Den richtigen Coach finden Special

Jobwechsel, berufliche Sinn­krise, neue Aufgaben – in Situationen wie diesen kann ein Coach helfen. Aber wie findet man den richtigen? Unsere Auto­rin hat sich auf die Suche gemacht.

„Du bist doch gar keine Führungs­kraft“, sagt mein Lebens­gefährte, als ich ihm erzähle, dass ich über ein Coaching nach­denke. „Das ist doch heute längst nicht mehr nur etwas für Top-Manager“, kläre ich ihn auf. „Das kann jeder machen, der ein berufliches Problem hat.“ – „Und warum willst du dich coachen lassen?“, fragt er verwundert. „Weil ich seit rund 20 Jahren in meinem Beruf arbeite und mich frage, ob ich diesen Weg bis zur Rente weiter gehen möchte “, antworte ich. Jetzt – mit Anfang 40 – wäre ich zumindest noch jung genug für einen Kurs­wechsel.

Wie funk­tioniert ein Coaching?

Dabei ist mir noch nicht ganz klar, wie so ein Coaching funk­tionieren soll. Denn ein Coach löst nicht die Probleme seiner Klienten. Statt­dessen regt er sie zum Nach­denken an und soll sie so zu einer neuen Perspektive führen. Mithilfe des Coaches löse ich mein Problem am Ende also selbst! Eins ist klar: Um mich zum Ziel zu bringen, muss ein Coach eine ganze Menge wissen und können. Da ist nicht nur viel Psycho­logie gefragt. Ein Coach muss auch Ahnung von Karrierewegen haben und im besten Fall auch von meiner Branche. Außerdem braucht er Werk­zeuge, um mein Problem zu analysieren und meine Gedanken und Gefühle verstehen zu können. Frage­techniken allein dürften da kaum ausreichen. „Pass’ bloß auf, dass du nicht an irgend­einen Scharlatan gerätst“, gibt mein Partner zu bedenken.

Die Nadel im Heuhaufen finden

Genau das ist nun die Heraus­forderung: Wie finde ich den richtigen Coach? Und woran erkenne ich, dass er kein Schaum­schläger ist? Rund 8 000 Coaches in Deutsch­land sind auf berufliche Fragestel­lungen spezialisiert – ob es um eine neue Position geht, Konflikte mit dem Chef oder die Bewältigung einer schwierigen Aufgabe. Führungs­kräfte dürften sich meist auf Firmen­kosten coachen lassen, ich werde dafür selbst in die Tasche greifen müssen.

Coach kann sich jeder nennen

Was die Suche so schwer macht: Die Berufs­bezeichnung Coach ist nicht geschützt. Jeder kann sich so nennen, auch ohne jegliche Qualifikation. Auf eine allgemein verbindliche Berufs­ausbildung konnten sich die über 20 Berufs­verbände in Deutsch­land bislang nicht einigen Coaching-Verbände. Eine Kollegin, die gerade einen Coaching-Lehr­gang besucht, empfiehlt Daten­banken und die Coach-Such­maschinen der Verbände für die Recherche (). „Hör’ auf deinen Bauch“, rät sie mir. Mangels hand­fester Kriterien bleibt mir auch nichts anderes übrig. Ich tippe die Adresse meiner ersten Anlauf­stelle in den Computer: www.coach-datenbank.de. Hunderte Coaches aus Deutsch­land, Österreich und der Schweiz sind in dieser Daten­bank registriert. Nicht jeder komme da rein, so die Webseite. Wer aufgenommen werden möchte, muss den Daten­bank­betreibern nach­weisen, dass er als Coach qualifiziert ist. Die Kandidaten dürfen keiner Sekte angehören und müssen esoterische Praktiken ablehnen.

In der Daten­bank suchen

Zum Glück lässt sich die Suche in der Daten­bank nach Bundes­ländern eingrenzen. In der linken Bild­schirm­leiste klicke ich auf „Berlin & Brandenburg“. Ergebnis: 61 Treffer, aufgelistet nach Post­leitzahl. Foto, Name und Erfahrung als Coach sind in der Liste auf den ersten Blick sicht­bar. Ein Klick auf den jeweiligen Kandidaten verrät mehr. Puh – das ist aber viel Lese­stoff. Und über­haupt: Will ich eigentlich lieber von einem Mann oder vielleicht doch besser von einer Frau gecoacht werden?

