Dubiose Kreditgeschäfte Meldung

Die erste Spur führt nach Hennigsdorf, die nächste nach Velten. Wo steckt der ominöse Kreditvermittler Dr. Kloiber?

Wer dringend Geld braucht, ist leichte Beute ominöser Kreditanbieter. Doch die treiben oft ein Versteckspiel - wie im „Fall Evantus“.

Dresden, im September 2004. Die Beraterfirma Medivest residiert stilvoll. In einer Villa am Elbufer erklärt uns Wolfgang Keiner, laut Visitenkarte der Direktor, ein ganz außergewöhnliches Geschäft.

Das ist gut, denn wir benötigen viel Geld. So haben wir es zumindest Herrn Keiner und seinen Kollegen erklärt, die sich als Herr Jensch und Dr. Förster vorstellen. Das Trio bietet uns ein Evantus-Geschäft an.

„Über die Evantus bekommen Sie einen Kredit“, sagt Herr Keiner. „Dabei nehmen Sie mehr Geld auf, als Sie eigentlich benötigen. Mit dem überschießenden Betrag und Ihrem Eigenkapital wird dann im Hintergrund Geld verdient.“ Mindestens 18 Prozent jährliche Rendite bringe das. Die Kreditkondi­tionen würden so sehr günstig.

Tatsächlich müssten wir bei einer Laufzeit von zwölf Jahren keine 30 Euro Zinsen im Monat zahlen. Sagenhaft, haben wir doch um mehr als sechs Millionen Euro gebeten! Und der Clou: Die Vermittler geben es uns schriftlich, dass wir den Kreditbetrag am ­Ende nicht einmal zurückzahlen müssten. Wir bekämen Millionen für lau – ein fantastisches Geschäft.

Die Vermittler nennen es „Sorglos-Paket Spezial“. Wir müssen nur 10 Prozent Eigenkapital einbringen. Dann fädelt die Firma Evantus den Deal ein.

Evantus-Vermittler in vielen Städten

Wir hören uns um: Nicht nur in Dresden sind Evantus-Vermittler aktiv, auch in Berlin, Ebern, Krefeld und Leipzig. Der Wunderkredit findet bundesweit Interessenten, sie diskutieren in Internetforen. Doch es fehlt an Infos, viele Fragen sind offen.

Einige davon stellen wir den Medivest-Vermittlern: Wie sind diese Renditen möglich? Wer gibt den Kredit? Wie sicher ist das Eigenkapital? Wer steckt hinter der Evantus?

Die Vermittler antworten vage: Die Geldvermehrung funktioniere, indem Banken mithilfe unseres Eigenkapitals besondere ­Geschäfte machten. Details der „Bankinvestments“ müssten geheim bleiben, fest stehe aber: „Sie funktionieren nicht mit Geld aus Bankbeständen.“ Daraus würden zwar die Darlehen ausgezahlt, doch für die Investments sei aus technischen Gründen der Nachweis von bankenfremdem Geld nötig.

Ominös fällt auch die Auskunft über den Kreditgeber aus. Von vielen Großbanken ist die Rede, auch von der Firma Evantus selbst. Ein großes Durcheinander. Wir stellen uns naiv: „Details sind egal, wenn nur der Kredit kommt und das Eigenkapital sicher ist“.

Kein Problem, erklären Keiner und Co., unser Geld komme in gute Hände. Wir sollen es vor Vertragsschluss bei der Sicherheitsfirma BKS abgeben. Sie sei vom Bundeskriminalamt „gecheckt“, ihr würden Großbanken Milliarden anvertrauen und wir bekämen ein so genanntes Safekeeping-Receipt – einen Beleg, mit dem wir das Geld jederzeit abholen können.

Wir staunen und fragen nach der Evantus, die all das möglich macht. „Ein millionenschwerer Konzern mit Sitz in Wien und Hennigsdorf bei Berlin“ hören wir. Das Mastermind bei Evantus sei ein Dr. Kloiber.

Die Mailbox vom Doktor ist voll

Doch das Mastermind ist ein Phantom. Verschiedene Vermittler verweisen stets auf eine Handynummer („hab grad mit Kloiber gesprochen“), doch läuft stets nur ein Band. Die Mailbox vom Doktor ist voll.

Wir suchen ihn in Wien, denn laut Handelsregister ist da der Evantus-Sitz. Dort finden wir Christa Heller. Sie ist Anwältin, der die Anwaltstätigkeit derzeit aber verboten ist. Von den Evantus-Geschäften will sie nichts wissen. Sie verweist auf den Standort Hennigsdorf. Dort finden wir Jürgen Feige.

