Chronisch Kranke Meldung

Blutzuckermessen gehört für Ursula ­Elfeldt zur täglichen Routine. Im ­Disease-Management-Programm der AOK Halle fühlt die Diabetikerin sich gut betreut.

Die Krankenkassen bieten spezielle ­Behandlungsprogramme zum Beispiel für Diabetiker an. ­Das ist gut für die Patienten – und bringt ihrer Kasse Geld.

Ich kann meine Ärzte auch mal was ­fragen und bekomme Rat.“ Das ist für Ursula Elfeldt das Wichtigste am Disease-Management-Programm (DMP). Die 77-jährige Rentnerin aus Halle ist seit fast 20 Jahren zuckerkrank. Sie ist Mitglied der AOK Sachsen-Anhalt und nimmt seit Juni 2003 am Behandlungsprogramm ihrer Krankenkasse für Diabetiker teil.

Rund eine Million Menschen sind bundesweit schon zur Behandlung verschiedener Krankheiten in solche Programme eingeschrieben. Die Programme sollen den Behandlungsablauf und die medizinische Versorgung für Menschen mit bestimmten chronischen oder schweren Krankheiten steuern und dadurch verbessern. Sie sollen unter anderem helfen, gefährliche und teure Folgeerkrankungen zu vermeiden.

Bei Diabetikern besteht zum Beispiel die Gefahr von Netzhauterkrankungen, die zur Erblindung führen können. Etwa 15 Prozent aller Diabetiker leiden außerdem am „diabetischen Fußsyndrom“, einer Nervenschädigung, die dazu führen kann, dass der erkrankte Fuß amputiert werden muss. Auch das Risiko von Nierenerkrankungen ist bei Diabetikern erhöht. Bluthockdruck begünstigt solche Folgeerkrankungen.

Frau Elfeldt hat deswegen alle sechs Monate einen ausführlichen Untersuchungstermin bei ihrer Hausärztin und geht außerdem regelmäßig zur Kontrolle der Augen und der Füße. Ihre Hausärztin Josefine Reeg ist überzeugt, dass DMP für die Patienten ein Fortschritt sind: „Ich habe zwar mehr Verwaltungsaufwand mit der Dokumentation, aber es lohnt sich. Seit Beginn des DMP musste ich keinen Patienten mehr wegen diabetischen Fußes ins Krankenhaus einweisen.“

Das liegt sicher auch daran, dass die Ärztin bei DMP-Patienten besonders gründlich hinschauen und die medizinischen Daten ausführlich dokumentieren muss: Für diese Patienten reserviert sie jedes halbe oder jedes Vierteljahr eine halbe Stunde.

Dann werden Blutzucker, Langzeitblutzuckerwert, Cholesterin, Nierenwert und Blutdruck gemessen und die Füße gründlich untersucht. Die Ärztin kontrolliert das Gewicht und die Augenarztbefunde und stellt eventuell die Medikation um.

Wenn nötig, überweist sie die Patienten an die diabetologische Schwerpunktpraxis, zum Beispiel zu einer Schulung. Dort bekommen Patienten schneller einen Termin, wenn sie DMP-Teilnehmer sind.

Diabetiker, die nicht am Behandlungsprogramm teilnehmen, kommen zwar auch regelmäßig in ihre Sprechstunde, sogar alle sechs bis acht Wochen. Mit ihnen verbringt die Ärztin im Schnitt aber nur 10 bis 15 Minuten. Sie kontrolliert Blutzucker und Blutdruck und fragt nach, ob es Probleme gibt.

Diabetes, Brustkrebs, Herzkrankheit

Disease-Management-Programme sollen die Versorgung der Patienten auch dadurch verbessern, dass genau vorgegeben ist, wie sich die an der Behandlung beteiligten Ärzte, Krankenhäuser und anderen Einrichtungen untereinander abstimmen müssen. Alle Ärzte müssen ihre Behandlung außerdem stärker am aktuellen Stand der Wissenschaft ausrichten.

Das soll den Kassen langfristig helfen, Geld zu sparen, weil Komplikationen vermieden werden und Patienten seltener als Notfälle ins Krankenhaus müssen.

Gespart werden soll auch bei Medikamenten: Die Ärzte haben Vorgaben, welche Arten von Arzneimitteln einzusetzen sind. Doch sie dürfen davon abweichen, wenn sie es bei bestimmten Patienten für notwendig halten.

Es gibt DMPs bereits flächendeckend bei nahezu allen Kassen für Diabetes mellitus Typ 2 – den so genannten Altersdiabetes – und für Brustkrebs. Einige haben darüber hinaus bereits Programme zu koronaren Herzerkrankungen und Diabetes mellitus Typ 1 gestartet. Als Nächstes werden die Kassen mit DMPs für Patienten mit chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen (Asthma bronchiale, chronische Bronchitis) beginnen.

