Die Reportage Meldung

Einbrecher können Rollläden leicht hochziehen, warnt Kripo­berater Ralf-Günter Hader. Für wichtiger hält er gut verriegelbare Fenster.

Bei Hausbesuchen zeigt die Polizei, wo Einbrecher einsteigen können. Der Härtetest ist kostenlos.

„Wenn ich mir die Terrassentür ansehe: Dreimal anpusten, einmal gegenlehnen und schon ist man drin.“ Ralf-Günter Hader weiß, wovon er spricht. Vorgestern hat er bei einer Vorführung stoppen lassen, wie lange er braucht, um mit einem Schraubenzieher ein handelsübliches Kunststofffenster aufzuhebeln. Es waren vier Sekunden. „Bei der Tür hier würde es allerdings länger dauern – ich schätze mal sieben bis acht Sekunden.“

Hader ist Fachberater der Berliner Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle, die 1921 als weltweit erste Institution ihrer Art gegründet wurde. Seit 1993 ist Ralf-Günter Hader ­dabei und zeigt den Hauptstädtern, mit ­welchen Augen Einbrecher ihr Heim sehen. Vielen hat er damit schon schlaflose Nächte beschert. Seit heute gehöre auch ich zu diesem Kreis, denn die leicht zu knackende ­Terrassentür führt in mein Wohnzimmer.

Erst vor wenigen Wochen bin ich mit von Besitzerstolz geschwellter Brust in die eigenen vier Wände gezogen. Dem Polizeibesuch habe ich entspannt entgegengeschaut. Eine Doppelhaushälfte in Massivbauweise – was soll noch sicherer sein?

Doch diesen Zahn zieht mir Ralf-Günter Hader gleich zu Beginn bei der Außenbegehung des Grundstücks: Wer die Mülltonne ranrollt, kann über das Vordach ins Ober­­geschoss einsteigen. Das an den Fenstern vorbeiführende Abflussrohr der Regenrinne ist eine prima Aufstiegshilfe. Die Gitterroste über den Kellerfenstern können schnell rausgebrochen werden. Und die flexiblen Kunststoffrollläden lassen sich auch von Schwächlingen locker hochschieben.

Dieser erste Überblick bringt mich zurück auf den Teppich. Von wegen „hochwertig verarbeitet“. Mein Traumhaus ist kaum ­sicherer als ein abgewohnter Altbau.

Doch mein Besucher macht mir etwas Mut: „Wenn ich mir die Tür anschaue, die ist an sich hochwertig.“ Schließlich verhaken beim Abschließen drei Riegel die Tür fest im Rahmen. Aber leider nur auf der Schlossseite.

Gehebelt wird von allen Seiten

Auf der anderen Seite wird das Holz nur von den Scharnieren festgehalten. „Dann setzt der Einbrecher eben da den Hebel an“, erklärt Ralf-Günter Hader. „Archimedes hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln.“ Nach diesem Motto setzen die Profis ihre Hebel überall an, ob nun oben, unten, rechts oder links. Also müssen so genannte Hinterhaken her, über die sich die Tür auch auf der anderen Seite in den Türrahmen krallt.

Der Beschlag vor dem Schloss erhält zumindest ein „Befriedigend“, da man ihn weder von außen abschrauben noch den Schließzylinder mit einer Zange abbrechen kann. Allerdings muss noch ein so genannter Kernziehschutz davor, der den Zylinder abdeckt. „Sonst könnte der Zylinderkern mit der so genannten Korkenziehermethode herausgezogen werden“, mahnt der Polizeiberater.

Zum Schutz vor Überfällen soll ich auch einen Spion mit möglichst großem Sichtwinkel anschaffen. „Sonst klingelt jemand und ruft, er sei der Postbote. Sie machen auf und bevor Sie sagen können, dass Sie nichts ­bestellt haben, liegen Sie schon auf dem ­Rücken.“ Eine Türkette sei hier nutzlos, da die Tür so eingebaut wurde, dass man durch den Türspalt fast nichts sehen würde.

