Darm­krebs Special

Bei der Darm­spiegelung...

Bei der Darm­spiegelung gelangt ein schlauchförmiges Endoskop über den After durch den Dick­darm – bis zum Über­gang zum Dünn­darm.

Den Darm und seine Ausscheidungen lässt keiner gern unter­suchen. Dabei können Stuhltest und Darm­spiegelung vor Krebs schützen.

Er redet offen darüber: „Vor drei Monaten war ich bei der Darm­spiegelung“, sagt Sky du Mont. Der 65-jährige Schauspieler und Schrift­steller ließ seinen Dick­darm mit einem schlauchförmigen Endoskop unter­suchen. Die Methode dient zur Darm­krebs-Früh­erkennung.

Vor zehn Jahren nutzte du Mont sie schon einmal – wegen der Felix-Burda-Stiftung. Zum Start ihrer Kampagne gegen Darm­krebs hatte sie ihn um Hilfe gebeten. „Ich werde aber für nichts Pate, was ich nicht kenne“, sagt er. „Also habe ich mich schlau gelesen und beschlossen, zur Darm­spiegelung zu gehen.“

Das über­zeugte ihn. Er unterstützt wie zum Beispiel auch Vitali Klitschko oder Erol Sander die Felix-Burda-Stiftung. Seit mehr als 40 Jahren steht du Mont vor der Kamera, allein 21-mal beim Fernsehkrimi „Derrick“. Seine Bekannt­heit nutzt er gern, um sich zu engagieren: „Darm­krebs­vorsorge darf kein Tabu sein.“

Seit 2002 dürfen alle ab 55 zur Darm­spiegelung (Koloskopie). Gesetzliche und private Krankenkassen zahlen. Wahl­weise erstatten sie Tests auf Blut im Stuhl. Die sind auch schon ab 50 möglich. Die Stiftung Warentest hat beide Methoden begut­achtet (siehe: Test auf Blut im Stuhl und Darmspiegelung). Der Test auf Blut im Stuhl ist ungenauer, aber harmlos. Die Spiegelung ist zuver­lässiger, birgt aber Risiken. Sinn­voll ist beides.

Sinn­voll, aber sehr unbe­liebt

Darm­krebs Special

Prominent. Sky du Mont macht für die Darm­krebs­vorsorge Werbung. Wie andere Prominente unterstützt er die Kampagne der Felix-Burda-Stiftung.

Nur gibt es ein Problem: Bisher gehen nicht mal 20 Prozent der Berechtigten zur Koloskopie. Sky du Mont glaubt, die Gründe zu kennen: „Scham, Ekel, Angst, Unwissen.“ Viele dächten auch: „Ich werde schon nichts haben.“ Das Bauchgefühl kann trügen: Darm­krebs betrifft vor allem ältere Menschen, und er wächst meist lange unbe­merkt. Das zeigt eine Auswertung der 2,8 Millionen Koloskopien, die 2003 bis 2008 in Deutsch­land statt­fanden. Fast jeder dritte Untersuchte hatte Polypen, also knubbelige Wucherungen der Darmwand, die sich teil­weise zu Krebs entwickeln. Etwa jeder 100. Untersuchte litt bereits an Darm­krebs – ohne es zu wissen. 70 Prozent der entdeckten Tumoren befanden sich im frühen, gut heil­baren Stadium. Und fast alle aufgespürten Polypen ließen sich entfernen. Seit 2003 haben die Koloskopien laut Hoch­rechnungen schon etwa 100 000 Fälle von Darm­krebs verhütet.

Darm­spiegelung oder Stuhltest?

Die Darm­spiegelung ist zuver­lässiger als die Stuhltests. Die können Tumoren über­sehen oder falschen Alarm auslösen, etwa wenn jemand Blutwurst gegessen hat. Da das Darm­krebs­risiko ab 55 deutlich steigt, ist in diesem Alter die Koloskopie die bessere Wahl. Grund­sätzlich erstattet die Kasse zwei Spiege­lungen im Abstand von mindestens zehn Jahren. Das reicht aus. Darm­krebs wächst in der Regel lang­sam. Zudem gibt es bei über 70-Jährigen vermehrt Komplikationen bei der Unter­suchung.

Bei auffälligen Befunden sowie Symptomen, die auf Darm­krebs hindeuten, erstatten Krankenkassen weitere Koloskopien.

50- bis 54-Jährige sollten den Stuhltest nutzen. Er reicht in diesem Alter voll­kommen – wenn Anwender ihn jähr­lich wieder­holen und jeden verdächtigen Befund per Koloskopie abklären lassen. Gibt es jedoch Darm­krebs oder verdächtige Polypen in der nahen Verwandt­schaft, sprich bei Groß­eltern, Eltern, Kindern oder Geschwistern, sollten auch unter 55-Jährige zur Spiegelung gehen – erst­mals möglichst zehn Jahre vor dem Diagnosealter ihrer Angehörigen.

Tipp: Informieren Sie sich bei Ihrem Haus­arzt . Oder machen Sie gleich einen Termin bei einem nieder­gelassenen Gastroenterologen. Dort finden die meisten Vorsorge-Koloskopien statt.