Zielgruppe muss stimmen

Die da wirkt sympathisch. Karriereberatung zählt zu ihren Arbeits­schwer­punkten. Das passt schon mal. Aber: „Zielgruppe: (Top)-Führungs­kräfte aus Wirt­schaft, Politik und Verwaltung“. Also nichts für mich. Die nächste Kandidatin kommt mir sehr jung vor. Die ist ja gerade mal 30. Hat bislang auch eher wenig Berufs­erfahrung. Klar, jeder fängt mal an, aber ein Versuchs­kanin­chen will ich nicht sein. Weiter. Coach Nummer 3 zählt Vorstände und Politiker zu seiner Klientel. Fällt also auch raus. Gibt´s denn keine Coaches für „normale“ Angestellte? Der nächste bitte. Oh je, der sieht aus wie ein Unter­nehmens­berater oder Banker. Mit dem werde ich bestimmt nicht warm. „Systemischer Coach“ lese ich in diversen Profilen. Was bedeutet das eigentlich? Der Kurz-Ausflug über Google verrät: „Jeder systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass man sich nicht auf den Problem­träger konzentriert, sondern ein ganzes System in den Blick nimmt.“ Der Coach schaut also nicht nur auf mich, sondern auch auf mein Umfeld – aha!

Persönliche Webseite gibt Auskunft

Plötzlich springt mich ein Foto an – eine Frau. Sie kommt offen und sympathisch rüber. Und siehe da: Sie bedient nicht nur Führungs­kräfte, sondern auch Mitarbeiter. Karrierecoaching ist eines ihrer Spezial­gebiete. Klingt gut. Ich klicke auf den Link, der zu ihrer persönlichen Webseite führt. Ein biss­chen bunt für meinen Geschmack, aber auf eine Art auch wieder sehr lebendig. „Ruft etwas in Ihrem Leben nach Veränderung? Ist es an der Zeit, etwas Neues zu wagen? – Gönnen Sie sich fach­kundige ,Geburts­hilfe’“, empfängt mich die Home­page. Genau das, was ich brauche. Diese Kandidatin kommt in die engere Auswahl. Wenig später werde ich ein weiteres Mal fündig. Wieder eine Frau. Auch ihr Profil über­zeugt mich. Allerdings wirkt sie etwas streng – ein biss­chen wie meine Deutsch­lehrerin auf dem Gymnasium. Nicht die erste Wahl, aber eine Alternative.

Favoritin gefunden

Gute eineinhalb Stunden dauert meine Recherche. Am Ende bleibt es bei zwei Treffern, wobei meine Favoritin fest­steht. Selektiert habe ich vor allem nach Sympathie. Erst im zweiten Schritt habe ich geschaut, ob ich zur Zielgruppe des Coaches passe und mein Anliegen zu seinem Themenspektrum gehört.

Im besten Alter für die Sinn­krise

Per E-Mail frage ich meine erste Wahl an und beschreibe kurz mein „Problem“. Die Antwort kommt keine halbe Stunde später. Mein Thema sei ihr bekannt, schreibt Frau Schmidt*: „Viele Frauen stellen sich in Ihrem Alter ähnliche Fragen.“ Na bitte, da steht es schwarz auf weiß: Mit Anfang 40 bin ich im besten Alter für eine berufliche Sinn­krise. Frau Schmidt bietet mir ein kostenloses Vorgespräch zum Kennen­lernen an. Wir telefonieren kurz miteinander – angenehme Stimme, freundlicher Ton – und verabreden uns für über­morgen.

Tages­sätze von bis zu 10 000 Euro

„Was kostet so ein Coaching eigentlich?“, fragt mich mein Partner am Abend. Tja, ganz billig wird das nicht. Die Honorare für eine Coaching-Stunde fangen bei 50 Euro an und reichen bis zu Tages­sätzen von 10 000 Euro. Er schluckt. „Die hohen Preise gelten aber vor allem für Top-Manager“, schieße ich schnell hinterher. „Und wie viele Sitzungen brauchst du?“, legt er nach. Gute Frage. Die muss ich über­morgen unbe­dingt stellen.

Dem Bauchgefühl sei Dank!

