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Die Arbeit eines Lime-Juicers: Viel Risiko für wenig Lohn

03.09.2019
E-Scooter mieten - Circ, Lime, Tier und Voi im Check
Fragwürdig aufgeladen. Lime lässt die weiß-grünen Elektroflitzer zum Teil von selbst­ständigen „Juicern“ aufladen. Wie im Deutschen kann „Juice“ („Saft“) auch in der eng­lischen Umgangs­sprache für Energie stehen. © Pablo Castagnola

Leicht verdientes Geld und flexible Arbeits­zeiten verheißt Lime seinen „Juicern“. Anders als seine Konkurrenten engagiert das US-amerikanische Unternehmen zum Einsammeln und Aufladen der Roller neben Logistikfirmen und eigenen Angestellten auch Privatpersonen. Über seine App wirbt Lime offensiv Nutzer an. Sie sollen selbst­ständige Juicer werden und leere Elektro-Scooter aufladen, etwa in den eigenen vier Wänden. Wir wollten wissen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten und haben eine Test­person losgeschickt, einen Tag verdeckt als Juicer zu jobben.

E-Scooter mieten Alle Testergebnisse für E-Scooter mieten 2019

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Gewer­beschein interes­sierte Lime nicht

Wer den Schritt ins Juicer-Dasein wagt, muss keine großen Hürden über­winden. Die Registrierung erfolgt direkt in der App, hoch­laden muss unsere Test­person dazu nur ihren Personal­ausweis. Auch ein Gewer­beschein – der Nach­weis einer angemeldeten, selbst­ständigen Tätig­keit – sollte laut Lime vorliegen. Sehen wollte das Unternehmen ihn bei der Registrierung aber nicht. Vielleicht ja bei der kurzen Schulung, die Juicer besuchen müssen, bevor Lime die Lade­kabel heraus­gibt? Fehl­anzeige. Der Vertrag wird unserer Testerin ausgehändigt, ohne dass sie weitere Dokumente vorlegen muss.

Juicer müssen sich selbst versichern

Schon ein erster schneller Blick in das 31-seitige Dokument macht klar: Risiken gehen komplett auf die Kappe der Juicer. Lime fordert von ihnen unter anderem eine Betriebs­haft­pflicht­versicherung, eine Gebäude- und Hausrats­versicherung sowie eine Sach- und Brand­schutz­versicherung. Schließ­lich ist es nicht ausgeschlossen, dass sich Lithium-Akkus und/oder das Ladegerät erhitzen und Feuer fangen. Trotzdem unter­schreibt unsere Testerin den Vertrag. Sie erhält ein Lade­kabel und macht sich auf die Suche nach stromhung­rigen Lime-Scoo­tern.

Schnelles Geld? Fehl­anzeige

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Bild links. Am frühen Abend ist kein leergefahrener Roller in Sicht.
Bild Mitte. Erst ziemlich spät tauchen stromhung­rige E-Roller in der App auf. 4,40 Euro oder 4,50 Euro gibts fürs Aufladen.
Bild rechts. Die aufgeladenen Roller dürfen nur an Knoten­punkten abge­stellt werden. Am nächsten Morgen ist in der Nähe kein Abstell­platz mehr frei. © Screenshot Lime

Für das Einsammeln, Aufladen und Ausliefern eines Scoo­ters erhalten Juicer in Berlin zwischen 4,30 Euro und 4,90 Euro. Allerdings nur, wenn die Scooter voll geladen und bis spätestens 7 Uhr wieder auf der Straße stehen – andernfalls gibt es Abzüge. Die App zeigt Roller ohne Saft an. Unsere Test­person liegt allerdings einige Stunden auf der Lauer, ehe am späten Abend der erste leergefahrene Scooter in der Nähe auftaucht.

Fürs Aufladen bleibt nicht viel Zeit

Nun gilt es, das schwere Gefährt zu Fuß einzusammeln und nach Hause zu rollern. Fürs Aufladen bleibt nicht mehr viel Zeit. Gut fünf Stunden dauert der Lade­vorgang und kostet etwa 10 Cent. Während die potenzielle Kund­schaft noch schläft, wollen wir unseren Roller morgens um 6 ausliefern. Die Flitzer dürfen nur an bestimmten Knoten­punkten abge­stellt werden, maximal vier pro Stand­ort. Schnell wird unserer Testerin klar: Sie ist spät dran. Die meisten Punkte sind schon besetzt, sodass sie lange nach einem freien Platz suchen muss. Erst zwei Minuten vor der Dead­line über­gibt sie den Roller wieder der Allgemeinheit. Müde stellt sie fest: Flexibles und entspanntes Arbeiten sieht anders aus.

Fazit: E-Scooter privat aufladen lohnt sich – jedenfalls für Lime

Die Nacht war kurz, der Verdienst gering. Um auf den gesetzlichen Mindest­lohn zu kommen, muss man vier Roller inner­halb von zwei Stunden einsammeln und ausliefern, die Lade­zeit nicht mitgerechnet. Zu Fuß ist das kaum zu bewältigen. Mit einem Lieferwagen lassen sich zwar mehr Scooter trans­portieren und einige Euro zusätzlich verdienen, allerdings bleiben dann auch die Sprit- und Wartungs­kosten des Fahr­zeugs am Juicer hängen. Dazu kommen Abzüge für Steuern und Versicherungen.

03.09.2019
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