Einkaufen im Euroland Meldung

Mit dem Euro in der Tasche wird die Schnäppchenjagd im Ausland interessanter. Zeigen sich zu Hause Mängel, setzt Europa auf Schlichtung ohne Gericht.

Die gemeinsame Währung hat einen klaren Vorteil: Der leichte Preisvergleich lässt Ängste vor dem Auslandskauf schwinden. Der Staubsauger im Euro-Urlaubsort ist unschlagbar billig? Im Auto ist noch Platz? Gekauft! Auch Dienstleistungen wie Zahnersatz oder Kfz-Reparaturen gibts bald für die gleiche Währung wie zu Hause. Günstiges bekommt dann den Zuschlag ­ grenzüberschreitend.

Zwar bietet der deutsche Einzelhandel im EU-Vergleich oft niedrige Preise, etwa wenn es um klassische Shoppingartikel wie CDs oder Kleidung geht. Lohnende Angebote locken jenseits der Grenzen aber trotzdem. So macht sich für Hollandreisende häufig der Weg zur dortigen Ikea-Filiale bezahlt. Zum Beispiel beim Sofa "Ängby" können dann locker 350 Mark gespart werden.

Vorbild Holland

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Doch auch Euro-Schnäppchen können Macken haben. Dann müssen diejenigen umdenken, die die deutschen Mängel- und Garantie-Spielregeln beherrschen. Beim Kauf im Ausland gilt nämlich fast immer das dortige Recht. Das muss für den deutschen Käufer nicht unbedingt nachteilig sein, auch die Gepflogenheiten und der Umgang mit dem Kunden nicht.

So gehört es in Holland längst zum guten Ton, sich außergerichtlich zu einigen. Den Satz "Dann verklagen Sie uns doch!" hört man dort selten, wenn das Sofa quietscht oder der CD-Player muckert. Kann man sich partout nicht einigen, tritt ein Schlichter auf den Plan.

Für fast dreißig Branchen existieren in Holland Konfliktkommissionen, die in Verbraucherangelegenheiten entscheiden. Ob Autowerkstatt, Reisebüro, Krankenhaus oder Anwaltskanzlei ­ die meisten Anbieter von Waren und Dienstleistungen unterwerfen sich dem günstigen Schlichtungsverfahren. Unzufriedene Verbraucher können anschließend hingegen noch weiter vor Gericht ziehen ­ tun das aber nur selten.

Teure Auslandsklagen

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Ein ähnlich hohes Niveau in Sachen Verbraucherfreundlichkeit wird auch den skandinavischen Ländern attestiert. In anderen EU-Ländern hingegen kann es bei Reklamationen genauso ungemütlich werden wie hierzulande ­ und darüber hinaus noch teurer. Wer sich etwa wegen des kaputten Staubsaugers auf einen Rechtsstreit mit dem irischen Händler einlassen will, sollte vorher genau rechnen. Die Angelegenheit wird zur Zumutung, wenn die Anreise zum Prozess in Dublin notwendig wird. Verbraucherschützer warnen, dass sogar erfolgreich im Ausland klagende Kunden unterm Strich Minus machen ­ selbst wenn es um Summen wie etwa 5.000 Mark geht. Hoffen können da nur Rechtsschutzversicherte. Ihnen werden neben den Prozess- zumeist auch die Reisekosten ersetzt, wenn das Erscheinen im Prozess Pflicht ist.

Vor dem heimischen Gericht landet der Streit nur, wenn in Deutschland für das Produkt geworben wurde, der Verbraucher hier den Vertrag unterschrieben hat oder Ratenzahlung vereinbart wurde. Der Heimvorteil gilt auch, wenn Händler ihre Angebote im Internet extra in deutscher Sprache gestalten, um deutsche Kunden zu locken.

Die EU setzt auf Schlichtung

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Die EU-Kommission schätzt, dass grenzüberschreitende Streitigkeiten zunehmen werden. Diese sollen nach Ansicht der Europapolitiker aber nicht vor Gericht, sondern vor Schlichtern ausgetragen werden. Um Verbrauchern lange Wege, Sprachhürden und die mühsame Suche nach der richtigen Stelle zu ersparen, haben sie die EU-Länder aufgefordert, das so genannte EEJ-Net aufzubauen.

Spätestens 2002 sollen in diesem "Europäischen Netz für die außergerichtliche Streitbeilegung" in allen EU-Ländern so genannte Clearingstellen die Arbeit aufnehmen. Die Vision der EU-Kommissare: Enttäuschte Verbraucher laden ihr Auslandsproblem einfach bei der heimischen Clearingstelle ab. Diese ermittelt dann gemeinsam mit ihrem Pendant aus dem Händlerland das richtige Schlichtungsgremium, bringt das Verfahren in Gang und berät im Idealfall auch noch den Verbraucher. Für den wäre die Anbahnung solcher Verfahren meist schier unmöglich, zu unterschiedlich sind die Schlichtungssysteme der einzelnen Länder. So würde etwa kein Engländer, der mit seiner Zahnbehandlung in Österreich unzufrieden ist, bei der zahnärztlichen Bundesschlichtungsstelle in Wien einen Antrag stellen ­ weil er nichts von ihr weiß. In England existiert solche eine Einrichtung nicht.

Schlusslicht Deutschland

Der Start des EEJ-Net lässt auf sich warten und Schuld daran hat auch Deutschland. Hierzulande tut man sich schwer mit dem EEJ-Net. So kommt die deutsche Schlichtungskultur nur als Papiertiger daher: In einer Liste der für das Netz gemeldeten europäischen Schlichtungsstellen ist Deutschland mit 203 von insgesamt 406 Stellen zwar Spitze. "Im Zweifel geht es hier aber trotzdem vor Gericht", bedauert Bernd Krieger vom Europäischen Verbraucherzentrum in Kiel. "Viele Stellen stehen nur auf dem Papier, wie die Lübecker Schlichtungsstelle für Rundfunk- und Fernsehtechnik. Manche haben seit Jahren nicht gearbeitet, anderen fehlt die Unabhängigkeit." Die fordert zwar die EU-Kommission, in der Liste stehen aber trotzdem betriebsinterne Stellen wie das Beschwerdemanagement der Sparkasse Bremen.

Unabhängigkeit und Effizienz der Schlichtungsstellen sollte Deutschland nach EU-Vorgaben eigentlich sicherstellen. Das Bundesjustizministerium, federführend in Sachen EEJ-Net, hat sich gegenüber Finanztest aber für unzuständig erklärt und lehnt es ab, die aufgelisteten Stellen auf die EU-Kriterien hin abzuklopfen und gegebenenfalls rauszuschmeißen. Hinzu kommt: Beim Aufbau der deutschen Clearingstelle ist das Ministerium arg in Verzug. Während fast alle EU-Staaten ihre Einrichtungen längst benannt haben, tut sich hierzulande nichts: Schlichtungsschlusslicht Deutschland.

Andere Einrichtungen helfen

Bei grenzüberschreitenden Problemen sind Verbraucher aber trotzdem nicht auf sich allein gestellt. Einige Einrichtungen haben sich hierzulande auf Euro-Probleme spezialisiert. So erreicht etwa die Verbraucherberatung Euregio in Gronau nach eigenen Angaben in 80 Prozent der Verbraucheranfragen eine Einigung zwischen deutschem Kunden und ausländischem Anbieter.

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