Genauso wichtig wie gute Pflege ist im Alter der Kontakt zu anderen Menschen. Ehren­amtliche Besuchs- und Begleit­dienste holen ältere Menschen aus ihrer Isolation.

Dagmar Butt­städt (rechts) kennt Ruth Stelter aus Kinder­tagen: „Bei ihr habe ich damals Schokolade gekauft.“ Heute besucht sie die Rentnerin regel­mäßig.

Immer diens­tags um 15 Uhr geht Dagmar Butt­städt in das Pflege­wohn­stift Babels­berg. Hier besucht sie Ruth Stelter, die schon auf sie wartet. „Wir reden dann über die Woche, spielen Mensch ärgere dich nicht oder wir gehen einfach in den Garten“, sagt die 58-jährige Dagmar Butt­städt.

Ruth Stelter sitzt seit einem Oberschenkelhals­bruch vor mehr als einem Jahr im Roll­stuhl und kann sich nur schlecht allein bewegen. Sie genießt die Abwechs­lung, die Dagmar Butt­städt ihr im oft eintönigen Alltag des Seniorenheims bringt. „Viele Bewohner sind im Kopf nicht mehr ganz da und das Personal hat keine Zeit, um mit mir raus­zufahren“, sagt die 85-Jährige.

Begleiter helfen zurück ins Leben

Ehren­amtliche Begleiter wie Dagmar Butt­städt schenken vor allem älteren Menschen ihre Zeit und gehören meist zu einem Besuchs- oder Begleit­dienst. Sie hören zu und unterhalten sich mit den alten Menschen. Sie moti­vieren sie, sich nicht zurück­zuziehen, sondern am Leben teil­zunehmen.

Im besten Fall verhindern sie eine Pflegebedürftig­keit und damit einen Umzug ins Pfle­geheim. Freiwil­lige Besucher entlasten auch pflegende Angehörige und schenken ihnen ein paar Stunden Freiraum.

Besuchs- und Begleit­dienste bauen immer auch eine Brücke nach außen. Die Helfer begleiten die Älteren zum Arzt oder manchmal ins Theater, erledigen kleinere Einkäufe oder helfen beim Ausfüllen von Formularen. Sie über­nehmen aber keine Arbeiten wie Wäsche­waschen oder Putzen.

Ein Lächeln ist der schönste Dank

Geld bekommen die Freiwil­ligen nicht. Manchmal gibt es eine kleine Aufwands­entschädigung, etwa für die Fahr­kosten. Die Motivation ist eine andere: „Das Lächeln auf den Lippen eines Menschen, wo schon lange keins mehr war, macht glück­lich“, sagt Dagmar Butt­städt. Es seien die kleinen Gesten, die sie zufrieden machen.

Auch Gerrit Friedrich hat zwei Gewinner vor Augen, wenn er von seinen Besuchen bei dem 76-jährigen Georg Habe­dank erzählt: „Er blüht auf, wenn ich komme, und ich selbst freue mich darüber, dass ich einem anderen Menschen Lebens­freude schenke“, sagt der 63-Jährige.

Hilfenetz noch nicht flächen­deckend

So wie Butt­städt und Friedrich engagieren sich mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutsch­land im Bereich Pflege und Gesundheit. Besuchs- und Begleit­dienste werden von Wohl­fahrts­verbänden wie den Johannitern oder der Caritas, Kommunen, Kirchen­gemeinden oder Vereinen angeboten. Hinzu kommen Selbst­hilfe­kontakt­stellen in verschiedenen Städten.

„Es gibt aber noch kein flächen­deckendes Netz freiwil­liger Hilfe in Deutsch­land“, sagt Ursula Helms von Nakos, der Nationalen Kontakt- und Informations­stelle zur Anregung und Unterstüt­zung von Selbst­hilfe­gruppen. Abhängig sei das immer von der Kommune, dem Land­kreis, vom jeweiligen Bundes­land und den Menschen vor Ort, die sich engagieren.

Es gibt zwar viele Freiwil­lige. Selbst­hilfe braucht aber auch eine Infrastruktur – zum Beispiel eine Selbst­hilfe­kontakt­stelle mit mindestens einem haupt­amtlichen Mitarbeiter, der Freiwil­lige vermittelt und Tätig­keiten koor­diniert.

Eine solche Kontakt­stelle unterstützt auch Neugründungen von Selbst­hilfe­gruppen, etwa für pflegende Angehörige, und organisiert Weiterbildungen. Die finanziellen Mittel dafür kommen von der Pflege­versicherung und den Bundes­ländern.

Jüngere Rentner engagieren sich gern

Dagmar Butt­städt ist nicht nur selbst ehren­amtliche Helferin. Sie vermittelt haupt­beruflich auch Freiwil­lige im Ehren­amt in der Kontakt­stelle Akademie der 2. Lebens­hälfte in Potsdam. „In den meisten Fällen sind es die jüngeren Rentner, die zu uns kommen und eine Aufgabe suchen“, sagt sie. „Wir stellen dann den Kontakt her.“

Auf der Suche nach Helfern für alte Menschen sind oft Krankenhäuser, Pfle­gestütz­punkte oder die erwachsenen Kinder, die häufig nicht in der Nähe wohnen. Die Kinder wünschen sich Abwechs­lung und Begleitung für die meist allein­lebenden Eltern, wenn diese körperlich einge­schränkt sind. Nach einer schweren Krankheit oder nach dem Tod eines geliebten Menschen ziehen sich viele ältere Menschen zurück und verlieren den Kontakt zur Außen­welt.

