Europas neue Kohle kommt aus dem Pott

Zwei Mark kostet das kleine Pils in der Schwerter Bahnhofskneipe "Zur alten Dampflok". Der Preis passt zur schwiemeligen Malocher-Atmosphäre. Andere Städte haben Umschlagplätze aus Stahl und Glas und Ambiente für ICE-Passagiere. Schwerte hat einen Bahnhof aus wilhelminischer Zeit, vor dem Regional-Expresse quietschend halten. Entlang der Fensterbänke links des Tresens sind Porzellankannen aufgebaut. An der Wand gegenüber hängt die Büchse des Sparclubs, 56 mit Nummern versehene Schlitze.

Von der anderen Seite der Gleise grüßen weitere Zeugen aus Dampflokzeiten: Bauten aus roten Ziegeln. 1861 haben die ersten Arbeiter der "Nickel- und Kobaltfabrik Fleitmann & Witte" sie selbst gebrannt und daraus ihre Fabrik errichtet. Heute tragen die Gebäude zur Bahnhofseite die Aufschrift "Deutsche Nickel-Werke AG".

Das Werk sagt allen Sinnen, dass Menschen hier körperlich arbeiten: Stapler-Staus auf den Straßen, aus Hallen Widerhall malmenden Metalls, Zischen, Klimpern, Rotzen, Rauch. Ruhrgebiet pur. So arg Klischee, wie es eigentlich gar nicht mehr sein will. Aus Geräuschen, Gerüchen, Metallen und Arbeit entsteht hier der Euro. Unser aller neues Geld ist hier zum Anfassen nahe.

"Der Euro ist eigentlich abgefrühstückt", wundert sich Vorstandssprecher Günter Franke, dass sich jemand nach den Münzen der Europawährung erkundigt. Schließlich arbeiten er und eine 500-köpfige Belegschaft schon im dritten Jahr daran. Aber für die Menschen in Euroland ist das neue Geld doch nur eine abstrakte Größe auf Preisschildern, auf Rechnungen und Überweisungsträgern. "Stimmt", sagt Franke. "Körperlich ist der Euro noch nicht da. Das kommt erst langsam ins Bewusstsein der Leute."

Der mittelständische Betrieb ist dick im Euro-Geschäft. In den Büchern stehen Aufträge von über einer Milliarde. "Deutsche Mark, wohlgemerkt", sagt Franke. In Madrid baue die Deutsche Nickel gemeinsam mit der Staatlichen Münze "das modernste Werk der Welt für Münzrohlinge", begeistert sich der hemdsärmelige Manager. Wie überhaupt die verschiedenen Hersteller nur Rohlinge liefern, blanke Scheiben, die dann von hoheitlichen Münzprägeanstalten zu Geld gestempelt werden. Jedes Land prägt die gleiche Vorderseite und eine landestypische Rückseite.

Für alle elf Euroländer arbeite die Deutsche Nickel, liefere Material oder Rohlinge. Ohnehin sei die Deutsche Nickel mit ihren verschiedenen Töchtern das einzige Unternehmen in Europa, das in der Lage sei, alle acht Euro-Münzen, also 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Cent wie auch die Einer und Zweier aus ihren Maschinen klimpern zu lassen. Franke redet sich in Begeisterung. "Wir wollen an dem einmaligen Ereignis groß partizipieren."

Das einmalige Ereignis bringt in den elf Teilnehmerstaaten der Währungsunion 60 Milliarden Münzen in Umlauf, 17 Milliarden davon in Deutschland. Allein 24 Milliarden Rohlinge kommen aus Schwerte. Gemessen an Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft hat Spanien am kräftigsten bestellt. Möglicherweise zu kräftig. Zwar ist das Königreich des europäischen Tourismus bislang der größte Münzverbraucher der Union, weil Hunderte von Millionen Touristen jährlich Milliarden von Peseten mit nach Hause nehmen, in Zukunft haben die meisten Touristen aber dieselbe Währung wie die Einheimischen.

Überhaupt: Spätestens die Urlaubssaison 2002 wird alles durcheinander bringen: Ab dem darauf folgenden Herbst gibt einem der Berliner Bäcker die Schrippe auch gegen eine Münze mit dem Konterfei von Dante Alighieri aus, Jacques, der Lebenskünstler aus Paris, zahlt sein Baguette mit dem Brandenburger Tor, und kein Daddelautomat in Euroland ist sich zu fein, sich in Bewegung zu setzen, kommt ihm ein geprägter König wie Spaniens Juan Carlos ins Getriebe.

