Der Alltag I: Miteinander leben

Die Demenz verändert den Alltag nach und nach. Handlungen und Abläufe, die jahrzentelang reibungslos funktionierten, geraten ins Stocken. Das Wissen über die Krankheit und das Verständnis für die Kranken, helfen Pflegenden, den Alltag zu bewältigen.

In die Welt des Demenzkranken eintauchen

Demenz betrifft alle Bereiche des Alltags. Dazu gehören Aspekte wie etwa Essen und Trinken, Gespräche miteinander, Körperpflege, Schlafen und Aufstehen sowie Besuche und Kontakte zu Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Bei allen Schwierigkeiten, die zu bewältigen sind - Pflegende dürfen nie den erkrankten Menschen aus dem Blick verlieren. Das bedeutet: Menschen mit Demenz sind als Person ernst zu nehmen, mit ihren Gefühlen, ihrer Sichtweise der Welt und ihrer Realität.

Tipps

  • Versuchen Sie sich in die Welt des Kranken zu versetzen. Demenzkranke verlieren zunehmend die Fähigkeit, sich in der Realität zu orientieren.
  • Wenn die Verständigung nachlässt, versuchen Sie an den Reaktionen Wünsche und Bedürfnisse abzulesen.
  • Versuchen Sie noch vorhandene Fähigkeiten zu fördern und Lob auszusprechen. Niemand will regelmäßig mit seinen Defiziten konfrontiert werden.
  • Ritualisieren Sie Handlungen und strukturieren Sie Tagesabläufe. Das bietet demenzkranken Menschen Orientierung.
  • Denken Sie rechtzeitig an sich und nehmen Sie sich Auszeiten - etwa mit Hilfe eines Pflegedienstleisters in Ihrer Nähe.

Kommunikation ist mehr als Sprache

Die Kommunikation zwischen pflegendem Angehörigen und Krankem stößt im Lauf der Zeit an ihre Grenzen. Durch die Krankheit lässt das Kurzzeitgedächtnis nach, Kranke stellen immer wieder die gleichen Fragen. Wortfindungsstörungen, Probleme beim Verständnis und bei der Artikulation kommen erschwerend hinzu. Auch körperliche Einschränkungen wie Schwerhörigkeit, das Nachlassen der Sehkraft oder Behinderungen durch schlecht sitzende Zahnprothesen können die Verständigung wesentlich beeinträchtigen. Erleichterungen bieten hier Hilfsmittel wie Brillen, gut sitzende Hörgeräte oder ein neuer Zahnersatz. Pflegende können Kranken helfen, wenn sie sich bemühen, eine dem Kranken angemessene Sprache zu finden und auch Mimik, Tonfall und Gesten nutzen, um Inhalte und Gefühle zu vermitteln.

Tipps

  • Reagieren Sie mit Geduld auf wiederholtes Fragen. Halten Sie die Antwort sichtbar fest, etwa mit einer Checkliste oder einem Zettel - solange der Kranke noch lesen kann.
  • Formulieren Sie einfache, eindeutige Fragen, die der Kranke mit Ja oder Nein beantworten kann. Wiederholen Sie mit einfachen Worten, was Sie verstanden haben oder was Sie vermitteln möchten, allerdings ohne in „Kindersprache“ zu verfallen.
  • Geben Sie dem Kranken ausreichend Zeit, Dinge zu verstehen oder zu sagen. Vermeiden Sie Streit. Lassen Sie sich auf die Realität des Kranken ein. Zeigen Sie Wertschätzung und Verständnis.
  • Nutzen Sie Erinnerungen, indem Sie etwa zusammen mit dem Kranken ein Erinnerungsalbum oder ein Erinnerungsposter erstellen. Es bietet Anknüpfungspunkte für Gespräche.
  • Vermeiden Sie widersprüchliche Botschaften. Ihre Körpersprache sollte mit dem Gesagten übereinstimmen. Halten Sie Blickkontakt.
  • Bieten Sie dem Kranken regelmäßig - aber in Maßen - Sinnesreize: etwa körperliche Berührungen, angenehme Düfte, Lichtspiele oder Musik. An oberster Stelle steht das Wohlbefinden des Kranken.

