E-Scooter mieten

E-Scooter mieten: Circ, Lime, Tier und Voi im Check

03.09.2019
E-Scooter mieten - Circ, Lime, Tier und Voi im Check
Voi, Lime, Tier und Circ. Diese vier großen Anbieter von E-Scoo­tern haben wir geprüft. © Pablo Castagnola

Mindestens 40 000 E-Scooter waren im August 2019 auf Deutsch­lands Straßen unterwegs, nur wenige Wochen nach dem Okay für die Elektroflitzer. Und die Roller-Verleiher erobern immer mehr Städte. Die Stiftung Warentest hat die vier Anbieter Circ, Lime, Tier und Voi in Berlin unter die Lupe genommen. Unser Test klärt die wichtigsten Fragen: Welche Roller fahren am besten? Wie praxis­tauglich sind die Apps – und wie gehen sie mit Nutzer­daten um? Wer sammelt die E-Roller wieder ein? Und wie sieht die Umwelt­bilanz der flotten Flitzer aus?

E-Scooter mieten Alle Testergebnisse für E-Scooter mieten 2019

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Test­fahrten: Stabil auf Asphalt, wackelig beim Abbiegen

App runter­laden, anmelden, Roller entsperren, losdüsen – sich in deutschen Städten einen der bunten Elektroflitzer zu mieten, ist recht unkompliziert. Wir schickten zwei Tester und eine Testerin in einen Praxis­test, um heraus­zufinden, welche E-Scooter am meisten Fahr­spaß bringen. Sie mieteten und fuhren die Roller der vier großen Anbieter Circ, Lime, Tier und Voi. Seit Ende August vermietet auch das US-Unternehmen Bird in mehreren deutschen Städten E-Scooter. Geprüft haben wir diesen Anbieter nicht, da er zum Zeit­punkt unseres Tests noch nicht in Berlin aktiv war.

Steck­briefe Die Ergebnisse für die vier getesteten Verleihdienste im Überblick
Tabelle Die Angebote der vier Dienste im Detail

Auf Kopf­stein­pflaster ist der Spaß vorbei

Unsere Tester fuhren alle E-Scooter auf einer vorgegebenen Strecke in der Berliner Innen­stadt, die sich durch unterschiedliche Straßenbeschaffenheit auszeichnete und auch eine Steigung enthielt. Sobald sie ebenen Unter­grund verließen, war der Fahr­spaß vorbei. Auf holp­rigem Kopf­stein­pflaster wurden sie teil­weise so durch­geschüttelt, dass sie die Fahrt wegen Sicher­heits­bedenken abbrachen und die Scooter auf dem Gehweg schoben.

Bord­steinkanten schwierig zu über­winden

Hier ergab sich das nächste Problem: Die 19 bis 21 Kilogramm schweren E-Roller lassen sich nur mit Mühe auf Bürger­steige wuchten. Dabei kann die Unterseite des Tritt­bretts, in dem sich der Akku befindet, gegen die Bord­steinkante knallen. Wie lange die Batterien solche Erschütterungen mitmachen, ist unklar.

Die Ergeb­nisse in Kürze

Als besonders über­sicht­lich erwiesen sich die Apps von Circ und Tier. Tier über­zeugte mit seinen Fahr­eigenschaften am meisten. Die Preise für Fahrten mit E-Scoo­tern sind hoch. Zehn Minuten kosten mindestens 2,50 Euro – noch etwas teurer ist Lime. Für alle vier Anbieter gilt: Ihr Beitrag zu einem sauberen Stadt­verkehr ist bisher über­schaubar.

Tipp.
Deutlich güns­tiger und umwelt­schonender sind Sie mit den Miet-Rädern von Nextbike und Call a Bike unterwegs – die besten Anbieter in unserem Bikesharing-Test.

Hand­zeichen geben – gar nicht so einfach

Auch in einem anderen Punkt waren sich unsere Test­personen einig: Das Abbiegen ist eine gefähr­liche Angelegenheit, die Scooter sind für Hand­zeichen und einhändiges Fahren viel zu wackelig.

