Es ist wie beim Bäcker um die Ecke

Teil 2: Chat mit Hermann-Josef Tenhagen

daiquiri: Warum sind Zertifikate, die risikoaversen Kunden von den Banken als „Witwen und Waisen-Papiere“ verkauft wurden jetzt vom Totalverlust bedroht. Ist das nicht ein Konstruktionsfehler, dass (Lehman-) Zertifikate, als Inhaberschuldverschreibungen, jetzt durch jedes Sicherheitsnetz fallen?

Hermann-Josef Tenhagen: Zertifikate stehen und fallen in ihrer Bonität mit der Gesundheit der dahinterstehenden Bank. Vor zwei Jahren hat kaum jemand glauben mögen, dass eine große amerikanische Investmentbank pleite gehen könnte.
Aber das Risiko einer solchen Pleite gibt es bei Banken immer und wenn man einem Unternehmen Geld leiht, ist es genau so wie beim Bäcker um die Ecke: Wenn sie dem Geld leihen und der geht pleite, schauen sie auch in die Röhre.

daiquiri: Meinem Bäcker leihe ich normalerweise aber nicht mein ganzes Vermögen!

Hermann-Josef Tenhagen: Sie sollten auch nicht bei der Geldanlage einer Bank all ihr Geld leihen. Dazu wird ihnen kein Experte raten.

beppo: Ach, man sollte nicht nur in Anlageformen sondern auch in puncto Banken „streuen“?

Geld auf dem Sparkonto ist sicher

Detlef Bosau: Ich soll nicht einer Bank mein ganzes Geld leihen, sagen Sie. Aber was bitte tut Heinz-Walter Kowalski aus Bottrop mit Ehefrau Inge, wenn er ein Sparbuch bei seiner Bank hat?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie Geld auf einem Sparkonto haben, ist das sicher. Wenn sie eine Anleihe einer Bank zeichnen, leihen sie dieses Geld der Bank, damit sie darüber frei verfügen kann. Das ist nicht sicher. Sparkonto und Anleihe müssen sie bitte unterscheiden. Das schafft auch Herr Kowalski.

Co-Lateral: Gut konkret: Wer haftet für die Einlagensicherungen bei ausländischen Banken: Das jeweilige Bankensystem selbst oder der jeweilige Staat?

Hermann-Josef Tenhagen: Es gibt eine EU-Regelung und die EU-Mitglieder müssen das in ihrem Land jeweils gewährleisten.

maria Schuell: Wie sicher sind Sparbriefe bei der Santander Bank?

Hermann-Josef Tenhagen: Fast alle ausländischen Großbanken, die in Deutschland aktiv sind, sind Mitglieder im Einlagensicherungsfonds. Spareinlagen dort sind sicher.

Die gesetzliche Rente ist nicht bedroht

Mackenroth: Ist die gesetzliche Rente auch durch Bankenpleiten und andere Unsicherheiten an den Finanzmärkten bedroht?

Hermann-Josef Tenhagen: Die gesetzliche Rente selbst ist kurzfristig nicht bedroht. Wenn allerdings die Wirtschaftskrise zu hoher Arbeitslosigkeit führt, ist die Rentenkasse schnell betroffen, denn die jetzt Arbeitenden zahlen ja die Beiträge für die heutigen Rentner.

1manfred: Nochmals zu den sicheren Renten: Warum sagen Sie nicht, dass durch das ständige Ändern der Rentenformel die Rentner immer weniger Rente erhalten. Ich habe neulich mal die in den letzten 10 Jahren geänderten Rentenformeln angeschaut, die füllten mehr als 6 A4-Seiten. Warum wird immer so getan, als ob die gesetzliche Rente an einer unheilbaren Krankheit leidet, nur um die privaten Rentenverträge unters Volk zu bringen?