Behandlung nach Plan

Die DMPs aller Kassen gleichen sich sehr. Denn für das, was in den Programmen gemacht wird, gibt es gesetzliche Vorgaben:

  • Therapie nach dem Stand der Wissenschaft: Wie Ärzte einen Diabetiker, eine Brustkrebspatientin oder einen Herzkranken behandeln müssen, ist in Leitlinien festgelegt, die mit den medizinischen Fachgesellschaften erarbeitet wurden. So sollen Brustkrebspatientinnen, wann immer es medizinisch möglich ist, so operiert werden, dass die Brust erhalten bleibt.
  • Häufigkeit der Behandlung: Diabetiker müssen zum Beispiel mindestens zweimal im Jahr zur regelmäßigen Untersuchung.
  • Anforderungen an die Ärzte und Krankenhäuser, die beim DMP mitmachen wollen: Sie müssen bestimmte Qualifikationen, speziell geschultes Personal und die nötige technische Ausstattung haben.
  • Zusammenarbeit der Ärzte und Ein­richtungen: Im DMP ist zum Beispiel geregelt, wann der Hausarzt einen Patienten zur diabetologischen Schwerpunktpraxis überweisen muss und welche Informationen die Ärzte einander geben müssen.
  • Aktive Einbindung des Patienten: Diabetiker sollen beispielsweise Schulungen besuchen, um ihre Ernährung umstellen zu können oder um ihren erhöhten Blutdruck in den Griff zu bekommen.

Das hilft auch Patienten, die schon lange mit der Krankheit leben. Beim letzten Arztbesuch hat Ursula Elfeldt erfahren, dass sie bald zu einer Schulung eingeladen wird: „Das finde ich wichtig – bestimmt hat sich in den 20 Jahren seit meiner ersten Diabetesschulung einiges verändert.“

Rechtliche Grundlagen der DMPs

Nicht alle chronisch Kranken können an einem DMP teilnehmen. Patienten mit Rheuma oder Rückenproblemen müssen beispielsweise weiter ohne strukturierte Behandlungsprogramme auskommen.

Für welche Krankheiten es DMPs gibt und welche Anforderungen die Programme erfüllen müssen, legt der Gemeinsame Bundesausschuss fest. Das ist ein Gremium aus Spitzenfunktionären der Ärzteschaft und der Krankenkassen.

Das Bundesgesundheitsministerium erstellt dann eine Verordnung als rechtliche Grundlage für die DMPs. Mindestens ein- mal im Jahr muss der Gemeinsame Bundesausschuss die Vorgaben für die DMPs überprüfen und der Regierung falls nötig Änderungen empfehlen.

Nach den Vorgaben der Rechtsverordnung entwickeln die Krankenkassen und ihre Verbände Programme. Dann schließen sie mit Arztverbänden, Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenhäusern Verträge über den Ablauf, die Dokumentation und die Bezahlung. Bevor die Programme starten können, muss das Bundesversicherungsamt, die zuständige Aufsichtsbehörde, sie zulassen.

Am 1. Januar ist die jüngste Rechtsverordnung in Kraft getreten: Seitdem dürfen Kassen DMPs für Patienten mit Asthma bronchiale oder chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen anbieten.

Wegen des langwierigen Verfahrens wird es aber noch etwas dauern, bis die ersten Patienten sich in diese Programme einschreiben können.

Was sich für die Patienten ändert

Ist ein DMP erst einmal genehmigt, informiert die Kasse ihre Versicherten in der Mitgliederzeitschrift. Meist machen auch die am DMP teilnehmenden Ärzte ihre Patienten auf diese Möglichkeit aufmerksam.

Dafür, dass sie Patienten anwerben, erhalten die Ärzte von manchen Kassen eine kleine Prämie. Denn für die Kassen lohnt es sich finanziell, wenn möglichst viele ihrer chronisch kranken Versicherten in ein DMP eingeschrieben sind. Sie bekommen für deren Behandlung einen höheren Betrag aus dem gemeinsamen Finanzausgleich aller Kassen, dem Risikostrukturausgleich (siehe „DMP-Patienten bringen ihrer Kasse Geld ein“).

Aber nicht jeder Patient kann an einem DMP teilnehmen. Der Arzt muss ihm die dafür notwendige Diagnose schriftlich bestätigen – bei Diabetikern sind zum Beispiel bestimmte Grenzen für den Langzeitblutzuckerwert vorgegeben.

Darf und will der Patient teilnehmen, schließt er mit seiner Kasse einen schriftlichen Vertrag. Darin willigt er ein, dass seine Behandlungsdaten in anonymisierter Form an eine gemeinsame Datenstelle von Kassen und Ärzten weitergegeben und ausgewertet werden.

Er willigt außerdem ein, aktiv an dem Programm mitzuwirken. Wenn jemand ohne Grund an vereinbarten Schulungen nicht teilnimmt oder Untersuchungstermine versäumt, wird er von der Kasse erinnert. Reagiert er auch dann nicht, fällt er automatisch aus dem Programm. Das hat für den Patienten weiter keine schlimmen Folgen. Sein normaler Krankenversicherungsschutz bleibt davon unberührt.

Ursula Elfeldt nimmt jedoch gern in Kauf, dass so ein Programm etwas Mühe macht. Das ist ihr die Betreuung wert.

Wie sie müssen viele DMP-Teilnehmer mehr Arzttermine wahrnehmen als früher. Damit die bessere Gesundheitsvorsorge nicht zur finanziellen Belastung wird, erlassen etliche Kassen ihren DMP-Patienten einen Teil der Praxisgebühr.

Dieser Artikel ist hilfreich. 916 Nutzer finden das hilfreich.