Dubiose Tippgemeinschaften Meldung

Alex Jolig, bekannt aus Big Brother, ist ­heute Marketing-Direktor und Aushängeschild bei Super 77. Das Angebot der Firma ist teuer, aber kein Fall für den Staatsanwalt.

Die Deutsche System Lotto prellte Spieler um Millionen. Das ist Grund genug, auch anderen ­Lottodiensten einmal auf den Zahn zu fühlen.

Der Traum vom Lottoglück dürfte für die Mitspieler und Initiatoren der Deutschen System Lotto vorbei sein: Die Geschäftsführer sind verhaftet, die Lottospieler um ihr Geld geprellt.

Finanztest warnte schon im April-Heft vor System Lotto. Und seit kurzem ermittelt nun ­eine Sonderkommission der Krefelder Kriminalpolizei.

Sie wirft System Lotto vor, Tausende Lottospieler betrogen zu haben. „Wir schätzen den Schaden auf mehrere Millionen Euro“, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Dieter Menden Mitte Juli. Er geht davon aus, dass System Lotto für die Mitgliedsbeiträge keine Lottoscheine gekauft, sondern das Geld in die eigene Tasche gesteckt hat.

Ebenfalls Mitte Juli erwartete Rosa Schulz* aus Garmisch-Partenkirchen 10 000 Euro von System Lotto. In einer schmucken Garantieerklärung, verziert mit dem Bundesadler, hatte ihr die Firma zugesichert: Wenn sie ein Jahr lang keinen 5er oder 6er im Samstagslotto gewinnt, bekommt sie 10 000 Euro.

Auf das Geld muss Rosa Schulz nun wohl verzichten. Denn die Drahtzieher von System Lotto sitzen in U-Haft, der Geschäftsbetrieb ist eingestellt.

Auf Kundenfang ging die Firma nicht nur mit Garantieerklärungen, sondern auch mit verdächtig günstigen Preisen. Rosa Schulz zahlte ein Jahr lang 18 ­Euro wöchentlich. Als Gegenleistung sollte ein Treuhänder für sie jede Woche 180 ausgefüllte Lottokästchen – das entspricht 15 komplett ausgefüllten Tippscheinen – beim bekannten Samstagslotto einreichen.

Am Kiosk hätte sie für 15 vollständig ausgefüllte Lottoscheine mehr bezahlt, nämlich mindestens 135 Euro pro Woche. Den Schnäppchenpreis erklärten Mitarbeiter von System Lotto mit Rabatten, die sie angeblich beim Deutschen Lotto- und Totoblock erhielten.

„Alles Quatsch: Rabatte und Sonderkonditionen gibt es bei uns nicht“, sagt dagegen Alexander Malwitz von Westlotto, einem Mitglied des Deutschen Lotto- und Totoblocks.

Gefährlicher Abbuchungsauftrag

Dubiose Tippgemeinschaften Meldung

Die Tippgemeinschaften Super 77, ­System49 und Tipp 21 werben mit ­unserem Schriftzug – aber mit falschen Farben. Wir haben keine der Firmen getestet, auch wenn im Werbematerial dieser Eindruck entstehen sollte.

Noch schlechter als Rosa Schulz erging es Holger Müller*. Bei ihm buchte System Lotto doppelt Geld vom Konto ab. Als er das Geld über seine Bank wieder zurückholen wollte, machte er eine bittere Erfahrung. Er hatte nämlich nicht, wie er dachte, eine Einzugsermächtigung unterschrieben, sondern einen Abbuchungsauftrag.

Das hört sich ähnlich an, hat aber Nachteile: Der Abbuchungsauftrag kann nur 48 Stunden widerrufen werden und diese Frist war bei Müller schon verstrichen. Eine Einzugsermächtigung lässt sich dagegen sechs Wochen lang rückgängig machen.

Möglich waren die Abbuchungen, weil er System Lotto eine Art Blanko-Abbuchungsauftrag erteilt hatte. In dem Abbuchungsauftrag stand nicht, wie viel Geld der Lottodienst von seinem Konto abbuchen darf. Stattdessen unterschrieb Müller den Satz: „Hiermit bitte ich, meine monatlichen Spieleinsätze, die von der Deutsche System Lotto für uns bei Ihnen eingehenden Lastschriften (Abbuchungsauftrag) zu Lasten meines Kontos ... einzulösen.“

Durch den Abbuchungsauftrag hatte Holger Müller seiner Hausbank den Auftrag erteilt, eingehende Abbuchungen von System Lotto auszuführen.

Bei einer Einzugsermächtigung wäre es umgekehrt. Hier würde System Lotto über ihre Bank Geld von Holger Müllers Konto einziehen. Seine Hausbank kann die Richtigkeit der Lastschrift nicht überprüfen. Deswegen darf er der Lastschrift sechs Wochen lang widersprechen und das Geld zurückholen.

Für Geprellte wie Rosa Schulz und Holger Müller gibt es ein kleines Trostpflaster: Die Staatsanwaltschaft hat Bankguthaben der Deutschen System Lotto in Höhe von 1,4 Millionen Euro eingefroren und 50 000 Euro Bargeld ­sichergestellt.

