Interview: „Man kann sich nicht verstecken“

Mitzi Zaruk, eine unerschrockene Powerfrau, ist CSR-Expertin. Seit Jahren reist sie um die Welt und überprüft das soziale und ökologische Engagement verschiedener Branchen. Wir befragten sie zu ihren Erfahrungen mit der Elektronikbranche und Unterschieden zwischen Markenherstellern und Zuliefererfabriken.

Wie stellen sie eine gute Beziehung zu Firmen her?

„Indem ich mich nicht verstelle und Evaluierungsprinzipien treu bleibe. Ich verpflichte mich zur absoluten Transparenz und erkläre sehr deutlich, wie der Prozess weitergehen wird. Soziale Angelegenheiten der Unternehmen sind kompliziert und es gibt keine Fragen, die schwarzweiß sind. Ich erzähle von Erfahrungen der letzten zehn Jahre mit verschiedenen Industrien und Kulturen, damit sie verstehen, dass die Ergebnisse in einem industriellen, betriebswirtschaftlichen und kulturellen Kontext gesehen sollen werden. Ich lege es auf diese Art und Weise dar und sie beruhigen sich dann etwas.“

Wie laufen Befragungen der Kamera-Industrie ab – im Vergleich zu anderen Branchen?

„Das normale Audit wird von einem Markenhersteller in Auftrag gegeben, das ist einer der größten Unterschiede. Deshalb sage ich den Markenherstellern, dass ich eine ethische Validierungsprüfung mache und kein Audit, auch wenn es sich so anfühlt. In einem sozialen Audit wird der Markenhersteller mich unterstützen und ist glücklich darüber, dass ich viele Befunde in den Fabriken mache. In einer ethischen Validierungsprüfung vereinen sich die Markenhersteller und Fabriken, während ich dem gegenüberstehe. Sie sind sich unsicher, was ich mit den Ergebnissen mache und wie ich sie interpretieren werde und in wiefern es für sie gut sein könnte. Daher ist es schwierig, Unterstützung zu bekommen. Wenn ich von einem Markenhersteller beauftragt wäre, könnte ich sagen: So soll es sein und ich brauche Zugang zu allem. In der Befragung der Hersteller kann ich die Unternehmen nicht drängen. Wenn sie nicht offen sein und mir keinen Zugang geben wollen, kann ich nichts dagegen machen (...)“

Ist diese Verschlossenheit typisch für die Elektronikindustrie?

„Nein, eigentlich nicht (...). Viel hängt auch vom Standort der Fabriken ab (...) In Südostasien sind die Fertigungsstätten viel offener für Feedback, während Fabriken in Ostasien mehr verschlossen und sehr vorsichtig sind. Auf einem Fabrikgelände hatte ich zwei Stunden, aber keinen Zugang zu den Fertigungsstellen, Mitarbeitern oder Dokumenten (...) Ich glaube, dass es geraume Zeit dauern wird, bevor sich die Einstellungen ändern werden.“

Was ist Ihr Eindruck von Hauptgeschäftsstellen in der Branche?

„Sie sind sehr vorsichtig. Alle Hauptgeschäftstellen der Markenhersteller sind in Korea oder Japan, und die Koreaner und Japaner sind von Natur aus langsam, zurückhaltend und vorsichtig – was auch nicht hilft (...) Der Vizepräsident einer der Markenhersteller war ehrlich und sagte er habe Angst davor, dass meine Befragung etwas wie ein Leck wäre, welches den Damm zum Einstürzen bringen würde. Er meinte, dass wenn er mir Zugang gibt, er auch anderen NGOs Zugang in die Fabriken geben muss. Aber ein Teil der CSR-Transparenz ist Offenheit, man kann sich nicht verstecken. In Fabriken in Indonesien und China gibt es mehr Offenheit, insbesondere in den Fabriken der Zulieferer, die nicht den Markenherstellern gehören.“

Inwiefern unterscheiden sich Reaktionen der Hauptgeschäftsstellen der Markenhersteller und die der Fertigungsstätten?

„Ein Markenhersteller überlegt, was die Auswirkung auf die Kameraverkäufe sein wird, während die Fertigungsstätten mit ihren Mitarbeitern enger verbunden sind. Wenn ich den Fertigungsstätten das Risiko einer Explosion oder eines Feuers dargelegt habe, könnte dies Leben retten. Sie zeigten mehr Interesse, weil es sie härter traf. Manche Fabriken haben sich für Änderungen interessiert, hatten aber noch nie die gleiche Sichtweise wie wir. Als dritte Person gebe ich ein anderes Feedback. Wenn ich etwas bemerke, folgt eine offene Diskussion. Dies war ganz anders bei den Markenherstellern.

Interview: Marianne Søndergaard, Tænk (Kopenhagen)
Übersetzung: Stiftung Warentest

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