Dispozinsen: Die Räuberbanken

Banken können sich so günstig Geld leihen wie lange nicht. Ihre Kunden müssen aber immer noch unverschämt hohe Dispozinsen zahlen. Wer tief im Minus ist, sollte Konsequenzen ziehen.

Dass Banken bei ihren Kunden abkassieren, ist nicht neu. Schon vor 80 Jahren schrieb der Schriftsteller Erich Kästner in seinem Hymnus auf die Bankiers: „Der kann sich freuen, der die nicht kennt! Ihr fragt noch immer: Wen? Sie borgen sich Geld für fünf Prozent und leihen es weiter zu zehn.“

Zurzeit treiben es die Banken noch schlimmer. Sie borgen sich Geld für 1 Prozent und leihen es weiter zu mehr als 11 Prozent. Banken und Sparkassen ziehen den Zorn ihrer Kunden auf sich. Diese ärgern sich über den hohen Zins, den sie zahlen müssen, wenn sie mehr ausgeben, als auf ihrem Girokonto liegt. Beim Dispositions- oder Überziehungskredit langen die meisten Banken nämlich besonders gern hin.

Im Durchschnitt muss der Bankkunde derzeit 11,6 Prozent bezahlen. Das hat eine Finanztest-Analyse der Dispozinssätze von 57 Kreditinstituten ergeben. Seit Juni 2008 sind diese Zinsen nur um 0,6 Prozentpunkte gesunken, obwohl mehrere maßgebliche Zinssätze des Kapitalmarktes eingebrochen sind.

Dispozinsen Test

Der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) ist ein wichtiger Einflussfaktor für das Zinsniveau in Europa. Er ist seit Juli vergangenen Jahres von 4,25 Prozent in sieben Schritten auf mittlerweile 1 Prozent gesunken (siehe Grafik). Die Banken konnten sich in den vergangenen zwölf Monaten also immer günstiger Geld leihen. Doch Dispokredite blieben für die Kunden teuer.

Die Sparzinsen haben die Banken dagegen flott gesenkt. Stand bei den Top 20 der Tages- und Festgeldkonten im Oktober in Finanztest noch eine 4 vor dem Komma (Anlagesumme 5 000 Euro), ist es heute meistens eine 2.

Die schlimmsten Abkassierer

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Den höchsten Dispozins verlangt die Citibank von ihren Kunden. Mit 16,99 Prozent liegt der Zins knapp 16 Prozentpunkte über dem EZB-Leitzins. Nur Kunden mit dem Konto Citibest kommen günstiger weg.

Fast ebenso teuer mit 16,98 Prozent ist die Santander Consumer Bank, wenn der Kunde sein Konto mit mehr als 1 000 Euro überzieht. Wer mehr als 500 Euro in den Miesen ist, muss 13,98 Prozent bezahlen.

Die Sparkasse KölnBonn schröpft ihre Kunden mit 13,99 Prozent für den Dispo und auch bei der geduldeten Überziehung über den Dispo hinaus ist sie mit 19,24 Prozent unter den teuersten Banken. Die geduldete Überziehung ist oft bis zu 5 Prozentpunkte teurer als der Dispo.

Unverschämt sind auch Berliner Sparkasse, Bremische Volksbank, Frankfurter Sparkasse und Volksbank Mittelhessen, die alle für den Dispo 13,75 Prozent verlangen.

Gut die Hälfte der Banken aus der Stichprobe hat ihre Dispozinsen gesenkt. Das klingt manchmal besser, als es ist. Viele Banken liegen trotz Zinssenkung immer noch im zweistelligen Bereich.

Die Commerzbank nimmt zum Beispiel noch 13,24 Prozent. Bei der Überziehung über den Dispo hinaus schlägt sie noch mehr zu: Sie nimmt dafür 18,74 Prozent und zusätzlich pro Posten 5 Euro.

Völlig unbeeindruckt vom sinkenden Marktzins zeigten sich 27 Banken. Viele haben den Dispozins nicht verändert, acht haben ihn sogar erhöht. Bei einigen liegt er jetzt über 13 Prozent. So dreist waren Berliner Sparkasse, Berliner Volksbank, Ostseesparkasse Rostock und Santander Consumer Bank.

Gleich um einen ganzen Prozentpunkt hat die Postbank den Dispozins für das Konto Giro extra plus erhöht: jetzt sind 10,25 Prozent fällig.

Augsburger Aktienbank (9,9 Prozent), ING-Diba (9,5 Prozent) und PSD Berlin-Brandenburg (8,90 Prozent) haben ebenfalls erhöht, aber nicht so stark.

Manchmal senkt sogar eine günstige Bank ihren Zins: Die PSD Rhein-Ruhr lag schon vor einem Jahr mit 9,99 Prozent unter dem Durchschnitt. Sie fordert nun 9,75 Prozent.

Zwei Dutzend Banken haben uns gar keine Auskunft über ihren Dispozins gegeben. Wir haben die Daten dann auf eigene Faust erhoben und festgestellt: Ihr Durchschnittszins ist höher als der der teilnehmenden Banken. Welche Banken das sind, steht unter www.test.de/dispokredit.

Banken fühlen sich nicht schuldig

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Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner forderte schon mehrfach, dass der sinkende Leitzins Konsequenzen für die Verbraucher haben müsse und die Zinsen für Kredite sinken müssten .