Zwei Tage später finde ich mich im vierten Stock einer Berliner Altbau­wohnung wieder – in einem schönen hellen Raum mit Blick über die Stadt. Frau Schmidt und ich nehmen auf zwei Korbsesseln Platz, die vor einem weißen Sofa stehen. In natura ist sie mir genauso sympathisch wie auf dem Foto – meiner Intuition sei Dank! „Sie hatten in Ihrer Mail schon skizziert, um was es Ihnen geht“, sagt Frau Schmidt, nachdem sie mir ein Getränk angeboten hat. „Holen Sie doch noch einmal etwas aus.“

Betriebs­blind für das eigene Leben

Ich referiere meinen beruflichen Werdegang, spare auch die für mich traumatische Zeit der Arbeits­losig­keit nicht aus und erzähle von meinem jetzigen Job – einem sicheren Arbeits­platz, der im Grunde beste Bedingungen bietet. „Eigentlich sollte ich mich rundum glück­lich schätzen“, sage ich. Frau Schmidt hört in aller Ruhe zu, macht sich Stich­punkte. „Trotzdem wünsche ich mir eine Veränderung, ohne zu wissen, welcher Art sie sein könnte“, füge ich hinzu. Frau Schmidt nickt und sagt: „Für sein eigenes Leben ist man manchmal betriebs­blind.“ Dann erklärt sie mir, wie sie beim Coaching vorgehen möchte. Zunächst soll es um die Analyse meiner Situation gehen: was gut ist in meinem Beruf und meinem Leben, was ich verändern möchte, aber auch, was ich bewahren will. Im nächsten Schritt soll ich mit ihrer Hilfe „Visionen“ und daraus am Ende einen konkreten Plan für meine Zukunft entwickeln. „Ich werde Ihnen nichts aufdrängen“, betont Frau Schmidt. „Die Lösung liegt in Ihnen.“

Der Coach bringt auf Ideen

Genau da bin ich skeptisch. „Was aber, wenn mir rein gar nichts einfallen will?“, frage ich. „Die Angst haben viele“, sagt sie und lacht. „Aber ich führe Sie ja zu den Ideen, die in Ihnen schlummern.“ Ich frage nach Klienten, die sich von ihr in puncto Karriere haben coachen lassen und was aus ihnen geworden ist. Frau Schmidt berichtet von zwei Fällen, die zeigen, dass schon kleinere Veränderungen glück­licher machen können. Aber von selbst – ohne Impulse von außen – kommt man eben manchmal nicht auf das Naheliegende.

Früher Heb­amme – heute Coach

Frau Schmidt fragt mich, ob ich zu ihrem Werdegang noch Fragen habe. Eigentlich nicht. Dass sie eine Qualifizierung sowohl im psycho­logischen Bereich als auch im Coaching vorweisen kann, weiß ich schon von ihrer Webseite. Dort habe ich auch erfahren, dass sie zeit­weise als freiberufliche Journalistin gearbeitet hat. Sie kennt also meine Branche – das kann hilf­reich sein. Ein Punkt in ihrem Lebens­lauf interes­siert mich dann doch: In ihrem „ersten“ Berufs­leben hat Frau Schmidt nämlich als Heb­amme gearbeitet. „So groß ist der Unterschied zum Coachen gar nicht“, erklärt sie mir lachend. „Nur dass ich heute nicht mehr Kindern, sondern neuen Ideen auf die Welt helfe.“ Dann kommen die Rahmenbedingungen zur Sprache: Die Kosten für eine Sitzung à zwei Stunden liegen bei knapp 200 Euro, die Zahl der notwendigen Sitzungen bei mindestens fünf. Uff – mindestens tausend Euro wird das Coaching also kosten. „Ich schicke Ihnen heute noch ein Angebot“, sagt Frau Schmidt zum Abschied. „Über­legen Sie sich in Ruhe, ob Sie mit mir arbeiten wollen.“

In die Selbst­reflexion investieren

Nach rund 45 Minuten verlasse ich den Berliner Altbau mit gemischten Gefühlen. Keine Frage – die Chemie zwischen Frau Schmidt und mir stimmt. Ich habe Vertrauen zu ihr und kann mir gut vorstellen, mich auf sie einzulassen. Wenn nur die Kosten für das Coaching nicht so hoch wären! Auf dem Weg zur U-Bahn rechne ich nach: Mal angenommen, ich gehe mit 67 in Rente. Dann liegen noch etwa 25 Berufs­jahre vor mir – eine lange Zeit. Ist es da nicht besser, jetzt etwas Geld in die Selbst­reflexion zu stecken, als im Job immer unglück­licher zu werden? Was sind da schon ein paar hundert Euro!

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