Den großen Rock-Idolen nacheifern. Mit der Elektrogitarre und einem Verstärker auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich. Aber was taugen die preiswerten Startersets?

Der Wunsch, nicht nur laut Musik zu hören, sondern auch selbst zu spielen, erwacht bei Jugendlichen oft im Alter von etwa zwölf Jahren. Im Mittelpunkt des Interesses steht dann häufig eine Elektrogitarre. Dem Saiteneinsteiger hilft, dass sich auch ohne Notenkenntnisse und langes Pauken rasch Erfolge einstellen. In Grifftabellen aufgezeichnete Akkorde können mit ein wenig Übung nachgespielt werden – drei Griffe reichen, um eine Bluesband zu gründen, wie Spötter meinen. Es gibt verständlich abgefasstes Lehrmaterial wie Bücher, CDs und DVDs, die dem Anfänger Spielfreude und Erfolgserlebnisse vermitteln – teilweise ist solches Material den Startersets bereits beigefügt.

Wir prüften 18 Elektrogitarren-Sets, mit Verstärker und Zubehör zu Preisen zwischen etwa 100 und 300 Euro. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was Profigitarren ohne Zubehör kosten. Die je nach Version einige Tausend Euro teuren amerikanischen Originale Fender Stratocaster oder Gibson Les Paul gibt es bereits seit rund 50 Jahren. Und beinahe so lange werden auch deren Kopien zu erschwinglicheren Preisen angeboten. Heute kommen sie meist aus China. Keineswegs nur unter fantasievollen Eigennamen, sondern auch als Lizenzfertigungen namhafter Anbieter, wie unser Test zeigt. Mit Squier (Fender) und Epiphone (Gibson) sind selbst die „Originale“ vertreten. Die Vertriebswege der Startersets reichen vom Versandhauskatalog über Internetanbieter und Musikfachgeschäfte bis hin zur Aktionsware vom Discounter. Wir prüften, was junge Musikfreunde für ihr Taschengeld erwarten dürfen.

Nicht nur schwarze Stratocaster

Startersets enthalten eine E-Gitarre, meist in der Form Stratocaster, und einen 10- bis 15-Watt-Transistorverstärker. Seltener sind Gitarren in Les-Paul- und SG-Form sowie in Sunburst-Lackierungen. Alle drei sind flache Solidbodys, haben also keinen Resonanzkörper wie etwa Jazzgitarren.

Abgerundet werden die Pakete durch nützliches Zubehör wie Gurt, Kabel und Plektren, meistens eine Tragetasche und bei einigen ein Stimmgerät. Bei insgesamt sieben Gitarren-Sets lag Lehrmaterial als Buch, CD oder DVD bei, in vier Fällen allerdings nur in Englisch. Ausstattungen und Besonderheiten der Sets finden Sie in der Tabelle.

Die Bespielbarkeit der Gitarren wurde von sechs Probanden, vom jugendlichen Anfänger bis zum professionellen Studiomusiker, beurteilt; als Referenz dienten eine „echte“ Fender Stratocaster und ein hochwertiger Music-Man-Röhrenverstärker. Die Höhe der Saiten über dem Griffbrett (Saitenlage) war außer bei der Weinberger- und der Tenson-Gitarre schön flach eingestellt. Anders die Einstellung der Oktavreinheit. Gitarren mit schlechter Einstellung klingen vor allem beim Spiel auf den höheren Bünden verstimmt. Eine Verbesserung bringt die Längsverstellung der Saitenreiter am Steg. Die Instrumente von Aria, Ibanez und Harley Benton waren in diesem Punkt bereits im Auslieferungszustand optimal. Als nicht einstellbar erwies sich dagegen die Oktavreinheit der Weinberger-Gitarre von Real.

Die Stratocaster-Gitarren haben ein Vibratosystem, wo durch Zug und Druck am Vibratohebel („Jammerhaken“) die Tonhöhe verändert werden kann. Die dadurch ständig wechselnde Saitenspannung führt jedoch dazu, dass sich solche Gitarren schneller verstimmen. Die Strats verfügen über drei Tonabnehmer, in der Regel Singlecoils, aber auch Kombinationen mit Humbuckern, die per 5fach-Schalter unterschiedlich kombiniert werden können. Les Paul und SG haben zwei Humbucker, die weniger störempfindlich sind, und einen 3fach-Schalter. Die Hals-Tonabnehmer klingen dumpfer und weicher, die am Steg brillanter und härter.

Mit Gurt ausprobieren

Die Testspieler beurteilten Handhabung und Bespielbarkeit aller Gitarren. Damit persönliche Vorlieben die Wertung nicht beeinflussen, wurden die Modellnamen an den Kopfplatten überklebt – auch bei der Referenzgitarre. Die Squier Affinity Strat kam im Urteil der Probanden der Referenz-Stratocaster recht nahe. Aber auch Aria und Ibanez sammelten kräftig Pluspunkte. In der Gruppe Les Paul/SG landet die Epiphone Special knapp vor der Harley Benton-SG. Die SG war darüber hinaus schlecht austariert: Der obere Gurtknopf war so weit hinten im Korpusboden platziert, dass die Gitarre im Stehen kaum spielbar war. Nachdem wir ein neues Loch gebohrt und den Gurtknopf oberhalb der Halsplatte eingeschraubt hatten, blieb nur noch eine leichte Kopflastigkeit – und ein unschönes Loch im Boden.

