Chat Finanzkrise Meldung

Nahezu täglich kommen neue Hiobsbotschaften von den Finanzmärkten. Viele Sparer und Anleger sind stark verunsichert. Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen sagt, was jetzt zu tun ist.

Moderator: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Herr Tenhagen nicht zu einzelnen Finanzprodukten Stellung nehmen kann. Wir verweisen auf den umfangreichen Fondsfinder unter www.test.de/fonds.
So, 13 Uhr, gestern Abend war er noch Gast bei Johannes B. Kerner zum gleichen Thema, heute chattet er auf finanztest.de. Was meinen Sie Herr Tenhagen, wollen wir starten?

Hermann-Josef Tenhagen: Ja, sehr gerne.

US-Bürger spüren die Krise auf dem Konto

Moderator: Vorab eine Frage vom Moderator: US-Präsident George Bush hat für heute die beiden Präsidentschaftsbewerber Obama und McCain zu einem Krisentreffen zu sich ins Weiße Haus eingeladen. Bush sprach von einer „langen und schmerzhaften Rezession“, die Millionen Amerikaner den Job kosten könne. Bundesfinanzminister Steinbrück prophezeite gar „Die Welt wird nicht mehr so werden, wie vor der Krise.“ Ist es wirklich so schlimm und wenn ja, welche Auswirkungen hat diese Krise auf Deutschland?

Hermann-Josef Tenhagen: In der Tat ist die Krise in den USA groß. Dort merken die Leute es an ihren Konten, bei ihrer Hausfinanzierung und bei ihren Jobs. In Deutschland haben wir auf dem Finanzmarkt bisher Glück gehabt.
Zugegeben, Aktionäre mussten mit fallenden Kursen leben, aber das gehört zum Schicksal als Aktionär und einige Anleger haben mit ihren Zertifikaten Geld verloren, wenn sie denn unglücklicherweise welche von den Lehman Brothers hatten.
Mittelfristig wirkt sich eine solche Krise aber wahrscheinlich auch in der deutschen Exportindustrie aus. Amerikaner und andere kaufen in der Krise nicht mehr so viele Autos und Maschinen.

Schmalere Rendite bei Riester-Fondssparplänen möglich

St. Mauer: Halten Sie Aussagen von Finanztest aus November 2007 nach den aktuellen Erfahrungen für seriös und professionell? Damals las man in Finanztest 11/2007: „Mit Riester-Fondssparplänen können sich Sparer die höchsten Renditen unter allen staatlich geförderten Riesterangeboten sichern. Durchschnittlich neun Prozent im Jahr bringen die besten Angebote der sieben untersuchten Fondsgesellschaften. Das ist viel. Zahlt heute eine 32-Jähriger monatlich 100 Euro über 35 Jahre in einen Fondssparplan ein, der mit neun Prozent pro Jahr verzinst wird, erhält er zu Rentenbeginn 271.306 Euro auf die Hand. Verluste muss kein Vorsorgesparer fürchten. Denn Riester-Verträge garantieren immer den Erhalt des eingezahlten Geldes.“ – Soweit das Zitat.

Hermann-Josef Tenhagen: Im November 07 haben wir geschrieben, was Riester-Fondssparpläne bis in den Herbst 2007 an Rendite gebracht haben. Die ging bis zu 14 Prozent. Und wir haben geschrieben, dass man auch bei Riester-Fondssparplänen, wenn man in Rente geht, das was man eingezahlt hat und die staatliche Förderung nicht verlieren konnte.
Die Chance auf eine hohe Rendite mit Fonds bedeutet aber immer auch die Möglichkeit einer niedrigen Rendite mit Fonds, selbst beim Riestern.

RiesterSchwu: Ich würde gerne mehr staatlichen Rentenbeitrag einzahlen, weil das sicherer ist als das private Riestern. Ist das möglich?

Hermann-Josef Tenhagen: Sie können mehr einzahlen, das lohnt sich aber eigentlich nicht. Mit einer Ausnahme: Wenn sie noch einige Beitragsjahre brauchen, um überhaupt Rentenansprüche zu erwerben, ist es sinnvoll, das Geld in die Hand zu nehmen und durch Nachzahlungen diese Beitragsjahre aufzufüllen.

