Chat Impfen Meldung

Die test-Expertinnen Bettina Sauer (li) und Katrin Andruschow.

Das Thema Impfen bewegt. Das hat die große Beteiligung an der Onlineumfrage auf test.de gezeigt. test hat in der März­ausgabe die Serie Impfen gestartet. Thema im Teil 1: Impfungen für Kinder. Ihre Fragen zum Thema Kinder­im­pfungen beant­worteten die Expertinnen Katrin Andruschow und Dr. Bettina Sauer im Chat auf test.de.

[Update: 12.10.2012]: Alle Infos in einem Paket

Chat Impfen Meldung

Alle Teile der Impf­serie mit Teil 1 Kinderimpfungen (test 03/2012), Teil 2 Reiseimpfungen (test 05/2012) und Teil 3 Impfungen für Erwachsene (test 10/2012) hat die Stiftung Warentest jetzt im Themenpaket Impfen zusammen­gestellt. Außerdem darin enthalten: Ein Impf­kalender für Kinder und Erwachsene, Fragen und Antworten aus dem Experten-Chat, Infos, welche Krankenkassen Kosten für Reiseimpfungen über­nehmen, und die Auswertung der Umfrage Impfen mit mehr als 10 000 Teilnehmern. Der Abruf des Themenpakets Impfen kostet 3 Euro.
Zum Abruf Themenpaket Impfen (PDF-Datei, 36 Seiten). Der Abruf des Themenpakets Impfen kostet 3 Euro.
[Ende Update]

Die Top 3-Fragen

Moderator: So, es ist jetzt 13.00 Uhr. Hier im Chat begrüße ich jetzt Katrin Andruschow und Dr. Bettina Sauer. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und die Fragen unserer Chatte­rinnen und Chatter beant­worten. Gleich die erste Frage an unseren Gast: Wie sieht es aus, wollen wir starten?

Katrin Andruschow: Ja, wir freuen uns auf den Chat und auf spannende Fragen, herz­lich Will­kommen!

Moderator: Vor dem Chat hatten die Leser und Lese­rinnen bereits die Möglich­keit, Fragen zu stellen und zu bewerten.
Hier die Top1 Frage: Welche Impfungen sind heute noch quasi als allgemeiner Minimal­schutz unbe­dingt notwendig?

Katrin Andruschow: Wir haben in der aktuellen März-Ausgabe von „test“ einen Test-Impf­kalender für Kinder veröffent­licht, darin finden Sie alle Impfungen, die wir als sinn­voll erachten. Das beginnt mit der 6-Fach-Impfung und der Pneumokokken-Impfung nach dem zweiten Lebens­monat. Darüber hinaus erachten wir die Meningokokken-Impfung für sinn­voll sowie die 3-Fach-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Zusätzlich raten wir auch zur Rotaviren-Impfung ab der sechsten Lebens­woche, denn jedes zweite Kind unter fünf Jahren, das 2009 an Rotaviren erkrankte, kam ins Kranken­haus. Das kann mit der Impfung verhindert werden.

Moderator: Und die Top 2 Frage:

Mayinde: Ich würde gerne wissen, wie die Impf­erfahrungen (Lang­zeit­studien) mit diesem neuen Impf­stoff für Gebärmutterhals­krebs für Mädchen zwischen dem 12. und 17. Lebens­jahr sind. Meine Tochter ist 12 Jahre alt und ich konnte mich bisher nicht durch­ringen. Ich habe sie zwar bisher gegen fast alles (außer Wind­pocken, Grippe und Schweinegrippe) impfen lassen. Aber dieser Impfung sehe ich etwas skeptisch entgegen. Meine Befürchtungen sind, dass es Spät­folgen gibt, wie zum Beispiel Unfrucht­barkeit.

Katrin Andruschow: Die Impfung wurde im Jahr 2007 allen jungen Frauen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Befürchtungen, dass die Impfung lang­fristige Schäden hervorrufen kann, haben sich bisher nicht bestätigt, ebenso nicht, dass es eine Verschiebung zu anderen HP-Viren gibt, die Gebärmutterhals­krebs auslösen können. Unfrucht­barkeit kann durch die HPV-Impfung nicht entstehen.

Moderator: Und die Top 3 Frage:

Lila: Es gibt viele Menschen mit Impf­schäden, die nicht einfach nur Fieber oder Schmerzen sind, sondern neurologische Erkrankungen wie die Epilepsie. Seit ich davon gehört habe, habe ich Angst meine Impfungen aufzufrischen. Was wissen Sie darüber?