Viel Flüssig­keit und Abführ­mittel

Was passiert bei der Darm­spiegelung und was sollten Patienten beachten? Schon eine gute Vorbereitung zählt. Wichtig ist ein Vorgespräch beim Arzt, meist mit Blut­abnahme. So lassen sich Gerinnungs­störungen erkennen, die das Blutungs­risiko erhöhen. Der Arzt muss auch erfahren, ob Patienten an anderen Krankheiten leiden oder Medikamente nehmen – vor allem Blut­verdünner, zum Beispiel die Präparate ASS, Marcumar oder Plavix.

Beim Vorgespräch bekommen Patienten auch Anweisungen für die Zeit vor der Spiegelung. Drei Tage vor dem Termin sollen sie aufhören, Körner und Kerne zu essen – die können das Endoskop verstopfen. Körnerbrot, Trauben, Kiwis oder Tomaten zum Beispiel sind tabu. Ansonsten dürfen Patienten wie gewohnt essen – bis einen Tag vor der Unter­suchung. An dem gibt es mittags nur noch leichte Kost, etwa Suppe. Und dann gar nichts Festes mehr – statt­dessen viel Flüssiges wie Wasser, Schorle, Tee und ein Abführ­mittel, aufgelöst in 2 bis 4 Liter Wasser. Den Geschmack und das anschließende Gerenne zur Toilette finden viele schreck­lich – es ist aber unerläss­lich. Verbleiben noch Reste im Darm, über­sieht der Arzt womöglich verdächtige Stellen.

Sie bricht in Tränen aus

Anna Schramm (Name geändert), 61, hat sich gut vorbereitet und einigermaßen gut geschlafen. Ihre Frauen­ärztin legte ihr die Darm­spiegelung ans Herz. Also meldete die Büro­angestellte sich in einer Berliner Gastroenterologen-Praxis an. Dort liegt sie jetzt seitlich auf der Unter­suchungs­liege, der braune Pagen­kopf etwas verwuschelt. Sie trägt ein Shirt und einen Einmal-Slip mit Loch für das Endoskop. Sie blickt auf die Ärztin, die Assistentin, die Narkose­schwester in den grünen Kitteln – und bricht in Tränen aus. Die Vorbereitungen stoppen, alle versuchen zu beruhigen. Anna Schramm darf erzählen: Sie fürchtet sich schon immer vor Medizinern, heute besonders. Was, wenn sie etwas Schlimmes finden, die Darmwand verletzen, die Narkose im Koma endet? Kneifen will sie aber nicht: „Wir können anfangen.“

Kurz darauf läuft über einen Infusions­schlauch das Narkosemittel Propofol in ihre Vene. Wenige Sekunden später liegt Anna Schramm reglos da. Die Ärztin knipst die Lampe vorn am schlauchförmigen Endoskop an und schiebt es behut­sam durch das Loch im Slip und weiter. Auf einem Monitor erscheinen Bilder aus dem Inneren des Darms, die von der Kamera vorn am Endoskop stammen. Mit einer Art Schalt­knüppel steuert es die Ärztin aufwärts, um Windungen und Kurven, durch den ganzen Dick­darm. Das dauert fünf Minuten.

Zangen und Schlingen gegen Polypen

Beim Rückweg lässt sich die Ärztin fast viermal so viel Zeit. Nun erst findet die Unter­suchung statt. Aufmerk­sam sieht die Gastroenterologin auf den Monitor. Er zeigt rosa-rötliche, glatte, spiegelnde Schleimhaut. Plötzlich kommt ein Buckel ins Bild: ein kleiner, flacher Polyp. Die Assistentin nimmt einen dünnen Schlauch mit einer Zange und schiebt ihn in den sogenannten Arbeits­kanal des Endoskops. Kurz darauf erscheint die Zange, auf dem Monitor enorm vergrößert, nähert sich dem Polypen – schnappt einmal, zweimal, dreimal zu. Etwas Blut tritt aus, der Buckel ist verschwunden.

Es gibt auch Polypen mit Stiel. Die entfernen Ärzte mit einer Schlinge, die sie ebenfalls über den Arbeits­kanal einführen. Aber nicht bei Anna Schramm. Bis auf einen weiteren Buckel findet sich bei ihr nichts Unerwünschtes. Kaum hat die Ärztin das Endoskop zurück­gezogen und ein paar Worte mit ihren Mitstreitern gewechselt, regt sich die Patientin. „Alles schon vorbei“, sagt die Ärztin. Anna Schramm murmelt etwas – dann über­mannen sie wieder die Gefühle. Aber diesmal beginnt sie zu lachen: „Das war’s? Ich hab ja gar nichts gemerkt.“ Wenig später schiebt die Narkose­schwester sie auf ihrer Liege in den Aufwachraum.

