Digi­taler Nach­lass Special

Digitale Aktivitäten gelegentlich zu ordnen, ist für jeden sinn­voll.

Soziale Netz­werke, Online­banking, Streaming­dienste oder digitale Geld­anlagen wie Bitcoin: Digitale Angebote sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Online geschlossene Verträge bestehen oft über den Tod hinaus. Doch was passiert mit den Accounts, wenn ein Mensch stirbt? Wer den Nach­lass beizeiten regelt, nimmt Erben Arbeit ab. Hier erfahren Sie, wie sich der digitale Nach­lass per Testament regeln lässt und welche Rege­lungen für digitale Güter wie E-Books gelten.

Facebook-Konto in den „Gedenk­zustand“ versetzt

Das schreck­liche Ereignis liegt Jahre zurück: 2012 verletzt ein einfahrender Zug eine 15-jährige Schülerin im Berliner U-Bahnhof Schönlein­straße. In der Hoff­nung, tiefere Einblicke in das Seelenleben des Teen­agers zu bekommen, wollten die Eltern das Facebook-Konto des Mädchens zurate ziehen. Doch obwohl sie die Zugangs­daten hatten, konnten sie sich nicht einloggen: Facebook hatte das Nutzer­konto bereits in den sogenannten „Gedenk­zustand“ versetzt. Unklar ist bis heute, wer das veranlasst hat (alle Details zum Berliner Fall). Der Fall zeigt sehr deutlich, dass man sich um seinen digitalen Nach­lass kümmern sollte.

Digitale Vorsorge – so gehen Sie vor

Aufbereiten. Verschaffen Sie sich regel­mäßig einen Über­blick über Ihre Online­aktivitäten. Listen Sie für jedes Konto die Zugangs­daten und Pass­wörter auf. Dann können Erben oder andere Vertrauens­personen darauf zugreifen. Diese können etwa auf einem USB-Stick abge­speichert werden. Die Auflistung sollte regel­mäßig aktualisiert und an einem sicheren Ort hinterlegt werden.

Löschen. Daten, die niemandem in die Hände fallen sollen, löschen Sie am besten von Zeit zu Zeit. Das können E-Mails oder Fotos sein.

Testament. Wer fest­halten will, welche seiner Daten gelöscht und welche vererbt werden sollen, kann das in einem Testament regeln. Er kann auch eine Vertrauens­person zum digitalen Nach­lass­verwalter bestimmen und dies in einer Voll­macht fest­halten.

Hand­geschrieben. Formulieren Sie alle Regeln zu Ihrem digitalen Nach­lass persönlich von Hand. Auch für den digitalen Nach­lass gilt: Nur ein hand­schriftliches und unter­schriebenes Testament ist rechts­wirk­sam.

Ratgeber nutzen. Das Nachlass-Set der Stiftung Warentest zeigt Ihnen praxis­nah, wie Sie Ihr Testament verfassen und Ihren digitalen Nach­lass regeln können. Professionelle Formulierungen und Formulare zum Heraus­trennen helfen dabei.

Verträge gehen oft auf Erben über

In Deutsch­land sind 87 Prozent aller Menschen ab zehn Jahren online. Wir kommunizieren über E-Mail und soziale Netz­werke, schließen Kauf­verträge im Netz und Abos mit Musik- oder Film­diensten, erledigen Bank­geschäfte online. Informationen, die wir im Internet, aber auch auf Fest­platten, USB-Sticks und Speicherkarten hinterlassen, gehören im Todes­fall zur Erbschaft – genauer: Zum digitalen Nach­lass. Der umfasst nicht nur gespeicherte Daten, sondern auch online geschlossene Verträge – ob mit Versandhändler, Reiseanbieter oder Auktions­platt­formen. Rechte und Pflichten gehen auf den Erben über. Dieser muss den Mantel bezahlen, die Kreuz­fahrt stornieren oder die ersteigerte Designer-Uhr abnehmen. Die wenigsten Verträge enden mit dem Tod. Auch Nutzer­konten bei sozialen Netz­werken und Versandhänd­lern bleiben erst einmal bestehen.

Erben müssen Nach­lass sichten

Kompliziert oder nicht – Erben sollten den digitalen Nach­lass auf keinen Fall ignorieren. Sie stehen dann vor der Aufgabe, den digitalen Nach­lass abzu­wickeln, also Nutzer­konten aufzulösen und Verträge zu kündigen. Laut Rechts­anwalt Pfaff (siehe Interview) stellen sie dabei vor allem zwei Fragen: „Wo war der Verstorbene online unterwegs?“ Und: „Wie bekomme ich Zugriff auf seine Nutzer­konten?“ Entscheidende Hinweise auf laufende Verträge, offene Rechnungen oder Online-Mitgliedschaften liefert oft der E-Mail-Verkehr des Verstorbenen.