Tochter findet Helfer für den Vater

Horst Kämmer hatte sich nach dem Tod seiner Frau im vergangenen Jahr zurück­gezogen: „Ich fiel in ein Loch, aus dem ich selbst nicht mehr rauskam“, sagt der 76-Jährige. Seine Kinder machten sich Sorgen und beschlossen, für den allein­lebenden Vater Hilfe zu suchen.

Die Tochter aus Freiburg im Breisgau wandte sich an einen Pfle­gestütz­punkt in Berlin, wo der Vater lebt, und erhielt die Adresse der Kontakt­stelle Pfle­geEngagement Mittel­hof. Eine Mitarbeiterin suchte die passende Person. „Mit jedem, der in die Kontakt­stelle kommt und ein Ehren­amt möchte, sprechen wir intensiv über seine Motive, seine Fähig­keiten und Interessen“, sagt Susanne Baschinski.

Für Dagmar Butt­städt von der Kontakt­stelle 2. Lebens­hälfte in Potsdam ist die Zuver­lässig­keit über einen längeren Zeitraum besonders wichtig: „Der Wille für eine ehren­amtliche Tätig­keit ist immer da, jedoch ist bei Berufs­tätigen und Studenten nicht immer klar, ob sie über Monate und Jahre hinweg stets Zeit haben“, sagt sie. In diesen Lebens­phasen ändert sich noch viel.

Chemie muss stimmen

Bei Gudrun Loebert stimmten die Voraus­setzungen fürs Ehren­amt. Sie traf Horst Kämmer. Beim ersten Mal war eine Mitarbeiterin der Kontakt­stelle dabei. Sie erleichterte es den beiden, ins Gespräch zu kommen und schaute, ob die Chemie stimmte. „Ist das nicht der Fall, kümmern wir uns um einen neuen Kontakt“, sagt Baschinski. Bei Loebert und Kämmer passte es.

Gudrun Loebert brachte erst einmal etwas Ordnung in das Leben des Rentners. Sie half beim liegen­gebliebenen Papierkram. „Inzwischen haben wir Zeit zum Spazieren­gehen und zum Erzählen unserer Erleb­nisse aus unser beider Leben “, sagt die Rentnerin.

Freund­schaft nicht ausgeschlossen

Gerrit Friedrich (rechts) ist für den 76-jährigen Georg Habe­dank ein fester Begleiter im Leben: „Er war da, als ich nach meinem Herz­infarkt erwachte.“

Manchmal entwickelt sich aus den regel­mäßigen Treffen auch eine Freund­schaft, so wie bei Gerrit Friedrich und Georg Habe­dank. Beide haben sich vor drei Jahren kennengelernt, als Habe­dank nach einem Herz­infarkt und dem Tod seiner Frau im Kranken­haus lag.

Die Tochter hatte sich bei der Kontakt­stelle in Potsdam gemeldet, weil sie sich mit der Situation über­fordert fühlte, und Gerrit Friedrich kam. Er stand Tochter und Vater von da an in der schweren Zeit zur Seite. Er half vor allem auch beim Ausfüllen von Formularen und bei Anträgen an die Kranken- und Pflege­versicherung.

Nach dem Klinik­aufenthalt kehrte der 76-jährige Habe­dank vor­erst in seine Wohnung zurück. Die Familie hatte in der Zwischen­zeit eine Pfle­gestufe beantragt. „Die wurde erst einmal abge­lehnt, weil er körperlich noch alles konnte“, sagt Gerrit Friedrich. Das jedoch wurde zum großen Problem, da der Rentner an starken Depressionen litt und seinen Tag nicht strukturieren konnte. Es war niemand da, der ihn den ganzen Tag beaufsichtigen konnte.

Die Lösung war Habe­danks Umzug ins Pfle­geheim. Hier bekam er nach erneutem Antrag die Pfle­gestufe und erholte sich bald wieder. Friedrich besucht ihn weiter.

Unterstüt­zung für Unterstützer

Das notwendige Wissen bekommen Ehren­amtliche in Schu­lungen der Kontakt­stellen, Wohl­fahrts­verbände und Vereine. Auf dem Plan stehen Themen wie der Versicherungs­schutz im Ehren­amt, Gesprächs­führung bei Konflikten und bei Demenz, aber auch sozialrecht­liche Fragen.

Doch nicht nur für das Formale sind die Mitarbeiter der Kontakt­stelle da: „Auch wenn unseren Ehren­amtlichen etwas nahe­geht, sind wir da. Oft tauschen sie sich aber auch unter­einander aus“, sagt Dagmar Butt­städt. Denn nur, wenn einer für den anderen da ist, kann es funk­tionieren.

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