Chromat in Leder Test

Vor allem in Arbeitshandschuhen und Kinderschuhen fanden wir den Allergieauslöser Chromat. Wer zu Ekzemen neigt, sollte Leder auf der Haut meiden.

Zu diesem Thema bietet test.de einen aktuelleren Test: Chrom VI in Leder.

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Die Zahlen sind erschreckend: Laut einer Prognose der Europäischen Akademie für Allergie und Klini­sche Immunologie wird 2050 jeder zweite Europäer an einer Allergie leiden. Pollen, Nickel, Nüsse – bereits heute ist jeder Dritte in irgendeiner Form betroffen. Beispiel Kontaktallergien: In Deutschland reagieren bis zu 20 Prozent der Menschen mit juckenden Hautausschlägen, sobald sie mit bestimmten Stoffen in Berührung kommen. Immer häufiger sind darunter auch Kinder und Jugendliche. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass bereits jeder Zehnte der 0- bis 17-Jährigen einmal im Leben ein aller­gisches Kontaktekzem hatte.

Neben Nickel und Duftstoffen zählt Chromat zu den wichtigsten Kontaktallergenen. Experten schätzen, dass hierzulande etwa eine halbe Million Menschen für diesen Stoff sensibilisiert sind. Eine Kontaktallergie wird durch direkten Hautkontakt mit dem Allergen erworben, wobei genetische Faktoren ebenso eine Rolle spielen wie die Umwelt (siehe „Kontaktallergie“). Als wesentliche Quelle einer Sensibilisierung gegenüber Chromat gelten Lederwaren.

Mit Chromsalzen gegerbt

Chromat in Leder Test

Lederverarbeitung im historischen Gerberviertel in der Altstadt von Fes, Marokko.

Bei der Herstellung von Leder wird die Tierhaut mit Gerbstoffen haltbar gemacht. Dafür werden heute hauptsächlich Chrom(III)-Salze wie zum Beispiel Chromsulfat eingesetzt. Das darin enthaltene dreiwertige Chrom vernetzt und fixiert die Eiweißfasern der Tierhaut und verhindert so den Zerfall. Das Verfahren ist schnell und kostengünstig und liefert ein qualitativ hochwertiges Leder. Mit entsprechender Technik lassen sich auch Umweltbelastungen wie hoher Wasserverbrauch und große Abwasser- und Abfallmengen begrenzen.

Wird sorgfältig gearbeitet, ist chromgegerbtes Leder auch gesundheitlich unbedenklich. Dreiwertiges Chrom ist im Leder stabil gebunden und kann auch kaum in die Haut eindringen. Von Chrom existiert allerdings eine andere chemische Variante: sechswertiges Chrom – Chrom(VI) oder Chromat genannt. Chromat ist viel giftiger als Chrom(III). Außerdem kann es leichter in die Haut eindringen, insbesondere wenn der natürliche Schutzmantel durch kleine Verletzungen oder raue Stellen nicht mehr ganz intakt ist.

Fertigung nicht im Griff

Enthält Leder Chromat, kann das verschiedene Gründe haben: Entweder sind die Chrom(III)-Gerbstoffe mit Chromat verunreinigt oder Chromat bildet sich beim späteren Fertigungsprozess durch Oxidation aus Chrom(III). Oft wird zudem beim Gerben zu viel Chromsalz eingesetzt, sodass überschüssiges, nicht gebundenes Chrom(III) im Leder bleibt. Wird dieses nicht ausgewaschen, kann sich daraus mitunter später beim Tragen Chromat bilden (siehe „Tipps“). Wird hingegen der Einsatz der Chromgerbstoffe während der Produktion laufend kontrolliert, das Leder nachträglich gespült und geeignetes Fettungsmittel eingesetzt, lässt sich auch mit der Chrom(III)-Gerbung chromatfreies Leder herstellen.

Jeder vierte Kinderschuh belastet

Noch ist das Know-how dafür offenbar nicht überall vorhanden. Wir haben 79 Lederprodukte auf ihren Chromatgehalt geprüft, darunter Arbeitshandschuhe aus dem Baumarkt, Damenhandschuhe, Kinderschuhe und Lederunterwäsche. Ergebnis: Mehr als jeder dritte Arbeitshandschuh war belastet, jeder fünfte sogar stark. Auch ein Viertel der Kinderschuhe enthielt Chromat, wobei das Modell von Palladium mit 83 Milligramm Chromat pro Kilogramm Leder (mg/kg) eine sehr hohe Konzentration aufwies. Und mit vier von zehn Produkten war auch die Unterwäsche häufig belastet. Nur die Damenhandschuhe zeigten sich bis auf ein Modell chromatfrei (siehe Tabellen).

Die Ergebnisse decken sich mit anderen Untersuchungen: So haben die Behörden der Bundesländer in den vergangenen Jahren rund 850 Lederprodukte, insbesondere Kleidung, überprüft. Mehr als die Hälfte davon war mit Chromat belastet, jede sechste Probe mit mehr als 10 mg/kg. Der Höchstwert wurde in einem Handschuh gemessen: 184 Milli­gramm Chromat pro Kilogramm Leder.

