Dispokredit Meldung

Konto­über­ziehen ist bequem, doch die Bank kann den Dispo jeder­zeit kürzen und Geld­eingänge behalten. Den Schuldnern droht die Pleite.

Mit bis zu 3 100 Euro durfte Lieselotte Fröhlich (Name von der Redak­tion geändert) ihr Giro­konto über­ziehen, und das tat sie auch. Doch plötzlich entschied ihre Bank anders: Sie stutzte den Kredit­rahmen auf 2 200 Euro. Die Differenz von 900 Euro wollte sie der Seniorin schritt­weise vom Konto abziehen.

Die Kundin erfuhr von der Kürzung des Kredit­rahmens erst, als die Miete nicht mehr von ihrem Konto abge­bucht wurde – und die Mahnungen bereits im Brief­kasten lagen. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Mit einer Rente von monatlich 700 Euro war ihr Budget seit eh und je auf Kante genäht.

Von unserem Leser­service wollte die Frau wissen, ob die Bank ihren Kredit­rahmen einfach kürzen darf.

Ja, sie darf. Die Bank kann den Disporahmen jeder­zeit kürzen und Zahlungs­eingänge verrechnen. Das geschieht häufig, wenn ein Kunde in Not gerät. Auch wenn Kreditraten ausbleiben, kann die Bank auf das Giro­konto zugreifen.

Pfändungs­schutz hilft nicht

Von einem „unkalkulier­baren Droh­potenzial“ spricht Dieter Zimmermann, Schulden­experte der Evangelischen Fach­hoch­schule in Darm­stadt. Meistens verrechnet die Bank die Zahlungs­eingänge schritt­weise. Doch wie viel der verschuldete Kunde abtreten muss, bestimmt die Bank.

Andere Gläubiger haben es nicht so leicht. Sie müssen zunächst vor Gericht eine Pfändung des Kontos durch­setzen. Das dauert bis zu zwei Monate. Der Schuldner kann außerdem einen Pfändungs­schutz beim Amts­gericht beantragen. Vom regel­mäßigen Einkommen darf jeder Mensch vor einer Pfändung rund 990 Euro behalten – und noch mehr, wenn er den Unterhalt für Angehörige stemmen muss. Wandelt er sein Konto in ein Pfändungs­schutz­konto um, sind 985,15 Euro geschützt. Der Frei­betrag gilt auch für viele Bank­kredite, doch bei der Verrechnung der Disposchulden greift der Pfändungs­schutz nicht.

Die Kredit­institute kommen somit leichter an ihr Geld als andere. Das macht es ihnen auch leichter, es zu verleihen. Ehe sich verschuldete Menschen an die Schuldnerberatung wenden, sind sie im Durch­schnitt mit etwa 21 000 Euro bei den Banken verschuldet, berichtet das Statistische Bundes­amt . Auf andere Gläubiger wie Inkassobüros oder Vermieter entfallen weit­aus weniger Schulden.

Banken drehen am Kreditkarussell

Irgend­wann dreht die Bank den Kredithahn zu – schließ­lich kann sie nur verrechnen, wenn beim Schuldner etwas zu holen ist. Bis es so weit ist, verdient sie gut an den verschuldeten Habe­nichtsen.

Mit dem Dispo fängt es oft an. Gerade Gering­verdiener über­ziehen dauer­haft ihr Konto. Die meisten Banken nehmen dafür saftige Zinsen von 11 Prozent und mehr. Auf den Dispokredit satteln viele Schuldner noch einen Raten­kredit oben­drauf. So zahlen sie doppelt: Kreditrate und Dispozins.

Haben die Schuldner erst einmal beim Berater Platz genommen, bietet der ihnen oft noch weitere Finanz­produkte an. Beliebt sind Rest­schuld­versicherungen, die den restlichen Kredit abdecken, wenn der Kreditnehmer plötzlich stirbt oder über Monate hinweg keine neue Arbeit findet.

Bei großen Kreditsummen kann das sinn­voll sein – etwa bei der Immobilienfinanzierung (Finanztest 03/2010). Für Konsumkredite ist die Absicherung oft zu teuer: Selbst bei kleinen Kreditsummen verschlingt die Rest­schuld­versicherung mitunter tausende Euro, die der Kunde zusätzlich abstottern muss. Finanztest liegt ein Vertrag vor, in dem ein Kunde für einen Kredit von rund 7 900 Euro annähernd 2 400 Euro für die Versicherung abdrückte. In einem anderen Fall kostete die Versicherung rund 6 200 Euro bei einem Kredit von rund 26 200 Euro.

