Der große Zinstest: Mit Zinsbewegungen rechnen

Zinsen ändern sich. Richten Sparer ihre Geldanlage danach aus, gehen sie ein höheres ­Risiko ein. Finanztest hilft, die Risiken einzuschätzen, und nennt geeignete Angebote.

Entscheidungen treffen in un­sicheren Situationen: Diese Fähigkeit müssen Anleger schon mitbringen, wenn sie mit Zinsprodukten spekulieren möchten. Denn voraussagen kann die Zinsentwicklung niemand. Anleger müssen sich trotzdem entscheiden, ob sie mit steigenden oder fallenden Zinsen rechnen.

Sparer, die davon ausgehen, dass die Zinsen in Zukunft weiter fallen, deren Strategie ist klar: Sie sichern sich so lange das derzeitige Zinsniveau, wie sie annehmen, dass die Zinsen niedriger sein könnten als im Moment.

Je nach Spekulationszeitraum kommen für diese Sparer unterschiedliche Produkte infrage (siehe Kasten S. 13). Bei einer Anlagedauer von weniger als einem Jahr eignen sich Festgeld, langlaufende Bundesanleihen oder Rentenfonds, die in langlaufende Anleihen investieren.

Genau wie Anleihen selbst reagieren diese Rentenfonds auf sinkende Marktzinsen mit steigenden Kursen. Der Grund: Sinkt das allgemeine Zinsniveau, haben die Papiere, in die sie investiert haben, im Vergleich zu den neuen einen attraktiveren Zinssatz. Das lässt die Kurse der Fonds steigen.

Auf Seite 90 führen wir die Rentenfonds auf, die in langlaufende Anleihen investieren und die Kriterien für unsere Fondsanalyse erfüllen. Am besten haben der DWS Deutsche Renten (lang) Typ 0 und der Oppenheim Bond Euro L abgeschnitten. Beide erreichten im fünfjährigen Untersuchungszeitraum eine durchschnittliche Wertentwicklung von 6,2 Prozent pro Jahr.

Anleger, die sich statt für Fonds für eine Direktinvestition in langlaufende Anleihen entscheiden, sollten am besten Bundesanleihen oder Jumbo-Pfandbriefe kaufen. Sie werden viel gehandelt und können zu einem fairen Preis wieder verkauft werden. Allerdings fallen für Kauf und Verkauf Kosten an.

Für Laufzeiten über einem Jahr bieten sich ebenfalls langlaufende Anleihen an, außerdem die Sparangebote der Banken mit und ohne Kündigungsmöglichkeit.

Das Richtige für steigende Zinsen

Tagesgeld oder Geldmarktfonds sind für Anleger, die auf steigende Zinsen spekulieren, erste Wahl. Hier können sie risikolos Geld parken, bis die Zinsen gestiegen sind, um dann zu investieren.

Für Laufzeiten von mehr als einem Jahr sind die Top-Angebote der Einmalanlagen mit vorzeitiger Kündigungsmöglichkeit empfehlenswert.

Geeignet sind auch Euro-Rentenfonds, die Papiere verschiedener Laufzeiten mischen und die ihre Stärken vor allem bei steigenden Zinsen ausspielen. Der Schmidtbank Euro-Rentenfonds FI (DWS) besitzt zum Beispiel diese Eigenschaft. Er belegt derzeit den zweiten Platz in der Fondsanalyse.

Wichtig ist bei allen Investitionen in Fonds die Kostenkontrolle. Je kürzer die Anlage läuft, desto mehr mindern die Kaufkosten die Rendite. Für Geldmarktfonds sollten Anleger keinen Ausgabeaufschlag akzeptieren.

Bei den Rentenfonds, die in kurzlaufende Papiere investieren, fallen meist um die 3 Prozent an. Hier gilt wie bei allen Fonds: Direktbanken, Discountbroker oder gute Fondsshops gewähren Rabatte auf den Ausgabeaufschlag.

Was beeinflusst die Zinsen?