Tipp: Bevor Sie mit dem E-Scooter die Spur wechseln, ausweichen oder abbiegen, sollten sie lang­samer fahren und einen Blick über die Schulter werfen.

Tier insgesamt mit den besten Fahr­eigenschaften

Die Fahr­eigenschaften des Tier-Rollers über­zeugten noch am meisten und selbst für unseren zwei Meter großen Tester war der Lenker hoch genug. Anders ist das beim Circ-Modell, das für sehr große Menschen zu klein ist. Die Elektro-Roller verfügen entweder über je eine Hand- und Fußbremse (Lime, Voi) oder über zwei Hand­bremsen (Circ, Tier). Die Hand­bremsen lassen sich tendenziell einfacher bedienen als die Fußbremsen. Denn die Tritt­bremse erfordert etwas mehr Übung und Balance.

Einige Scooter mit Macken

Obwohl sie erst seit einigen Wochen durch die Straßen sausten, sahen mehrere Scooter zum Zeit­punkt unserer Stich­probe im Juli bereits mitgenommen aus. Mal war die Klingel kaputt, mal der Lenker verzogen, mal funk­tionierte eine der beiden Bremsen nicht ordentlich. Oft waren die Rahmen lädiert.

Roller mieten: Teils teurer als Cars­haring

Die oft ruckelige Fahrt auf dem E-Scooter wird selbst bei kurzen Stre­cken richtig teuer. Zu einer Entsperr­gebühr von einem Euro kommen bei allen vier Anbietern in unserer Unter­suchung saftige Minuten­preise dazu. Je nach Stadt liegen sie zwischen 15 und 25 Cent pro Minute. Der Anbieter mit den höchsten Preisen ist Lime. Stundenpakete bietet derzeit nur Circ an. Zum Beispiel zwei Stunden für 9 Euro, bei Lime würde das bis zu 31 Euro kosten.

ÖPNV, Cars­haring, Bikesharing – was ist güns­tiger?

Wir haben die Preise für eine kurze sowie für eine längere Strecke in Berlin exemplarisch für ausgewählte Mobilitäts­anbieter verglichen. Die Roller kommen im Preis­vergleich auf kurzen Stre­cken nicht gut weg:

E-Scooter mieten - Circ, Lime, Tier und Voi im Check
© Stiftung Warentest / René Reichelt

Keine Mitfahr­gelegenheit

Die Roller sind sogar teurer als der Cars­haring-Anbieter Miles, der kilo­meter­weise abrechnet. Am güns­tigsten ist Nextbike, der Sieger unseres Bikesharing-Tests. Anders als gemietete Autos oder Elektro-Roller von Coup und Emmy dürfen E-Scooter außerdem nur alleine genutzt werden. Wer zu zweit rollern will, zahlt also auch doppelt. Bei den vier untersuchten Anbietern können Nutzer immer nur einen Roller pro App ausleihen.

Wie nutzerfreundlich sind die Apps von Circ, Lime, Tier und Voi?

An sich ist es ziemlich einfach, per App einen E-Scooter klar­zumachen. Aber welche App ist besonders nutzerfreundlich? Das prüften zwei Experten für die iOS-Versionen der vier Anbieter-Apps. Sie bewerteten unter anderem, wie einfach die Anmeldung ist und wie über­sicht­lich die Apps gestaltet sind. Außerdem haben sie sich angesehen, welche Informationen die Apps zur Miete, zu den Scoo­tern und deren Stand­orten liefern.

Bildergalerie: So funk­tioniert die Miete eines E-Scoo­ters

Apps lassen sich einfach hand­haben, mucken aber hin und wieder

Das Fazit unserer Experten: Alle vier Apps lassen sich recht einfach installieren und nutzen. Die Apps von Circ und Tier waren besonders über­sicht­lich. Dennoch gab es mit allen Apps im Praxis­test immer mal wieder Probleme. Mal klappte das Entsperren des Scoo­ters nicht, mal die Rück­gabe. Oder es entstanden Kosten, obwohl Scooter nicht entliehen werden konnten.