Dr. Bettina Sauer: Also tatsäch­lich können Impfungen schwere Neben­wirkungen verursachen – aber eben nur in sehr seltenen Fällen. Zudem sollten Sie nicht vergessen, dass die zugehörigen Krankheiten oft sehr schwere Folgen haben – in der Regel ungleich häufiger als Impfungen. Bei der Abwägung sind immer beide Seiten der Medaille zu betrachten. Und wenn bei der Erst­impfung keine schwerwiegenden Neben­wirkungen aufgetreten sind, wird die Auffrischung in der Regel auch gut vertragen.

Neben­wirkungen und Spät­folgen

Nicola: Thema Auto­imm­unerkrankungen, zum Beispiel Diabetes Typ 1 – große Zunahme bei Kindern unter 5 Jahren, eventuell weil es seit ein paar Jahren nun so früh schon Kombi-Impfungen gibt?

Katrin Andruschow: Ob Impfungen chro­nische Krankheiten wie Typ 1-Diabetes mitver­ursachen, wird heftig diskutiert. Bisher sprechen die Studien eher dagegen. Die Kombinations­impfung scheint vor allem leichte Neben­wirkungen zu verursachen, zum Beispiel Schwel­lungen an der Einstich­stelle. Auch Einzel­impfungen haben übrigens gewisse Neben­wirkungs­raten, in der Summe sind sie leicht höher als bei der Kombination. Unser Rat ist: Wenn Sie nach einer Impfung bedrohliche Symptome bemerken, sprechen Sie mit Ihrem Arzt, er ist verpflichtet, Verdachts­fälle zu melden – für den Patienten­schutz.

Moderator: Und eine weitere Frage zum Thema Impfungen bei Kindern:

Mutter-m: Über­fordert die 6-fach Impfung nicht das Immun­system eines Babys?

Dr. Bettina Sauer: In der Tat scheinen Kombi-Impfungen tatsäch­lich etwas häufiger Neben­wirkungen zu verursachen, doch vor allem harmlose Reaktionen an der Impf­stelle. Auch Einzel­impfungen haben übrigens gewisse Neben­wirkungs­raten, die in der Summe oft die der Kombination über­steigen. Wenn Sie möchten, können Sie jedoch die sechs Impfungen aufteilen, zum Beispiel kann Hepatitis B heraus­genommen und einzeln verabreicht werden.

Renate01: Mit welchen Neben­wirkungen muss man auf jeden Fall bei Kindern rechnen?

Dr. Bettina Sauer: In den ersten Tagen verursachen Impfungen häufig Reaktionen wie Schwel­lungen, Rötungen und Schmerzen an der Einstich­stelle, Fieber, Magen-Darm-Beschwerden oder andere Allgemein­symptome. Das ist aber natürlich nicht bei jedem Kind der Fall. Sie zeigen, dass das Immun­system arbeitet und einen Schutz aufbaut.

Katrin Andruschow: Wenn mit Lebendviren geimpft wird, wie zum Beispiel bei Masern, Mumps und Röteln, kann eine so genannte Impf­krankheit auftreten, die nicht anste­ckend und relativ leicht ist und zum Beispiel mit Fieber und Haut­ausschlägen einhergeht. Dies ist nach ein bis vier Wochen bei etwa 2 von 100 Geimpften der Fall.

Dr. Bettina Sauer: Schwere Neben­wirkungen sind sehr selten. Sie sollten Verdachts­fälle aber unbe­dingt mit dem Arzt besprechen.

Gregoryk: Schlimme Masern-Komplikationen (Größen­ordnung 1:1000 bis 1:10000) sind seltener als die Todes­rate bei einer Grippe (ca. 1:500). In der Presse wird bei Masern nicht differenziert bezüglich Alter und Vorerkrankungen. In Finn­land (Masern ausgerottet) gibt es nicht weniger Enzephalitis-Fälle. Wenn das so stimmt, sind die Masern zwar heftig aber „sinn­voll“ zur Entwick­lung des Immun­systems, richtig? Darum Impfung erst vor dem Erwachsenwerden?

