Die elektronische Gesundheitskarte soll die Versicherten­karte der Kassenpatienten ersetzen. Sie wird Daten über Krankheiten und Behandlungen enthalten.

Sie trägt das Foto des Versicherten. Sonst sieht sie kaum anders aus als die bisherige Versichertenkarte der Kassenpatienten. Aber das Innenleben der elektronischen Gesundheitskarte ist weit vielfältiger.

Sie enthält nicht nur Name, Anschrift, Krankenkasse und Versichertenstatus. Im Chip der Karte ist viel mehr über den Versicherten gespeichert, zum Beispiel, welche Medikamente er wie lange bekommen hat. Der Chip enthält auch individuelle Notfallinformationen, damit etwa ein Herzkranker im Notfall sofort richtig behandelt wird.

Außerdem können Rezepte und Behandlungsbriefe, Diagnosen und Therapieempfehlungen auf der Karte gespeichert und davon abgerufen werden. Per Mausklick kann der Hausarzt sie zum Facharzt, Krankenhaus oder Labor weiterleiten. Dort stehen sie sofort am Bildschirm zur Verfügung.

Welche Arten von Informationen auf seiner Karte gespeichert werden, legt der Versicherte selbst fest und gibt dafür seiner Krankenkasse eine Einwilligung. Der Patient soll auch Dateneinsicht haben und Daten löschen können.

Mehr Qualität – weniger Kosten

Die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt verspricht sich von der elektronischen Nutzung von Patientendaten mehr Qualität und weniger Kosten im Gesundheitswesen. So könnten teure Mehrfachuntersuchungen vermieden wer­den. Die Ärzte in der Praxis und im Krankenhaus hätten die gleichen aktuellen Informationen über den Stand der Behandlung und die neuesten Untersuchungsergebnisse.

Ulla Schmidt erwartet Einsparungen von mehr als 1 Milliarde Euro. Gesundheitsexperten wie Dieter Sommer vom Zentrum für angewandte Gesundheitsförderung und Gesundheitswissenschaften in Berlin sehen dies allerdings verhaltener: Der technische Fortschritt werde eher die Qualität steigern als die Kosten senken.

Den Prototyp der Gesundheitskarte hat die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Biomedizinische Technik, dem Softwarelieferanten Duria in Düren und der Uni Köln entwickelt: die „Gesundheitskarte Düren“. Eine Gemeinschaftspraxis in Düren hat sie ausprobiert.

Auf dieser Karte sind verschiedene Datenpakete, so genannte Tickets, verschlüsselt hinterlegt. Ein Ticket enthält beispielsweise die Versicherungsangaben, ein anderes Ticket die Notfallinformationen, ein weiteres die elektronische Patientenakte des Versicherten.

Um Zugriff auf die Tickets zu erhalten, braucht der Arzt oder Apotheker ein Lesegerät sowie eine Heilberufskarte. Diese Karten soll es auch für Praxis- und Pflegepersonal sowie andere Heilberufe geben. Das medizinische Personal hat damit rasch Zugriff auf die Behandlungsdaten. Gibt der Patient einem anderen seine Karte, willigt er damit ein, dass dieser sich Daten ansieht.

Doch nicht jeden geht alles etwas an. Deshalb können Tickets geschützt und weniger geschützt auf dem Chip gespeichert werden. Außerdem muss zum Beispiel der Apotheker fragen, wenn er sich außer dem Rezept noch die Arzneimittelgeschichte ansehen möchte.

Doktors Computerspiele

Doch was hat der Patient von der neuen Karte? Zum Beispiel eine vor kurzem wegen Brustkrebs operierte Frau? Der Arzt hat für sie eine Fallakte angelegt, die als Ticket auf ihrer Gesundheitskarte gespeichert ist. Nach einiger Zeit kommt die Patientin wieder zu ihrem Arzt, weil sie einen Knoten in der Brust ertastet hat. Der Arzt entscheidet sich für eine Krankenhauseinweisung und fragt die Patientin, in welches Krankenhaus sie will. Er telefoniert mit dem zuständigen Krankenhausarzt und schickt ihm über eine geschützte Verbindung die Fallakte der Patientin vorab elektronisch zu. Für den nächsten Morgen erhält sie einen Termin im Krankenhaus.

Auf ihrer Gesundheitskarte liegen neben dem Ticket ihrer Fallakte ein Ticket für Versicherungsangaben und ein Ticket für die Krankenhauseinweisung.

Der Arzt im Krankenhaus kann die Fallakte noch am gleichen Tag öffnen. Er gleicht die Inhalte elektronisch mit den medizinischen Leitlinien für Brustkrebs ab und bereitet sich vor.

Die Patientin geht am nächsten Morgen in die Aufnahme des Krankenhauses, die die elektronische Einweisung liest, aber keinen Zugang zu den medizinischen Informationen auf der Karte hat. Die hat nur der Arzt im Krankenhaus. Er ist durch die Fallakte aus der Gesundheitskarte auf dem neuesten Stand der Behandlung und muss sich die wichtigen Fakten nicht mühsam zusammensuchen.

Antibiotikum auf Karte

Auch Notfallpatienten würden von der elektronischen Gesundheitskarte profitieren. Wenn zum Beispiel eine Patientin nach einem akuten Asthmaanfall – vermutlich verursacht durch die Einnahme von Betablockern – am Wochenende das Krankenhaus aufsucht, hat der Arzt alle wichtigen Informationen sofort verfügbar. Auf der Gesundheitskarte sind bisher die Tickets für die Versicherungsangaben, Notfalldaten sowie für die Arzneimittel, die sie bisher eingenommen hat, gespeichert.

Die Klinik speichert für den Krankenhausentlassungsbericht ein weiteres Ticket auf der Karte und teilt der Patientin mit, dass ihre Notfalldaten geändert wurden. Bei ihrem Hausarzt erfährt sie, dass ihre Notfalldaten um „Unverträglichkeit von Betablockern“ erweitert wurden.

Der Hausarzt verschreibt ein Antibiotikum, prüft jedoch zuvor elektronisch, ob es sich mit den anderen Medikamenten, die die Patientin einnimmt, verträgt. Das Rezeptticket speichert er auf der Gesundheitskarte, mit der sie zur Apotheke geht.

Der Apotheker liest das Rezept ein. Die Patientin verlangt noch ein weiteres verordnungsfreies Medikament. Der Apotheker gleicht dies mit den Arzneimittelinformationen auf der Karte ab und entdeckt, dass dieses Medikament sich mit anderen Arzneimitteln, die die Patientin einnimmt, nicht verträgt. Er bietet daher ein anderes Medikament an, das keine Wechselwirkung mit den eingenommenen Arzneimitteln hat.

Der Gegencheck hat also eine Wechselwirkung mit dem neuen Medikament verhindert. Und passiert doch etwas, stehen im Notfall sofort die wichtigsten Behandlungsdaten bereit.

Datenschutz noch nicht klar

Wichtige Fragen des Datenschutzes sind aber noch nicht beantwortet: Was geschieht etwa, wenn der Patient seine Einwilligung zur Dateneinsicht nicht geben kann, weil er bewusstlos ist? Soll das medizinische Personal dann einfach seine Karte nehmen und die Notfalldaten lesen dürfen?

Und was ist, wenn der Versicherte Daten löschen möchte? Dann müssten sie von allen Sicherungskopien und Festplatten entfernt werden. Doch dies ist weder leicht zu überprüfen noch technisch ohne Probleme möglich.

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