„Je mehr Chromat das Leder enthält, desto größer ist das Allergierisiko“, sagt Dr. Renate Krätke vom Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR. „Wenngleich dieses Risiko, gemessen an der Zahl sensibilisierter Personen, bei gesunder Haut vergleichsweise gering ist. Menschen, die zu Hautekzemen neigen, sind jedoch stärker gefährdet.“ Auch bei großflächigem und langandauerndem Kontakt steigt das Risiko. Wer bereits eine Chromatallergie hat, kann schon bei sehr niedrigen Konzentrationen bei einem Kontakt mit Haut­ekzemen reagieren.

In einer klinischen Studie mit Chromat-allergiepatienten bekam die Hälfte der Betroffenen bei einem Chromatgehalt von 5 mg/kg Hautausschläge, jeder Zehnte bereits bei 1 mg/kg. „Es ist davon auszugehen“, so das BfR, „dass diese Schwellen in der Praxis durch Hautverletzungen, Scheuerstellen und Ähnliches deutlich unterschritten werden können“. Aus Vorsorgegründen fordert das Institut daher ein Verbot von freisetzbarem Chromat in Lederprodukten des täglichen Bedarfs. Die Nachweisgrenze liegt derzeit bei 3 Milligramm pro Kilogramm Leder.

Gesetzliche Grenzwerte gibt es nicht

Einen gesetzlichen Grenzwert für Chromat in Schuhen, Handschuhen oder Kleidung aus Leder gibt es bislang nicht. Nur für Arbeitshandschuhe aus Leder schreibt eine EU-Norm vor, dass der Chromatgehalt im Leder unter der Nachweisgrenze von 3 mg/kg liegen muss.

Unabhängige Prüfzeichen findet der Verbraucher im Laden selten. Sie eignen sich auch kaum zur Orientierung, da eine permanente Überwachung der Anforderungen praktisch unmöglich ist: Mit Stichproben kommt man hier nicht weit. So beliefern zum Beispiel in China – einem der mittlerweile wichtigsten Lederexportländer – zahlreiche oftmals winzige Gerbereien einen großen Hersteller im Land, der dann die Schuhe oder Handschuhe aus den verschiedenen Lederstücken zusammensetzt. Ein Handschuh kann so zum Beispiel aus einem Dutzend unterschiedlicher Lederteile bestehen, die alle aus einer anderen Gerberei stammen. Da kann es passieren, dass der kleine Finger chromatfrei ist, der Daumen hingegen stark belastet – bei uns im Test keine Seltenheit. In Bezug auf den Chromatgehalt im Leder ist im Grunde jeder Schuh oder Handschuh ein Einzelstück.

Kein Verlass auf Prüfzeichen

Dass auf Prüfzeichen wenig Verlass ist, zeigt auch das Beispiel der getesteten Deichmann / Bobbi Shoes: Obwohl die Kinderschuhe als „auf Schadstoffe geprüft“ gekennzeichnet waren, fand unser Labor darin hohe Chromatwerte. Dagegen waren die ebenfalls als schadstoffgeprüft deklarierten Elefanten Pioneer Pace tatsächlich chromatfrei. Diese Unsicherheit betrifft natürlich auch unsere Testergebnisse, die ebenfalls stichproben­haft sind. Würden wir heute die Produkte noch einmal einkaufen, wären die Ergebnisse vermutlich andere.

Eine Alternative kann pflanzlich gegerbtes Leder sein. Immerhin zwei der Kinderschuhe in unserem Test sind vom Anbieter mit einem entsprechenden Hinweis versehen: Pololo und id nature. Beide Schuhe waren chromatfrei. Allerdings sind pflanzlich gegerbte Lederwaren Nischenprodukte und deshalb seltener anzutreffen. Die Pflanzengerbung mit Hölzern, Rinden, Früchten oder Wurzeln scheint – wie auch die Gerbung mit synthetischen Gerbstoffen – im großen Maßstab keine Alternative zu sein. Sie dauert länger als die Chromgerbung, ist teurer und die Qualität des Leders ist nach Ansicht vieler Fachleute schlechter.

Fazit: Bei gesunder Haut ist das Risiko, durch Lederprodukte eine Chromatallergie zu bekommen, vergleichsweise gering. Doch so lange die Anbieter das Problem nicht im Griff haben, kann chromgegerbtes Leder zum Allergierisiko werden. Zurzeit haben Verbraucher keine Möglichkeit, die Gefahr zu erkennen. Auch Herkunftsland und Preis liefern keine Hinweise.

Wer also den Kontakt mit Chromat sicher vermeiden will – oder muss, weil er bereits eine Chromatallergie hat –, sollte kein Leder auf der Haut tragen. Auch wer zu Hautekzemen neigt oder bereits unter Hauterkrankungen wie Neurodermitis leidet, sollte besser auf längeren Hautkontakt mit Leder verzichten.

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