Depression

Depression: Psycho­therapie online – geht das? Acht Programme im Test

25.06.2019
Depression - Psycho­therapie online – geht das? Acht Programme im Test
Die Programme bieten oft mehrere Module, die Nutzer ungefähr ein- bis zweimal pro Woche bearbeiten. © plainpicture / Wavebreak

Psychische Probleme am Computer behandeln? Besonders mit vier von acht geprüften Programmen kann das gelingen.

Depression Testergebnisse für 8 Online­pro­gramme gegen Depression 07/2019

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Inhalt

Er fragt nach: „Welche Symptome belasten Sie am meisten? Welche Gefühle und Gedanken haben Sie dann?“ Er ist kein klassischer Psycho­therapeut, sondern ein Computer­programm. Seit einigen Jahren mehren sich Online­angebote, die bei psychischen Leiden helfen wollen. Kann das funk­tionieren? Wir haben acht Programme für das Einsatz­gebiet Depression getestet. Sie zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Viele wissen nicht, was sie tun können – zumal das Leiden ohnehin schon entmutigend und die Warteliste bei Psycho­therapeuten oft lang ist.

Unser Rat

Empfehlens­wert sind Deprexis 24, zwei Programme von Get.On sowie Moodgym. Da alle Besonderheiten haben, kann es lohnen, bei Unzufriedenheit ein zweites zu probieren. Denk­bar ist die Selbst­hilfe ergänzend zu einer regulären Therapie oder wenn eine Vor-Ort-Behand­lung nicht möglich oder gewünscht ist. Für schwere Depressionen sind die meisten Angebote nicht gedacht. Weitere Informationen erhalten Sie auf unserer Themenseite Psychische Erkrankungen: Depression, Psychotherapie und im Buch Medikamente im Test – Depressionen (19,90 Euro, zu bestellen in unserem Shop).

Vier empfehlens­werte Programme

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Mobil. Viele Programme laufen auch auf dem Smartphone, teils mit Extra-App.

Mithilfe von Fach­gut­achtern haben wir die Programme unter die Lupe genommen. „Empfehlens­wert“ lautet das beste Urteil, das Deprexis 24, zwei Angebote von Get.On sowie Moodgym erhalten. Sie über­zeugen beim Konzept, und Studien belegen ihre Wirk­samkeit. Drei weitere Programme – iFight­Depression, Novego und Selfapy – sind „einge­schränkt empfehlens­wert“.

Den Letzten im Bunde, den TK-DepressionsCoach, konnten wir nicht bewerten, weil wir für den Test auch auf Nach­frage keinen Zugang bekamen. Der war für die Unter­suchung aber unerläss­lich. Der DepressionsCoach steht ausschließ­lich Versicherten der Techniker Krankenkasse offen. Andere Anbieter wie Get.On und Deprexis 24 koope­rieren mit verschiedenen Krankenkassen. Sie tragen die Kosten für ihre Mitglieder (Test­ergeb­nisse: Onlineprogramme gegen Depression).

Ein- bis zweimal pro Woche

Oft bieten die Online­programme mehrere Module, die Anwender ungefähr ein- bis zweimal pro Woche bearbeiten – größ­tenteils schriftlich, aber auch über inter­aktive Elemente wie Videos. Nutzer werden häufig direkt angesprochen, bekommen Hintergrund­informationen und Fragen, die sie im Frei­feld oder durch Ankreuzen beant­worten sollen. Viele Programme, auch die im Test, stützen sich stark auf die kognitive Verhaltens­therapie, eine anerkannte psycho­therapeutische Methode. Anders als psycho­analytische Verfahren in der Tradition von Sigmund Freud setzt sie weniger auf das freie Gespräch, sondern eher auf strukturierte Techniken, die sich leicht auf ein Online-Format über­tragen lassen.

Aus dem Schne­cken­haus wagen

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Informationen. Viele Selbst­hilfe-Programme vermitteln auch Wissen zur Krankheit (hier Get.On).

Ein Grund­pfeiler des Konzepts: Gedanken, Gefühle und Hand­lungen sind eng verknüpft und lassen sich wechselseitig beein­flussen, auch zum Positiven. Moodgym etwa bringt es auf den Slogan: „Was ich denk, ist, was ich fühl.“ Demnach können Nutzer lernen, „verzerrte Gedanken“, die bei ihnen negative Emotionen hervorrufen, zu erkennen – und möglichst umzu­denken.