Kunden über­sehen leicht, wie selten die Versicherung greift – gerade bei Arbeits­losig­keit. Viele Versicherer zahlen zum Beispiel nicht, wenn der Schuldner wenige Monate nach Vertrags­schluss arbeitslos wird oder durch eine psychische Erkrankung seine Stelle verliert. Viele Schuldner glauben, dass es ohne Versicherung keinen Kredit gebe. Dabei behandelt die Bank Kredit und Versicherung meist als getrennte Geschäfte. Die Kredit­vergabe darf dann nicht von der Versicherung abhängen.

In die Schuldenfalle getappt

Targo­bank und Santander Consumer Bank gehören zu den Banken, die besonders viele Konsumkredite vergeben. In unserem Test vor einem Monat fielen die Institute durch saftige Dispozinsen mit bis zu 17 Prozent auf. Obwohl sie ihre Zinsen danach gesenkt haben, langen sie immer noch kräftig zu.

Auch Schuldnerberatern stoßen diese Institute sauer auf: Teure Rest­schuld­versicherungen und zu hohe Kredite seien dort üblich, sagen mehrere Berater. Die Institute bestreiten das. An zahlungs­unfähigen Kunden hätten sie schließ­lich kein Interesse, die Kunden würden über Kredit und Versicherung genau informiert, heißt es dort.

Für Kunden nehmen die Kredit­geschäfte oft ein schlimmes Ende: In Deutsch­land können etwa drei Millionen Haushalte nicht mehr das Lebens­notwendige finanzieren und ihren Zahlungs­verpflichtungen nach­kommen, schätzt die Wirt­schafts­auskunftei Credit­reform. Betroffen sind etwa 6,2 Millionen Menschen. Sie gelten als über­schuldet.

Arbeits­losig­keit ist der häufigste Auslöser für Über­schuldung. Trennung und Scheidung, Krankheit und eine gescheiterte Selbst­ständig­keit kommen dicht dahinter.

Betroffen sind vor allem Gering­verdiener. Wenn Menschen mit hohem Einkommen über­schuldet sind, haben sie sich oft bei der Immobilien­finanzierung verhoben.

Geld­eingänge umleiten

Geraten die Finanzen aus dem Ruder, schaltet die Bank von freundlich auf knall­hart: Sie versucht ihren Kunden zu diktieren, wie viel der Schulden sie monatlich tilgen müssen.

Nachdem er durch eine Krankheit arbeits­unfähig geworden sei, habe ihn seine Bank „die Pistole auf die Brust“ gesetzt, berichtet einer unserer Leser. Er habe vor den „Schlips­trägern betteln“ müssen, damit sein Dispo nicht gestrichen wird.

Um derlei Macht­kämpfe zu verhindern, hilft oft nur ein Konto bei einer anderen Bank. So können Kunden Zahlungs­eingänge umleiten und sie der Kontrolle der Bank entziehen. Das erleichtert das Verhandeln.

Leider ist der Konto­wechsel nicht immer möglich – manch ein Schuldner ist bereits als säumiger Zahler bekannt. Manchmal kann der Schuldner zwar kein gewöhnliches Giro­konto, aber ein Guthaben­konto einrichten. So ein „Konto für jedermann“ kann meist gar nicht ins Minus rutschen und soll auch über­schuldeten Menschen zustehen. Doch die Banken sind nicht verpflichtet, ein Guthaben­konto einzurichten.

Wenn der Konto­wechsel nicht klappt, sollte der Schuldner sein Geld lieber zügig abheben. Denn für Sozial­leistungen, etwa für die gesetzliche Rente, das Arbeits­losengeld I und Hartz IV, gilt eine Frist von zwei Wochen, ehe die Bank das Geld verrechnen darf. Das Arbeits­einkommen können verschuldete Menschen schützen, indem sie ihren Lohn bar auszahlen lassen. Dann erfährt allerdings der Arbeit­geber von ihrer Notlage.

Lieselotte Fröhlich konnte bei einem anderen Institut ein Giro­konto eröffnen und hat erneut das Gespräch mit ihrer alten Bank gesucht. Sie leide unter starker Erschöpfung und könne unmöglich die Differenz von 900 Euro aufbringen, sagt sie. Ihre Bank drückte noch mal ein Auge zu. Sie beließ den Disporahmen bei 3 100 Euro.

So viel Kulanz zahlt sich auch für das Geld­institut aus: Bei einem Dispozins von 12,5 Prozent – das ist etwa Durch­schnitt – kassiert die Bank bis zu 387 Euro im Jahr.

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