Ehren­amt Special

Catrin Orgel, 37, ist seit ihrem 18. Lebens­jahr ehren­amtliche Übungs­leiterin in Berlin-Wittenau. Sie betreut die Cheerleader-Gruppen ihres Sport­ver­eins.

Immer mehr Freiwil­lige engagieren sich neben­beruflich. Sie tun vieles, was die öffent­liche Hand aus Personal- oder Geld­mangel nicht (mehr) leistet. Deshalb hat die Politik einige zusätzliche Anreize für Freiwil­lige geschaffen. Unser Special zeigt, welche Regeln für Ehren­amtliche bei Steuer, Job und Versicherung gelten.

Übungs­leiterin im Sport­ver­ein

Cheerleading ist beliebt im Berliner Sport­ver­ein TSV Wittenau. Mädchen und Frauen im Alter bis 57 Jahre tanzen, springen und turnen bei ihren Auftritten. Dass es die Sport­art im Verein gibt, ist Catrin Orgel zu verdanken. 2010 hat sie die Abteilung Cheerleading gegründet, auf Wunsch von jungen Turne­rinnen, die sie betreute. Seit ihrem 18. Lebens­jahr ist Catrin Orgel ehren­amtlich als Übungs­leiterin in dem Verein tätig. Schon vorher kümmerte sie sich um die Kleineren beim Turnen. „Ich habe Schritt für Schritt mehr Verantwortung über­nommen“, erzählt die 37-Jährige. Manchmal sei ihr der ehren­amtliche Zusatz­job zu viel. „Aber wenn ich in die Turnhalle gehe und die erwartungs­vollen Augen sehe, dann denke ich: Für euch mache ich das gerne weiter.“

Mehr als 14 Millionen freiwil­lige Helfer

Wie Catrin Orgel engagieren sich viele Menschen in ihrer Frei­zeit uneigennützig für andere – die meisten im Sport. Ihre Zahl wächst stetig. 2016 gab es etwa 14,4 Millionen freiwil­lige Helfer ab 14 Jahre in Deutsch­land. Das sind gut zwei Millionen mehr als im Jahr 2012. Sie bringen viel Enthusiasmus mit und sie wollen etwas bewegen. Fünf Kriterien zeichnen die ehren­amtliche Arbeit aus: Sie ist freiwil­lig und unentgeltlich, abge­sehen von einer Aufwands­pauschale. Sie geschieht kontinuierlich und organisiert – und sie kommt anderen zugute.

Ehren­amt Special

Die Zahl der Ehren­amtlichen steigt seit Jahren kontinuierlich. 2016 gab es mehr als 14 Millionen Freiwil­lige in der Bevölkerung ab 14 Jahre.

Steuerfrei­beträge erhöht

Die freiwil­ligen Helfer tun vieles, was die öffent­liche Hand aus Personal- oder Geld­mangel nicht leistet. Deshalb hat die Politik einige zusätzliche Anreize für Freiwil­lige geschaffen, etwa mit dem Gesetz zur Stärkung des Ehren­amts aus dem Jahr 2013. Mit dieser Regelung wurden

  • der Steuerfrei­betrag für die Übungs­leiterpauschale von 2 100 auf 2 400 Euro jähr­lich ange­hoben und
  • der Frei­betrag für die Ehren­amts­pauschale von 500 auf 720 Euro erhöht; diese können zum Beispiel ein Helfer im Altenheim oder ein Vereins­vorstand bekommen.

Wer Fahrt­kosten oder Telefon­gebühren im Rahmen des Ehren­amts zahlt, hat Anspruch auf Erstattung dieser Auslagen.

Der Frei­betrag für die Pauschale wird nicht immer ausgeschöpft. Catrin Orgel vom TSV Wittenau bekommt weniger als den Frei­betrag. Margit Hankewitz, Vorsitzende des Sozial­werk Berlin e. V., sagt sogar: „Wir sind immer unter den Steuerfrei­beträgen, wenn wir etwas zahlen.“ Hankewitz‘ Eltern gründeten den Verein, der in Wilmers­dorf ein Stadt­teilzentrum für Senioren baute, das „Käte-Tresenreuter-Haus“. Es bietet Kurse, Lesungen, Filme und Theaterstücke.

Monatliche Aufwands­entschädigung

Ehren­amt Special

Die Berlinerin Christa Fischer, 92, leitet ehren­amtlich einen Gymnastikkurs für Senioren. Sie hat als Kind Ballett getanzt und treibt ihr Leben lang Sport.