Dr. Bettina Sauer: Die Komplikationen dieser Krankheiten können nicht einfach so verglichen werden, zumal auch die Risiko­gruppen unterschiedlich sind. Bei der Grippe sind besonders chro­nisch Erkrankte gefährdet sowie ältere Menschen und Schwangere. Die Masern sind gefähr­lich für alle Kinder, aber auch Erwachsene, da letztere oft schwer erkranken. Eine besonders gefürchtete Komplikation ist die so genannte SSPE, eine spezielle Gehirn­entzündung, die vor allem bei Masern­infektionen sehr kleiner Kinder als Spät­folge auftritt und stets tödlich verläuft. Die Impfung schützt zuver­lässig vor dieser Komplikation, deshalb rät die Stiftung Warentest, Kinder so früh wie möglich zu impfen.

Auffrisch­impfungen

Moderator: Und eine aktuelle Frage aus dem Chat:

Snufi: Welche Impfungen im Kindes- und Jugend­alter sollten später als Erwachsener wieder­holt beziehungs­weise aufgefrischt werden?

Katrin Andruschow: Wir werden ausführ­lich über Erwachsenen-Impfungen in unserer test-Ausgabe von Oktober informieren. Grund­sätzlich sind als Stan­dard-Impfungen im Erwachsenen­alter aufzufrischen: Diph­therie und Tetanus und mit der nächsten Auffrischung auch einmalig Keuchhusten, denn Erwachsene sind Über­träger des Keuchhustens auf Kinder, bei denen diese Erkrankung, vor allem bei Säuglingen, einen sehr schweren Verlauf nehmen kann.

Sinn von Impfungen

Vera_f: Warum soll man Kinder gegen Krankheiten wie Diph­therie oder Kinder­lähmung impfen lassen, die es bei uns schon lange nicht mehr gibt?

Katrin Andruschow: In Deutsch­land sind die so genannten Durch­impfungs­raten so hoch, dass diese Krankheiten in der Tat nur noch selten auftreten, jedoch sind diese Krankheiten welt­weit nicht ausgemerzt, sodass es immer wieder zu importierten Erkrankungs­fällen kommen kann und kommt. Wenn weniger Kinder geimpft werden und damit die Durch­impfungs­raten sinken, kann es somit auch immer wieder zum Ausbruch der Krankheit kommen. So geschehen zum Beispiel Anfang der 90er Jahre in den GUS-Staaten, in denen eine Diph­therie-Epidemie ausbrach.

Frager123: Was ist zu beachten, wenn der Impf­kalender nicht einge­halten werden konnte? Werden dann Impfungen sinn­los?

Dr. Bettina Sauer: Impfungen können auch nachgeholt werden. Dies ist oft sinn­voll, zum Beispiel bei Masern oder Hepatitis B, wichtig ist jedoch, bei der Impfung das Impf­schema genau einzuhalten, also die Abstände zwischen den Dosen.

Moderator: Und eine aktuelle Nach­frage aus dem Chat:

Gontermann: Warum empfehlen Sie die Meningokokken-Impfung, obwohl sie gegen den in Europa am weitesten verbreiteten Stamm der Erreger keinen Schutz bietet?

Katrin Andruschow: Die Impfung, die im Kleinkindalter gegeben wird, richtet sich gegen den Erregertyp C, der macht in Deutsch­land ein Viertel der Erkrankungen durch Meningokokken aus. Auch wenn mit der Impfung nicht alle Erreger-Typen abge­deckt werden können, ist die Impfung im Kleinkindalter dennoch wichtig, denn Säuglinge und Klein­kinder sind besonders gefährdet und es treten häufig Komplikationen auf, zum Beispiel bei etwa 70 Prozent der Erkrankten eine Hirnhaut­entzündung. Darüber hinaus raten wir zu einer zweiten Impfung zwischen dem 11. und 15. Geburts­tag mit einem Impf­stoff, der gegen die Gruppen A, C, W-135, Y wirkt, weil Jugend­liche noch einmal stärker gefährdet sind. An einem Impf­stoff gegen die Gruppe B, die die meisten Erkrankungen in Europa auslöst, wird derzeit gearbeitet.

Supernanny: Wie sinn­voll ist eine Zecken­impfung, wenn man im Risiko­gebiet (Kaiser­stuhl) wohnt? Was sind mögliche Neben­wirkungen oder Impf­schäden bei dieser Impfung bei einem 12-jährigen Kind?

