Chronopharmakologie Special

Gesundheit hat ihren Rhythmus, Krankheit hat ihren Rhythmus. Wer das beachtet, kann manche Medikamente sinnvoller einsetzen.

Der Mensch tickt im 24-Stunden-Takt. Eine innere Uhr regelt alle Körperfunktionen. Schon kurz vor dem Aufwachen werden die Aktivitätshormone Kortisol und Adrenalin verstärkt in den Blutkreislauf geschickt. Nach und nach nehmen auch Magen- und Darmbewegungen zu. Herzschlag und Blutdruck steigen an und erreichen nach einem kurzen Mittagstief am Nachmittag ihr Tageshoch. Am frühen Abend steigen Cholesterin- und Triglyzeridwerte.

In der Nacht sinken Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Körpertemperatur. Andere Körperfunktionen schalten dagegen auf Aktivität um: In den Stunden vor Mitternacht nimmt die Produktion von Magensäure zu. Haare und Haut erneuern sich. Wachstumshormon wird gebildet – vor allem im Tiefschlaf, den ersten drei bis vier Schlafstunden. Auch das „Ruhehormon“ Melatonin produziert der Körper in der dunklen Phase des Tages, vorwiegend nach Mitternacht.

Auf die biologische Uhr hören

Chronopharmakologie Special

Schon vor mehr als 200 Jahren haben Naturwissenschaftler und Ärzte tages- und auch jahreszeitliche Veränderungen beim Menschen beobachtet – ebenso wie bei Tieren und Pflanzen. Inzwischen haben Forscher sogenannte Uhrengene bei Fruchtfliegen, Mäusen und Menschen entdeckt, und sie kennen den Sitz der zentralen biologischen Uhr. Nur wenige Zentimeter hinter der Nasenwurzel befinden sich im menschlichen Zwischenhirn zwei winzige Nervenzellbündel, jedes etwa so groß wie ein Reiskorn. Dieses Zentrum – der suprachiasmatische Kern – steuert alle körperlichen Schwingungen.

Die biologischen Rhythmen haben auch Einfluss auf die Einnahme von Medikamenten, erläutert Professor Björn Lemmer, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Heidelberg. „Sie können die Wirkung der Arzneimittel verändern, aber auch die Nebenwirkungen können je nach Einnahmezeitpunkt stärker oder schwächer sein.“ Deshalb ist die gängige Empfehlung, die Medikamentendosis gleichmäßig über den Tag zu verteilen – „dreimal täglich“ – nicht immer sinnvoll, so Professor Lemmer. Der Pharmakologe gilt als einer der Begründer der Chronopharmakologie (chronos = Zeit) in Deutschland. Wissenschaftler des relativ jungen Forschungszweigs sammeln Erkenntnisse darüber, wann Medikamente besonders gut wirken und wann Nebenwirkungen möglichst gering sind. So können Ärzte die Therapie verfeinern und Patienten auf die Signale ihres Körpers achten.

Einige Forschungser­geb­nis­se haben schon Eingang gefunden in nationale und internationale Richtlinien zur Diagnose und Behandlung von Erkrankungen, zum Beispiel bei Asthma. Auch bei anderen Gesundheitsstörungen werden biologische Rhythmen mehr und mehr berücksichtigt, „wenn auch noch nicht in dem Maße, wie man es von der Grundlagenforschung her wünschen würde“, sagt Professor Lemmer. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft weist seit einigen Jahren darauf hin, die Tagesrhythmen zu beachten, so etwa bei Blutdruckmedikamenten oder Kortisonpräparaten.

Kortisol

Chronopharmakologie Special

Am 19. Mai erscheint das test Spezial Arzneimittel, ein Wegweiser für den Markt der Tabletten, Dragees, Salben und Tinkturen. Er zeigt, welche Arzneimittel sicher, wirksam, preisgünstig oder sogar zuzahlungsfrei sind. Das Spezial kostet 7,50 Euro.

Der tägliche Rhythmus der Kortisolkonzentration im Blut wurde schon relativ früh erkannt. Morgens schießen extrem hohe Mengen des Hormons in den Blutkreislauf. Es trimmt den Körper auf Aktivität und hält den Zucker-, Fett- und Eiweißstoffwechsel in Gang. Nachmittags sinkt der Kortisolspiegel allmählich ab, um Mitternacht sind die Werte am niedrigsten. Diese Beobachtungen führten erstmals zur Umsetzung chronobiologischer Erkenntnisse in die medizinische Praxis. Wenn bei Entzündungen oder Hautkrankheiten Kortisone (Glukokortikoide) verordnet werden, sollten sie dem biologischen Rhythmus entsprechend angewendet werden, also morgens. Dadurch wird die körpereigene Kortisolproduktion nicht oder weniger stark unterdrückt. So kann die Medikamentendosis in vielen Fällen reduziert werden, und die Nebenwirkungen sind geringer.

Hoher Blutdruck

Ständig erhöhter Blutdruck ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Schlagan­fall und Herzinfarkt – die übrigens besonders häufig am Vormittag auftreten. Bei Patienten mit erhöhtem Blutdruck muss der Arzt zunächst ermitteln, ob die Krankheitssymptome einem bestimmten Rhyth­mus unterliegen. Das geht am besten mit einer 24-Stunden-Blutdruckmessung. Dann können die Patienten Blutdrucksenker zu dem Zeitpunkt einnehmen, wann sie sie brauchen.

