Die Stiftung Warentest steht unver­ändert zu ihrem Test von Elektrofahr­rädern

[28.10.2013] Zwei Hersteller von Elektrofahr­rädern und ein Zulieferer für Akkus und Antriebe kritisieren Unter­suchungs­methoden und -ergeb­nisse der Stiftung Warentest, die in der Juni-Ausgabe von test veröffent­licht wurden. Räder der drei Unternehmen hatten im Test mit mangelhaft abge­schnitten, weil Rahmen brachen oder Grenz­werte bei der elektromagnetischen Verträglich­keit über­schritten wurden. Es ist uns wichtig, dass unsere Entscheidung nach­voll­zieh­bar ist. Deshalb antworten wir an dieser Stelle auf die geäußerten Kritik­punkte.

Test­aufbau

Behauptung: Die Stiftung Warentest habe systematische Fehler im Test­aufbau gemacht.

Richtig ist: Gegen systematische Fehler spricht, dass eine deutliche Mehr­heit der untersuchten Räder die monierten Einzel­prüfungen problemlos bewältigten: Lediglich bei 3 von 16 getesteten Elektrofahr­rädern brach der Lenker, bei nur einem brach das Ausfallende des Rahmens. 12 der 16 Räder bestanden die Prüfung der elektrischen Sicherheit. Das belegt, dass die Anforderungen der Unter­suchung nicht unrealistisch waren, sondern durch­aus zu bewältigen sind.

Trans­parenz

Behauptung: Die Stiftung Warentest weigere sich, ihre Prüf­methoden trans­parent zu machen.

Richtig ist: Das Prüf­programm, das wir fast identisch beim Elektrofahr­radtest 2011 angewandt haben, wurde in einem Fachbeirat vorbesprochen, dem unter anderem Vertreter von Prüf­instituten, Herstel­lern, Anbieter­verbänden und Verbraucherschützer angehören.
Jeder Hersteller, dessen Elektroräder getestet wurden, bekam zudem vor Beginn der Unter­suchung das Prüf­programm zugesandt. Jedem wurde eine angemessene Frist gegeben, um Fragen zu klären, Einwände und Bedenken vorzubringen.
Vor der Veröffent­lichung wurden allen Anbietern im Rahmen einer Anbieter­vor­information die Prüf­ergeb­nisse mitgeteilt.
Auch nach der Veröffent­lichung hat sich die Stiftung Warentest viel Zeit genommen, um alle aufkommenden Fragen zu beant­worten. Es haben Gespräche mit den Anbietern Biketec AG (Flyer), Robert Bosch GmbH, ZEG Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft eG (Pegasus), Derby Cycle (Kalkhoff und Raleigh), Hermann Hartje KG (Victoria) und Stevens Vertriebs GmbH statt­gefunden, in denen wir die Prüf­verfahren besprochen haben. Details zu Prüf­aufbauten und Prüf­lasten wurden den Herstel­lern auf Wunsch ebenfalls zugesandt. Die Stiftung Warentest enthält den Herstel­lern keine Information vor, die benötigt wird um die Prüfungen nach­zustellen. Das belegen unter anderem die Nach­prüfungen der Firma Biketec, für die genaue Informationen über den Prüf­aufbau der Stiftung erforderlich waren.
Darüber hinaus hatten die Hersteller die Möglich­keit, die geprüften Räder zurück­zukaufen.

Strahlung

Behauptung: Die Stiftung Warentest schreibt, dass vier Elektrofahr­räder den Funk von Polizei und Rettungs­kräften stören können. Bei den von den Elektrofahr­rädern gestörten Frequenzen handele es sich aber nicht um die von Polizei und Rettungs­kräften.

Richtig ist: Durch Gespräche mit Herstel­lern und unserem Prüf­institut stellte sich nach Veröffent­lichung der Test­ergeb­nisse heraus, dass die bean­standeten Elektrofahr­räder zwar die gesetzlichen Grenz­werte für funk­störende Beein­flussungen über­schreiten, eine Störung der Funk­dienste von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen aber unwahr­scheinlich ist. Die Aussage im Text hat die Stiftung Warentest zeit­nah korrigiert. Unver­ändert bleibt die Tatsache, dass vier Elektroräder im Test die gesetzlichen Grenz­werte für elektromagnetische Strah­lungen über­schreiten. Deshalb ist auch das Urteil Mangelhaft weiterhin gerecht­fertigt.

