Demenz und Alzheimer Meldung

Altersprobleme werden meist verdrängt. Dabei ist frühe Hilfe hier besonders wichtig: Therapien wirken zu Beginn der Krankheit besser, Patient und Angehörige können die Zukunft planen.

Die erste Alzheimerpatientin der Medizingeschichte ist Auguste Deter aus Kassel. 51 Jahre alt, zeigt sie deutliche Anzeichen von Altersverwirrtheit. Sie kann im Haushalt kaum mehr etwas richten, versteckt Gegenstände, fühlt sich verfolgt, belästigt, ist von Eifersucht besessen, Stimmungsschwankungen unterworfen. Alois Alzheimer von der Frankfurter Nervenklinik notiert: „Ihre Merkfähigkeit ist aufs Schwerste gestört. Zeigt man ihr Gegenstände, so benennt sie dieselben meist richtig, gleich darauf aber hat sie alles wieder vergessen.“ Die Patientin erkennt, was geschehen ist: „Ich habe mich sozu­sa­gen verloren.“

Das war im Jahr 1901. Fünf Jahre später stirbt Auguste Deter. Auf der Suche nach den Ursachen ihres geistigen Verfalls stellt Alois Alzheimer in ihrem Gehirn „eigenartige Veränderungen“ fest. Als er auf einer Tagung in Tübingen über seine Beobachtungen zur Krankheit und die bislang unbekannten „Herdchen in der Hirnrinde“ referiert, schlägt ihm völliges Desinteresse entgegen. Niemand ahnt, dass er bahnbrechende Beobachtungen vorträgt, mit den (Alzheimer-)Plaques eine wissenschaftliche Sensation präsentiert. Alois Alzheimer kann nicht ahnen, dass die „Krankheit des Vergessens“ seinen Namen unsterblich machen wird.

Aktivitäten bringen Erfolge

Demenz und Alzheimer Meldung

Heute ist „Alzheimer“ ein großes Thema für Wissenschaft und Forschung und für die Gesellschaft eine Herausforderung. Von Demenz sind immer mehr Menschen betroffen. Treffen kann es jeden, besonders im höheren Alter. Im Lande leben bereits etwa 1,2 Millionen Alzheimerpatienten. Wissenschaftler glauben, dass sich ihre Zahl schon in den nächsten 40 Jahren verdoppeln könnte. Demenzerkrankungen können viele Ursachen haben: Hirndurchblutungsstörungen, Parkinson, Diabetes, Mangel an bestimmten Hormonen oder von Vitamin B 12. Auch Medikamente können eine Rolle spielen: ältere Antidepressiva, müdemachende Antihistaminika, Mittel gegen Blasenschwäche. Sie führen zum Mangel von Azetylcholin (Näheres dazu siehe „Botenstoffe“).

Dennoch – etwas Hoffnung gibt es. Neue Erkenntnisse sind vorbeugend zu nutzen. Eine gesunde Lebensführung zum Beispiel bietet einen gewissen Schutz. Die geistige Leistungsfähigkeit beim normalen Alterungsprozess ist umso besser, je aktiver Menschen ihr Alltagsleben gestalten, für ausreichend Bewegung und soziale Aktivitäten sorgen. Ein Intelligenzforscher brachte es auf die Formel „use it or loose it“ – „benutze dein Gehirn oder du wirst es verlieren“.

  • Wenn schleichende Demenz möglichst früh entdeckt wird, erhöht dies die Chancen eines gewissen Behandlungserfolgs. Medikamente wirken zum Beispiel zu Beginn der Krankheit am besten.
  • Wenn zu Arzneien psychotherapeutische Verfahren hinzukommen, können Symptome wie Aggressivität, Unruhe, Schlafstörungen, Fehlwahrnehmungen gelindert, Fertigkeiten für den Alltag länger aufrechterhalten werden.
  • So bleibt mehr Zeit, Entscheidungen zur Lebens- und Pflegesituation zu treffen.
  • Früherkennung erlaubt dem Patienten, die Abnahme seiner Leistungsfähigkeit als krankheitsbedingt zu akzeptieren. Und seinen Angehörigen hilft die Diagnose, Veränderungen besser zu verstehen.