Die Dean-Gitarre (Les-Paul-Form) wiegt nur 2,7 Kilogramm. Wegen des Korpus aus leichtem Paulowina-Holz zieht der Hals allerdings nach unten, die Gitarre ist kopflastig. Mit satten vier Kilogramm ist die Jack & Danny von Music Store deutlich schwerer. Sie hängt jedoch so gut ausbalanciert am Gurt, dass das Gewicht kaum unangenehm auffällt. Bei den Stratocastern gab es keine Probleme mit der Balance. Dank des Gurtpins, der am asymmetrisch verlängerten Oberhorn des Korpus angebracht ist, hängen die „Strats“ gut in der Waage. Zur Verbesserung der Ergonomie sind viele Stratocaster-Gitarren an der Rückseite ausgeformt und an der Decke im Auflagebereich des Ellenbogens abgeschrägt. Die Gewichte der Stratocaster-Modelle reichen von 2,9 bei der Dimavery bis zu 4,2 Kilogramm. Jede E-Gitarre sollte vor dem Kauf also immer auch mit Gurt ausprobiert werden, um das Gewicht und die Balance zu beurteilen.

Verstärker – Amp – Combo

In der geprüften Leistungsklasse sind bei allen Gitarrenverstärkern Vorverstärker, Endstufe und Lautsprecher in einem gemeinsamen Gehäuse untergebracht. Die Begriffe Verstärker oder Amp (von Amplifier, englisch für Verstärker) sind gebräuchlich, präziser ist für diese Bauart die Bezeichnung Combo. Ob 10 oder 15 Watt – für den Proberaum, geschweige denn für die Bühne, sind selbst „gute“ Testverstärker, wie der Marshall MG 15 CDR zu schwach. Besonders die verzerrungsfreie Lautstärke war bei einigen sehr gering. Andere reichen jedoch zum Üben zuhause. Alle Verstärker haben einen Kopfhöreranschluss – das sichert den Frieden mit Nachbarn und Mitbewohnern auch beim nächtlichen Proben. Der flache Epiphone-Combo (siehe Foto) klingt über den eingebauten Lautsprecher sehr dürftig. Leider hat keiner der geprüften Verstärker einen Anschluss für eine bessere, externe Box. Wer ungestört aufdrehen darf, sollte sich und andere aber tunlichst nicht direkt „anblasen“: In einem Meter Entfernung erzeugen die kleinen Brüllwürfel bis über 100 Dezibel. Bei längerem Gebrauch sind deshalb Hörschäden absehbar (siehe „Lautstärke“).

Über einen Line-Eingang, den immerhin sieben Verstärker bieten, kann Begleitmusik, zum Beispiel vom CD-Player, eingespielt werden. Alle geprüften Verstärker verfügen auch über einen Overdrive-­Kanal für verzerrte Sounds. Wünschenswert ist ein separater Lautstärkeregler für den Overdrive-Kanal.

Drei geprüfte Verstärker haben eine regelbare Hallstufe. Die von Marshall und Fame sind recht gut, während die Hallspirale des Ibanez unnatürlich klingt. Alle getesteten Sets bieten die Möglichkeit, Effektgeräte zwischen die Gitarre und den Verstärker zu schalten.

Schonend aufbewahren

Die gepolsterte Tragetasche (Gigbag) mit Handgriff und Umhänge- oder Rucksackgurten ist nicht nur eine praktische Transporthilfe für den Weg zum Übungsraum, sie dient auch der schonenden Aufbewahrung der Instrumente zu hause. Die mögen nämlich weder heftige Klimawechsel noch direkte Sonnenbestrahlung oder eine zu feuchte oder zu trockene Umgebung. Auch Handschweiß greift die Oberflächen an. Nach dem Spielen empfiehlt sich deshalb die Reinigung mit einem weichen, trockenen Tuch. Schmutz und Korrosion auf den Saiten verschlechtern auch den Klang. Vor dem Aufziehen frischer Saiten sollten auch die Bundstäbchen gereinigt und unlackierte Griffbretter mit Pflegeöl behandelt werden.

In den geprüften Sets fanden sich mehr gute Gitarren als gute Verstärker. Nützlich zu wissen, dass man die Elektrogitarren aus den Paketen meist auch einzeln kaufen kann (genaue Bezeichnung siehe Tabelle). Wer Ambitionen hat, in einer Band zu spielen, braucht ohnehin beim Verstärker mehr Power. Gutsortierte Musikgeschäfte stellen auf Nachfrage gern auch individuelle Pakete zusammen.

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