Interview: Sicher mit dem Pedelec unterwegs

Dr. Wolf­ram Hell erforscht an der LMU München schwere und tödliche Verkehrs­unfälle.

Von den 2019 tödlich verunglückten Radfahrern waren rund 20 Prozent auf Pedelecs unterwegs. Dabei sind nur gut 7 Prozent der Fahr­räder in Deutsch­land Elektroräder. Wir haben zwei Experten gefragt, warum das so ist und wie man sich schützen kann.

Herr Dr. Hell, der Anteil verunglückter Radfahrer ist bei Pedelecs höher als bei normalen Rädern. Sind sie also gefähr­licher?

Dr. Wolf­ram Hell: Ja, es sieht so aus. Eine Auswertung der Unfall­daten aus Deutsch­land hat gezeigt, dass das Sterberisiko auf einem Pedelec auch unter Berück­sichtigung der oft höheren Fahr­leistung signifikant höher ist als auf einem Fahr­rad. Das gilt auch für Verletzungen, wie eine Schweizer Studie fest­gestellt hat. Sie ordnet das Verletzungs­risiko mit einem E-Bike eher dem eines Motorrads als eines Fahr­rads zu.

Pedelec-Fahrer sind tendenziell älter. Welchen Einfluss hat das?

Hell: Das Verletzungs­risiko ist bei Menschen über 60 vier Mal höher als bei 20-Jährigen, vor allem für schwere Frakturen des Oberschenkelhalses, der Speiche im Bereich des Hand­gelenks oder der Rippen. Die Pedelec-Zielgruppe muss daher besonders an ihre Sicherheit denken.

Als Sicher­heits­maßnahme wird oft eine Helm­pflicht für Pedelecs diskutiert. Ist das medizi­nisch sinn­voll?

Hell: Absolut. Ein Helm ist allerdings für alle Menschen ab 45 Jahren ganz besonders sinn­voll, egal, ob sie Rad oder Pedelec fahren. Im Alter sind Gefäße im Gehirn weniger elastisch, hinzu kommen oft blut­verdünnende Medikamente. Beides erhöht beim Sturz das Risiko schwerer Hirn­verletzungen. Dennoch tragen gerade mal 10 Prozent der über 60-jährigen Frauen und 17 Prozent der Männer einen Helm. In Schweden wird ungefähr die Hälfte der schweren Kopf­verletzungen verhindert, weil 70 Prozent der Radelnden freiwil­lig Helm tragen.

Welche körperlichen Voraus­setzungen sollten Pedelec-Fahrer erfüllen?

Hell: Dreh­barkeit des Kopfes sowie gutes Hör- und Sehvermögen – und natürlich die Fähig­keit, in kritischen Situationen schnell zu reagieren. Muss jemand den Führer­schein abgeben, weil er das nicht mehr kann, und steigt dann aufs Pedelec um, ist das der falsche Schritt.

Dirk Zedler untersucht als Sach­verständiger für Fahr­räder und Pedelecs tech­nische Unfall­ursachen.

Herr Zedler, Sie unter­suchen Unfälle mit Fahr­rädern. Ist manchmal auch das Pedelec selbst Ursache?

Dirk Zedler: Das kommt nur selten vor. Manchmal kommt es zum Sturz, weil der Motor nach­läuft oder weil das Pedelec beim Berühren der Pedale im Stand einen Satz nach vorne macht. Das passiert manchmal bei sehr preis­werten Pedelecs.

Die Motoren helfen bis 25 km/h mit. Ist das für manche zu viel?

Zedler: Nicht die Geschwindig­keit, sondern die immer höheren Drehmomente der Motoren schaffen Gefahren­potenzial. Sie führen zu extremen Beschleunigungen, mit denen die Pedelecs auf den ersten Metern locker ein Auto abhängen. Solche Motoren waren für E-Mountain­bikes gedacht, sind nun aber auch in Tiefein­steigern zu finden. Für Menschen, die nicht ganz fit sind oder sich mit einem Pedelec ans Radfahren wagen, ist das unge­wohnt und gefähr­lich. Für sie wäre ein schwächerer Antrieb besser.

Aber man kann ja noch bremsen.

Zedler: Tatsäch­lich können das sehr viele Radfahrer nicht. Vorder- und Hinterradbremse bedienen, Po nach hinten, vorne das Körpergewicht abstützen, sicher stehen – und das blitz­schnell, aber nicht in Panik. Dieser komplexe Bewegungs­ablauf bedarf Übung. Tatsäch­lich üben nur wenige mit ihrem Rad eine Voll­bremsung.

Wie übt man kritische Situationen mit seinem Pedelec am besten?

Zedler: Optimal sind Fahr­sicher­heits­trainings, bei denen Gefahrensituationen unter Anleitung geübt werden. Die gibts speziell für Pedelecs. Es hilft aber auch schon, sich selbst lang­sam an die Voll­bremsung ranzutasten und zu schauen, wie das Rad reagiert. Gute Übungen sind auch, ganz lang­sam zu fahren oder möglichst enge Achten um zwei Flaschen. Und das dann mal mit richtig schweren Pack­taschen am Gepäck­träger wieder­holen. Das geht auf jedem Park­platz, macht den Umgang mit dem Pedelec spielerischer – und so oft auch sicherer.

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