Wozu der ganze Aufwand, wenn doch in absehbarer Zeit ohnehin aller Zahlungsverkehr bargeldlos abgewickelt wird? "Eher wird das Papiergeld überflüssig", poltert Franke. "Denken Sie doch nur an die Automaten."

Automaten handeln ohne Gefühle. Unbestechlich misst und erkennt ihre sensible Elektronik Gewichte und elektromagnetische Eigenschaften der eingeworfenen Münzen. Kein Wunder, dass die Automatenlobby beim Euro ein gewichtiges Wörtchen mitgeredet hat. Etwa bei den Legierungen der Münzen, um hohe Fälschungssicherheit zu erreichen.

Markstücke verschmelzen zum Euro

Die Reportage Meldung

Schweißtreibendes Metallkochen

Am Anfang des Euro wabert flüssiges Metall. Für die 1-, 2- und 5-Cent-Rohlinge kochen die Schwerter Stahl, stanzen Scheiben aus, galvanisieren Kupfer auf. Fertig. Mit den Einern und Zweiern halten die Deutschen erstmalig zweifarbige Münzen in den Händen, die aus Kupfer, Zinn und Nickel bestehen. "Keine Gefahr für Allergiker", sagen die Hersteller. Die 10, 20, 50 Cent bestehen aus "Nordic Gold", einer neuartigen Legierung aus Kupfer, Aluminium, Zinn und Zink. Für deren Herstellung hat sich die Deutsche Nickel etwas Besonderes einfallen lassen. Leider geheim. Fotografieren verboten. In den Euro-Rohlingen gehen auch viele der bisherigen Münzen auf, 700.000 Tonnen europaweit. Während die Geldmacher vom "Fuffzger" bis zum "Heiermann" alle deutschen Münzen wieder verwerten können, wandert das Kleinstgeld auf den Schrott. Trauriges Ende der "Glückspfennige", der Pfennige überhaupt: Eine apokalyptische Maschine namens Moneycrasher versetzt sie in den Zustand endgültiger Wertlosigkeit. Arbeiter befördern die Eurosuppe in Containern Richtung Abstich. Der auf dem italienischen "Zweier" abgebildete Dante hätte bestimmt seine Freude daran gehabt zu sehen, wie die Metalle 1.100 Grad Celsius heiß in die für 25 Millionen Mark neu eingerichtete Bandgießanlage strömen. Verblüffend! Vielleicht fünf Meter weiter lässt sich das bunt schillernde Metallband bereits mit bloßen Händen berühren.

Frauen finden Münzen mit Fehlern

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Nach und nach bringen Walzen das Metall auf Eurostärke. Dann haut eine Stanze Rohling um Rohling aus dem Band. Die Begegnung mit der tonnenstarken Stanze hat nun allerdings die Molekularstrukturen der Rohlinge arg durcheinander gebracht. Bei milden 790 Grad Celsius im Inneren einer Maschine richten sich die Atome wieder einheitlich aus, dann fallen die Rohlinge vom Fließband in die bereitgestellten Container.

Fehlt noch die Qualitätskontrolle. Die erledigen Arbeiterinnen mit bloßem Auge und Zigarette auf dem Zahn. "Frauen finden dabei eindeutig mehr Fehler als Männer", sagt eine Angestellte. Per Lkw gehen die fertigen Rohlinge zu den staatlichen Münzanstalten, wo der Prägestempel wartet: Mit einem Druck von um die 75 Tonnen haut er Zahlen, Symbole und Gesichter ins Metall. Gleichgültig, ob danach das Brandenburger Tor oder Königin Beatrix erscheint, am Gewicht darf die Prägung nichts verändern. Der Schlag adelt die Metallscheibe. Ab 2002 darf sie ihr Amt als Zahlungsmittel antreten.

Die Wirtin in der "Alten Dampflok" zapft Biere bis zum Abwinken. Wird das kleine Pils nach seiner Einführung der Einfachheit halber einen Euro kosten, was ja eine leichte Preissenkung bedeutete? "Nä", sagt die Frau resolut. "Dat is ja getz schon zu billich, dat kostet dann sicher mehr." Na, wenn das man keine Auswirkungen auf die Befüllung der Sparclub-Büchse hat ...

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