Ob die beiden von diesem Geld etwas bekommen, kann Oberstaatsanwalt Menden noch nicht sagen. „Wir müssen überhaupt erst mal wissen, wie viele Geschädigte es gibt. Wir empfehlen allen, die Verträge mit der Deutschen System Lotto haben, bei ihrer örtlichen Polizei Anzeige wegen Betrugs zu erstatten.“

Wer sein Geld zurückholen will, muss vor Gericht. Erste Klagen sind schon in Vorbereitung. Rechtsanwalt Werner A. Meier aus München plant über den Weg der subjektiven Klagehäufung eine Art Sammelklage gegen System Lotto.

„Wenn alle Betroffenen den gleichen Streitgegenstand und Gerichtsstand haben und auch gegen den gleichen Beklagten vorgehen wollen, können sie gemeinsam klagen“, sagt er. Die Kosten dafür hängen vom Streitwert ab. Spieler, die ein Jahr lang Mitspielbeiträge von 864 Euro bezahlt haben, müssen mit rund 160 Euro rechnen.

„Schwarze Lotterie“

Nicht nur gegen die Deutsche System Lotto ermittelt die Staatsanwaltschaft. Auch auf Lottoteam, nach eigenen Angaben eine der größten Spielgemeinschaften in Europa, konzentrieren sich die Ermittler. „Wir haben den Verdacht, dass Lottoteam illegales Glücksspiel betreibt und Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat“, sagt der Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Bernhard Englisch.

Lottoteam betreibe laut Staatsanwalt eine „schwarze Lotterie“. Solche Firmen gäben keine Lottoscheine ab, sondern orientierten sich nur an den echten Lottozahlen. Tippe ein Mitspieler richtige Zahlen, erhalte er von Lottoteam die Gewinne entsprechend den Quoten des bekannten Samstags- und Mittwochslottos. Ärgerlich ist diese Masche vor allem für den Staat und gemeinnützige Organisationen. Denn ihnen geht so Geld durch die Lappen – immerhin über 40 Prozent von jedem Lottoeinsatz. So viel müssen seriöse Lotterien an den Finanzminister und an gemeinnützige Organisationen überweisen.

Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat einiges an den Geschäftspraktiken von Lottoteam auszusetzen. „Lottoteam lässt durch eine Telefonmarketing-Firma Verbraucher in ihrer Privatwohnung anrufen und verletzt durch diese unerbetenen Anrufe ihre Privatsphäre“, kritisiert Egbert Groote, Rechtsexperte vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Der Bundesverband hat vor kurzem gegen die Tippgemeinschaft geklagt und den Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf gewonnen (Az. 38 O 26/03, nicht rechtskräftig).

Der vzbv konnte einen Fall präsentieren, in dem Lottoteam eine Verbraucherin in ihrer Privatwohnung angerufen hatte ohne ihre Einwilligung und ohne dass zwischen beiden bislang eine ­Geschäftsbeziehung bestand. Experten nennen diese illegale Form der Kundenwerbung „Cold Calling“. Lottoteam ist jetzt dazu verurteilt worden, dieses Verhalten zu unterlassen.

Super 77 und Co.

Nicht alle gewerblichen Tippgemeinschaften sind ein Fall für den Staatsanwalt. Doch bei einigen wie etwa Super 77, Glücksmillion, Dialog-Tipp-Service und Tele-Tipp-Direkt sind die Regeln undurchsichtig.

Die vier haben zwar laut Handelsregisterauskunft keinen gemeinsamen Eigentümer, doch ihre Teilnahmebedingungen, Preise und Leistungen sind identisch: Für 11 Euro wöchentlich spielt der Kunde zusammen mit 80 Mitspielern 288 ausgefüllte Lottokästchen sowie Spiel 77 und Super 6. Alle Gewinne werden durch 80 geteilt.

Das klingt erst einmal gut und günstig. Doch den großen Gewinn machen die vier Veranstalter selbst. Nur gut 33 Prozent des Mitgliedsbeitrags setzen Super 77 und Co. überhaupt beim Lotto ein. Der Rest fließt in ihre Kassen. „Undurchsichtig sind auch die allgemeinen Geschäftsbedingungen“, kritisiert Ralf Reichertz von der Verbraucherzentrale Thüringen. „Vor allem durch den Einsatz eines Treuhänders soll eine Sicherheit vorgegaukelt werden, die Spieler in Wirklichkeit gar nicht haben.“

Unklar ist, wer der unabhängige Treuhänder überhaupt sein soll. Er ist aber eine wichtige Person im Vertragsverhältnis zu Super 77 und Co. Während sich die Veranstalter nur um die Organisation der Tippgemeinschaft kümmern, reicht der Treuhänder die Lottoscheine ein und zahlt auch die Gewinne aus.

Der Spieler verkehrt also nur über ihn mit den Staatlichen Lotterien. Sollte ein Gewinn mal nicht auf seinem Konto landen, hat er keine Beweise, dass er gewonnen hat, denn die Originallottoscheine liegen beim Treuhänder und den kennt er nicht. Super 77 sagt, sie hafte in diesem Fall, was aus den Teilnahmebedingungen nicht klar hervorgeht. Außerdem solle der Treuhänder nicht genannt werden, damit keine normalen Kundenanfragen an ihn gerichtet werden könnten.

Die anderen drei Lottodienste reagierten nicht auf schriftliche Anfragen von Finanztest.

*Name von der Redaktion geändert.

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