Die Reportage Meldung

Auf einer Pressereise macht die Tui Journalisten weis, dass Timesharing mit ihr das reine Urlaubsglück ist.

"Sind Sie auch so richtig anfi?", quäkt es fröhlich aus einem kleinen silbernen Radio, das genau zwei Programme empfangen kann. Anfi Radio Deutsch und Anfi Radio Englisch. Es sind die eigenen Radioprogramme der Ferienanlage Anfi del Mar auf Gran Canaria, an der der Touristikriese Tui im Dezember die Anteilsmehrheit gekauft hat.

Das Reiseunternehmen will mit Timesha-ring viel Geld verdienen. Das funktioniert aber nur, wenn es pro Apartment genügend Menschen das Recht verkaufen kann, dort ein oder zwei Wochen im Jahr zu verbringen ­ viele Jahre lang.Einziges Problem: Timesharing hat kein gutes Image. Jahrelang wurden Urlauber am Strand und auf der Straße angebaggert und mit Tricks zum Vertragsabschluss gedrängt. Mit solchen üblen Vertriebsmethoden will Tui nichts zu tun haben. Deshalb hat Tui Journalisten nach Gran Canaria gebeten. Die Presse soll sich selbst ein Bild vom Timesharing-Unternehmen Anfi del Mar machen.

Das kleine Radio bekommen übrigens nicht nur Journalisten, sondern alle Mitglieder der Clubs Anfi Beach, Puerto Anfi und Monte Anfi. Die drei Häuser bilden ein Feriendorf mit zentralem Platz, Einkaufszentrum, Jachthafen und Sportmöglichkeiten. Neben der Anlage liegt der kleine Ort Arguineguín. Der Tui-gesponserte Reiseführer fragt sich, "wie dieser hässliche Ort zu seinen Touristen kommt. Der Strand ist nicht sehr schön, eher schmutzig". Aber erstens braucht man den Ort und die Insel gar nicht für einen Cluburlaub und zweitens haben die Anfi-Leute das ortsübliche Vulkangeröll am Strand mit strahlend weißem Sand aus der Karibik überdeckt.

Das Gastland kommt nur in Form von Folkloregruppen vor, die in den Restaurants spanische und kanarische Lieder singen. Die Parkinsel vor der Anlage wurde künstlich mit dem Geröll der Felsen aufgeschüttet, die früher an dieser Stelle standen. Gran Canaria liefert hier nur das Klima. Anfi ist ein rundum künstliches Paradies, in dessen Apartments, Restaurants und Geschäften es sich zweifelsohne ein Weilchen leben lässt.

Im Schlafzimmer meines Apartments steht ein Whirlpool aus Marmor. Während ich bis zu den Schultern im Wasser versinke, beantworte ich die Frage des Radiomoderators: Noch bin ich nicht anfi, aber das luxuriöse Apartment gefällt mir schon.

Doch Komfort bieten auch andere Ferienclubs. Der Unterschied besteht darin, wie viel man für seinen Aufenthalt bezahlt und wie lange man sich bindet. Um anfi zu werden, muss man ein Wohnrecht in einem der zurzeit 684 Apartments der Anlage kaufen. Je nach Jahreszeit kostet das Recht, zum Beispiel jährlich eine Woche in einem Apartment des Clubs Anfi Beach mit 70 Quadratmetern zu verbringen, zwischen 23.000 Mark (Mai, Juni) und 31.000 Mark (Weihnachten, Silvester). Das Wohnrecht gilt für 99 Jahre. Es kann vererbt, verschenkt oder verkauft werden. Dazu kommen noch jährlich mindestens 650 Mark Nebenkosten pro Woche.

Doch wie will die Tui derart teure Wohnrechte seriös verkaufen? Acht Journalisten sind neugierig, wie Manfred Schönleben, Leiter des Geschäftsfelds Ferienwohnrechte bei der Tui, diese Frage beantworten wird. Schönleben liest ein Zehn-Punkte-Programm vom Blatt ab.

Die neue Werbung der Tui

Die Reportage Meldung

Ein zweiwöchiges Tui-Wohnrecht kostet für zwei Personen auf Gran Canaria mindestens 46.000 Mark. Für zwei Wochen Urlaub fallen zusätzlich 4.250 Mark an: 1.300 Nebenkosten für die Wohnung, 1.600 Mark für zwei Flüge, 150 Mark für den Transfer und 1.200 Mark für die Verpflegung. Ein Paar, das Pauschalreisen macht, kann die 46.000 Mark sparen und dafür rund 5 Prozent Zinsen im Jahr einstreichen. Zieht man diese Einnahmen ab, kostet ihre Reise im Vergleich zum Timesharing nur 2.900 Mark: 5.200 Mark Reisepreis minus 2.300 Mark Zinseinnahmen. Ein Preisvorteil von 1.350 Mark.

