Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Krankheiten. Doch sie sind kein unausweichliches Schicksal. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sie zu behandeln und zu heilen.

Für manche ist der Sommer am schlimmsten: Wenn andere Menschen gute Laune haben und unternehmungslustig sind, ziehen Depressive sich in die dunkle Welt ihrer Hoffnungslosigkeit zurück. Meist verheimlichen sie ihre Krankheit. Wer verschont bleibt, ordnet sie oft zwischen Erkältung und Wehleidigkeit ein. Nur manchmal dringen Depressionen ins öffentliche Bewusstsein, wenn zum Beispiel ein junger Fußballstar wie Sebastian Deisler sich offen dazu bekennt und eine Behandlung sucht.

Die Depression ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine der größten Volkskrankheiten. Neben den Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehört sie weltweit zu den häufigsten Krankheiten. Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen, so die WHO, die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder „verlorene Jahre“ sein. In Deutschland leiden fünf Prozent der Bevölkerung an einer Depression, das sind vier Millionen Menschen. Etwa dreimal so viele erkranken irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer Depression.

Die Gründe für die Zunahme sind unklar. Die öffentliche Diskussion legt den Verdacht nahe, dass Depressionen in dieser Häufigkeit eine Erscheinung des 20. und 21. Jahrhunderts sind – eine Folge des modernen, hektischen, industrialisierten und städtischen Lebensstils. Außerdem gehen Menschen heute vielleicht schneller zum Arzt und lassen sich eher behandeln.

In allen Kulturen

Eine rein moderne Erscheinung sind Depressionen jedoch nicht. Sie sind eine Erkrankung, die es in allen Kulturen und Gesellschaftsformen zu allen Zeiten gab. Die erste schriftliche Nennung eines Krankheitsbildes, das unserem heutigen Verständnis der Depression entspricht, findet sich schon im fünften Jahrhundert vor Christus. Die damals so benannte „Melancholie“ wird dann im ersten Jahrhundert schon mit allen wesentlichen Symptomen beschrieben.

Depressionen haben nichts mit schlechter Laune oder Stimmungsschwankungen zu tun. Es sind psychische Erkrankungen, bei denen Erleben und Verhalten gestört sind. Die Ursachen sind nur teilweise bekannt (siehe „Wie entsteht eine Depression?“). Es gibt leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. Je nach Lebenssituation und dem Erfolg einer Behandlung sind die Symptome dieser chronischen Erkrankung stärker oder schwächer ausgeprägt.

Freudloses Dasein

Depressive Menschen interessieren sich für nichts mehr und können sich zu nichts aufraffen. Sie sind bedrückt, schwermütig, können sich kaum noch über etwas freuen. Sie sind erschöpft, mögen oft nicht mehr essen, und sie schlafen schlecht. Sie kapseln sich ab, quälen sich mit Selbstzweifeln und Selbstanklagen. Obwohl das äußere Erscheinungsbild depressiv Kranker von Passivität bestimmt scheint, sind sie teilweise innerlich sehr erregt. Sie sind reizbar, wütend und von dem Wunsch besessen, alles hinter sich zu lassen. Solche Gedanken können sich bis zur Selbsttötungsabsicht steigern (siehe auch „Bin ich depressiv?“). Nicht jeder depressive Mensch leidet an allen Symptomen des depressiven Spektrums. Auch wie intensiv, wie lange und wie häufig sie auftreten, ist unterschiedlich.

Viele Menschen können ihre Depression aus Unkenntnis nicht als Krankheit erkennen. Andere fürchten, mit ihrer seelischen Störung als „verrückt“ zu gelten und schämen sich, fachgerechte Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dazu kommt: Nicht zuletzt die Depression selbst hindert die Betroffenen daran, aktiv zu werden. Depressive Teilnahmslosigkeit und Müdigkeit macht den Gang zu „Helfern“ zu einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Hoffnungslosigkeit lässt ihn zudem sinnlos erscheinen. Außerdem empfinden gerade depressive Menschen ihre Krankheit als eigenes Versagen.

Massive Vorurteile

Auch die Haltung vieler Angehöriger, Freun­de und Kollegen ist immer noch von massiven Vorurteilen geprägt. „Häng nicht so herum“, „reiß dich zusammen“, „mach einfach mal Urlaub“ oder „morgen sieht schon alles ganz anders aus“ sind immer noch häufige Reaktionen. Ebenso gehen gut gemeinte Versuche, einen depressiven Menschen aufzuheitern, am Problem vorbei und zeigen ein grundlegendes Missverständnis: Eine Depression ist kein momentaner Durchhänger, keine Willensschwäche oder schlechte Laune. Dieses Missverständnis verhindert in vielen Fällen die rechtzeitige Beratung und Behandlung durch einen Psychiater oder Psychotherapeuten.