Etwa 100 Ehren­amtliche engagieren sich hier regel­mäßig. 60 von ihnen erhalten eine monatliche Aufwands­entschädigung von 15 Euro. Christa Fischer, die mit 92 Jahren noch einen Gymnastikkurs im Sozial­werk leitet, verzichtet gleich ganz auf die Pauschale. Im Gegen­teil: Sie spendet sogar für den Senioren-Treff.

Eigenen Arbeit­geber informieren

Wichtig für Freiwil­lige: Ehren­amtliches Engagement gilt als Neben­tätig­keit. Laut Arbeits­zeitgesetz soll die Gesamt­arbeits­zeit 48 Stunden pro Woche nicht über­schreiten. Viele Arbeits­verträge enthalten eine Bestimmung, wonach ein Mitarbeiter dem Chef seine Neben­tätig­keit anzeigen muss. Dieser muss zwar nicht zustimmen, darf aber eine Neben­tätig­keit untersagen, wenn sie dem Ruf des Unter­nehmens schadet oder mit betrieblichen Interessen in Konflikt gerät.

Oft positive Reaktionen

TSV-Übungs­leiterin Catrin Orgel arbeitet im Haupt­beruf als Physio­therapeutin in einer Kinder- und Jugend­einrichtung. In ihrem Fall wollte die Einrichtung ganz genau wissen, worin die ehren­amtliche Tätig­keit besteht, reagierte aber insgesamt verständ­nisvoll. Sie gewährte der Übungs­leiterin sogar Sonder­urlaub. Aus ihrem Umfeld kennt sie ähnlich positive Reaktionen.

Arbeits­fähig­keit darf nicht beein­trächtigt werden

Normaler­weise arbeitet Catrin Orgel 20 Stunden wöchentlich als Physio­therapeutin. Gerade ist die Übungs­leiterin mit ihrem dritten Kind in Eltern­zeit. Ehren­amtlich als Trainerin ist sie zurzeit im Schnitt 12 bis 15 Stunden pro Woche im Einsatz. Ihre Arbeits­fähig­keit dürfe aber nicht durch das Ehren­amt beein­trächtigt werden, sagt die Berlinerin, denn „wenn ich an meinem Arbeits­platz bin, will ich voll einsatz­bereit sein“.

Gesetzlicher Unfall­schutz

Helfer sind versichert. Viele Freiwil­lige sind während ihrer Arbeit gesetzlich unfall­versichert, weil sie im Auftrag von Bund, Ländern, Städten und Gemeinden tätig sind. Das gilt auch für Helfer in Rettungs­organisationen wie der Freiwil­ligen Feuerwehr – ebenso für Freiwil­lige in der freien Wohl­fahrts­pflege, wie die Helfer des Sozial­werks Berlin. „Unsere Wandergruppe ist versichert, wenn sie unterwegs ist“, erzählt Hankewitz. Der Schutz gilt auch für Projekte, die mit Zustimmung der Verwaltung durch­geführt werden, zum Beispiel, wenn Eltern ein Klassen­zimmer reno­vieren. Die Leistungen sind umfassender als die der gesetzlichen Kranken­versicherung. Der Betroffene muss sich zum Beispiel nicht an den Kosten einer Heilbe­hand­lung beteiligen.

Schutz auch für Weiterbildung. Gemeinnützige Organisationen wie Natur­schutz­ver­eine und Förderver­eine können eine freiwil­lige gesetzliche Unfall­versicherung für Vorstand oder Kassenwart abschließen. Der Versicherungs­schutz gilt auch für die Weiterbildung im Ehren­amt sowie auf dem Hin- und Rückweg zu der ehren­amtlichen Arbeit. Doch wer während des Ehren­amts für zu Hause einkauft oder zur Bank geht, ist in dieser Zeit nicht versichert.

Versicherung für Sport­ver­eine

Für ehren­amtliche Helfer in Sport­ver­einen gilt die gesetzliche Unfall­versicherung nicht. Übungs­leiterin Catrin Orgel ist über den TSV Wittenau aber mit einer privaten Gruppen­unfall­versicherung geschützt. Ihr einziger Unfall war in ihrer Zeit als aktive Turnerin. Sie hatte sich als 19-Jährige bei einem unglück­lichen Sturz den großen Zeh gebrochen und musste damals ein Unfall­melde-Formular ausfüllen. Spät­folgen hatte der Bruch nicht.