Ohne Pass­wort kein Zugriff

In der analogen Welt lassen sich dessen Geschäfts­beziehungen meist einfach nach­voll­ziehen: Der Erbe ist berechtigt, die an diesen gerichteten Briefe zu öffnen. Im Internet sieht es anders aus: Ohne Pass­wörter und andere Zugangs­daten wie Nutzer­namen ist es schwierig, den digitalen Nach­lass zu ordnen und die Pflichten des Verstorbenen zu erfüllen. Kennt der Erbe ein Pass­wort nicht, kann er das dazu­gehörige Nutzer­konto nicht aufrufen und löschen. Er muss sich an den Dienst­anbieter, etwa den E-Mail-Provider, wenden. Ob dieser hilft, ist jedoch nicht immer sicher.

Tagebücher gehören zur Erbschaft

In der analogen Welt sind die Gesprächs­partner des Verstorbenen nicht geschützt. Nicht nur geschäftliche Briefe gehören zur Erbschaft, sondern auch Liebes­briefe und sogar Tagebücher des Verstorbenen. „Meines Erachtens muss das auch für den Daten­schatz des Verstorbenen gelten“, sagt Pfaff. Solange die recht­liche Lage allerdings noch nicht im Sinne der Erben geregelt ist, ist es erforderlich, vorzusorgen.

Lassen sich E-Books vererben?

Auch zwischen einer digitalen Samm­lung von E-Books und einer Biblio­thek aus gedruckten Büchern besteht ein wichtiger Unterschied: Letztere wechselt im Todes­fall unpro­blematisch vom Verstorbenen zum Erben, E-Books hingegen können oft nicht vererbt werden. Das hat mit den allgemeinen Geschäfts- oder Nutzungs­bedingungen der Anbieter zu tun. Dort steht meist, dass derjenige, der sich ein E-Book herunter­lädt, lediglich ein einfaches Nutzungs­recht erhält, das er nicht über­tragen darf. Oft ist ausdrück­lich ausgeschlossen, dass der Leser Eigentümer wird. Das bedeutet: Der Leser darf das E-Book nicht vererben und auch nicht verkaufen oder verschenken. Pech für die Erben: Was digitale Bücher betrifft, gehen sie leer aus.

Über­blick über Online­aktivitäten

Den Erben ist oft nicht klar, welche Internet­dienste ein Verstorbener genutzt hat und welche geschäftlichen Beziehungen noch bestehen. Kein Wunder: Viele Menschen könnten schon zu Lebzeiten nur mit den Achseln zucken, würden sie gefragt, welche Dienste sie verwenden und wo sie über­all registriert sind.

Tipp: Um den Über­blick über Ihre Online­aktivitäten nicht zu verlieren, sollten Sie regel­mäßig Ein- und Ausgang Ihres E-Mail-Post­fachs durch­forsten. Alte Newsletter, Bestell­bestätigungen und Rechnungen können Aufschluss über Kunden­konten geben, die in Vergessenheit geraten sind.

Zugangs­daten sicher hinterlegen

Digi­taler Nach­lass Special

Häufig hilft es schon, wenn Internetnutzer ihre Zugangs­daten – also E-Mail-Adressen, Nutzer­namen und Pass­wörter – für Angehörige, Erben oder andere Personen auflisten und sicher hinterlegen. Im Fall des Falles kommen diese dann leicht an den Schrift­verkehr heran und können Nutzer­konten meist ohne großen Aufwand auflösen. Wichtig ist das vor allem bei kosten­pflichtigen Diensten und Abos, die der Erbe schnell kündigen können sollte.

Tipp: Unser Finanztest Spezial Hinterbliebene bietet Ihnen Rat und Hilfe nach einem Todes­fall. Hier finden Sie Rat bei allen wichtigen Fragen in schweren Zeiten.