Katrin Andruschow: Wir werden in unserer test-Ausgabe im Mai ausführ­lich über die FSME-Impfung informieren, in unserem Artikel zu den Reiseimpfungen. Auch in Deutsch­land tritt FSME auf, wenn ich in Risiko­gebiete reise oder dort wohne, ist eine Impfung für Erwachsene und Kinder, die dem Kleinkindalter entwachsen sind, sinn­voll. Wissen muss man, dass nicht jeder Kontakt mit einer infizierten Zecke zur Über­tragung des Virus führt und nur zehn Prozent der Erkrankten eine Hirnhaut- oder Gehirn­entzündung entwickeln. Davor jedoch schützt die Impfung zuver­lässig. Auf der Webseite des Robert-Koch-Institutes werden die Haupt­verbreitungs­gebiete aktuell auf einer Karte veröffent­licht.

Mama: Welchen Sinn hat es, einen Jungen gegen Röteln zu impfen?

Katrin Andruschow: Es ist immer sinn­voll, auch Jungen gegen Röteln zu impfen, denn sie können ebenso wie Mädchen stiller Über­träger der Röteln sein, weil sie sich zwar infizieren, jedoch keine oder kaum Symptome entwickeln. Als stiller Über­träger können sie dann auch Schwangere anste­cken, was ein besonders hohes Risiko für die ungeborenen Kinder darstellt. So führen Röteln in den ersten acht Schwanger­schafts­wochen bei 90 Prozent der Embryos zu Schäden.

Andere Impf­verfahren

Noafelix: In vielen europäischen Ländern (zum Beispiel in Österreich und vielen skandinavische Ländern) wird erst mit 3 Monaten begonnen, zu impfen. Dadurch ist, wie viele Studien zeigen, mit 3 Impfungen statt 4 die Grund­immunisierung mit 5– oder 6-fach Impf­stoff voll­ständig abge­schlossen. Warum findet dieses zugelassene Verfahren bei Ihnen keine Erwähnung und warum bezieht die STIKO dazu keine Stellung, wie es die Verantwort­lichen anderer Länder taten und ihre Impf­schema anpassten?

Katrin Andruschow: In der Tat wird in einigen anderen Ländern, zum Beispiel in Österreich, bei der Sechs­fach-Impfung das so genannte 2+1-Schema angewendet, dort wird die Sechs­fach-Impfung im dritten und fünften Lebens­monat gegeben sowie eine dritte Dosis am Ende des ersten Lebens­jahres. Dieser Weg ist relativ neu und wird in Deutsch­land bisher nicht generell empfohlen. Denn die mess­baren Antikörper-Spiegel sind nach drei Dosen in den ersten Lebens­monaten etwas höher als nach zwei Dosen. Es gibt aber noch keine Studie zu einem lang­fristigen Nutzen­vergleich, da die Krankheiten, gegen die geimpft wird, nur noch selten auftreten. Das 3+1-Schema in Deutsch­land ist ein bewährter und sicherer Weg, aber auch bei uns ist der Sechs­fach-Impf­stoff für das 2+1-Schema zugelassen. Sie können die Wahl des Schemas individuell mit Ihrem Arzt besprechen.

Moderator: Und eine aktuelle Frage aus dem Chat:

Andi: Sie schrieben, dass man die Hepatitis-B Impfung auch heraus­nehmen kann; gibt es denn einen Fünf­fach­impf­stoff?

Katrin Andruschow: Die Hepatitis B-Impfung ist durch­aus als Einzel­impfung möglich. Die Impfung gegen die anderen fünf Krankheiten, also Tetanus, Diph­therie, Keuchhusten, HIB und Polio, kann als Fünf­fach­impfung verabreicht werden.

Moderator: und eine aktuelle Nach­frage:

Mama: Ich würde gerne die MMR splitten. Ist Ihnen bekannt, ob es in den nächsten Jahren einen Mumps-Einzel­impf­stoff geben soll oder ist dies eher unwahr­scheinlich?

Katrin Andruschow: Momentan gibt es keinen Einzel­impf­stoff gegen Mumps. Ob dies in den nächsten Jahren geplant ist, ist uns nicht bekannt.

Dr. Bettina Sauer: Übrigens ist unserem Artikel zufolge die Kombi-Impfung sinn­voll, wichtig und gut verträglich.

Quartus: Hallo, an wen sollte ich mich denn wenden wenn ich mein Kind impfen lassen möchte?

