Interview: Auch die Eltern müssen umdenken

Interview mit Dr. Ulrike Korsten-Reck, Sportmedizinerin an der Universität Freiburg. Sie wurde 1999 von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft für ihr ambulantes Therapieprogramm FITOC ausgezeichnet, das bereits seit 1987 läuft.

Was sind die hauptsächlichen Fehler von Eltern bei der Ernährung?

Viele Eltern müssen lernen, die Bedürfnisse der Kinder nicht immer mit Essen zu befriedigen. Denn sonst ist das Dickwerden programmiert. Für einige Eltern sind die Bedürfnisse der Kinder nicht wahrnehmbar. Ein weiterer Fehler ist, wenn Eltern Essen als Belohnung einsetzen oder rigide mit dem Essen umgehen, zum Beispiel der Teller immer leer gegessen werden muss. So lernen die Kinder nicht, auf ihr Gefühl zu achten.

Wie können Kinder motiviert werden, sich gesund zu ernähren?

Kinder nehmen Informationen über Lebensmittel dankbar an ­ wenn sie von Dritten kommen und nicht von den Eltern. Denn sonst vermischen sich mit der Ernährungsaufklärung auch emotionale Ebenen. Bei elterlichen Verboten zum Beispiel bauen sich schnell Aggressionen auf, denn bei den Kindern kommt das so an: "Die mögen mich nicht" oder "Die gönnen es mir nicht". Eltern wollen den Kindern schlechte Erfahrungen ersparen, aber das funktioniert leider nicht. Sie verhalten sich damit manchmal sehr kontraproduktiv. Deshalb ist ihnen anzuraten, sich Hilfe von außen zu suchen.

Bei welchen Alarmzeichen sollten die Eltern sich um Hilfe bemühen?

Wenn Kinder ständig zwischendurch und wahllos essen, dauernd irgendwelche Süßigkeiten brauchen, sich vielleicht sogar heimlich Nahrungsmittel besorgen oder nie nein sagen können, das Essen also ganz im Vordergrund steht. Wenn Kinder dadurch auffallen, dass sie sich ungern bewegen, Bewegung ein Kampf ist ­ das alles sind Alarmzeichen. Dazu kommt natürlich die optische Diagnose: Wenn die Klein- oder Schulkinder eine "Wurst am Bauch" haben, dann sollte man mit dem Kinderarzt sprechen.

Wie sieht der Sportunterricht für übergewichtige Kinder aus?

Bei vielen übergewichtigen Kindern ist Sport mit Frustration und Ängsten verbunden. Deshalb geht es darum, den Kindern wieder den Spaß an Bewegung nahe zu legen, ihnen Ängste zu nehmen. Das erfolgt über Spiele und Übungen aus der Psychomotorik: Wichtig ist der Bereich Wahrnehmung, die Sinne werden wieder mobilisiert. Die Kinder malen zum Beispiel auf, wie sie ihren eigenen Körper wahrnehmen. In einer Partnerübung beispielsweise lassen sie sich bei geschlossenen Augen von einem anderen Kind durch den Raum führen. Am Ende unserer Sporttherapie steht allerdings richtiger Ausdauersport, wobei auch Energie verbrannt wird.

Wann sollten übergewichtige Kinder in einer Rehaklinik behandelt werden, wann ambulant?

Wenn die Kinder innerhalb ihrer familiären Verbindungen bestimmte Probleme nicht lösen können, dann brauchen sie die Distanz zum Elternhaus, um an diese Punkte heranzukommen. Auch starke Angst oder Aggressionen können ein Kriterium für eine stationäre Therapie sein. Und bei massivem Übergewicht kann ein stationärer Einstieg sinnvoll sein, um die Kinder anschließend weiter ambulant zu betreuen. Eine ambulante Therapie ist sicherlich die ehrlichere Variante, weil wirklich alle Familienmitglieder zur kräftigen Mitarbeit herangezogen werden. Auch die Eltern müssen umdenken lernen. Aber bei einer stationären Therapie sind sie eben nicht dabei.

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