Behauptung: Der Hersteller Derby Cycle hat zwei der geprüften Elektrofahr­räder für eigene Nach­prüfungen zurück­gekauft. Derby Cycle meldet, die von ihm gemessenen Werte würden sich von denen der Stiftung unterscheiden. Das belege, dass die Prüfung der elektromagnetischen Verträglich­keit (EMV) durch die Stiftung nicht aussagekräftig und der Test nicht repro­duzier­bar sei.

Richtig ist: Unterschiede zwischen den Mess­werten der Stiftung Warentest und Derby Cycle [Update: 01.11.1013] sind nicht verwunderlich. Die von Derby Cycle veröffent­lichten Ergeb­nisse zeigen, dass der Hersteller das Kalkhoff-Rad in einer anderen Fahr­situation getestet hat (75 Prozent der „Dauer­nenn­leistung“ statt Schiebemodus). Auch dabei wurden die Grenz­werte für Stör­strahlung offen­bar deutlich über­schritten. [Update Ende]

Die Stiftung Warentest hat die elektromagnetische Verträglich­keit in einem akkreditierten und notifizierten Prüf­institut durch­geführt, das große Erfahrung mit dieser Unter­suchung von Elektrofahr­rädern hat. Voraus­setzung für die Akkreditierung ist nicht nur die Kompetenz des Prüf­instituts, auch die Vergleich­barkeit mit Ergeb­nissen anderer Prüf­institute muss sicher­gestellt sein.
Die Messung der Stör­strahlung wurde im Test der Stiftung jeweils an einem zweiten Rad desselben Modells wieder­holt. Die Mess­ergeb­nisse haben sich dabei bestätigt. Es besteht deshalb kein Zweifel, dass die Ergeb­nisse korrekt sind.
Behauptung: Die Stiftung Warentest habe die elektromagnetische Verträglich­keit der E-Bikes nicht, wie es die Norm vorsehe, mit 75 Prozent der Motor­leistung getestet, sondern bei Betätigung der Schiebe­hilfe. Diese Art der Unter­suchung sei nicht relevant.

Richtig ist: Ein Elektrorad muss die Grenz­werte nach der europäischen EMV-Richt­linie in alltags­üblichen Betriebs­zuständen einhalten. Also auch bei der Belastung (Schiebe­betrieb), in der die Stiftung Warentest die Stör­strahlung gemessen hat. [Update: 01.11.2013] Abge­sehen davon bestätigen die vom Hersteller Derby Cycle veröffent­lichten Mess­ergeb­nisse (siehe Update oben), dass die Grenz­werte auch bei 75 Prozent der „Dauer­nenn­leistung“ über­schritten werden. [Update Ende]

Behauptung: Bereits rund 50 E-Bike-Hersteller verbauen den Mittel­motor von Bosch. Auch sechs der von der Stiftung Warentest untersuchten Pedelecs sind mit Antrieben von Bosch ausgestattet. Es deute auf einen Fehler im Test­verfahren, dass nur eines von ihnen die Grenz­werte für elektromagnetische Strahlung über­schreitet.

Richtig ist: Nicht nur der Antrieb beein­flusst die elektromagnetische Strahlung eines Elektrorads, sondern auch Rahmen, Kabel­verlegung und weitere Bauteile bis hin zum Scheinwerfer. Die sechs getesteten Modelle, die mit dem Antrieb von Bosch ausgestattet sind, sind nicht baugleich. Deswegen sind unterschiedliche Mess­ergeb­nisse für die elektromagnetische Verträglich­keit plausibel.

Rahmenbruch

Behauptung: Beim Flyer C5R Deluxe ist im Test das Ausfallende gebrochen, also das Rahmenteil, das das Hinterrad hält. Bei der Prüfung sei der Rahmen so einge­spannt gewesen, dass das Ausfallende um ein Vielfaches höher belastet worden sei als im Alltags­betrieb. Die Brüche seien nicht auf Mängel im Rahmenbau zurück­zuführen, sondern Folge dieser Einspannung.

