Dicke Kinder Meldung

Sitzen statt rennen, schlapp statt fit ­ immer mehr Kinder und Jugendliche sind zu dick. Das belastet die Gesundheit und das Selbstbewusstsein. Spezielle Programme helfen beim Abnehmen.

"Rollmops", "fette Qualle", "Schwabbelbauch": Weil die Mitschüler ihn ständig hänselten, schubsten, schlugen und ihm mal ein Bein stellten, schwänzte Kai die Schule. Er verkroch sich zu Hause, schaltete die Glotze an ­ und verspeiste dabei Chips, Schokolade, alles Mögliche. Der 14-Jährige brachte bei 1,74 Meter Größe 93 Kilo auf die Waage. Bis er die Faxen dicke hatte. In der Rehabilitationsklinik in Beelitz-Heilstätten lernt er jetzt, sich vollwertig zu ernähren ­ mit sechs regelmäßigen Mahlzeiten am Tag. Täglich macht er Sport und nimmt zusammen mit anderen Kindern an einer psychotherapeutischen Gruppe teil.

Dicksein nagt am Selbstwertgefühl. "Viele übergewichtige Kinder ziehen sich zurück, gehen nicht mehr raus und geben Freundschaften auf", berichtet Dr. Sabine Koch von der Rehabilitationsklinik Kartzow-Beelitz, einer Fachklinik für Kinder und Jugendliche. Mit Essen versuchen sie sich zu trösten. Ein Teufelskreis.

Fast jedes vierte bis sechste Schulkind ist zu dick ­ mehr als doppelt so viel wie noch vor 15 Jahren. Immer mehr Kinder vertreiben sich die Zeit mit Computer- und Videospielen oder verbringen ganze Nachmittage und Abende vor dem Fernseher. Und Fernsehen macht dick: Denn im Sitzen oder Liegen vor der Glotze verbraucht man denkbar wenig Energie, gleichzeitig verführt die Situation dazu, Energie in Form von Kartoffelchips oder Süßigkeiten aufzunehmen. Außerdem macht die TV-Werbung Appetit auf lauter ungesunde Nahrungsmittel. Und zwischendurch holen sie sich Fritten von McDonalds oder die Fertigpizza aus dem Tiefkühlfach. "Viele Kinder essen unregelmäßig und ungesund, weil die gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie selten geworden sind", sagt Dr. Koch. Und sie bewegen sich zu wenig. Wenn die Kinder dann noch eine Veranlagung zum Dickwerden haben, also "gute Futterverwerter" sind, bilden sich bald unansehnliche Rettungsringe um den Bauch.

"Das wächst sich aus", hoffen viele Eltern, doch das trifft meist nicht zu: Aus 40 Prozent der 7-jährigen und aus 80 Prozent der 10- bis 13-jährigen Pummelchen werden dicke Erwachsene, deren Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System oder Bewegungsapparat Schaden nimmt. Schon viele der massiv übergewichtigen (adipösen) Kinder und Jugendlichen leiden an Gelenkschäden, Bluthochdruck, Altersdiabetes oder Fettleber.

Eine gute Therapie für übergewichtige Kinder muss zum Ziel haben, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu ändern. Damit ist ein Kinderarzt im normalen Praxisbetrieb überfordert. Diätassistenten oder Ökotrophologen, Krankengymnasten oder Sportmediziner sowie Sozialpädagogen oder Psychologen müssen sich beteiligen. Solch ein interdisziplinäres Team betreut die 7.000 bis 12.000 Kinder, die jedes Jahr wegen massiven Übergewichts in Rehakliniken eingewiesen werden. Dort sollen sie in sechs Wochen einen neuen Lebensstil verinnerlichen.

"Bei diesen Kuren ist jedoch der Transfer in den Alltag das Problem", bemängelt Dr. Susanna Wiegand, Kinderärztin an der Berliner Uniklinik Charité. "Die Kinder haben für sich etwas erarbeitet und müssen nun gegen den Rest der Familie antreten." Was fehlt, ist die anschließende ambulante Betreuung, die die Eltern und Geschwister in die Therapie mit einbezieht. "Und das ist harte Arbeit, denn viele Familien blocken Veränderungen ab", so die Kinderärztin.

Ambulante Therapien

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Seit einem Jahr arbeitet sie in einem ambulanten Programm für übergewichtige Kinder an der Berliner Charité, eines von wenigen ambulanten Modellprojekten in Deutschland. Auch in Freiburg, Hamburg oder Kiel zum Beispiel nehmen sich größere Projekte der Behandlung dicker Kinder an, doch von flächendeckenden Strukturen ist das noch weit entfernt. Es mangelt auch an exakten Studien, die die Erfolge der Adipositas-Therapie bei Kindern belegen.

Auch in Sachen Vorbeugung läuft wenig. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bildet Fachfrauen und -männer für Kinderernährung aus ­ allerdings nur in Sachsen: Sie wollen Kitas und Schulen die alternative Schultüte, das gesunde Pausenbrot oder Fastfood zum Fitbleiben schmackhaft machen. Kurzzeitige Initiativen des Deutschen Sportbundes, der Gesundheitsämter oder Schulen bleiben ein Tropfen auf den heißen Stein. Einzig in Kiel hat sich das große Präventionsprogramm KOPS etabliert.