Feige ist laut Handelsregister Evantus-Eigentümer und erklärt, die Firma über die Anwältin gekauft zu haben. Sonderbar: Auch er will nichts mit der Evantus zu tun haben.

Das wird erst verständlich, als wir herausfinden, dass Feige im Hauptberuf ein Zahnlabor leitet. Es ist eine Filiale des Hamburger Unternehmens Flemming Dental AG und ominöse Deals ihrer Geschäftsführer duldet dieser Konzern natürlich nicht. Gleichwohl läuft das Evantus-Geschäft offenbar im Hinterzimmer zwischen Gebissen und Implantaten. Feiges Labor und die Evantus teilen sich Anschrift, Telefon und E-Mail-Adresse.

Dennoch: „Es gibt keine Hinterzimmerdeals“, erklärt Jürgen Feige, allein Dr. Kloiber nutze die Firma Evantus. „Ich nehme nur Post und Faxe für ihn an.“ Glaubhaft ist das nicht: Im Handelsregister findet sich kein Kloiber und die Adresse dieses Phantoms kann oder will Feige nicht nennen. Auch er habe leider nur die Handynummer.

Kaum klarer ist die Lage bei der Firma BKS. Dort, im süddeutschen Legau, deponieren Evantus-Kunden ihr Eigenkapital. BKS-Chef Konrad Szorg bestätigt das. Aber kommen die Kunden wirklich immer wie versprochen an ihr Geld? Falls ja – warum eigentlich? Wenn dem so ist, kann es der Kreditgeber doch gar nicht für die geheimen Hintergrundgeschäfte nutzen. Oder fließt es doch irgendwie aus dem BKS-Depot ab? Antworten erhalten wir nicht, „Datenschutz“, erklärt Konrad Szorg. Er versichert aber: „Die Geschäfte laufen sauber.“ Glückliche Kunden benennt er nicht.

Einen Evantus-Kunden finden wir schließlich selber, einen Arzt aus Dresden. Er hat 28 000 Euro zur BKS gebracht, um ein Haus zu finanzieren. Er hat nun einen Depotschein, einen Darlehensvertrag und er wartet auf den Kredit. Er glaubt, dass alles gut geht.

Evantus-Geschäft gleicht Betrügereien

Doch bei Kunden und Vermittlern müssten die Alarmglocken läuten, denn das Evantus-Geschäft ähnelt bekannten Betrügereien.

So warnte Finanztest 2002 vor der Centro Euro Service AG (siehe Trügerischer Rettungsanker). Auch da versprachen die Verantwortlichen Traumkredite und spielten Verstecken. Das Eigenkapital der Kunden verschwand, Drahtzieher Otto Birner wanderte am Ende für drei Jahre hinter Gitter.

Vermittlern wie der Berlinerin Melanie Woscidlo wird nun die Luft dünn. Sie hat im Namen der Evantus Kreditangebote unterschrieben. Wir reden mit ihr, bis sie Mitte Oktober erklärt: „Wir haben mit Evantus nichts mehr zu tun.“ Eine halbherzige Reaktion. Sollte sie tatsächlich Kunden vermittelt haben und verlieren diese ihr Geld, käme sie so kaum aus der Verantwortung.

Andere Vermittler wie der Berliner Makler Markus Lamberty bleiben in der Evantus-Spur, erklären bis Redaktionsschluss, dass ­alles sauber sei und verweisen auf eine Referenzkundin. Die Frau, eine Anwältin in ­Halle, lässt tatsächlich durchblicken, sie habe Geld bekommen. Belege gibt es aber nicht.

Sicher ist derweil nur, dass Jürgen Feige den Kopf einzieht. Er hat die Firma Evantus kurzerhand verkauft. Aus dem Dunstkreis ominöser Kreditgeschäfte ist Feige damit aber nicht heraus: Den Wohnsitz des Käufers hat Finanztest im Haus von Feiges Eltern ausgemacht.

Vermittler Lamberty rühren diese Informationen nicht. Er hat andere: Eine Schweizer Firma mache jetzt das Evantus-Geschäft. In Velten bei Berlin entstehe eine Niederlassung. Ob das stimmt, konnte Finanztest bis Redaktionsschluss nicht klären. Jedoch findet sich dort die Spur eines Münchner Kaufmanns, der Ortsansässigen Kreditangebote macht und über den Finanztest-Leser Böses berichten: Er habe sie betrogen.

Steckt Dr. Kloiber also jetzt in Velten? Vielleicht nimmt auch bald ein Staatsanwalt die Suche auf, falls sich herausstellen sollte, dass Kunden geschädigt wurden.

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