Schritte zur Diagnose

Demenz und Alzheimer Meldung

Uhrentest: Die Fähigkeit, die Uhrzeit zu benennen und einzuzeichnen, geht bei fortschreitender Demenz immer mehr verloren.

Es muss kein Alarmzeichen sein, wenn Schlüssel verlegt, Namen vergessen werden, Orientierungsschwächen auftreten, es plötzlich schwer fällt, zwei Dinge gleichzeitig zu tun: Die Wissenschaft spricht dann von einer leichten Beeinträchtigung geistiger Leistungsfähigkeit.

Auch Experten fällt es zum Teil schwer, verlässliche Kriterien für milde geistige Beeinträchtigungen und erste Auffälligkeiten zu nennen. Betroffene sind bei psychologischen Tests häufig unauffällig. Ohnehin nur 10 bis 20 Prozent von ihnen entwickeln eine Demenz. Es gibt über 50 Krankheitsbilder, die mit Demenzsymptomen einhergehen können. Alzheimer ist nur die bekannteste unter ihnen.

Depressive Verstimmungen können ein erster Hinweis darauf sein. Auch bei Testaufgaben wie jener, innerhalb kurzer Zeit möglichst viele im Supermarkt erhältliche Waren zu nennen, gibt es bei Demenzkranken zum Beispiel bereits zu einem frühen Zeitpunkt Auffälligkeiten.

„Alzheimer“ selbst muss durch weitere, zum Teil aufwendige laborchemische und apparative Untersuchungen eingekreist werden. Manchmal gibt aber auch erst nach dem Tod des Patienten das Hirngewebe letzten Aufschluss.

Ärzte setzen nicht immer geeignete Ins­trumente ein, um zu einer abgesicherten Diagnose zu kommen, der dann angepasste, sinnvolle Therapieschritte folgen könnten. Die Chancen werden zurzeit bei weitem nicht hinreichend genutzt.

Behandlung mit Medikamenten

Demenz und Alzheimer Meldung

Nach der Diagnosestellung kann die Verordnung von „Antidementiva“ hilfreich sein, wenn zusätzlich noch andere Elemente wie Gehirntraining oder „aktive Pflege“ hinzukommen. Wir stellen Arzneimittel vor, die zur Behandlung bei Demenz infrage kommen. Je nach Stadium der Demenz werden auch verschiedene Psychopharmaka eingesetzt.

Antidementiva sollen das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, geistige Leistungsfähigkeit und Verhaltensstörungen positiv beeinflussen. Neuere Mittel hemmen die Funktion des Enzyms (Azetylcholinesterase), welches für den Abbau von Azetylcholin zuständig ist. Durch mehr Azetylcholin können mehr Informationen zwischen Nervenzellen aus­ge­tauscht werden. Wenn aber viele Ner­venzellen untergegangen sind, kann der Defekt nicht mehr ausgeglichen werden.

In Deutschland sind derzeit die Azetylcholinesterasehemmer Donepezil (Aricept), Galantamin (Reminyl) und Rivas­tigmin (Exelon) zugelassen. Vorliegende Studien lassen den Schluss zu, dass das Befinden von Patienten verbessert werden kann. Man beginnt mit einer sehr niedrigen Tagesdosis, erhöht nach und nach. Das verbessert die Verträglichkeit.

Eine Sonderstellung nimmt das Ga­lantamin ein. Es hat auch den Effekt, Bindungsstellen der Nervenzellen empfindlicher gegenüber dem Botenstoff Azetylcholin zu machen. In Studien konnte gezeigt werden, dass die Wirkstoffe die geistige Leistungsfähigkeit verbessern können, Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung positiv beeinflussen.

Eine weitere Therapie: „Glutamatrezeptorantagonisten“, vor allem bei mittelschwerer, aber auch bei schwerer Demenz. Die Zellen sollen vor dem Überangebot an Glutamat geschützt werden, ohne aber die positiven Einflüsse des Botenstoffs auf die Gedächtnisleistung zu beeinträchtigen. Derzeit erfüllt nur ein zugelassener Wirkstoff diese Anforderung: Memantine. Eine Studie konnte zeigen, dass eine Wirkungsverstärkung eintreten kann, wenn Memantine und Donepezil gleichzeitig eingenommen werden.

