Zusatzpolice oder private Absicherung

Suse: Ich bin seit 1972 privat vollversichert mit Anspruch auf Einbettzimmer inkl. Chefarzt. Erfahrungsgemäß bereitet es enorme Schwierigkeiten, ein Einbettzimmer zu bekommen, da keineswegs genügend solcher Zimmer vorhanden sind. Die Privatliquidation ist aber trotzdem für den Chef gesichert. Im Regelfall gibt es nur ein Einbettzimmer mit Chefarzt, niemals ohne. Ich halte diese Zusatzversicherung lediglich für ein gutes Geschäft für die Versicherungswirtschaft. Lohnt sich unter diesen Gesichtspunkten eine solche Zusatzversicherung überhaupt?

Ulrike Steckkönig: Zunächst einmal Folgendes: Unserer Meinung nach ist das Ein- oder Zweibettzimmer ohnehin nicht der wichtigste Grund, eine solche Versicherung abzuschließen. Das wesentlich höhere Kostenrisiko sind ja die Mehrkosten, die durch die Chefarztbehandlung entstehen. Wir empfehlen deshalb die Versicherung in erster Linie für gesetzlich Krankenversicherte, die sicherstellen wollen, dass sie auf jeden Fall vom Chefarzt behandelt werden.

LL1974: Sollte man sich für eine Zusatzversicherung entscheiden oder lieber gleich in die private Krankenversicherung wechseln, wenn die Möglichkeit besteht?

Ulrike Steckkönig: Diese Frage kann man so pauschal nicht beantworten. Die private Krankenversicherung bietet zwar in vielen Bereichen höhere Leistungen als die gesetzlichen Krankenkassen. Aber der Kunde muss sich das auch auf Dauer leisten können. Hat jemand einmal das 55. Lebensjahr erreicht, ist eine Rückkehr in die gesetzliche Krankenkasse nahezu ausgeschlossen. Die Beiträge in der privaten Krankenversicherung sind jedoch in der Vergangenheit gerade für Ältere stark gestiegen – und sie sinken auch nicht, wenn jemand als Rentner ein geringeres Einkommen hat. Auch Familien müssen sich diesen Schritt gut überlegen, da es in der privaten Krankenversicherung keine beitragsfreie Mitversicherung von Kindern gibt. Jedes Kind braucht einen eigenen Vertrag, der je nach Leistungsumfang und Versicherer etwa 100 bis 200 Euro im Monat kostet.

AOK BW: Macht es nicht mehr Sinn eine Zusatzversicherung für rein ambulante Operationen abzuschließen? Wenn ja, welche Anbieter sind empfehlenswert?

Ulrike Steckkönig: Eine private Zusatzversicherung, die nur Chefarztkosten bei ambulanten Operationen deckt, gibt es meines Wissens nicht. Wir würden ein solches Angebot auch nicht unbedingt für sinnvoll halten, da eine Versicherung ja vor allem für große Risiken da ist – also für Ausgaben, die jemand privat nicht bestreiten könnte, ohne sich zu ruinieren. Ambulante Operationen spielen sich erfahrungsgemäß eher im Bereich von einigen hundert Euro ab.

Peter Kämpfe: Was nutzen Zusatzversicherungen, wenn bei kleinsten Vorerkrankungen teure Risikozuschläge, womöglich Ausschlüsse genau der Vorerkrankungen oder gar gänzliche Ablehnungen erfolgen? Benehmen sich die Versicherungen nicht wie die Made im Speck, solange es keinen Kontrahierungszwang gibt?

Ulrike Steckkönig: In der Tat kann man sich fragen, ob in dem sensiblen Bereich „Gesundheit“ ein privatwirtschaftliches Versicherungsmodell mit Vertragsfreiheit (und damit Ablehnungsrecht für die Unternehmen) den realen Bedarf der Menschen decken kann. Wie auch in der privaten Berufs­unfähigkeits­versicherung sind diejenigen, die es am nötigsten hätten - z.B. Behinderte oder schwer Kranke - von dem Schutz ausgeschlossen. Allerdings haben so zumindest einige Menschen die Möglichkeit, in jungen Jahren vorzusorgen, für den Fall, dass sie später einmal erkranken – sie müssen sich die Beiträge allerdings auch leisten können.

Badewanne: Ich bin knapp 50 Jahre und mein Mann ist 43 Jahre alt, wir sind beide gesund und ohne nennenswerte Vorerkrankungen. Lohnt sich für uns der Abschluss einer Zusatzversicherung? Auf was sollten wir dabei achten, um kein böses Erwachen zu erleben? Um eine Chefarztbehandlung geht es uns weniger, dafür aber eher um mehr Komfort und Ruhe im Ernstfall. Vielen Dank für Ihre Antwort und herzliche Grüße.

Ulrike Steckkönig: Ob sich eine Zusatzversicherung „lohnt“, ist unmöglich vorher zu sagen. Niemand weiß, an welcher Krankheit er in Zukunft einmal leiden wird und wie oft oder wie lange eine Krankenhausbehandlung nötig sein wird. Wenn es Ihnen in erster Linie um das Zimmer geht, benötigen Sie dafür nicht unbedingt eine Versicherung. Die Krankenhauszusatzversicherung ist vor allem dann sinnvoll, wenn Sie vom Chefarzt behandelt werden wollen. Zur Einschätzung ein Beispiel: Wenn Sie sich das Zweibettzimmer im Deutschen Herzzentrum Berlin „dazukaufen“, kostet Sie das pro Tag 55 Euro. Lassen Sie sich hingegen zum Beispiel eine Bypassoperation vom Chefarzt machen, kommen etwa 7 000 bis 8 500 Euro an Arztkosten für Operation und Narkose auf Sie zu.

Moderator: Das waren 70 Live-Minuten test.de-Expertenchat zum Thema Krankenhaus-Zusatzversicherungen. Vielen Dank an die Finanztest-Expertin Ulrike Steckkönig für die kompetenten Antworten. Und vielen Dank auch an die Chatterinnen und Chatter für die vielen vielen Fragen zum Thema, die wir aus Zeitgründen und auch mit Überziehen der Chatzeit leider nicht alle beantworten konnten. Das Transkript dieses Chats können Sie in Kürze auf test.de nachlesen. Das Chatteam wünscht allen Beteiligten noch einen schönen Tag!

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