Verbraucherzentralen kritisieren unzu­lässige Klauseln

Die Allgemeinen Geschäfts­bedingungen (AGB) sind in den Apps von Lime, Tier und Voi nur mit Mühe zu finden. Und auch inhalt­lich sind sie problematisch: Ende August hat der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) die vier E-Scooter-Verleiher sowie den E-Bike-Anbieter Jump Bicycles abge­mahnt. Der Grund: Unzu­lässige Klauseln in den Nutzungs­bedingungen. Die Verbraucherschützer kritisierten unter anderem, dass einige Anbieter „ihre Pflicht zur regel­mäßigen Wartung und Inspektion sogar voll­ständig auf die Kunden“ abwälzen, etwa die Kontrolle der Bremsen, Beleuchtung und des Akkus vor Fahrt­antritt. Das könnten Verbraucher in der Regel gar nicht fachgerecht ausführen, so der Bundes­verband der Verbraucherzentralen. Laut vzbv hat Circ bereits eine Unterlassungs­erklärung abge­geben und Tier die Bedingungen geändert. Andere Anbieter wollen nach­ziehen.

Nutzer zahlen auch mit ihren Daten

Ohne die Auswertung und Über­mitt­lung von Daten wie Stand­ort- oder Zahlungs­daten funk­tionieren die Miet­systeme der E-Scooter nicht. Das ist klar. Doch welche Daten werden sonst noch erhoben, wenn jemand einen Roller mietet? Und wie gehen die Apps mit den Nutzer­daten um? Unsere IT-Experten haben den Daten­strom zwischen Apps und Servern im Internet ausgelesen. Sie kommen zu dem Fazit: Die Apps senden mehr Daten als notwendig und sind auch darauf ausgelegt, viele Nutzer­daten einzusammeln.

„Device Fingerprint“ ermöglicht Identifizierung des Smartphones

Die vier geprüften Apps über­mittelten in der Android- sowie iOS-Variante beispiels­weise einen sogenannten „Device Fingerprint“. Dabei handelt es sich um einen Satz verschiedener Geräte­daten, der so individuell ist, dass damit das Smartphone des Nutzers identifiziert werden kann. Wir halten das für kritisch, da über­flüssig. Die Anbieter fragen zur Identifizierung des Nutzers bereits Hand­ynummer oder E-Mail-Adresse ab.

Analyse-Werk­zeuge lesen bei allen Apps mit

Außerdem entdeckten wir, dass bei allen Apps sogenannte Tracker mitlesen. Diese Analyse-Werk­zeuge, zum Beispiel von Facebook oder Google, beob­achten und analysieren, wie sich Nutzer in der App bewegen. Bei allen vier Anbietern im Test entrichten Nutze­rinnen und Nutzer also nicht nur einen hohen Preis für die Fahrten – sie zahlen darüber hinaus auch noch mit ihren Daten.

Umwelt­bilanz der Roller: Noch ziemlich dreckig

Die Hoff­nung auf ein umwelt­freundliches Verkehrs­mittel enttäuschen die Miet-Scooter derzeit noch: Denn jede Nacht werden deutsch­land­weit Tausende E-Scooter oft von Trans­portern einge­sammelt, an zentraler Stelle geladen und gewartet – und dann früh morgens wieder auf die Straße gebracht. Auch das versaut ihre Umwelt­bilanz, haben Wissenschaftler der North Carolina State University fest­gestellt. Sie ermittelten die Emissionen für Verleih­roller in der US-amerikanischen Stadt Raleigh, North Carolina. Ihr Fazit: Bei Verleih-Scoo­tern entstehen Emissionen vor allem durch Produktion und Auflade-Logistik.