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) Gerd Billen kritisierte, dass die Banken milliardenschwere Unterstützung durch Steuergelder erhalten, aber Verbraucher in wirtschaftlicher Not ohne Rücksicht zur Kasse bitten.

Die Banken wehren sich gegen den Vorwurf der Abzocke und halten ihn für unberechtigt. Sie argumentieren, die Bankzinsen hingen nur zum Teil vom EZB-Leitzins ab.

Doch auch eine andere Kalkulationsgrundlage ist für die Banken wesentlich günstiger geworden. Der Euribor, der Zins, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen, ist zwischen Oktober 2008 und Juli 2009 um mehr als 4 Prozentpunkte auf 1,085 Prozent gefallen.

Konsequenzen ziehen

Einen Dispokredit bekommt ein Bankkunde, wenn er volljährig ist und ein regelmäßiges Einkommen hat. Anspruch auf einen Dispo hat er aber nicht.

Viele Banken räumen den Kunden gleich bei Kontoeröffnung einen Disporahmen ein. Nur wenige Banken warten damit einige Zeit. Die 1822direct gibt den Dispo erst frei, wenn der Kunde drei Monate das Konto hat, die Berliner Sparkasse sogar erst nach sechs Monaten.

Meistens beträgt der eingeräumte Kreditrahmen das Zwei- bis Dreifache des monatlichen Geldeingangs. Es ist aber auch möglich, den Kreditrahmen auf wenige Hundert Euro zu begrenzen oder ihn in Absprache mit der Bank für begrenzte Zeit auf einen größeren Betrag aufzustocken, zum Beispiel bei der Sparda Bank Baden-Württemberg auf 40 000 Euro oder bei der Dresdner Volks- und Raiffeisenbank auf 25 000 Euro.

Dispozinsen werden taggenau und nur für die in Anspruch genommene Summe berechnet. Die Bank bucht die Zinsen in der Regel mit dem vierteljährlichen Rechnungsabschluss.

Weil die Bank den Dispokredit bereitstellt, ohne zu wissen, wer von ihren Kunden ihn wann und in welcher Höhe in Anspruch nimmt, ist er teurer als andere Kredite. Wie hart den Kunden die Zinsen treffen, bei denen die Banken oft über die Stränge schlagen, hängt davon ab, wie stark und wie lange er in den Miesen ist.

Bei kleinen Summen, die nur einen kurzen finanziellen Engpass überbrücken, sind die Dispozinsen zu verschmerzen (siehe Tabelle: Das kostet ein Dispokredit). Anders sieht es aus, wenn das Konto länger mit einer hohen Summe belastet ist.

Beispiel: Ein Bankkunde, der mit seinem Lohn immer gerade so über den Monat kommt, kauft sich in einem Monat einen Plasmafernseher, bezahlt den zweiwöchigen Urlaub mit seiner Freundin und muss dann auch noch eine Betriebskostennachzahlung begleichen. Schnell ist das Konto mit 1 500 Euro in den Miesen. Bleibt es über ein Vierteljahr bei diesem Zustand, bezahlt der Kunde bei einem Zins von 11 Prozent schon rund 40 Euro.

Eine Möglichkeit wäre, mit dem Girokonto zu einer günstigeren Bank zu wechseln. Eine andere Alternative bei kurzfristigem Geldbedarf und regelmäßigem Einkommen ist der Abruf- oder Rahmenkredit. Der Kunde muss dafür nicht bei der Bank bleiben, die sein Girokonto führt.

Die Bank räumt dem Kunden einen Kreditrahmen ein und legt für die Rückzahlung eine monatliche Mindestsumme fest. Der billigste Anbieter in unserer Untersuchung ist die ING-Diba. Für einen 5 000-Euro-Kredit über 36 Monate verlangt sie nur 7,22 Prozent Zinsen.

Die Zinsen bei anderen günstigen Anbietern liegen derzeit bei knapp über 8 Prozent und damit besser als der Durchschnitt der Dispokredite. Wie beim Dispo können sich jedoch beim Abrufkredit die Zinsen im Laufe der Zeit ändern.

Wer weiß, dass der Geldbedarf doch länger besteht und die Summe im höheren vierstelligen Bereich liegt, sollte eher an einen Ratenkredit denken.

Die Zinsen sind günstiger als beim Dispo und die Summe wird in regelmäßigen Raten abgezahlt. Bei einem Zins von 8 Prozent kostet der 1 500-Euro-Kredit im Vierteljahr 30 Euro.

Ratenkredite gibt es schon ab 5 Prozent. Häufig ist der Zins jedoch von der Kreditwürdigkeit des Bankkunden abhängig.

Pragmatische Lösung

Bankkunden ärgern sich vor allem über die Willkür, mit der die Banken ihre Kreditzinsen erhöhen oder senken. Die meisten gehen schnell damit hoch und nur ganz langsam wieder runter.

Eine pragmatische Lösung gibt es von politischer Seite. In einem Gesetzentwurf schlägt die Linksfraktion im Bundestag vor, die Höhe des Dispozinses zu begrenzen. Er soll maximal 5 Prozent über dem Leitzins der Deutschen Bundesbank liegen dürfen. Das wären derzeit höchstens 6 Prozent.

Doch zurzeit hilft nur eins: Die Kunden sollten die schlimmsten Räuberbanken verlassen, um Druck auszuüben.

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