E-Zigarette Special

Sieht aus wie Rauch. E-Ziga­retten geben Dampf statt Rauch ab.

Mit der E-Zigarette zu dampfen, schadet wohl weniger als Rauchen. Um es als harmlos einzustufen, ist es aber noch zu früh. Das zeigt eine Auswertung der bisherigen Studien durch die Stiftung Warentest.

Die Dampfer-Gemeinde wächst

Lisa ist auf die E-Zigarette umge­stiegen. Sie findet den Geschmack besser als Tabakqualm und ist auch sonst „für den Anfang super­zufrieden“. Sie äußert sich in einem Internetforum zur E-Zigarette – wie viele andere Nutzer auch. Sie nennen sich Dampfer. Die Gemeinde wächst. Laut einer Umfrage des Deutschen Krebs­forschungs­zentrums aus dem Jahr 2014 probiert jeder fünfte Raucher die E-Zigarette aus. Der Umsatz in Deutsch­land stieg zwischen 2010 und 2014 laut Branchen­angaben enorm: von 5 auf mehr als 150 Millionen Euro pro Jahr.

Unbe­denk­liche Alternative?

E-Zigarette Special

Zerlegt. E-Ziga­retten lassen sich auseinander­schrauben.

Das dampfende Ding hat viele Fans, aber auch Gegner. Die einen preisen elektrische Ziga­retten als harmlose Alternative zum Rauchen, die Millionen von Menschen­leben zu retten vermag. Die anderen warnen vor unbe­kannten Gesund­heits­gefahren und fürchten, dass geschickte Werbung zur E-Zigarette verführt. Wer verfügt über die besseren Argumente und Fakten, die Befür­worter oder die Kritiker? Die Stiftung Warentest hat die Studien ausgewertet.

Ein Lämp­chen ahmt die Kippenglut nach

Elektrische Ziga­retten brauchen kein Feuer, sondern Strom. Ein Heizelement verdampft Flüssig­keit mit oder ohne Nikotin, Liquid genannt. Nutzer ziehen den Dunst über ein Mund­stück ein (siehe Grafik). Es gibt E-Ziga­retten in vielerlei Ausführung, etwa mit extral­anger Akku­lauf­zeit oder Zusatz­technik, die die inhalierten Züge zählt. Manche Modelle erinnern an Kulis, Asth­masprays, Lippen­stifte, Parfümflaschen oder an normale Ziga­retten. Teils sitzt am Ende ein Lämp­chen, das beim Dampfen aufleuchtet und die Kippenglut nach­ahmt.

Ziga­retten­konzerne sind einge­stiegen

Eine chinesische Firma brachte die erste elektrische Zigarette 2003 auf den Markt. Sie erhielt schnell Konkurrenz. Heute gibt es 466 Marken und 7 764 Geschmacks­richtungen, heißt es in einer Studie, die 2014 im Fachjournal Tobacco Control erschienen ist. „Längst sind die Ziga­retten­konzerne in den lukrativen Markt einge­stiegen“, sagt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebs­forschungs­zentrum. „Big Tobacco will seinen Teil vom Kuchen abhaben“, so die promovierte Ärztin und ausgewiesene Kritikerin der E-Zigarette.

Ein Frucht­hauch zieht in die Nase

Verkauft werden E-Ziga­retten im Internet, zunehmend auch in echten Shops vor Ort. Ein Laden in Berlin: Gleich beim Öffnen der Tür zieht einem zarter Frucht­hauch in die Nase – Spuren der Liquids, die Kunden probedampfen dürfen. Ein deckenhohes Regal birgt E-Ziga­retten-Schachteln. Oben­auf thronen ausgepackte Ansichts­exemplare.

Rund 100 Aromen zur Auswahl

Bei den Liquids stehen rund 100 Aromen zur Wahl: von A wie Apfel über Cappuccino, Cognac, Gummi­bärchen und Käsekuchen bis zu Z wie Zitrone. Die Sorten sind mit oder ohne Nikotin erhältlich und kosten in beiden Varianten 4,95 Euro. „So ein Fläsch­chen entspricht ungefähr 60 Ziga­retten“, sagt der Verkäufer. „Da können Sie ausrechnen, was Sie sparen.“ Die Geräte­ausgaben ab etwa 50 Euro seien schnell wett­gemacht. Manche Raucher wechseln aus Kostengründen zur E-Zigarette. Außerdem, betonen Händler oft, sei sie über­all erlaubt – und gesünder als normale Glimm­stängel.

Noch fehlen Lang­zeit­studien

Nach jetzigem Forschungs­stand schadet Dampfen weniger als Rauchen. Zu diesem Fazit kommt die Stiftung Warentest nach Auswertung der Studien. Das heißt aber nicht, dass die E-Zigarette harmlos ist. Es lässt sich nicht so einfach von den vorhandenen Studien auf alle E-Ziga­retten schließen, weil sich so vielfältige Geräte und Liquids am Markt befinden. Vor allem aber liegen noch keine Daten zu den lang­fristigen Auswirkungen vor. Dringend nötig sind Studien, die über mehrere Jahre laufen – mit vielen Dampfern sowie Rauchern und Nicht­rauchern zum Vergleich.