Vor allem mit der Rubbellos-Masche soll Schluss sein: Lange Zeit verteilten Anfi-Mitarbeiter am Strand Rubbellose. Den freigerubbelten Gewinn ­ beispielsweise ein T-Shirt ­ mussten sich die Glücklichen dann im Club Anfi abholen. Dort wurden ihnen Wohnrechte schmackhaft gemacht und gleich verkauft. Das neue Konzept: Reiseleiter der Tui erzählen Pauschaltouristen bei der Begrüßung von den Vorteilen des Timesharing. Dabei bekommen die Urlauber Gutscheine über 7.000 Peseten (rund 82 Mark). Die können sie bei Anfi gegen Teilnahme an der Verkaufsveranstaltung einlösen. Was Schönleben nicht berichtet: Sogar auf gebuchten Stadtrundfahrten steigen Werber zu, um Urlaubern das Timesharing anzupreisen und ihre Gutscheine zu verteilen.

Ein weiterer Punkt: Anzahlungen auf das Ferienwohnrecht gehen an einen Treuhänder und sollen bei Rücktritt zurückgezahlt werden. Ein Journalist wendet ein, dass das EU-Recht Anzahlungen vor Ablauf der Widerrufsfrist generell verbietet und sich die Frage der Rückzahlung daher gar nicht stellen dürfte. Doch Schönleben antwortet: "Wir wenden spanisches Recht an, nach dem Anzahlungen an Treuhänder möglich sind." Wer nach der ersten Anfi-Begeisterung aus dem Vertrag raus will, muss sich seine Anzahlung zurückholen.

Ein Überprüfungsbüro (Verification Office) soll sicherstellen, dass der Kunde richtig informiert wurde. So etwas gab es in der Timesharing-Branche schon immer, nur hieß es bislang "button up". Beim "Zuknöpfen" des Vertrags versuchen die Verkäufer, Ungereimtheiten aus dem Verkaufsgespräch, die später vor Gericht vorgetragen werden könnten, noch gerade zu rücken. Laut Schönleben sollen die Mitarbeiter unter anderem nachhaken, ob den Kunden die zehntägige Rücktrittsfrist klar ist und ob sie über die Höhe der jährlichen Nebenkosten aufgeklärt wurden. Nach Angaben der Anfi storniert das "Verification Office" rund 15 Prozent der neu geschlossenen Verträge.

Übrigens bekommen die Neukunden ein Handy geschenkt. Dann können Anfi-Verkäufer die Kunden später noch anrufen und fragen, ob alles in Ordnung sei. Nichts fürchten die Timesharing-Verkäufer mehr als einen Kunden, der von seinem Rücktrittsrecht Gebrauch macht.

Glücksboten mit Rubbellosen

Dem Pressegespräch folgt eine Führung durch die wirklich schöne Anlage. Wir werden an marmornen Bädern vorbeigeschleust, über großzügige Terrassen geführt und dürfen sogar in den Verkaufsbereich der Anlage, ein Labyrinth mit vielen fröhlichen Urlaubsfotos.

Viele bekannte Sportler sollen hier Urlaub machen. Die boxenden Klitschko-Brüder beispielsweise, deren Foto an mehreren Stellen in der Anlage hängt, werden uns als Freunde des Hauses präsentiert. Während das Presseteam der Tui die Journalisten für den nächsten Tag zu einer Jeep-Tour in die kanarische Bergwelt einlädt, fahre ich nach Arguineguín (der Reiseführer hat Recht) und anschließend nach Maspalomas. Am Taxistand ist reichlich was los. Ein Schwarm junger Leute stürzt sich hier auf dem Weg zwischen den Hotels und dem Strand mit Anfi-Prospekt und Rubbelkarten auf Urlauberpärchen.

Nicht alle gehen entschlossen weiter zum Strand. Da wird gerubbelt und vermutlich auch gewonnen, denn die Glücksboten stecken die Touristen umgehend in eines der wartenden Taxis, in dem sie enteilen.

Später wird Tui-Pressesprecher Mario Köpers mir sagen, dass diese Pärchen nie in der Anfi-Anlage ankommen, weil sie von Trittbrettfahrern zwar mit dem guten Namen der Tui gelockt wurden, aber dann in andere Anlagen geschickt werden. Von den 250 Straßenwerbern des Clubs Anfi seien nur noch 70 unterwegs. Die sprächen nur noch Skandinavier und Briten an, keine Deutschen. Warum, sagt die Tui nicht. Künftig will sie aber ganz ohne Drücker Wohnrechte verkaufen. Am besten, wir schauen gelegentlich mal wieder nach, ob alle anfi sind.

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