Freiwil­lige Helfer sind bei Schäden, die sie selbst verursachen, durch ihre private Haft­pflicht­versicherung geschützt. Catrin Orgel ist so während des Trainings in der Turnhalle abge­sichert. „Das ist wichtig, falls ich dort jemandem Schaden zufüge oder wenn ein Kind unbe­merkt klettert, herunter­fällt und sich dabei verletzt“, sagt sie. Zum Glück ist so etwas in all den Jahren noch nicht passiert.

Viele gemeinnützige Vereine treffen weitere Vorsorge über eine private Gruppen­haft­pflicht­versicherung. Sie kommt zum Beispiel für Sach­schäden auf, die Vereins­mitglieder Dritten bei ihrem Einsatz im Verein zufügen.

Auto über Verein versichert

Auch das Sozial­werk Berlin sorgt so für seine Helfer vor. Vereins­vorsitzende Hankewitz sagt: „Wir haben Besuchs­dienste in Pfle­geeinrichtungen.“ Sind ehren­amtliche Mitarbeiter mit dem eigenen Auto für das Sozial­werk unterwegs und verursachen sie einen Unfall, springt die Gruppen­versicherung des Vereins ein. Sie kommt für Schäden am Auto der Helfer auf, wenn sie keine eigene Voll­kasko­versicherung haben, die das über­nimmt. Das war zum Beispiel der Fall, als eine Mitarbeiterin bei Glatt­eis jemanden nach Hause brachte und gegen einen Schnee­schieber fuhr. 2 500 Euro betrug der Schaden an ihrem Wagen.

Erweiterte Haft­pflicht­versicherung für ehren­amtliche Vorstände

Für die Vorstands­mitglieder des Sozial­werk Berlin e. V. gibt es eine erweiterte Haft­pflicht­versicherung. Das ist wichtig für den Fall, dass „wir mal eine falsche Entscheidung treffen, die unser Stadt­teilzentrum Geld kostet“, so Margit Hankewitz. Vereins­vorstände können für Schäden, die sie vorsätzlich oder grob fahr­lässig verursacht haben, mit ihrem privaten Vermögen zur Verantwortung gezogen werden – etwa, wenn sie über­sehen, dass für den Verein Fördermittel beantragt werden können. Die private Haft­pflicht­versicherung deckt solche Schäden von Funk­tionären mit Verantwortung nicht ab.

Unser Rat

Auswahl. Wenn Sie nach einem geeigneten ehren­amtlichen Engagement suchen, können Sie sich auf Platt­formen und Netz­werken Ihres Bundes­landes oder Ihrer Stadt informieren.

Versicherungs­schutz. Fragen Sie bei dem Verein oder der Organisation, für die Sie ehren­amtlich tätig sind, ob Sie bei Ihrem Einsatz gesetzlich oder privat unfall­versichert sind und welche Haft­pflicht­versicherung einspringt, wenn Sie einen Schaden verursachen, auch wenn Sie Ihr eigenes Auto benutzen.

Information. Details zum Ehren­amt und über den Versicherungs­schutz bei freiwil­ligen Einsätzen finden Sie in der Broschüre Unfallversichert im freiwilligen Engagement des Bundes­ministeriums für Arbeit und Soziales (bmas.de).

Aktiv im Ruhe­stand

Viele Menschen engagieren sich erst im Ruhe­stand verstärkt ehren­amtlich. Das gilt auch für Christa Fischer. Seit rund 15 Jahren ist sie im Sozial­werk Berlin aktiv. Das Stadt­teilzentrum des Vereins sei inzwischen ihre zweite Heimat, erzählt die 92-Jährige, die grazil und beweglich wirkt. Ihre Gymnastikgruppe trifft sich montags. Christa Fischer stellt den Kassetten­rekorder an und gibt zur Musik die Anweisung. „Rechts, links“, ruft sie. „Und eins, zwei, drei.“ Die Senio­rinnen bewegen sich im Takt, schwingen Arme und Beine. Am Ende gibt es Beifall. Alle sind ein wenig außer Puste.

Ehren­amt ist auch Verpflichtung

Christa Fischer kommt an sechs Tagen in der Woche ins Stadt­teilzentrum. Sie macht beim Kegeln und beim Sitztanz mit. Außerdem ist sie Ehren­vorsitzende des Förderver­eins. Mit dem Ehren­amt habe man auch eine gewisse Verpflichtung, sagt sie. „Wenn man nicht kommen kann, muss man sich recht­zeitig abmelden. Weil das Haus auf unsere ehren­amtliche Arbeit angewiesen ist.“

Tipp: Mehr Informationen zum Ehren­amt lesen Sie in unserer Meldung Ehrenamt: Wie Ehrenamtliche abgesichert sind.

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