Hermann-Josef Tenhagen: Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Seit Mitte der 80er Jahre haben unterschiedliche Regierungen immer wieder entschieden, dass künftige Rentner weniger Rente bekommen sollen, als die jeweils aktuellen.

Die Volksvertreter haben dem zugestimmt. Die einzige Chance, die man hat, individuell sich mit dieser Entwicklung auseinander zu setzen, ist private Vorsorge zu betreiben.

50 000 Euro auf dem Tageskonto sind sicher

Sparkunde: Angenommen, man hat 50 000 Euro auf einem Tagesgeldkonto einer deutschen Sparkasse. Wie viel ist davon sicher, wenn die Sparkasse in große Schwierigkeiten kommen würde?

Hermann-Josef Tenhagen: 50 000 Euro auf dem Tageskonto einer deutschen Sparkasse sind sicher, aber wahrscheinlich nicht gut verzinst.

Detlef Bosau: Machen wir mal das Szenario konkret: Wenn alle Sparer Deutschlands ihr Geld ausgezahlt haben wollen – was machen wir dann? Außer nem „guten Eindruck“?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn alle Banken Deutschlands von den Häuslebauern heute ihre Kredite zurück haben wollen, alle Dispos sperren und auch jeden Ratenkredit unmittelbar zurück bekommen könnten, dann hätten sie eine Chance.

daiquiri: Der Vergleich mit dem Bäcker ist eigentlich doch gar nicht so schlecht. Sollte man den zukünftig groß auf alle Emissionsprospekte der Zertifikate Anbieter draufschreiben?

Hermann-Josef Tenhagen: Ehrlich gesagt, gehe ich mit dem Bäckervergleich was Aktien und Zertifikate angeht seit fast zehn Jahren hausieren. Ich habe keinen Einwand. Bekomme ich dann eine Copyright-Gebühr?

Geförderte Altervorsorge ist erster Schritt

Sparsam.: „Die einzige Chance, die man hat, individuell sich mit dieser Entwicklung auseinander zu setzen, ist private Vorsorge zu betreiben.“ Na schön, aber wie?? Man ertrinkt in Information, ist am Ende verwirrter als am Anfang, und die Banken versuchen einem anzudrehen, womit sie die beste Provision kassieren.

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn man privat noch nichts an Vorsorge macht, ist der erste Schritt immer eine geförderte Altersvorsorge, also ein Riester-Produkt oder die betriebliche Altersvorsorge – vor allem wenn der Chef was dazu tut. Details finden sie in unserem Sonderheft zur Altersvorsorge 2007 oder sie warten auf das nächste Heft Ende November.

phlo: Herr Tenhagen, Peer Steinbrück warf den USA heute schwere Versäumnisse vor. Hätte man die letzten Pleiten schon vor einem Jahr, beim Platzen der Immobilienblase, ahnen können?

Hermann-Josef Tenhagen: Man konnte jedenfalls ahnen, dass es für etliche Banken schwierig werden würde. Schon vor einem Jahr haben die Notenbanken immer wieder kurzfristig riesige Summen in den Markt gepumpt, weil sich die Bankiers gegenseitig nicht mehr über den Weg trauten. Weil aber die Immobilienkrise der Auslöser der ganzen Malaise ist, kam es einfach darauf an, herauszufinden welche Banken sich dort besonders vergaloppiert hatten.

Geld für Lebensunterhalt sicher anlegen

Moderator: Die Angst der Sparer vor Verlusten ist groß, daher jetzt noch einige konkrete Fragen zu einzelnen Anlageformen:

nathan: Ich bin Rentnerin und habe ein Wertpapier-Depot mit 50 Prozent Aktienfonds, 25 Prozent Mischfonds, 25 Prozent Anleihen. Was tun? Abwarten oder Teilverkauf mit Verlust? Wie sind die Aussichten auf Erholung der Fonds?