Tipp: Sie dürfen wählen, ob Sie Schmerz- oder Narkosemittel möchten. Diese Medikamente können Herz-Kreis­lauf-Probleme verursachen und Sie den Rest des Tages benommen machen. Dafür verhindern sie mögliche Schmerzen und machen die Koloskopie angenehmer. Eine Idee: Manche Patienten starten ohne Betäubung und lassen sich, wenn nötig, Propofol geben. Es wirkt in wenigen Sekunden.

Ärzte müssen sorgfältig arbeiten

Darm­krebs Special

Bei Sport­reporter Jörg Dahlmann wurde Darm­krebs im Frühstadium entdeckt.

Patienten unter Narkose sind streng zu über­wachen – während der Koloskopie und im Aufwachraum. Eine Schwester blieb für die Dauer der Unter­suchung bei Anna Schramm, kontrollierte ihre Atmung, ihren Blut­druck und ihren Puls auf einem Monitor. Gegebenenfalls brauchen Patienten Sauer­stoff oder weitere Medikamente.

Auch die Ärzte tragen eine hohe Verantwortung, um Komplikationen zu vermeiden oder recht­zeitig zu erkennen. So müssen sie größere Blutungen stillen, die nicht von selbst aufhören. Das Endoskop enthält dafür spezielle Werk­zeuge.

Wichtig: Mitunter treten Komplikationen erst mehrere Tage nach der Spiegelung auf. Die Warnzeichen: Blut im Stuhl, Bauchweh, Übel­keit, Schwindel und Schweiß­ausbrüche. Zögern Sie nicht, sondern melden Sie sich bei Ihrem Arzt, in der Notaufnahme oder wählen Sie den Notruf 112.

Nachgespräch oft direkt im Anschluss

Häufige unangenehme, aber ungefähr­liche Folgen der Darm­spiegelung sind Bauch­drücken und Blähungen. Zum Weiten des Darms bläst der Arzt über das Endoskop Luft ein – und die muss wieder raus. Patienten dürfen übrigens gleich nach der Unter­suchung normal essen. Anna Schramm wünscht sich Kaffee und Kuchen mit ihrer Freundin, die sie von der Endoskopie abholt. Vorher gibt es aber noch ein Nachgespräch im Büro der Ärztin. Die berichtet von den beiden entdeckten Polypen: Sie seien höchst­wahr­scheinlich harmlos, würden aber trotzdem pathologisch untersucht. Wegen des Fundes soll die Patientin schon in drei Jahren wieder zur Koloskopie kommen. „Mach ich“, sagt Anna Schramm. „Ich habe keine Angst mehr.“

Diagnose Darm­krebs

Solche vergleichs­weise harmlosen Nachgespräche sind die Regel. Es gibt aber auch die anderen: wenn Ärzte vermuten, dass sie Darm­krebs entdeckt haben. Meist folgen weitere Unter­suchungen – ambulant oder in einer Klinik. Dort findet auch die Therapie statt. Die Gastroenterologen helfen, ein Kranken­haus zu finden. Patienten können aber auch allein suchen und sich telefo­nisch zur Behand­lung anmelden, natürlich mit möglichst allen Befunden.

Tipp: Besonders streng geregelt und geprüft ist die Qualität in „Darmzentren“ oder „Darm­krebs­zentren“ mit einem Zertifikat der Deutschen Krebs­gesell­schaft. Sie sind über­all in Deutsch­land zu finden unter www.ag-darmzentren.com.

Die Krebs­behand­lung richtet sich nach der genauen Lage und dem Stadium des Tumors. Manchmal reicht eine Operation, aber oft brauchen Patienten zusätzlich eine Strahlen- oder Chemo­therapie. Wichtig und in Darmzentren vorgeschrieben: dass die beteiligten Ärzte der verschiedenen Fach­richtungen bei einer „Tumor­konferenz“ die Befunde sichten und die Therapien abstimmen – für jeden Patienten.

Die Prognose bei Darm­krebs hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Das liegt wohl an der Abstimmung in den Tumor­konferenzen und wirkungs­volleren Therapien. Aber vielleicht auch daran, dass viele Tumore dank Früh­erkennung zu einem Zeit­punkt auffallen, zu dem sie sich noch gut behandeln lassen.

Die Operation genügte

Dafür ist Sport­reporter Jörg Dahlmann ein Beispiel. Er trägt ein schweres Erbe: Sein Groß­vater, Vater und Onkel starben an Darm­krebs. Daher ging Dahlmann fast 20 Jahre lang alle zwei Jahre zur Koloskopie. Der Takt war noch nicht eng genug. Kurz nach Weih­nachten 2004 entdeckten die Ärzte einen Tumor. Sie handelten sofort. Direkt nach Neujahr entfernten sie den betroffenen Darm­abschnitt. Die OP genügte. „Zwölf Tage nach der Diagnose, genau an meinem Geburts­tag, war ich geheilt“, sagt Dahlmann. Zwei Wochen später stand er wieder als Moderator von „Bundes­liga aktuell“ vor der Kamera. Bis heute blieb er gesund. Seinen Darm lässt er nun jähr­lich checken: „Sonst stünde wohl schon irgendwo ein Grab­stein mit meinem Namen.“

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