Richtig ist: Alle 16 Fahr­räder aus dem Test wurden (ebenso wie die 12 Modelle aus dem Vortest von 2011) unter den gleichen Bedingungen geprüft, einschließ­lich der Einspannung. Unter allen 28 Modellen brach nur beim Flyer C5R Deluxe das Ausfallende. Ein systematischer Fehler aufgrund der Einspannung ist somit auszuschließen. Im Unter­suchungs­aufbau wurde sicher­gestellt, dass die Belastung den Kräften entspricht, die auch im Fahr­betrieb auftreten. Dafür wurde die Mess­vorrichtung kalibriert und sicher­gestellt, dass die Kraft immer nur schritt­weise einge­leitet wurde, bis zum Erreichen der Prüfbelastung.
Wie bei allen Tests, die zu mangelhaften Noten führen, hat die Stiftung Warentest auch vom Flyer C5R Deluxe zwei Modelle geprüft. Beim zuerst untersuchten Elektrorad wurde die Teil­prüfung „mecha­nischer Antrieb“ zu Beginn durch­geführt, der Bruch entstand vor der Hälfte der Prüfdauer. Beim zweiten Exemplar wurden zunächst die anderen Teil­prüfungen (Gabel, Lenker und Sattel­stütze) durch­geführt. Bei ihm trat der Bruch direkt nach Beginn der Teil­prüfung „mecha­nischer Antrieb“ auf. Das Ausfallende war durch die anderen Teil­prüfungen bereits so stark vorgeschädigt, dass wenige Last­zyklen bei der letzten Teil­prüfung zum Bruch führten. Der Einfluss der Einspannung in der Teil­prüfung „mecha­nischer Antrieb“ ist somit äußerst gering, der Bruch kann nicht nur darauf zurück­geführt werden.
Insgesamt traten am Rahmen des Flyer C5R Deluxe neben den Brüchen und Anrissen am Ausfallende noch weitere kritische Brüche bzw. Anrisse im Hinterbau auf. Für unsere Bewertung sind die Brüche im Bereich des Tret­lagers relevant. Der Bruch des Ausfallendes alleine hätte zu keiner schlechten Bewertung geführt.

Prüfung über Normen hinaus

Behauptung: Wenn man strenger prüft, als es die Normen vorgeben, geht womöglich schneller etwas kaputt. Die Stiftung Warentest dürfe sich bei ihren Tests nicht über allgemein anerkannte Normen hinweg setzen.

Richtig ist: Schon 1987 fällte der Bundes­gerichts­hof ein Grund­satz­urteil zugunsten der Stiftung Warentest. Damals hatte ein Hersteller von Kompost­häcks­lern geklagt, weil die Stiftung für ihre Sicher­heits­prüfungen höhere Anforderungen gestellt hatte als entsprechende DIN-Normen. Der Bundes­gerichts­hof hat der Stiftung Warentest Recht gegeben. Es gehöre zu ihren Aufgaben, öffent­lich auch auf Mängel von DIN-Normen hinzuweisen und deren Beseitigung zu verlangen.

[Update: 01.11.2013] Rück­gabe der geprüften Elektroräder

Behauptung: Die Stiftung Warentest gibt getestete Fahr­räder nur gegen die Zusicherung an die Hersteller zurück, dass diese mit ihren eigenen Mess­ergeb­nissen nicht vor Gericht gehen.

Richtig ist: Die Stiftung Warentest gibt von ihr untersuchte Prüf­muster nur vor dem Hintergrund an die Anbieter oder Hersteller zurück, dass sie zum Zwecke der Qualitäts­analyse und Qualitäts­verbesserung benutzt werden. Damit ist es ausgeschlossen, dass die Prüf­muster vom Anbieter oder Hersteller für gericht­liche Verfahren gegen die Stiftung einge­setzt werden.
Die Stiftung Warentest hat mit der Heraus­gabe der Prüf­muster keinen Einfluss mehr darauf, was mit ihnen später geschieht und ob sie in demselben Zustand erhalten bleiben, die sie bei Beendigung der Unter­suchung hatten. Um den Zustand der Prüf­muster zu erhalten und um im Bedarfs­falle belegen zu können, wie die Durch­führung eines Tests sich auf ihren Zustand ausgewirkt hat, bewahrt die Stiftung Warentest sie mehrere Monate auf. Im Ergebnis ist es deshalb nur logisch, dass ein Anbieter bzw. Hersteller auf etwaige Ansprüche gegen die Stiftung verzichtet, bevor er Zugriff auf die Prüf­muster erhält. [Update Ende]

Reißerische Aufmachung zur Auflagen­steigerung

Behauptung: Die Zeit­schrift test habe das Thema reißerisch zugespitzt, um mittels Panikmache ihre Verkaufs­zahlen anzu­kurbeln.

Richtig ist: Die Stiftung Warentest fühlt sich allein dem Verbraucher­schutz verpflichtet. Ein reißerisches Heft hätte aber ohnehin wenig Einfluss auf die Verkaufs­zahlen. Knapp 400 000 Exemplare der Zeit­schrift test gehen an Abonnenten, durch­schnitt­lich 60 000 Hefte werden am Kiosk verkauft.

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