Eine Bezugsperson soll die regelmäßige Einnahme ermöglichen. Die Mittel sollten nur bei exakter Diagnosestellung und nicht „auf Verdacht“ gegeben werden, zum Beispiel bei Schwierigkeiten, sich an Namen zu erinnern. Für leichte Beeinträchtigungen sind Antidementiva nicht zugelassen. Einige Studien zeigen allerdings, dass sie manchem auch hier helfen könnten. Bei Demenz dürfen auch nichtverschreibungspflichtige Ginkgoextrakt-Mittel verordnet werden.

Damit die Wirksamkeit beurteilt werden kann, sollte eine Arzneimitteltherapie mindestens sechs Monate dauern – eine mehrjährige Therapie kann sich anschließen. Bleibt der Erfolg aus, kann ein Wechsel des Wirkstoffs, eine Kombinationsbehandlung oder auch das Absetzen aller Mittel erwogen werden.

Neuere Mittel mit Vorteilen

Demenz und Alzheimer Meldung

Antidepressiva: Bei jeder Demenz kommt es zu einer Verarmung an Botenstoffen im Gehirn und auch zum Mangel an Serotonin und Noradrenalin. Beiden Botenstoffen wird eine entscheidende Rolle bei der Regulation unserer Stimmung, von Affekten, des Antriebs und der Motivation zugeschrieben. Die Wirksamkeit wurde in vielen Studien bewiesen. Nur bei leichteren Depressionsformen kann auf sie auch verzichtet werden.

Es gibt eine Vielzahl von Wirkstoffen. Jedoch nicht alle sind für die Behandlung von älteren Menschen oder einer Depression bei Demenz geeignet. Neuere Antidepressiva wie Sertralin und Citalopram wirken gezielt auf die Bereitstellung von Serotonin oder Noradrenalin oder auch auf beide gleichzeitig. Sie sind in puncto Neben- und Wechselwirkungen günstig zu bewerten – ein entscheidender Vorteil für ältere Patienten.

Substanzen, die Serotonin und Noradrenalin freisetzen wie das Venlafaxin und Mirtazapin sowie das ausschließlich die Wiederaufnahme von Noradrenalin hemmende Reboxetin, sind ebenfalls gut geeignet. Bei einem Antidepressivum müssen Arzt und Betroffene meist vier bis sechs Wochen abwarten, bevor eine Wirkung beurteilt werden kann. Für die älteren Wirkstoffe gilt, dass sie auch auf andere Botenstoffe und deren Bindungsstellen im Gehirn wirken, die mit Depression nur wenig zu tun haben. Daraus ergeben sich die meisten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Mundtrockenheit, Sehstörungen, Herzrhythmusstörungen. Viele ältere Antidepressiva (Trizyklida) können die Wirkung des Azetylcholin erschweren oder aufheben – ein unerwünschter Effekt. Defizite könnten sich sogar noch verstärken.

Antipsychotika

Demenz und Alzheimer Meldung

Neuroleptika, antipsychotisch wirkende Mittel, die zum Beispiel aus der Therapie von Schizophrenen bekannt sind, beeinflussen vor allem Verhaltensstörungen, so der Tagesrhythmik und des Schlafs, „psychotische Symptome“ wie Halluzinationen, wahnhaftes Denken, Wesensveränderungen. In Deutschland ist für die Therapie von „psychotischen Verhaltensstörungen“ bei Demenz derzeit nur Risperidon zugelassen. Wenn es keine Wirkung zeigt oder unverträglich ist, können auch andere Antipsychotika verordnet werden. Geeignete Wirkstoffe in empfohlener Tagesdosis sind Haloperidol 0,5 bis 3 mg, Risperidon 1 bis 2 mg, Melperon 25 bis 150 mg, Pipamperon 20 bis 120 mg.

Olanzapin sollte wegen möglicher Risiken wie Schlaganfall bei über 65-Jährigen nicht verordnet, Risperidon nur bei schweren Verhaltensstörungen und psychoti­schen Zuständen wie Wahnvorstellungen gegeben werden. Die Verordnung von Neuroleptika bei Demenzkranken gehört in die Hand eines kundigen Arztes.