Maik: Ich habe eine größere Summe als Inhaberschuldverschreibung bei der Nord LB . Wie sicher ist diese einlage ?

beppo: Anleihe oder Aktie? Womit ist man besser beraten?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie das Geld in ihrem Depot für ihren laufenden Lebensunterhalt brauchen, würde ich das, was ich für den laufenden Lebensunterhalt brauche, in sicheren Papieren anlegen bzw. umschichten. Den Rest können sie auch an der Börse lassen, wiewohl ihr Aktienanteil für eine Rentnerin recht hoch ist.
Eine Anleihe bringt Zinsen und macht nur Probleme, wenn der Emittent bankrott geht. Eine Aktie bringt Gewinne oder auch Verluste, schwankt jedenfalls viel stärker. Deshalb kauft man Anleihen eigentlich nur von Unternehmen, von deren Gesundheit man überzeugt ist.

Riestern mit 53 Jahren ist klasse

heide: Lohnt sich Riestern mit 53 noch?

Hermann-Josef Tenhagen: Vom Standpunkt der Förderung ist Riestern mit 53 klasse. Allerdings dürfen sie sich nicht allzuviel Rente versprechen, denn sie können in den kommenden zwölf Jahren eben nur maximal 25.000 Euro einzahlen. Mit Zinsen werden daraus vielleicht 35.000. Das bringt eine Rente von 100 bis 150 Euro.

daiquiri: Bedeutet das, dass die Zertifikate-Branche das Emittentenrisiko absichtlich verniedlicht hat. Das mit dem Bäcker-Pleite hätten manche vielleicht besser verstanden!

Hermann-Josef Tenhagen: Wer ein Zertifikat in den vergangen zwölf Monaten verkauft bekommen hat ohne jeden Hinweis auf das Emittentenrisiko, kann sich gefoppt fühlen. Im Prospekt finden sie zwar sicher einen solchen Hinweis, aber das hätte angesprochen gehört.

lmb: Warum werden Zertifikate angeboten, wenn der Ex-Chef der Deutschen Bank diese als sehr riskant bezeichnet? Von Banken werden sie aber als sichere Anlage angeboten.

Hermann-Josef Tenhagen: Das müssen sie vor allen Dingen mal die Mitarbeiter der Zertifikatetochter der Deutschen Bank fragen.

Bei Riester-Verträgen nicht warten

TG01: Ich (27) will nächsten Monat einen Riester-Fondsparplan beginnen. Soll ich bei der aktuellen Finanzmarktkriese noch ein Jahr warten und das Geld anders sparen? 2.Frage: Soll ich vielleicht auf 2 Riester-Fondssparpläne gleichzeitig setzen, z.B. von DWS und Union Investment (soll keine Werbung sein)?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein, sie sollten nicht warten, denn sie wollen ja die Förderung dieses Jahr mitnehmen. Wenn die Fonds im Herbst schlecht laufen, bekommen sie für ihr Geld viele Anteile und haben vielleicht sogar am Ende einen Vorteil, jedenfalls haben sie keinen Nachteil, denn was sie eingezahlt haben, ist ihnen ja garantiert.

Sicher: Offene Immobilienfonds, die sich auf Europa stützen

Maik: Wie sicher sind Immobilien-Fonds?

Hermann-Josef Tenhagen: Offene Immobilienfonds waren in der Vergangenheit sehr sicher und auch heute sind jedenfalls diejenigen, die sich auf den europäischen Markt konzentriert haben, ein sicheres Investment.

julchen: Ist es sinnvoll,jetzt in einen geschlossenen Immobilienfonds im europäischen Ausland (Holland) zu investieren? Anlagedauer mindestens bis 2018?