Nikotin ist nicht das größte Problem

Auch die Gefahren durch Tabak kamen erst mit der Zeit ans Licht. Lange galt Nikotin als das Haupt­problem. Heute wissen Forscher es besser. Professor Anil Batra, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Aktions­kreises Tabak­entwöhnung, sagt: „Nikotin macht süchtig und fördert wohl Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen. Es ist aber nicht die wesentliche schädliche Komponente von Ziga­retten.“ Meist gingen Krankheiten und Todes­opfer auf das Konto giftiger und krebs­er­regender Begleit­stoffe im Qualm.

Nicht zu heiß laufen lassen

E-Zigarette Special

Bei E-Ziga­retten wird kein Tabak verbrannt. Der Dampf enthält laut Studien nur sehr geringe Mengen an Schad­stoffen, die im Ziga­retten­rauch vorkommen. Allerdings gibt es eine Spann­breite, was wohl an Qualitäts­unterschieden der geprüften Geräte und Liquids liegt – und an der Betriebs­temperatur. Die bleibt normaler­weise unter 100 °C und hängt vor allem von der Stromspannung ab. Bei vielen Modellen ist diese auf Werte von etwa 3,7 Volt einge­stellt, was als sicher gilt. Bei manchen Geräten lässt sich die Spannung allerdings wählen.

Bei hoher Spannung Gefahr durch Form­aldehyd

Nutzer schöpfen das Leistungs­vermögen besser nicht voll aus. Für eine Studie, die Anfang 2015 erschienen ist, hatten US-Forscher eine E-Zigarette mit 3,3 sowie 5 Volt betrieben. Bei der nied­rigen Spannung enthielt der Dampf kein giftiges Form­aldehyd – bei der hohen hingegen viel.

Gereizte Atemwege möglich

Form­aldehyd kann aus Propylenglykol entstehen. Diese Flüssig­keit sorgt auch in Diskos für Dampf und macht den Löwen­anteil der E-Ziga­retten-Liquids aus. Ferner können sie Glyzerin, Nikotin und diverse Aromen enthalten. Die Aromen kommen in der Lebens­mittel­industrie zum Einsatz und schaden herunter­geschluckt nicht. Beim Erwärmen und Einatmen kann das ganz anders aussehen. Das unter­streicht die Notwendig­keit von Lang­zeit­studien.

Passivdampfen wohl unpro­blematisch

Laut den bisherigen Daten bekommen Dampfer keine oder höchs­tens geringe und vorüber­gehende Beschwerden: meist Reizungen der Atemwege wie Husten, wohl eine Folge von Propylenglykol. Auch ihre Umge­bung belasten E-Ziga­retten wohl weniger als Filterkippen – zumal sie nicht dauernd vor sich hinqualmen, sondern nur beim Ziehen oder auf Knopf­druck Dampf abgeben. Ferner zeigt eine Studie, dass eine Stunde Passivdampfen die Lungenfunk­tion nicht beein­trächtigt.

Dampfen im Wohn­zimmer

Auch der 50-jährige Kai* aus Berlin darf im Wohn­zimmer ein biss­chen dampfen. „Dort zu rauchen, wäre undenk­bar, aber der E-Ziga­retten-Geruch stört meine Frau nicht.“ Sie schenkte ihm das Gerät zu Weih­nachten – mit Nikotinkau­gummis und einem Buch für werdende Nicht­raucher.

Liquids mit Tabakaroma und Nikotin

E-Zigarette Special

Auftanken. Ein Nutzer füllt neue Flüssig­keit in den Liquidspeicher seiner E-Zigarette.

„Ich wollte schon länger aufhören und habe in diesem Jahr nicht einmal gepafft“, sagt der lang­jährige Zigarillo-Fan Kai. Er empfindet die E-Zigarette als guten Ersatz – sie in der Hand zu halten, zum Mund zu führen, daran zu ziehen und den Dampf in Wölk­chen wieder auszupusten. Weil er den Geschmack nicht missen mag, kauft er Liquids mit Tabakaroma. Anfangs enthielten sie pro Milliliter 18 Milligramm Nikotin, jetzt nur noch 11. „Ich möchte weiter runter und irgend­wann ganz von der E-Zigarette weg“, sagt Kai. Tags­über gelingt ihm das schon – auch weil er es unangenehm findet, im Büro oder vor der Tür die E-Zigarette auszupacken.

Dampfen, um sich das Rauchen abzugewöhnen?

