Discountbroker I Meldung

Auf ungewöhnlich scharfe Art wies das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel Ende Februar eine Reihe von Direktbanken und Discountbrokern auf ihre vertraglichen Verpflichtungen hin. Doch die Klagen und Beschwerden der Anleger über verstopfte Telefonleitungen und überlastete Internetzugänge lassen bis heute nicht nach.

Über die Werbung von Consors, dem Discountbroker aus der idyllischen Nürnberger Johannesgasse, können einige deutsche Börsianer nur noch gequält lächeln. "Are you ready for transaction?", fragen die von vielen Marktbeobachtern als "junge Wilde" unter den Wertpapierbanken angesehenen Internetbroker in Anzeigen und TV-Spots. Doch noch immer haben Kunden von Consors den Eindruck, dass die Mannschaft um Bankgründer Karl Matthäus Schmidt den Massenansturm börsenbegeisterter Interessenten nicht bewältigen kann. Im Brokerboard, dem Chat-Forum des Discountbrokers im Internet, machen die gefrusteten Kunden ihrem Ärger Luft. "Es ist unmöglich, telefonisch jemanden zu erreichen (außer man möchte Kunde werden und will Informationen ­ das geht immer), E-Mails werden anscheinend auch nicht gelesen, Orders werden falsch abgerechnet, auf Faxe gibt es auch keine Reaktionen", klagt schweiger k. "Hey, Consors! Aufwachen!!!", fordert der Autor mit dem Codenamen Came, und Hephaistos kommt zum Fazit: "Ehrlich gesagt, ich bin nicht nur sauer, sondern richtig geladen. Die Onlinekosten, die Zeit, die Kursverluste, langsam ist es nur noch ganz latent witzig." Den Kummerkasten im Internet, so vermutet xdead1, gebe es wohl ohnehin nur, "damit wir uns immer wieder aufregen können". Und hessenhenner bittet Consors inständig: "Gehen Sie offensiv nach vorn, sagen Sie was los ist. Verärgern Sie Ihre Kundschaft nicht dauernd weiter."

Auch in den Internetforen der Quickborner comdirect Bank beschweren sich Kunden weiterhin über nicht ausgeführte Orders, lange Bearbeitungszeiten und Computerprobleme. "Jetzt ist Nachmittag, die Kurse haben sich mittlerweile verdoppelt und ich schau blöd drein", mosert Tsin Tau und stellt fest: "So kann man hier aber kein Winner werden! Oder ist das Absicht?" Und AnnaChi merkt an: "Wenn die comdirect so viele Neukunden hat, wie sie immer rumjammert, dann müsste sie ja im Geld schwimmen. Das könnte man sofort in neue, gute Technik und vielleicht sogar in noch mehr Mitarbeiter investieren."

Beschwerden in Massen

Discountbroker I Meldung

Selbstverständlich haben auch die Discountbroker inzwischen gemerkt, wie schnell und unerbittlich in den Chat-Rooms Stimmung gemacht wird ­ in den Boards versuchen Bankmitarbeiter Entspannung und gute Laune zu verbreiten. Doch unzufriedene Kunden wählen auch andere Möglichkeiten, um ihren Frust loszuwerden. So stapelten sich bei den Bundesaufsichtsämtern für das Kreditwesen und für den Wertpapierhandel die Beschwerden insbesondere beim Börsengang der Siemens-Tochter Infineon.

Aber auch der zuständige Ombudsmann des Bankenverbandes oder die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre bekommen den Ärger der Wertpapierkunden zu spüren.

Inzwischen ist die Zahl der Klagen von Börsenneulingen und -profis über die Schwierigkeit im Umgang mit den Direktbanken und Discountbrokern zwar zurückgegangen, doch noch stehen die Zeichen nicht überall auf Entwarnung. So bezeichnete es der neue Consors-Vorstand Reto Francioni, der Anfang April von der Deutschen Börse AG nach Franken wechselte, ­ ganz zum Ärger seines neuen Arbeitgebers ­ gegenüber "Financial Times Deutschland" als eine seiner Hauptaufgaben, dort Ordnung und Organisation zu verbessern. Der Kunde, so Francioni, dürfe keine Einschränkungen spüren.

Angeblich alles bestens?

Offiziell gibt die Presseabteilung von Consors schon heute Entwarnung. Täglich, so die Discountbroker, würden 75.000 Orders abgewickelt, möglich wäre die Abwicklung von 200.000 Orders via Internet, T-Online, Phonebroking oder Fax.