Geforscht wird auch in Richtung auf einen Impfstoff gegen Demenz und Alzheimer. Doch die großen Hoffnungen haben sich bislang nicht erfüllt.

Verhaltenstherapie – die zweite Säule

Demenz und Alzheimer Meldung

Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie haben zu Störungen im Alter Therapiekonzepte entwickelt. Dies ist neben geeigneten Medikamenten die zweite Säule der Therapie. Im Rahmen der „Richtlinienpsychotherapie“ werden die Kosten von den Krankenkassen erstattet. Oft sind solche Hilfen für die Patienten ebenso wichtig wie für die Angehörigen. Wer trotz beginnender Schwierigkeiten versucht, seine gewohnten geistigen Aktivitäten beizubehalten oder diese vielleicht sogar intensiviert, kann erste Einbußen in Alltagssituationen länger ausgleichen. Gegen den geistigen Abbau „anzutrainieren“ ist aber meist frustrierend. Für Demenzkranke kann es allenfalls in einem frühen Stadium sinnvoll sein, neue Informationen zu erlernen. Es ist besser, auf Fähigkeiten zu setzen, die bereits zur Persönlichkeit gehören. Wichtig ist die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Lebenserfahrung wird anerkannt – junge Therapeuten werden oft nicht akzeptiert.

Für fortgeschrittene Demenz hat besonders die Verhaltenstherapie Programme entwickelt. Ihr Ziel ist es, Fähigkeiten für den Alltag zu erhalten: Telefonieren, Kochen, Einkaufen, Hygiene. Informationen über den Krankheitsverlauf sollten nicht fehlen. Beim Training geht es auch darum, Wahrnehmung, Orientierung und soziale Kontakte zu ermöglichen. Es findet vor allem bei der stationären Altenhilfe und in der Gerontopsychiatrie statt: Gemeinsam werden Einkäufe erledigt, Mahlzeiten zubereitet. Gemeinsam wird gegessen, die Küche aufgeräumt. Ausflüge, Zeitungslektüre, Tanzabende dienen auch dazu, Patienten aus einer Verweigerungshaltung her­auszuholen und verbliebene Fähigkeiten erlebbar zu machen.

Die Erinnerung trainieren

Demenz und Alzheimer Meldung

Erinnerungstherapie: Fotos, Bücher, persönliche Gegenstände schaffen durch „Erinnerungsbilder“ Identität.

Erinnerungstraining mithilfe alter Fotos sowie aktive Musiktherapie findet ebenfalls meist in Gruppen statt. Die Patienten spielen mit einfachen Schlag- und Klanginstrumenten. Untersuchungen haben gezeigt, dass demenzkranke Patienten gerade von der Musiktherapie sehr stark profitieren können. Auch bei der Kunst- und Tanztherapie wirkt die Gruppenaktivität. Psychologen der Universität Basel konnten zeigen, dass bei Patienten mit leichter bis mittelschwerer Demenz regelmäßige Walzertanzgruppen die körperliche Fitness und die geistige Leistungsfähigkeit verbesserten. Körperliche Aktivität reduziert Risiken für Herz und Kreislauf und führt zur besseren Durchblutung auch des Gehirns.

Auf Altbewährtes setzen

Es ist gut, wenn man auf Altbewährtes setzt wie Wandern, Schwimmen, Tanzen, Dinge, die auch früher geschätzt wurden. Es macht wenig Sinn, Neues einzuüben. Patienten mit fortgeschrittenen Einschränkungen leben – trotz ihrer Tagesvergesslichkeit – besser aus der Erinnerung an die guten alten Zeiten.

Alexander U. (84), den die Pflege seiner unruhigen, demenzkranken Frau schier überforderte, legte zum Beispiel abends einmal die von ihr geliebte „Zauberflöte“ auf. „Die Anspannung meiner Frau wich einer großen, heiter wirkenden Gelöstheit. So konnten wir fast noch ein halbes Jahr gemeinsam in der Wohnung verbringen, bis sie dann wirklich in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen musste, weil es anders nicht mehr ging.“

Dieser Artikel ist hilfreich. 3085 Nutzer finden das hilfreich.