Hermann-Josef Tenhagen: Wie der Markt für amerikanische Gewerbeimmobilien sich entwickelt wird man sehen. Geschlossene Immobilienfonds sind immer ein riskantes Investment. Sie können ja solange gar nicht an das Geld heran. Ob der konkrete Fonds gut ist, entscheidet sich daran, ob die Immobilien darin gut sind und ob das Management Erfolg verspricht. Fragen sie also, ob das Management schon erfolgreich geschlossene Immobilienfonds in Holland abgewickelt hat und informieren sie sich über die konkreten Investmentpläne. Holen sie ruhig eine zweite Meinung ein.

Co-Lateral: Herr Tenhagen, können Sie die Sicherheit des Einlagensicherungsfonds noch einmal konkretisieren unter dem Aspkekt: Wer genau garantiert hier? Die Banken selbst?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Einlagensicherung hat zwei Stufen. Die erste ist die EU-Regelung, dass 90% der Spareinlagen sicher sein müssen. Das muss im Zweifel der jeweilige Staat garantieren.
Darüber hinaus gibt es die freiwilligen Vereinbarungen der Sparkasse, der Volksbanken und der Privatbanken. Sie helfen sich jeweils gegenseitig aus der Patsche – solange sie können.

Geld für den Ruhestand absichern

intendant: Ich werde nächstes Jahr 60. Investiere seit 15 Jahren monatlich 150 Euro in Aktienfonds. Was empfehlen Sie? Weiterhin Aktienfonds kaufen oder eine andere Anlagemöglichkeit?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie das Geld vorläufig nicht brauchen und die Aktienfonds gut sind, können sie weitermachen. Wenn sie das Geld im Ruhestand regelmäßig brauchen, würde ich in sicherere Anlagen umschichten.

ich: Da es sich hier doch immer mehr um das Thema Altersvorsorge dreht, habe ich eine Frage in die andere Altersrichtung. Ich stehe im letzten Drittel meines Studiums und werde überall damit zugeschüttet so bald wie möglich damit zu beginnen, für meine Rente zu sorgen. Meine Frage ist also ab wann sollte man beginnen „zurückzulegen“? Es ist mir klar, dass jedes Jahr sich in Zinseszinsen auswirkt, aber mit der Altersvorsorge zu beginnen bevor ich überhaupt anfange regelmäßig zu arbeiten, finde ich, hat einen seltsamen Beigeschmack!

Hermann-Josef Tenhagen: Das verstehe ich gut. Wenn sie beginnen zu arbeiten, brauchen sie eine Haftpflicht- und eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Beides geht vor. Und dann fragen sie doch mal ihren Chef, ob er nicht zur betrieblichen Altersvorsorge etwas dazu tut. Das ist ein vernünftiger Start. Ansonsten sollten sie schon überlegen, ob sie nicht mit ihrem ersten vernünftigen Gehalt das Riestern beginnen.

Bei Rentenbeginn: Riestern lohnt sich

Jogi78: Wie groß ist das Risiko einer negativen Rendite bei einer Riesterversicherung mit ca. 35 Jahren Laufzeit vor dem Hintergrund der derzeitigen und künftigen Banken-/Börsenkrisen?

Hermann-Josef Tenhagen: Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass eine negative Rendite für ihre Riester-Versicherung zu Rentenbeginn nicht möglich ist.

Stiftung Warentest noch nie auf Schadenersatz verurteilt

hoyer: Sehr geehrter Herr Tenhagen, inwieweit ergibt sich für Sie eine Haftung für Ihre Aussagen und die Artikel in Finanztest?

Hermann-Josef Tenhagen: Dazu nur ein Satz: Die Stiftung Warentest ist in ihrer mehr als 40jährigen Geschichte noch nie rechtskräftig zu Schadensersatz verurteilt worden.

Moderator: So, das waren 60 Minuten Expertenchat der Stiftung Warentest. Vielen Dank an unseren Experten für die Antworten und vielen Dank an die Chatter für die vielen Fragen. Das Chatteam bittet um Verständnis bei allen, deren Fragen wir aus Zeitgründen nicht beantworten konnten und wünscht allen Beteiligten noch einen schönen Tag.

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