Bei comdirect, so die Auskunft der Commerzbank-Tochter, liege die Auslastung des Telefonsystems auch in Spitzenzeiten unter 50 Prozent, die Wartezeit für Telefonkunden betrage unter 30 Sekunden.

"Kunden, die ihre Aufträge via Internet oder Fax übermitteln, müssen keine Wartezeit in Kauf nehmen", betont Andreas Bartels von comdirect ­ und auf diese Zugangswege entfielen bereits 85 Prozent der Aufträge.

Bei der Allgemeinen Deutschen Direktbank, die stündlich 3.500 Anrufe oder Faxe verarbeiten kann, betrage die Auslastung in der Spitze 85 Prozent. Keine oder geringe Wartezeiten melden auch Fimatex, Entrium und die Direkt Anlage Bank aus München. Dort soll das im Herbst 1999 gestartete Projekt "Fit für 500.000 Kunden" noch im laufenden Jahr nahtlos in "Fit für 1.000.000 Kunden" übergeleitet werden.

Beweislast beim Kunden

So ganz traut das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel dem Frieden an der Discountbroker-Front noch nicht ­ einige Anbieter wurden, so Präsident Georg Wittich im Finanztest-Interview, von der Berliner Aufsichtsbehörde schon auf mögliche Sonderprüfungen hingewiesen. Theoretisch hat das Aufsichtsamt die Möglichkeit, bei Verstößen gegen das Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) einzelnen Instituten die Lizenz zu entziehen.

Privaten Geldanlegern jedoch, die Schwierigkeiten haben, ihren Discountbroker zu erreichen und dadurch unter Umständen bei Käufen oder Verkäufen von Wertpapieren Verluste machen, können die Berliner Aufseher nicht helfen. Enttäuschte Anleger, die sich auf einen Rechtsstreit mit einem der Anbieter einlassen wollen, betreten in Deutschland, so Andreas W. Tilp, Anwalt für Kapitalanlagerecht in Kirchentellinsfurt bei Tübingen, juristisches Neuland. Allein die Tatsache, dass über Telefon oder via Internet kein Durchkommen möglich war, begründe noch keinen Anspruch auf Schadenersatz. Selbst wenn der Kunde nachweisen kann, dass er durch blockierte Leitungen oder Systemabstürze echte Kursverluste bei seinen Wertpapiergeschäften erleiden musste, muss die Bank noch nicht dafür gerade stehen. "Voraussetzung dafür ist", so erklärt Tilp, "dass der Discountbroker in fahrlässiger Weise den Ausbau seiner Kapazitäten verschleppt." Doch ein solches Versäumnis wird den Finanzinstituten angesichts ihrer Bemühungen um die Aufstockung von Personal und Verbesserung der technischen Möglichkeiten kaum nachzuweisen sein.

Hoffen auf Kulanz

Weil jeder Bankkunde bei der Ausführung seiner Aufträge zur bestmöglichen Mitwirkung verpflichtet ist, muss er zunächst einmal versuchen, auf allen Kommunikationskanälen Verbindung zu seinem Discountbroker aufzunehmen. Die Beweislast liegt eindeutig beim Kunden ­ und, so Tilp, die Gerichte hätten auch noch nicht entschieden, "wo die Grenzen des Zumutbaren liegen". So sind Anleger bisher auch vorwiegend auf die Kulanz der Institute angewiesen, wenn es um Schadenersatz für nicht oder nicht korrekt ausgeführte Aufträge geht. Mit einem problemlosen Entgegenkommen des Kreditinstituts allerdings können Kunden in solchen Fällen nicht rechnen.

Erst wenn eine Order des Kunden nachweislich den Discountbroker erreicht hat, aber dort falsch oder zu spät abgewickelt wurde, haben Anleger Chancen, sich vor Gericht durchzusetzen oder die prozessscheuen Institute zu kulantem Verhalten zu bewegen. Individuelle Regelungen verspricht die Allgemeine Deutsche Direktbank. Entrium-Pressesprecherin Carla Laqua betont, ihr Institut handele "stets kulant", und bei Fimatex ist von der "einvernehmlichen Regulierung des Schadens" die Rede.

Knallhart hingegen kommt die Antwort von Consors: "Sofern ein schuldhaftes Handeln von Consors Discount-Broker AG nachgewiesen werden kann, wird selbstverständlich die Haftung übernommen." Aber dazu musste ein geschädigter Kunde auch erst einmal vor Gericht ziehen und dort Recht bekommen.

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