Vergleichsweise unkompliziert ist das bei Bluthochdruckkranken, deren Rhythmik einem Gesunden entspricht: Morgens steigt der Blutdruck an und erreicht im Laufe des Tages Spitzenwerte. Nachts sinkt der Blutdruck ab – wenn auch auf erhöhtem Niveau. Blutdrucksenkende Medikamente, zum Beispiel Betablocker oder ACE-Hemmer, sollten deshalb in der Regel morgens eingenommen werden. Blutdrucksenker mit verzögerter Wirkstofffreisetzung können die Patienten auch schon am Abend einnehmen – die Wirkung setzt rechtzeitig vor dem Blutdruckanstieg ein.

Bei anderen Formen des Bluthochdrucks wird der natürliche Rhythmus manchmal aufgehoben. Dann sinkt der Blutdruck nicht in der Nacht oder er steigt sogar an. Das kann zum Beispiel während der Schwangerschaft passieren. Auch Diabetiker und Nierenkranke sind häufig betroffen. Diese Patienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, Folgeschäden an Herz, Hirn, Niere und Gefäßen zu erleiden. In zahlreichen Untersuchungen zeigte sich, dass der nächtliche Bluthochdruck sich normalisiert, wenn die Kranken ihre Medikamente, zum Beispiel Kalziumkanalblocker, abends einnehmen.

Asthma

Viele Asthmakranke werden vor allem nachts von Atemnot gequält. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Weite der Bronchien sich im Lauf des Tages verändert. Nachmittags sind sie meist weit, in der Nacht oft besonders eng. Die tageszeitlichen Schwankungen gelten auch für Gesunde, aber bei Asthmatikern sind sie stärker ausgeprägt. Hinzu kommt, dass die Empfindlichkeit gegenüber Staub, Federn oder Milben – die einen Asthmaanfall auslösen können – nachts höher ist als am Tag.

Wichtige Voraussetzung für eine zeitlich gezielte Therapie ist die regelmäßige Messung der Atemstromstärke. Die Patienten können mit einem Peak-Flow-Gerät ihre Lungenfunktion selbst messen. Sie pusten in ein Röhrchen, das Gerät zeigt an, wie viel Luft sie ausgeatmet haben. Bei Patienten mit erhöhtem nächtlichen Asthmarisiko haben sich unter anderem langwirkende Beta-2-Sympathomimetika, eine hohe oder sogar einmalige abendliche Dosis von Theophyllin-Präparaten bewährt. Die Wirkstoffe gelangen dann im Lauf der Nacht allmählich in den Blutkreislauf. So schützen die Medikamente die Kranken zum Zeitpunkt der höchsten Gefährdung und ermöglichen ihnen eine ungestörte Nachtruhe.

Schmerzen

Auch Schmerzen haben ihren eigenen Rhythmus. Rheumakranke etwa klagen besonders häufig über morgendliche Gelenksteifigkeit. Sie sollten Medikamente deshalb möglichst abends einnehmen – sie entfalten dann zum richtigen Zeitpunkt die größte Wirkung. Arthrosepatienten leiden oft nach Belastungen unter Gelenkschmerzen, also eher nachmittags oder abends. Bei ihnen empfiehlt sich die Medikamenteneinnahme mehrere Stunden vor Schmerzbeginn, um die abendlichen Beschwerden zu lindern. Die Arzneimitteldosis kann dann oft insgesamt verringert und die Dauer der schmerzfreien Intervalle verlängert werden. Ebenso kann auf diese Weise die Verträglichkeit der Arzneimittel verbessert werden.

Krebs

Krebsschmerzen hängen von der Art des Tumors, den betroffenen Organen und dem Krankheitsstadium ab. Hier haben sich zum Beispiel Infusionspumpen bewährt, mit denen die Patienten ihre Medikation je nach Stärke der Schmerzen selbst dosieren können. Auch hier zeigte sich, dass sie meist weniger Medikamente brauchten als bei gleichmäßiger Gabe über den Tag.

Vielversprechend sind auch klinische Studien mit Krebskranken, deren Chemotherapie einem bestimmten Tagesrhythmus folgte. Ziel der Chronotherapie mit Medikamenten ist es, Krebszellen zu vernichten und gesunde Zellen zu schonen. Das gelingt vor allem dann, wenn die Zellgifte in den „Ruhezeiten“ gesunder Körperzellen gegeben werden – wenn sie sich gerade nicht teilen. Ergebnis bei der Behandlung von Darmkrebspatienten: Die Nebenwirkungen der Krebsmedikamente, wie etwa starke Mundschleimhautentzündungen, waren geringer, sogar wenn die Dosis erhöht wurde. Außerdem war die Antitumorwirkung größer als bei gleichmäßigen Infusionen über den ganzen Tag. Zum Teil wurden Metastasen so weit verkleinert, dass sie chirurgisch entfernt werden konnten, die Überlebensraten stiegen an. Inzwischen gibt es tragbare Infusionspumpen, die die Medikamente zu einem vorher einprogrammierten Zeitpunkt freisetzen.

Derzeit nehmen unter französischer Leitung europaweit Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen an klinischen Studien teil, in denen nach Tageszeit getaktete mit konventionellen Chemotherapien verglichen werden. Deutsche Ärzte nutzen die bisher gewonnenen Erkenntnisse jedoch eher zurückhaltend, meint der Heidelberger Chronopharmakologe Professor Björn Lemmer, „aber es ist ja auch schwierig bei den vielen verschiedenen Krebsarten und -stadien.“

Wünschenswert wäre, so Professor Lemmer weiter, dass in Zukunft Pharmaunternehmen und Forscher in klini­schen Arzneimittelstudien noch häufiger und schon frühzeitig die unterschiedlichen Reaktionen auf die Einnahme von Medikamenten zu unterschiedlichen Tageszeiten bewerten.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1210 Nutzer finden das hilfreich.