Interview: „Das Gesetz passt nicht zu jedem“

Ehevertrag Special

Sybill Offergeld ist Expertin für Familien- und Erbrecht.

Sybill Offergeld, Fach­anwältin für Familien­recht in Berlin, betreut Mandanten bei Eheschließungen, Eheverträgen, Trennungen, Scheidungen und allen damit zusammenhängenden Fragen.

Ehevertrag nach wie vor die Ausnahme

Wie ist Ihr Eindruck aus der Praxis: Haben viele Paare einen Ehevertrag?

Zu mir als Familien­recht­lerin kommen natürlich viele, um einen zu schließen. Aber bei den Mandanten, die sich scheiden lassen wollen, kann ich sehen: Einen Ehevertrag zu haben, ist nach wie vor eine Ausnahme. Leider.

Wieso leider? Es gibt doch gesetzliche Rege­lungen – wozu ist ein Ehevertrag dann über­haupt nötig?

Die gesetzlichen Rege­lungen sind gut und sinn­voll. Aber sie sind Grund­regeln, die nicht jedem einzelnen Lebens­sach­verhalt gerecht werden. Das können Gesetze auch nie. Die Vorschriften im Bürgerlichen Gesetz­buch sind alt und passen vor allem auf die Rollenverteilung, in der nur der Mann das Geld verdient und die Frau zu Hause für die Kinder sorgt. Wer so nicht lebt, sollte über einen Ehevertrag nach­denken.

Absicherung und finanzielle Unabhängig­keit

Was können Paare in einem Ehevertrag regeln?

Es gibt zwei grobe Richtungen, um die es gehen kann: Den anderen absichern über das Maß hinaus, das das Gesetz vorsieht. Oder: finanziell unabhängig voneinander bleiben. Also zum Beispiel dem anderen keinen Unterhalt zahlen. Bei mir in der Praxis geht es den Paaren eher darum, unabhängig zu bleiben.

Und wenn man diese grobe Richtung fest­gelegt hat – welches sind die Topthemen im Ehevertrag?

Das Güterrecht, der Unterhalt und der Versorgungs­ausgleich.

Wer sollte denn unbe­dingt einen Vertrag schließen?

Das kann man so gar nicht sagen. Es gibt bestimmte Ehevertrags­typen, zum Beispiel für junge Ehen, wenn sich die Partner finanziell möglichst unabhängig voneinander machen wollen. Dasselbe gilt für die Altersehe, wenn die Ehepartner vielleicht schon mal verheiratet waren. Hier wird oft alles ausgeschlossen: Unterhalt, Versorgungs­ausgleich und Zugewinn. Besonders häufig ist der Ehevertrag in der Unternehmerehe, wenn einer der Partner Geschäfts­anteile hält. In dem Vertrag wird dann geregelt, dass das Unternehmen beim Zugewinn nicht berück­sichtigt wird.

Wann ein Notar hinzugezogen werden muss

Müssen Paare zum Rechts­anwalt oder Notar, wenn sie einen Vertrag schließen wollen?

Der Notar ist Pflicht, wenn – wie sehr oft – Fragen des Güter­rechts oder des Unter­halts geregelt werden. Gerade, wenn man Unternehmer berät, sind neben familien­recht­lichen auch gesell­schafts- und steuerrecht­liche Fragen zu klären. Ein Ehevertrag kann viel Streit vermeiden. Es ist also ratsam, Rechts­rat einzuholen. Beim Anwalt kostet die Erst­beratung zwischen 100 und 250 Euro.

Wie sollten Paare diesen Termin vorbereiten?

Die Paare sollten sich über die Richtung im Klaren sein: absichern oder unabhängig bleiben. Und sie sollten ihre wirt­schaftlichen Verhält­nisse darlegen können.

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