Dr. Bettina Sauer: Solche Fragen können Sie immer individuell mit Ihrem Kinder­arzt besprechen. Wenn Sie zur kinder­ärzt­lichen Vorsorgeunter­suchung gehen, wird der Arzt Sie sicherlich von sich aus auf das Thema ansprechen. Darüber hinaus kann man sich an vielen Stellen zu Kinder­impfungen informieren, zum Beispiel hat auch die Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung eine ausführ­liche Webseite zu Kinder­impfungen (www.impfen-info.de).

Impfungen bei Säuglingen

Tiger­maus: Wie schätzen Sie das Nutzen-Risiko-Verhältnis bei der Rotaviren-Impfung für Säuglinge ein? Wir über­legen, unsere 2 Monate alte Tochter bei der nächsten Vorsorgeunter­suchung U4 Impfen zu lassen.

Dr. Bettina Sauer: In unserer aktuellen Veröffent­lichung schreiben wir, dass wir zur Rotaviren-Impfung raten, denn Rotaviren verursachen bei Säuglingen und Klein­kindern besonders häufige und besonders schwere Darm­infektionen, die oft eine Kranken­hausbe­hand­lung erforderlich machen. Dem kann die Impfung in vielen Fällen zuver­lässig vorbeugen. Sie sollten die Impfung möglichst bald beginnen, da die Impf­stoffe nur etwa bis zur 26. Lebens­woche zugelassen sind. Nach bisherigen Studien sind Komplikationen sehr selten aufgetreten.

Felixnoa: Wie groß ist das Risiko tatsäch­lich, den Hepatitis­anteil im Säuglingsalter erst einmal wegzulassen? Möglicher­weise ist die Immunität sogar besser, wenn die Impfung als 3fach-Einzel­impfung erst kurz vor der Haupt­risiko­zeit, dem jungen Erwachsenen­alter, gegeben wird. Wie stecken sich Säuglinge gesunder Mütter über­haupt an, wenn Sie nicht gerade Blut­konserven bekommen? Wie sehen Sie das?

Katrin Andruschow: Die Hepatitis B-Erkrankung ist besonders im Kleinkindalter eine gefähr­liche Erkrankung, denn je jünger die Infizierten sind, desto mehr steigt das Risiko für chro­nische Verläufe. Im frühen Kindes­alter liegt es bei 90 Prozent. Die Hepatitis B-Viren können übrigens nicht nur durch Sexual­kontakte, Blut und Blut­produkte über­tragen werden, sondern wurden auch in Muttermilch und Tränenflüssig­keit nachgewiesen, so dass eine sehr frühe Impfung sinn­voll ist.

Sans­souci: Wenn man davon ausgeht, dass der Impf­schutz gegen Hepatitis B ungefähr bis 10 Jahre nach Abschluss der Impf­serie hält, müsste er doch dringend im Jugend­alter – also kurz vor Beginn der sexuellen Aktivität – aufgefrischt werden. Warum beschränken sich die Impf­empfehlungen gegen Hepatitis B dann auf das 1. und 2. Lebens­jahr?

Dr. Bettina Sauer: Lang­zeit­studien zeigen, dass der Impf­schutz deutlich länger als zehn Jahre anhält. Auch wenn der Antikörperspiegel sinkt, erinnert sich das Immun­system an den Erreger und reagiert sehr schnell. Deshalb stellte eine europäische Expertengruppe fest, dass den derzeitigen Daten zufolge keine generelle Auffrischungs­impfung nötig ist. Für Menschen mit erhöhtem Infektions­risiko kann allerdings eine Auffrischungs­impfung sinn­voll sein, zum Beispiel bei Patienten mit chro­nischen Nieren- oder Leberleiden, vor ausgedehnten Operationen oder bei Menschen mit ungeschützten wechselnden Sexual­kontakten.

Inhalts­stoffe von Impf­stoffen

Skeptikerin: Wieso prüft Stiftung Warentest nicht objektiv Impf­stoffe auf deren Inhalts­stoffe und legt diese offen dar? Insbesondere gilt dies für sehr bedenk­liche Stoffe wie Thiomersal (Queck­silber­verbindung) als Konservierungs­mittel und andere Schwer­metalle wie Aluminium? Und wieso wird nicht darauf hingewiesen, was diese Inhalts­stoffe – Nervengifte – im menschlichen Gehirn verursachen (Epilepsie, Alzheimer, ADHS)?