Unterschiedliche Rege­lungen bei den sozialen Netz­werken

Soziale Netz­werke gehen unterschiedlich mit dem Tod eines Nutzers um. Facebook bietet an, das Konto zu löschen oder in einen sogenannten „Gedenk­zustand“ zu versetzen. Dann kann sich zwar keiner mehr beim Konto anmelden, vom Verstorbenen geteilte Inhalte bleiben aber weiterhin für die Personen, mit denen sie geteilt wurden, einsehbar. Twitter erlaubt der Person, die entsprechend den Nach­lass­bestimmungen bevoll­mächtigt ist, oder nach­weislich unmittel­baren Familien­mitgliedern den Account zu deaktivieren. Die Löschung erfordert mehr Aufwand: Lösch­antrag einreichen, weitere Angaben bereit­stellen, wie Informationen zur verstorbenen Person, eine Kopie des Personal­ausweises des Antrag­stel­lers und eine Kopie der Ster­beurkunde der verstorbenen Person.

Digitalen Nach­lass per Testament regeln

Wer für größt­mögliche Klarheit sorgen will, kann seinen digitalen Nach­lass per Testament regeln. Darin lässt sich fest­legen, ob Online­konten gelöscht oder der Familie bestimmte Daten nicht zugäng­lich gemacht werden sollen. Der Nutzer kann eine Person seines Vertrauens beauftragen, sich um die Umsetzung der im Testament fest­gelegten Wünsche zu kümmern.

Tipp: Alternativ dazu können Sie in einer sogenannten Vorsorgevoll­macht eine Person benennen, die im Krank­heits- oder Todes­fall Ihre Nutzungs­verträge kündigen oder Daten löschen darf.

Zugangs­daten auflisten

Ein Testament muss hand­schriftlich verfasst, klar formuliert und unter­schrieben sein. Da viele selbst­formulierte Testamente allerdings unwirk­sam sind, lohnt sich der Gang zum Fach­anwalt für Erbrecht oder zum Notar. Einfacher umzu­setzen als ein Testament ist eine Liste der Nutzer­konten. Nutzer sollten sie aktuell halten und ausgedruckt oder als Dokument auf einem verschlüsselten USB-Stick hinterlegen.

Tipp: Nutzen Sie hierfür das Formular Nutzerkonten im Internet.

Konto­inaktivität-Manager

Wer einen E-Mail-Account bei Google hat, für den empfiehlt sich dessen Konto­inaktivität-Manager: Der Nutzer kann bis zu zehn Personen benennen, die benach­richtigt werden, wenn er auf das Konto in einer von ihm fest­gelegten Warte­frist zwischen 3 und 18 Monaten nicht zugegriffen hat. Die benannten Personen bekommen dann drei Monate Zeit, die relevanten Inhalte herunter­zuladen.

Was sind Ihre Erfahrungen?

Erben müssen sich mit dem Nach­lass eines verstorbenen Angehörigen auseinander­setzen – auch mit dem digitalen. Für eine unserer nächsten Veröffent­lichungen wollen wir heraus­finden, welche Probleme im Umgang mit den digitalen Daten Verstorbener auftreten. Sollten Sie schon einmal Probleme damit gehabt haben, an die Zugangs­daten für die Online­konten heran­zukommen, senden Sie uns bitte eine E-Mail an digitales.erbe@stiftung-warentest.de. Uns interes­sieren Ihre Erfahrungen:

Wie sind Sie an die Zugangs­daten eines verstorbenen Angehörigen heran­gekommen? Gab es Probleme?

Hatte der Verstorbene eine Account­liste mit Pass­wörtern erstellt, auf die Sie zugreifen konnten?

Nutzte der Verstorbene einen Pass­wort­manager? Hatten Sie das Masterpass­wort hierzu?

Hatten Sie Zugang zu dem E-Mail Account des Verstorbenen? Konnten Sie damit weitere Online-Konten ausfindig machen?

Falls Sie keine Zugangs­daten zum E-Mail Account des Verstorbenen hatten: Welche Nach­weise mussten einge­reicht werden, um Zugang zu bekommen oder das Konto zu löschen? Oder hat Ihr Anbieter Ihnen sogar den Zugang zum E-Mail-Account verwehrt?

Hatten Sie bei Facebook schon Probleme mit der Beantragung des Gedenk­zustandes oder der Löschung eines Facebook-Kontos? Wurden Sie bei Facebook als Nach­lass­verwalter einge­setzt?

Hatten Sie trotz Zugangs­daten bei Facebook Probleme damit, auf den Account zugreifen zu können?

Hat der Verstorbene mit Hilfe eines Dienstes wie exmedio Vorsorgemaß­nahmen getroffen?

Hat Ihr Bestatter Ihnen die digitale Nach­lass­verwaltung angeboten?

Haben Sie ein Unternehmen mit der Regelung des digitalen Nach­lasses beauftragt?

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