Das größte Therapieprogramm heißt FITOC. Das "Freiburg Intervention Trial for Obese Children" wird demnächst in 18 weiteren Städten angeboten. Im Ruhrgebiet und Rheinland, in Thüringen, Bayern und Westfalen haben sich Fachleute schulen lassen. In Freiburg läuft FITOC seit 1987. Die achtmonatige Therapie beruht auf vier Säulen: Umstellung der Ernährung, Sport, Verhaltenstherapie, Elternarbeit. Das heißt konkret: Die Kinder im Alter von acht bis elf Jahren gehen dreimal die Woche zum Sportunterricht. Um die Eigenverantwortung zu fördern, sollen sie Ernährungs- und Trinkprotokolle aufstellen: Wann habe ich wie viel gegessen und getrunken? Zusätzlich finden sieben Elternabende und sieben Kinderkochnachmittage statt.

"Bei der Therapie geht es nicht darum, dass die Pfunde purzeln", betont Dr. Ulrike Korsten-Reck, die Leiterin des Programms. "Sondern die Kinder sollen lernen, mit ihrem Körper, ihrem Ich besser umzugehen." Für die Ernährung heißt das: keine Diät, sondern eine Umstellung auf eine vollwertige, fett- und zuckerärmere Ernährung. Weil die Kinder noch wachsen, reicht es fürs Dünnerwerden schon aus, das Gewicht zu halten.

Denn Diäten belasten den kindlichen Organismus zu sehr und haben aufgrund des Jo-Jo-Effekts, wie bei Erwachsenen auch, meist ein dickes Ende: Bei stark reduzierter Energiezufuhr schaltet der Körper auf Sparflamme und nimmt anschließend umso besser wieder zu. Einmal abgesehen davon, dass Diäten gerade bei jungen Menschen in eine Ess-Störung übergehen können: Die Gedanken kreisen nur noch ums Essen und das Essen wird extrem kontrolliert.

Nicht weniger, sondern besser essen heißt also die Devise. Dabei hilft eine Verhaltenstherapie. Ein Beispiel: Kristina isst gern Kuchen am Nachmittag. Bekommt sie nun um vier Uhr Appetit, hat sie die Wahl zwischen einem Apfel und einem Vollkornmüsli. Kuchen ist gar nicht im Haus. Kristina darf also etwas essen und kann sogar auswählen ­ ein positiver Umgang mit dem Hungergefühl. Etwa 70 bis 80 Prozent der Kinder profitieren von FITOC, wie die Daten von 300 Kindern zeigen. Nach den acht Monaten sind sie körperlich aktiver und leistungs- fähiger. Sie essen weniger Süßigkeiten und fettreiche Lebensmittel, die Eltern kaufen bewusster ein und haben ihre Kochweise umgestellt. Etwa 10 bis 15 Prozent der Kilos haben die Kinder in dieser Zeit durchschnittlich verloren. Außerdem verbessern sich die Schulleistungen der Kinder, sie können sich besser in Gruppen integrieren, ihr Selbstwertgefühl steigt auch.

"Die Adipositas-Therapie ist bei Kindern erfolgreicher als bei Erwachsenen, weil sie noch keine festen Gewohnheiten haben", sagt Dr. Korsten-Reck. "Besonders um das achte bis elfte Lebensjahr herum lässt sich das Verhalten gut modifizieren und stabilisieren." In Baden-Württem- berg kann die Therapie über die Krankenkassen abgerechnet werden, in anderen Bundesländern muss darüber noch verhandelt werden.

Familientherapie

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Nicht weniger, sondern besser essen heißt die Devise.

Weniger auf Verhaltens- denn auf Familientherapie liegt der Schwerpunkt an der Berliner Charité. Allein in Berlin sind 80.000 Schulkinder übergewichtig, davon 40.000 adipös. "Die dicken Kinder kommen häufig aus zerrütteten Familien", erzählt die Diplom-Psychologin Zussan Vahabzadeh. Gewalt, Sucht, Trennungen und finanzielle Probleme belasten das Familienleben. "Die Jugendlichen wissen sich oft nicht anders zu helfen, als dass sie ihre Probleme mit übermäßigem Essen dämpfen", so Zusann Vahabzadeh. Alle zwei Wochen treffen sich die Kids und Teens, machen Rollenspiele, Traumreisen, kochen, backen, essen zusammen oder üben mit dem Pezziball. Auch ihre Eltern kommen regelmäßig in einer Elterngruppe zusammen.

An Eltern und Kinder, die kein Therapieangebot vor Ort haben, wendet sich das Programm "PowerKids", ein zwölfwöchiges spielerisches Training für zu Hause, das von den Universitäten Göttingen, Marburg und München entwickelt wurde. Dafür kaufen sich die Kids einen Koffer mit einem Video und allerlei multimedialen Trainingsgeräten, versichern per Vertrag, dass sie die Spielregeln einhalten wollen, und los gehts: Sie zählen ihre "Fettzies", also Fettpunkte, und ihre "Schlaffies" für jede halbe Stunde Rumgammeln, die sie mit "Sporties" ausgleichen können. Mit "Winnies" können sie sich zum "PowerKid" punkten. Weil die Familien das Programm in Eigenregie zu Hause durchführen, ist es allerdings nicht für extrem übergewichtige Kinder geeignet. Über den AOK-Verlag wird es in ganz Deutschland für 60 Mark vertrieben.

Das Gewicht steht bei PowerKids, wie bei den anderen Programmen auch, nicht im Mittelpunkt. Das Thema Hänseln zum Beispiel ist viel gewichtiger. Wenn ihm "Mops", "Elefantenbaby" oder "dicke Sau" zu Ohren kommt, kennt Kai jetzt eine coole Antwort: "Ich kann dünner werden, du aber bleibst dumm."

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