So ließe sich die Umwelt­bilanz verbessern

Für eine bessere Umwelt­bilanz empfehlen die Autoren der US-Studie:

  • Lebens­dauer verlängern. Je länger ein Roller hält, desto mehr relati­viert sich die energie- und ressourcen­aufwendige Herstellung. Doch im Ausland hielten Verleih-Scooter oft nur wenige Monate durch. Alexander Jung vom Mobilitäts-Think­tank Agora Verkehrs­wende führt das darauf zurück, dass die im Ausland einge­setzten Modelle für den Privatgebrauch konstruiert und den Belastungen des Leih­betriebs nicht gewachsen waren. „Die in Deutsch­land vermieteten Scooter sind für den Verleih­betrieb gebaut und deutlich robuster“, sagt Jung. Zum Zeit­punkt unseres Tests waren die Roller erst wenige Wochen auf Berlins Straßen unterwegs, dennoch sahen sie zum Teil schon recht mitgenommen aus.
  • Trans­porte verkürzen. Bei der Logistik rund ums Aufladen der Scooter lassen sich Emissionen einsparen, etwa durch kürzere Trans­portwege mit sauberen Fahr­zeugen. Auch denk­bar: Akkus, die vor Ort getauscht werden können, zum Beispiel mithilfe von Lasten-E-Bikes. Voi plant nach eigenen Angaben, in Zukunft ein Roller-Modell mit austausch­baren Batterien auf die Straße zu bringen.

Noch unklar, welche Verkehrs­mittel die E-Scooter ersetzen

Welchen Beitrag die E-Scooter zu einem umwelt­freundlichen Verkehr in Städten leisten, hängt wesentlich davon ab, welche Verkehrs­mittel sie ersetzen. „Es fehlen seriöse Unter­suchungen, um den Nutzen der Roller zuver­lässig abzu­schätzen“, sagt Martina Hertel vom Deutschen Institut für Urba­nistik. Nach ersten Erkennt­nissen zur Nutzung durch die Unter­nehmens­beratung Civity legen die Scooter bislang Stre­cken von knapp zwei Kilo­metern zurück, ersetzen Autos also tendenziell nicht.

Umwelt­schonendere Alternativen zum Miet-Scooter

E-Scooter im Privatbesitz haben vermutlich eine bessere Umwelt­bilanz. Bei ihnen entfallen die Trans­porte für Aufladen und Wartung. Außerdem ist eine längere Lebens­dauer anzu­nehmen, da sie weniger häufig genutzt und von ihren Besitze­rinnen und Besitzern in der Regel besser behandelt werden. In fast allen Städten, in denen die Verleih-Scooter rollen, stehen als Alternative auch Mieträder von Nextbike und Call a Bike. Mit den Rädern der beiden besten Anbieter aus unserem Bikesharing-Test ist man nicht nur umwelt­freundlicher, sondern auch deutlich güns­tiger unterwegs.

Einsammeln, Warten, Aufladen: Wen die Verleiher dafür einspannen

Dass bisher der gesamte E-Scooter zum Laden an die Steck­dose muss, verschlechtert die Umwelt­bilanz der Roller und stellt die Anbieter vor eine enorme logistische Heraus­forderung. Wir haben Circ, Lime, Tier und Voi befragt, wie sie diese bewältigen. Die vier teilten uns mit fürs Einsammeln und Aufladen der Scooter, auf fest­angestellte Mitarbeiter und auf Logistik­partner zu setzen, die wiederum zum Teil Studenten und Mini-Jobber anheuern. Ob diese für den Knochenjob fair entlohnt werden, konnten wir nicht über­prüfen.

Lime arbeitet mit selbst­ständigen „Juicern“

Lime ist derzeit der einzige der vier Anbieter, der zusätzlich Privatpersonen einspannt. In der App ködert Lime Nutzer: „Verdiene bis zu 150 Dollar pro Tag. Lade Lime als Juicer wieder auf.“ Als Selbst­ständige sollen sie E-Scoo­tern zu Hause neuen Saft geben. Wir haben es ausprobiert und fest­gestellt: Limes Juicer arbeiten unter fragwürdigen Bedingungen (Die Arbeit eines Lime-Juicers).

03.09.2019
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