Katrin Andruschow: Vielen Dank für die Anregung. Über zukünftige Prüf­vorhaben gibt die Stiftung Warentest übrigens grund­sätzlich keine Auskunft. Wie in unserem Artikel ausgeführt, sind empfohlene Stan­dard-Impfungen in aller Regel ohne Queck­silber­verbindung wie Thiomersal möglich. Die meisten Stan­dard-Impfungen enthalten klassische Adjuv­anzien, wie zum Beispiel Aluminiumhydroxid, die seit Jahren zum Einsatz kommen und dabei nicht besonders negativ aufgefallen sind, auch nicht als Nervengifte.

Impf­schutz bei Reisen ins Ausland

Moderator: Hier kommen drei User mit dem gleichen Anliegen:

Dorothee.lansch: Welche Impfungen werden empfohlen, wenn man nach Thai­land reisen will?

Murmel: Bei einer Reise nach Indien, welche Impfungen sollte man dringend haben. Wie lang muss die Vorbereitung sein, um ausreichenden Impf­schutz zu haben. Ist eine Impfung während der Einnahme von Medikamenten während der akuten Heuschnupfen­zeit über­haupt sinn­voll, da es eine hohe Belastung für den Körper darstellt. Wie sollte man sich hier verhalten?

Taro: Ich werde im September meinen Urlaub auf Bali verbringen. Welche Impfungen sind sinn­voll? Muss ich alle Impfungen selbst bezahlen? Mein Haus­arzt sagte, es kostet etwa 180 Euro?

Katrin Andruschow: Wir werden in der Mai-Ausgabe von „test“ ausführ­lich über Reiseimpfungen informieren. Grund­sätzlich ist es immer sinn­voll, persönlich eine reisemedizi­nische Beratung in Anspruch zu nehmen. Zum Beispiel in einem Tropen­institut oder bei einem ausgewiesenen Reisemediziner, denn es gibt nicht nur Pauschal­empfehlungen für ein Land, sondern die Impf­empfehlungen können auch davon abhängig sein, in welchem Teil des Landes Sie sich aufhalten und welche Aktivitäten Sie planen und ob Sie unter einfachen Reisebedingungen unterwegs sind.

Daniela: Mich interes­siert vor allem die Unabhängig­keit Ihrer Experten! Und: das Thema Impfen wird derart kontrovers diskutiert, dass es schon einem Glaubens­krieg gleicht. Ihre Ergeb­nisse können nur dann repräsentativ sein, wenn auch Homöopa­then, Heilpraktiker und anthroposophische Ärzte gleich­wertig und -gewichtig Ihre Meinung Kund tun können.

Katrin Andruschow: Gemäß unserer Satzung haben wir den Auftrag, objektiv, neutral und sach­kundig die Verbraucher zu informieren. Objektivität, Neutralität und Sach­kunde gilt auch für die Auswahl unserer Gutachte­rinnen und Gutachter. Neutralität heißt für uns nicht, sowohl die schulmedizi­nische als auch die alternativmedizi­nische Perspektive einzubeziehen, sondern bedeutet für uns, Einschät­zungen auf der Grund­lage evidenzbasierter Medizin vorzunehmen. Unsere Experten, mit denen wir unsere Impf­einschät­zungen erarbeitet haben, sind: Prof. Dr. Michael Kochen, Allgemeinmediziner; Prof. Dr. Dietrich Hofmann, Kinder­arzt; Dr. Maria Beckermann, Gynäkologin; Prof. Dr. Winfried Kern, Infektiologe und Reisenmediziner und Prof. Dr. Stefan Kauf­mann, Infektions­biologe. Die Leitung hat Prof. Dr. Gerd Glaeske, lang­jähriger Schluss­gut­achter unserer Arznei­mittel­bewertungen. In letzter Instanz ist die Stiftung Warentest als Institution verantwort­lich und Ansprech­partner für ihre Veröffent­lichungen.

Moderator: So, die Chat-Zeit ist auch schon fast zu Ende: Wollen sie noch ein kurzes Schluss­wort an die User richten?

Katrin Andruschow: Vielen Dank für Ihr Interesse und noch einen schönen Tag!

Moderator: Das waren 60 Minuten test.de-Expertenchat. Vielen Dank an die User für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen leider nicht alle beant­worten konnten. Vielen Dank auch an Katrin Andruschow und Dr. Bettina Sauer, dass Sie sich die Zeit für die User genommen haben. Das Tran­skript dieses Chats können Sie in Kürze auf test.de nach­lesen. Das Chat-Team wünscht allen noch einen schönen Tag.

Aktuelle Veröffent­lichung:
Teil 1 der Serie: Impfungen für Kinder

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