Auch über das Verhalten können sie ihr Befinden verbessern: indem sie bewusst schöne Dinge machen. Anfangs fällt das Depressiven oft schwer. Aber es lohnt sich. Bei Get.On etwa heißt es: „Zuerst wagen Sie sich aus Ihrem Schne­cken­haus heraus und beginnen, positive Aktivitäten zu unternehmen. Dann bereiten Ihnen diese Aktivitäten Freude und Sie fühlen sich besser.“

Die Programme präsentieren oft Listen mit Vorschlägen: von „Garten­arbeit“ über „Leuten zulächeln“ bis „eine neue Sprache lernen“. Nutzer sollen über­legen, was ihnen Spaß machen könnte, sich Dinge vornehmen und sie teils in Tages­pläne eintragen.

Das sind einige Beispiele für Übungen. Sie spielen eine zentrale Rolle, um Inhalte zu verinnerlichen und praktisch anzu­wenden. Oft vermitteln die Programme weitere hilf­reiche Verfahren wie Problemlöse- oder Entspannungs­techniken. Wichtig sind auch Fragebögen zur Stimmung. Sie sind meist zu Beginn auszufüllen und immer wieder zwischen­durch. Das soll unter anderem helfen, Gefühle besser zu verstehen – und natürlich Fort­schritte zeigen.

Depression Testergebnisse für 8 Online­pro­gramme gegen Depression 07/2019

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Es wirkt

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Fragebögen. Fragen zur Stimmung der Nutzer sollen unter anderem helfen, Gefühle besser zu verstehen.

Teils mag das banal klingen – aber es wirkt. Das zeigen viele Unter­suchungen, vor allem für Depression und Angst­störungen. Doch die Studien­lage für Programme kann je nach deren konkreten Komponenten besser oder schlechter sein. Bei den Empfehlens­werten gibt es gut gemachte Studien. Diese belegen, dass es den Anwendern psychisch besser geht als Vergleichs­personen mit ähnlich schweren depressiven Symptomen ohne Online­hilfe.

Jedes Programm hat Besonderheiten. Von den beiden Get.On-Programmen im Test empfiehlt der Anbieter eines „vorbeugend oder bei ersten Beschwerden“, das andere für den Akutfall. Das zweite wird stets von Therapeuten begleitet. Sie führen telefo­nisch ein Erst­gespräch und helfen später schriftlich mit Feedback oder bei Fragen.

Deprexis 24 arbeitet normaler­weise unbe­gleitet. Das gilt auch für Moodgym. Dessen großer Vorteil: Nutzer können sich gratis unter Pseudonym ohne Mail-Adresse anmelden. Nieder­schwel­liger geht es nicht.

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Grenzen. In akuten psychischen Krisen zählt Hilfe vor Ort. Oft weisen die Programme auch darauf hin.

Daten­schutz und Grenzen

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Übungen. Oft lernen Nutzer hilf­reiche psycho­therapeutische Techniken kennen und wenden sie praktisch an.

Bei den meisten Programmen sind Nutzer namentlich identifizier­bar. Sie müssen sich also auf Vertraulich­keit und guten Daten­schutz verlassen. Das klappt nicht immer. Schwächen zeigen Deprexis 24, Get.On, iFight­Depression und Selfapy (siehe Kommentare Onlineprogramme gegen Depression).

Zu bedenken ist auch: Wenn jemand ein Programm über seine Krankenkasse nutzt, weiß sie über die Teil­nahme Bescheid. Wer das problematisch findet, muss ein kostenloses Angebot wählen oder selber zahlen.

Online-Selbst­hilfe ist aus mehreren Gründen denk­bar, etwa ergänzend zur klassischen Behand­lung. Oder wenn jemand davor zurück­schreckt, zu einem Therapeuten in die Praxis zu gehen. Zudem können Anwender sofort loslegen. Auf einen regulären Platz warten Patienten teil­weise Monate.

Online­hilfen sind oft nur für leichte bis mitt­lere psychische Leiden gedacht, nicht für schwere. Vor allem bei Selbst­mord­gedanken zählt schnelle persönliche Hilfe, etwa durch einen Arzt oder Psycho­therapeuten, durch den Notruf 112 oder die Telefon­seel­sorge unter 0 800/111 0 111 oder 0 800/111 0 222. Auch für die genaue Diagnose sind Profis vor Ort wichtig. Termine für ein Erst­gespräch bei Psycho­therapeuten vergeben auch die Service­stellen der Bundes­länder (bundesgesundheitsministerium.de/terminservicestellen).

25.06.2019
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