Essen und Trinken

Alle Aspekte rund ums Thema Essen und Trinken haben große Bedeutung: körperlich, weil Nährstoff- und vor allem Flüssigkeitsmangel zu schweren Verwirrtheitszuständen und zu körperlichem Verfall führen; seelisch, weil Fürsorge und die mit Essen verbundenen Rituale wesentlich zum Wohlbefinden eines demenzkranken Menschen beitragen. Gerade bei Demenz ist die Gefahr von Unterernährung oder Flüssigkeitsmangel groß. Demenzkranke, die viel umherwandern oder häufiger Angst- und Stresssituationen ausgesetzt sind, verbrauchen bis zu doppelt so viel Energie wie gesunde alte Menschen. Auch verlieren viele das Gefühl für Hunger und Durst, erkennen Nahrungsmittel nicht mehr oder vergessen, wie sie mit Besteck umgehen sollen. Zudem können beim Öffnen des Mundes, Kauen und Schlucken Probleme auftreten.

Tipps

  • Sprechen Sie mit dem Arzt oder mit Beratungsstellen über die optimale Nährstoffversorgung des Kranken. Achten Sie darauf, dass er ausreichend trinkt. Für ältere Menschen lautet der Richtwert: 1,5 Liter pro Tag.
  • Bereiten Sie die Mahlzeiten zusammen vor, wenn möglich. Das gibt dem Tag Struktur und dem erkrankten Menschen Sinn.
  • Wenn Menschen mit Demenz häufiger nicht essen und trinken mögen, schließen Sie mit Hilfe von Ärzten körperliche Problem wie etwa Verstopfung, Zahnschmerzen oder eine schlecht sitzende Zahnprothese aus. Auch Stress kann zu Appetitlosigkeit führen.
  • Menschen mit Demenz sollten so lange wie möglich selbstständig essen. Benötigen sie Hilfe, setzen Sie sich neben den Kranken und führen Sie den Arm oder die Hand des Kranken vorsichtig mit dem Löffel zum Mund.
  • Das Essen sollte appetitlich aussehen, gegebenenfalls geschnitten oder nach Lebensmitteln getrennt püriert sein. Empfehlenswert sind Speisen mit einer homogenen Konsistenz, etwa halbweiches Gemüse, zartes Fleisch oder grätenloser Fisch, Michprodukte oder Brot mit Aufstrich. Lassen Sie dem Kranken ausreichend Zeit. Zwingen Sie ihn nicht zum Essen.
  • Reichen Sie eher dickflüssige Getränke, wie Pfirsich-, Birnen-, oder Bananensaft. Viele Demenzkranke verschlucken sich eher an dünnflüssigen Getränken.

Spezialthema PEG-Sonde

Wenn Menschen mit Demenz über längere Zeit zu wenig essen und trinken, bedrohen sie damit ihr Leben. Eine denkbare Möglichkeit ist das Legen einer PEG-Sonde (Perkutane Endoskopische Gastroenterostomie). Dies erfordert einen kleinen chirurgischen Eingriff, in dessen Verlauf der Arzt einen dünnen Schlauch direkt in den Magen legt und dort mit einer kleinen Platte an der Mageninnenwand vor dem Herausrutschen sichert. Ein solcher Eingriff erfordert das Einverständnis des Erkrankten, gegebenenfalls auch mithilfe einer Patientenverfügung. Liegt dies nicht vor, muss der Arzt gemeinsam mit dem Bevollmächtigten oder gesetzlichen Betreuer entscheiden - teilweise mit Genehmigung des Gerichts. Das Legen der PEG-Sonde ist oft mit einer Entscheidung über die Verlängerung des Lebens verbunden. Diese muss gut überdacht sein. Im Sinne der Menschenwürde sollte auf den Einsatz der PEG-Sonde verzichtet werden, wenn es lediglich darum geht, den Pflegeaufwand zu reduzieren.

Tipps

  • Erkundigen Sie sich ausführlich über Vor- und Nachteile der PEG-Sonde. Beraten Sie darüber und über die sich daraus ergebenden ethischen Fragen im Familienrat und mit den behandelnden Ärzten.
  • Beziehen Sie auf jeden Fall den allgemeinen Gesundheitszustand des Kranken mit ein. Ist er etwa aufgrund seiner Demenz nicht mehr in der Lage zu essen oder zu trinken oder naht das Lebensende und der Körper schaltet auf Sparflamme?

Dieser Artikel ist hilfreich. 2373 Nutzer finden das hilfreich.