Medizinische Informationen: Viele EHEC-Infizierte erkranken

EHEC hat viele Unterformen

Seit Anfang Mai grassiert in Deutschland, vor allem im Norden, eine besonders gefährliche Form der EHEC-Erreger. Die Abkürzung steht für „Enterohämorrhagische Escherichia coli“ und bezeichnet Bakterien, die beim Menschen schwere Darminfektionen verursachen. Davon sind inzwischen viele verschiedene Unterformen bekannt. Durch genetische Veränderungen scheinen sich immer neue zu entwickeln.

Wiederkäuer als Brutstätten

Normalerweise kommen EHEC-Bakterien vor allem im Darm von Kühen, Schafen und Ziegen vor, ohne ihnen zu schaden. Die Übertragung auf Menschen erfolgt häufig durch Tierkontakte, den Verzehr von Fleisch und Rohmilchprodukten oder verunreinigtes Trinkwasser. Aber beim aktuellen Ausbruch scheinen sich die Erreger in Gemüse eingeschlichen zu haben, zum Beispiel beim Düngen mit Gülle.

Gift verursacht Darmschäden

Nach dem Verzehr gelangen sie in den menschlichen Darm und finden dort ideale Bedingungen zum Überleben und Vermehren. Sie nisten sich in den Darmwänden ein und setzen dort sogenannte Shigatoxine frei. Diese Giftstoffe schädigen die Darmzellen. Dann bricht die geordnete Verdauung zusammen. Typische Symptome: wässriger oder blutiger Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen. Meist beginnen die Probleme drei bis vier Tage nach Eindringen der Bakterien.

Ganzer Körper in Gefahr

Doch damit nicht genug: Als Komplikation von EHEC-Infektionen kann das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) entstehen. Dabei treten Shigatoxine von der Darmwand ins Kreislaufsystem über und heften sich an Blutbestandteile und Zellen der Gefäßwände, die daraufhin ebenfalls zugrunde gehen. Typische Folgen: Eine starke Abnahme der roten Blutkörperchen (Anämie) und der Blutplättchen (Thrombozytopenie) sowie Durchblutungsstörungen, insbesondere in der Niere. Die Beschwerden bessern sich meist wieder, doch einige Patienten bleiben lebenslang auf das Blutreinigungsverfahren Dialyse angewiesen. Und manchmal endet HUS tödlich. Erste Symptome treten etwa fünf bis 13 Tage nach Beginn des Durchfalls auf.

Ungewöhnlich viele Fälle

Weltweit gibt es immer wieder EHEC-Infektionen, auch in Deutschland. Doch der aktuelle Ausbruch ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, angefangen bei der hohen Fallzahl. Normalerweise erkranken hierzulande jährlich etwa 1 000 Menschen. Seit Anfang Mai liegt die Zahl der Opfer dagegen schon weit über der 2 000er Marke. Meist handelt es sich dabei um erwachsene Frauen. Auch das passt nicht ins übliche Bild, wonach vor allem kleine Kinder unter fünf Jahren erkranken.

Komplikationsrate ist hoch

Besonders ungewöhnlich und besorgniserregend aber ist die hohe Komplikationsrate. Normalerweise entwickelt sich bei etwa 5 bis 10 Prozent der EHEC-Infizierten die gefährliche Folgeerkrankung HUS. Diesmal dagegen liegt die Rate bei fast 30 Prozent. Und bei vielen Betroffenen kommt es laut Medienberichten nicht nur zu Nierenschäden, sondern auch zu neurologischen Problemen, vor allem zu Verwirrtheit, aber auch zu Sprach- und Sehstörungen, Wesensveränderungen oder epileptischen Anfällen. Ob die Beschwerden im Zuge der Genesung wieder verschwinden, ist noch unklar.

Infektionsquelle weiter unklar

Um die Gefahr zu bannen, fahnden Wissenschaftler und Lebensmittelkontrolleure nach der Infektionsquelle. Dazu befragen sie Patienten detailliert zu allen Mahlzeiten in den Tagen vor Durchfallbeginn. Aus den Angaben leiten sie ab, wo sie Lebensmittelproben für Laboranalysen entnehmen sollten. Besonders unter Verdacht: Gurken, Tomaten, Salat, Gemüsesprossen. Aber kein Verdacht ließ sich bislang erhärten.

Genetischer Code entziffert

Immerhin gelang es Forschern um Professor Dr. Helge Karch vom Institut für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, den genetischen Code des mysteriösen Bakteriums zu entziffern. Demnach gehört es zum Stamm O104:H4. Diese EHEC-Variante kennen Wissenschaftler schon länger, wenn auch nur aus Einzelfallberichten. In Deutschland verursachte sie im Jahr 2001 eine Infektion. Seither scheint sich der Erreger weiterentwickelt zu haben, vermutlich vor allem durch die Aufnahme von Genschnipseln aus anderen Bakterien. So scheint er die Niere stärker zu schädigen als sein Vorgänger, meint Forscher Karch. Zudem lässt sich der Erreger jetzt noch schlechter durch Antibiotika bekämpfen.

Therapie nicht einfach

Entsprechend schwierig gestaltet sich die Therapie. Bei Durchfall ist der Ersatz von Wasser und Salzen, die im Übermaß verloren gehen, besonders wichtig. Und HUS-Patienten, bei denen die Niere schon nicht mehr richtig arbeitet, brauchen eine Dialyse. Einige deutsche Kliniken setzen zudem den Antikörper Eculizumab ein, der laut Einzelfallberichten gute Erfolge im Kampf gegen HUS erzielt hat. Allerdings hat der Antikörper für dieses Einsatzgebiet keine offizielle Zulassung.

Mit blutigem Durchfall zum Arzt

Grundsätzlich gilt: Je früher eine Behandlung beginnt desto besser stehen die Erfolgschancen. Deshalb empfiehlt das für die Infektionsüberwachung zuständige Robert-Koch-Institut: Personen mit blutigem Durchfall sollten sofort zum Arzt gehen. Ärzte sollten dann einen EHEC-Nachweis im Stuhl anstreben und Betroffene bei den ersten Anzeichen von HUS an geeignete Behandlungszentren, etwa Kliniken, überweisen.

Händewaschen ist wichtig

Zudem warnen die Behörden weiterhin vor dem Verzehr von Tomaten, Salatgurken und Blattsalate. Grundsätzlich wichtig zur Vorbeugung: eine gute Hygiene in der Küche. Waschen Sie Rohkost vor dem Verzehr gründlich ab. Wenn möglich sollten Sie zudem Lebensmittel vor dem Verzehr ausreichend erhitzen. Es gilt: Die Lebensmittel sollten eine Kerntemperatur von mindestens 70 Grad Celsius für 10 Minuten erreichen. Auch Schneidebrettchen und Messer sollten Sie nach dem Benutzen gründlich reinigen. Und nicht vergessen: Vor und nach der Zubereitung und vor dem Verzehr von Essen gründlich die Hände waschen. Einer 2010 veröffentlichten Auswertung im Fachjournal „Lancet“ zufolge trägt häufig schlechte Händehygiene die Schuld am Ausbruch von EHEC-Infektionen.

Hinweis: Das Bundesinstitut für Risikobewertung gibt Tipps für den Schutz vor EHEC-Infektionen.

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