Laut Umfragen versuchen viele, sich per E-Zigarette das Rauchen abzugewöhnen. Wie das klappt, ist noch nicht umfassend über­prüft. Die Cochrane Collaboration, ein globales unabhängiges Forschernetz­werk im Bereich Medizin, wertete 2014 die vorliegenden Studien aus. Nur zwei erfüllten die Qualitäts­stan­dards. Beide Unter­suchungen kommen zu ähnlichen Ergeb­nissen. Eine nutzte Nikotin­pflaster zum Vergleich – und zeigt, dass die E-Zigarette mindestens genauso viel zu bringen scheint. Allerdings waren die Erfolgs­raten insgesamt nied­rig. Nicht einmal zehn Prozent der Teilnehmer schafften es, dank E-Zigarette oder Nikotin­pflaster ein halbes Jahr rauch­frei zu bleiben. Frühere Studien bescheinigen den Pflastern eine höhere Wirk­samkeit. Damals hatten die Teilnehmer meist zusätzlich umfassende psycho­logische Unterstüt­zung bekommen, was die Chance auf Rauch­stopp erhöht.

Sucht bleibt Sucht

Anil Batra vom Wissenschaftlichen Aktions­kreis Tabak­entwöhnung findet den kompletten Verzicht besser, als den Kippen­konsum bloß zu verringern oder dauer­haft auf die E-Zigarette umzu­steigen: „Sucht an sich ist eine Einschränkung der freien Willens­entscheidung.“ Dampfer müssten ihre Gerätschaften bei sich tragen, Akkus laden, Liquid­nach­schub besorgen und immer wieder ihr Verlangen stillen – genau wie Raucher.

E-Zigarette als Einstiegs­droge?

E-Zigarette Special

Verlockend. Oft sind E-Shishas bunt und damit attraktiv für Kinder.

Experten warnen sogar vor der E-Zigarette als Einstiegs­droge für Jugend­liche. Es mehren sich Berichte über Schüler, die E-Shisha dampfen. Die Geräte funk­tionieren wie E-Ziga­retten und ähneln oft knall­bunten Stiften. Pötschke-Langer vom Krebs­forschungs­zentrum kritisiert: „Kinder studieren damit das Rauchritual ein und probieren nikotinfreie Liquids aus. Wird das lang­weilig, steigen sie auf nikotinhaltige Liquids um – oder gleich auf Ziga­retten.“ Das beschere der Tabak­industrie lang­fristig Kund­schaft. „Wer jung zum Nikotin kommt, bleibt oft lebens­lang dabei.“

Politiker fordern bereits Verbot

Eine Umfrage unter US-Schülern stützt den Verdacht – bewiesen ist er noch nicht. Es fehlen Belege aus Studien, dass E-Shishas Kinder zum Rauchen verführen. Verschiedene deutsche Politiker fordern vorsorglich ein Verbot: kein Verkauf mehr von E-Zigarette und Co. an Minderjäh­rige.

Rechts­lage ziemlich unklar

E-Ziga­retten dampfen in einer recht­lichen Grauzone. Kritiker wollten erreichen, dass Geräte und Liquids nur noch in Apotheken erhältlich sind und eine Zulassung dafür brauchen. Sie scheiterten vor Gericht. Die E-Zigarette bleibt weiterhin frei verkäuflich. Umstritten ist, ob sie über­all in Betrieb gehen darf – auch in öffent­lichen Gebäuden, Schulen, Bussen, Bahnen, Flugzeugen, Kneipen und Cafés. Viele Betreiber haben das schon in Ausübung ihres Haus­rechts verboten. Einheitliche gesetzliche Regeln wie für das Rauchen fehlen.

Neue EU-Tabak­richt­linie soll besseren Schutz bringen

Einen besseren Schutz für Nutzer soll die neue EU-Tabak­richt­linie bringen. Sie muss bis Mai 2016 in deutsches Recht umge­setzt sein. Unter anderem dürfen Liquids dann pro Milliliter nur noch maximal 20 Milligramm Nikotin sowie Zusatz­stoffe von hoher Reinheit enthalten. Diese sind auf der Packung genau anzu­geben. Auch die Geräte sollen sicherer werden als bisher. Martina Pötschke-Lange vom Deutschen Krebs­forschungs­zentrum begrüßt die Maßnahmen. „Bisher wissen Verbraucher meist nicht, was sie da eigentlich kaufen.“ Allerdings sei zu bemängeln, dass die neuen Vorschriften nur für nikotinhaltige Liquids gelten – nicht für nikotinfreie.

Fazit: Am besten weder rauchen noch dampfen

Das Fazit aus der Studien­auswertung der Stiftung Warentest: Für Raucher, die sich ohnehin Gesund­heits­gefahren aussetzen, kann die E-Zigarette eine Alternative sein, vielleicht der Einstieg in den Ausstieg. Wen die Sucht aber noch nicht gepackt hat, der lässt am besten beides bleiben: rauchen und dampfen.

* Name ist der Redak­tion bekannt.

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