Doch werden die Zinsen steigen oder fallen? Voraussagen kann dies niemand. Denn die Zinsentwicklung hängt hauptsächlich von drei Faktoren ab: von der Inflation, den Konjunkturaussichten und der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

An der Inflationsrate zeigt sich der Wertverfall des Geldes. Je höher der Wertverfall, die Inflation, desto höher sind normalerweise auch die Zinsen für fest angelegtes Geld. Zur Einschätzung festverzinster Anlagen wird oft die reale Verzinsung verwendet. Sie bleibt übrig, wenn man von den Zinsen die Inflationsrate abzieht.

Auch die Konjunktur wirkt sich auf die Zinsen aus. Schwächelt die Wirtschaft, fragen Unternehmen und auch Privatleute weniger Kredite nach. Das und die oft mit einem Abschwung einhergehende fallende Inflationsrate führen dazu, dass die Zinsen fallen.

Beeinflusst wird die Zinsentwicklung wesentlich von der Geldpolitik der jeweiligen Notenbank. Im Euro-Raum ist dies die EZB. Ihr vorrangiges Ziel ist die Bekämpfung der Inflation.

Für die EZB gilt eine auf das Jahr bezogene Inflationsrate von 2 Prozent als gerade noch akzeptabel. Ist die Inflationsrate im gesamten Euro-Raum niedriger oder höher, schreitet sie ein und ändert die Leitzinsen. Das sind die Zinssätze, zu denen die Geschäftsbanken bei der EZB Kredite aufnehmen und ihr Geld anlegen können.

Senkt die EZB die Zinsen, zahlen auch die Herausgeber von Anleihen für neue Papiere weniger Zinsen. Für Anleihen, die bereits am Markt sind, ändert sich nun der Kurs, weil ihr höherer Zins nun attraktiver ist. Die Höhe der Kursgewinne oder -verluste hängt von der Restlaufzeit der Anleihe ab (siehe „Risiken von Anleihen“).

Derzeit gibt es Anhaltspunkte für eine bevorstehende Zins­senkung im Euro-Raum. Dies zeigt unter anderem eine Umfrage des Zentrums für Euro­päische Wirtschaftsforschung (ZEW) unter 305 Finanzex­perten von Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen. Die Mehr­heit der Befragten, nämlich 64,8 Prozent, erwarten eine Zinssenkung.

Für einige Fachleute scheint zudem festzustehen, dass Deutschland eine ­Deflation ins Haus steht. Davon spricht man, wenn die Inflationsrate unter null rutscht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte Mitte Mai vor einer drohenden Deflation in Deutschland.

Kurz flammte die Diskussion über Deflationstendenzen in Deutschland noch einmal auf, als das Statistische Bundesamt die Preisentwicklung für Mai veröffentlichte: Die Preise gingen im Vergleich zum Vormonat um 0,2 Prozent zurück. Käme es für längere Zeit zu einem Preisrückgang, würde das auf die Zinsen drücken. Der Preisanstieg für 2003 liegt in Deutschland jedoch bei derzeit 1,1 Prozent.

Grund zur Panik gibt es also nicht. Zum Vergleich: Anfang 1986 und Ende 1987 gab es in Deutschland einen kurzzeitigen Preisrückgang von 1 Prozent auf Jahressicht, ohne dass Deutschland in die Deflation abrutschte.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die EZB sehen die aktuelle Situation nicht so düster wie der IWF. Ein Deflationsrisiko gibt es nach Meinung des BDI höchstens in Teilmärkten. Die EZB sieht keine Deflationsgefahr für Deutschland.

Wer mit Zinsen spekulieren will, muss sich selbst eine Meinung bilden. Er muss ein Zukunftsszenario für die konjunkturelle Entwicklung und für die künftige Inflationsrate im Kopf haben. Denn davon, ob ein Anleger an einen wirtschaftlichen Aufschwung glaubt und wann er ihn erwartet, hängt seine Anlage ab.

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