Doch nicht nur die Betroffenen, auch Hausärzte sind häufig ratlos oder über therapeutische Möglichkeiten schlecht in­formiert. Dabei sind depressive Erkrankungen heute gut zu behandeln, vor allem, wenn die Behandlung frühzeitig beginnt. Die modernen Behandlungsverfahren stellen sie in eine Reihe mit „ganz normalen“ Erkrankungen, die überwunden oder ins Leben integriert werden können. Der erste und wichtigste Schritt aus der Depression ist immer, sie zu erkennen und Hilfe zu akzeptieren. Dieser erste Schritt ist der schwierigste. Deshalb brauchen die Betroffenen andere Menschen – Familie, Freunde, Kollegen, die ihre Symptome erkennen und ihnen genau diesen Schritt erleichtern. Sie brauchen Hilfe, um Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Medikamente und Psychotherapie

Für die Behandlung von Depressionen werden Arzneimittel und Psychotherapien eingesetzt. Beide Therapieverfahren ergänzen sich. Bei sehr schweren Depressionen verändern sich Gehirnstoffwechsel und Hormonhaushalt. Sie sollten zunächst mit Medikamenten behandelt werden. In vielen Fällen kann jedoch eine Psychotherapie sinnvoll sein – sie wirkt langsamer, aber oft nachhaltiger als Arzneimittel. Um entscheiden zu können, welche Gewichtung die einzelnen Verfahren bei der Behandlung erhalten sollen, muss der Arzt oder Therapeut mithilfe einer gründlichen Diagnose die Beschwerden ergründen und sie von anderen seelischen oder körperlichen Krankheitsbildern abgrenzen.

Die Auswahl der Arzneimittel hängt davon ab, wie schwer die Depression ist, welche Symptome – etwa Unruhe oder Niedergeschlagenheit – im Vordergrund stehen und welche anderen Erkrankungen eventuell vorliegen. Manchmal müssen verschiedene Medikamente und Wirkstoffe ausprobiert werden, ehe ein für den jeweiligen Patienten geeignetes Mittel gefunden wird.

Eine leichte depressive Störung kann mit Johanniskraut behandelt werden, es muss aber ausreichend hoch dosiert sein – sinnvoll ist eine Tagesdosis von 600 bis 900 Milligramm Johanniskrautextrakt. Die Präparate können vom Arzt verordnet, aber auch rezeptfrei in der Apotheke gekauft werden. Ihre Anwendung sollte jedoch mit dem Arzt besprochen werden.

Bei schweren Depressionen ist Johanniskraut nicht ausreichend wirksam. Hier müssen chemisch hergestellte, verschreibungspflichtige Antidepressiva eingesetzt werden. In niedriger Dosierung können sie auch bei leichten Depressionen angewandt werden. Die meisten wirken direkt auf die Nervenzellen und die Botenstoffe, die Signale von einer Zelle zur anderen übertragen und bei einer Depression aus dem Gleichgewicht geraten sind – vor allem Noradrenalin und Serotonin.

Trizyklische Antidepressiva sind der „Goldstandard“ der medikamentösen De­pressionsbehandlung. Alle neueren Medikamente müssen sich an ihrer bewiesenen antidepressiven Wirkung messen lassen. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind relativ „junge“ Antidepressiva, die in Europa erst Ende der Achtzigerjahre eingeführt wurden. Sie werden bei leichten und mittelschweren, aber auch bei schweren Depressionen verwendet, vor allem, wenn trizyklische Antidepressiva schlechter vertragen werden. Die Wirkung der meisten Antidepressiva setzt erst nach ein bis vier Wochen ein. Eine Behandlung kann sich über mehrere Monate erstrecken.

Verhaltenstherapie

Die zweite Säule der Depressionsbehandlung ist Beratung und Psychotherapie. Hierbei sollen die Patienten den aktuellen Auslösern ihrer Krankheit auf die Spur kommen und Strategien entwickeln, diese zu verarbeiten und künftig solchen Belastungen anders begegnen zu können. In vielen Studien ist die Wirksamkeit von Psychotherapie bei depressiven Störungen auch im Vergleich mit Medikamenten nachgewiesen worden. Sie wird auch für schwer depressiv Erkrankte empfohlen, bei ihnen meist in Kombination mit Antidepressiva.

Es gibt viele psychotherapeutische Verfahren, die bei der Behandlung von Depressionen hilfreich sind. Bewährt haben sich unter anderem verhaltenstherapeutische Ansätze. In der Praxis werden allerdings fast nie „reine“ Verfahren ausgeübt. In den vergangenen 20 Jahren wurden speziell für die Behandlung depressiver Menschen kombinierte Behandlungsverfahren entwickelt. In einer solchen Therapie lernt der Patient, typische depressive Denk- und Verhaltensweisen zu reduzieren. Dabei geht es immer sowohl um eine Änderung seiner Denkweise als auch darum, dass er seine Beziehungen zu anderen Menschen besser gestalten kann. Zudem soll der Betroffene lernen, wieder aktiv am Geschehen um ihn herum teilzunehmen. Neben Einzeltherapien sind auch Gruppentherapien möglich.

Erfolgreich behandelt

Wer an einer Depression erkrankt ist, kann sich nicht mehr aus eigener Kraft aus der gedrückten Stimmung befreien. Doch De­pressionen können erfolgreich behandelt werden. Betroffene sollten Unterstützung suchen bei einem Menschen, dem sie vertrauen. Auch ein Arzt, eine Beratungsstelle oder die Telefonseelsorge können Hilfe vermitteln.

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