Grund: Energy Shots werden als Nahrungs­ergän­zungs­mittel verkauft – nicht als Erfri­schungs­getränke wie Energy Drinks. So fallen sie nicht unter die Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung, in der die Höchst­gehalte geregelt sind. Bei Shots muss eine Verzehr­sempfehlung auf der Verpackung stehen. Im Fall von Red Bull: ein Fläsch­chen am Tag. Diese 60-Milliliter-Portion enthält in etwa so viel Koffein wie die 250-Milliliter-Dose des Energy Drinks von Red Bull. Wer die Empfehlung nicht ernst nimmt und mehrere Shots trinkt, nimmt schnell eine große Menge an Koffein auf. Bereits 2009 bewertete das BfR Energy Shots als nicht sicher, wenn die Verzehr­sempfehlung deutlich über­schritten wird. Laut BfR gab es damals sieben Shots auf dem deutschen Markt. Für den Test haben die Einkäufer außer dem Produkt von Red Bull keine weiteren gefunden – weder im Handel, noch an der Tank­stelle. Am Markt spielen die Energy Shots eine viel kleinere Rolle als Energy Drinks. Weniger riskant sind sie deswegen nicht.

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