Das Gästeklo befindet sich gleich nebenan. Hader empfiehlt, hier Außengitter anzubringen. „Das sollte man bei allen Nutzräumen tun. Dann kann man auch mal die Fenster angekippt lassen.“

Einbrecher mit Pilzköpfen ärgern

Jedes Mal, wenn Hader sich meine Fenster anschaut, sucht er zunächst nach Pilzköpfen. Denn nur solche rundherum verteilten Arretierungen mit Pilzprofil verankern Fenster und Terrassentüren fest im Rahmen und können so das Aufhebeln mit dem Schraubenzieher verhindern. Billige Fenster sind dagegen meist nur durch walzenförmige Rollzapfen gesichert. Deshalb kann man sie viel leichter knacken.

„Das ist eine Gemeinheit!“ Hader ärgert sich beim Blick auf mein Wohnzimmerfenster. Hier gibt es zwar an der Unterseite einen Pilzkopf. „Der reicht aber gerade mal aus, um Einbruchschutz vorzugaukeln.“ Ein Fenster dieser Größe müsse von mindestens vier dieser Köpfe verriegelt werden.

Die Schließtechnik an Fenstern und Türen ist ein Steckenpferd Haders, denn die meisten Ganoven nutzen deren Schwachpunkte. „Ideal sind im Erdgeschoss Fenster und Türen mit Aufhebelschutz ab Widerstandsklasse zwei nach Din V ENV 1627.“ Bei Neubauten solle man das von Anfang an einplanen.

Hader empfiehlt mir, alle Fenster im Erdgeschoss und die Fenster im Obergeschoss, die unmittelbar neben dem Fallrohr der Regenrinne liegen, mit besserer Schließtechnik nachzurüsten. „Was kostet denn die Nachrüstung bei so einem Fenster?“, frage ich etwas nervös. Schließlich geht es um sechs Fenster und unmittelbar nach dem Einzug ist nicht mehr viel Geld für Extras übrig. Ralf-Günter Hader rechnet überschlägig mit jeweils 200 Euro. Also 1 200 Euro nur für bessere Fensterbeschläge?

Hader scherzt: „Natürlich kann man mit Pilzköpfen weniger angeben als mit der neuen Einbauküche.“ Doch dafür könne man dann ruhiger schlafen. „Ich rate immer, nach dem Einzug die Wohnung dicht zu machen, bevor man die Kataloge aus der Schublade zieht und losbestellt.“

Im Obergeschoss ist die größte Schwachstelle das Badfenster, denn wer es auf das Vordach darunter geschafft hat, kommt von dort aus bequem herein. Hader rät, das Fenster von innen durch eine verschließbare Teleskopstange zu sichern. Dann kann selbst ein offen stehender Fensterflügel nicht nach innen aufgeschwenkt werden. Aber auch ohne Vordach sind Einbrecher schnell im Obergeschoss, weiß Ralf-Günter Hader. Häufig kletterten sie über die Markisen oder eine angekippte Gartenbank hoch. Manche Einbrecher würden sogar immer gleich die mitgebrachte Leiter anstellen, da sie damit rechneten, dass die Fenster und Türen im Erdgeschoss stärker gesichert sind.

Alarmanlage kann warten

Zum Schluss schreibt Hader eine Mängel­liste. Er rät dringend zu zehn Nachrüstungen an Türen und Fenstern. Halogenstrahler mit Bewegungsmelder und eine Alarmanlage ­wären zwar auch gut, aber nachrangig.

Meinen Einwand, dass ich in der dicht bebauten Siedlung doch recht sicher wohne, lässt er nicht gelten: „Wer passt denn da um drei Uhr morgens auf?“

Auch das Standardargument „Ich bin doch versichert“ zieht bei Hader nicht. „Lesen Sie mal im Kleingedruckten nach. Die Versicherung zahlt zum Beispiel nicht bei grober Fahrlässigkeit. Dafür kann es schon reichen, wenn Sie die Tür beim Rausgehen nur zugezogen haben, statt richtig abzuschließen.“

Hader mahnt: „Das Prinzip Hoffnung geht auf Dauer nicht gut. Dann lieber mal den Aus­tralienurlaub ausfallen lassen und dafür an die Ostsee fahren. Sonst sitzt man am Strand mit Schweißperlen auf der Stirn – nicht weil es so heiß ist, sondern weil man auf den Anruf vom Nachbarn wartet.“

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