Von der Staatsverschuldung profitieren Reiche

Detlef Bosau: Ich höre immer wieder, es würden festverzinsliche Wertpapiere als Sicherheit angesehen. Was ist das genau? Bundesanleihen? Bundesschatzbriefe? Kommunalobligationen? Sprich: Genau diejenigen, die gegen eine hohe Staatsverschuldung und gegen ein Umlagesystem schreien, sichern sich genau über die Staatsverschuldung und damit letztlich über ein Umlagesystem ab? Kann mir jemand mal diesen Widerspruch auflösen? Danke.

Hermann-Josef Tenhagen: Dazu muss man zwei Dinge sagen: 1. ist es tatsächlich so, dass vor allem reiche Leute konservativ anlegen und dem Staat für sichere Zinsen ihr Geld leihen. Das heißt, von Staatsverschuldung profitieren immer auch reiche Leute. Das Umlagesystem in der gesetzlichen Rentenversicherung funktioniert anders.
Arbeitnehmer zahlen heute für die Rentner von heute und müssen hoffen, dass in der Zukunft jüngere Arbeitnehmer dann für ihre Rente zahlen. Dazu gehört ein politischer Wille und am politischen Willen zukünftiger Generationen haben offenbar heutige Politiker so ihre Zweifel.

Glaubenkrise: Hatte der frühere Arbeitsminister Blüm nicht doch Recht mit der Aussage, „die Rente ist sicher“?

Hermann-Josef Tenhagen: Norbert Blüm hatte Recht, die Rente ist sicher. Nur die Höhe der Rente ist nicht sicher. Wer Anfang der 90er Jahre sich eine Rentenprognose für 2008 hat machen lassen, bekam wesentlich mehr Rente prognostiziert, als er heute erhält. Und dafür muss der Rentner dann eine Lösung finden.

Sparkassen und Volksbanken unterstützen sich

Peter: Wie sicher sind die Spareinlagen der Sparkasse?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Sparkassen unterstützen sich gegenseitig und haben so quasi ihren eigenen Einlagensicherungsfonds. Das gleiche gilt für die über 1 200 Volksbanken in Deutschland auch.

Moderator: Sollte der Einlagensicherungsfonds zusammenbrechen, wird dann der Staat eingreifen um ihn zu retten?

Hermann-Josef Tenhagen: Erstmal gilt: In einer solchen Krise sollen sich die Banken und Sparkassen gegenseitig selber helfen. Bevor aber das Banksystem zusammenbricht, werden Peer und Angela eingreifen oder wer auch immer dann an der Regierung ist.

Wenig Hoffnung bei Lehman-Brother-Anleihen

Moderator: Auch die Pleite der Lehman -Bank beschäftigt unsere User. Dazu zwei Fragen:

Opfer: Was kann man tun, um Lehman-Anleihen und Zertifikate in irgendeiner Weise vergütet zu bekommen?

Opfer: Lehman-Anleihen und Zertifikate in meinem Depot, keine Chance, auch nur geringen Teil wieder zurückzubekommen?

Hermann-Josef Tenhagen: Zunächst mal sollten sie sich an Lehman Brothers in Frankfurt wenden. Die Bank wird zur Zeit zerschlagen und an britische und japanische Großbanken verkauft. Welche Geschäftsanteile die jeweiligen Käufer übernehmen, wird man dann sehen müssen. Viel Hoffnung mache ich ihnen allerdings nicht.

klara17: lohnt sich jetzt Gold zu kaufen, weil der Dollar wahrscheinlich an Wert verliert und somit der Goldpreis steigen wird?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie jetzt Gold kaufen, spekulieren sie. Das kann gut gehen, das kann aber auch in die Hose gehen.

Internationale Immobilienfonds genau anschauen

klara17: Sollte man internationale Immobilienfonds, die momentan noch gut im Kurs stehen verkaufen und sicherer anlegen?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie internationale Immobilienfonds haben, ist es mindestens sinnvoll, mal zu schauen, wo die investiert sind. Auch Gewerbeimmobilien in den USA, in Großbritannien oder Spanien werden sich kurzfristig nicht so entwickeln, wie man das noch vor einem Jahr hoffen konnte.

beppo: Wie wahrscheinlich ist ein richtig „großer“ Crash (ähnlich Ende der 1920er), unter dem der Großteil der Bevölkerung regelrecht verarmt durch Verlust der Arbeitsplätze und Ersparnisse?

Hermann-Josef Tenhagen: Bisher reduziert sich die Krise auf das Banken- und Immobilienwesen vor allem in den USA. Das wird Auswirkungen auch auf die Weltwirtschaft haben. So verheerend wie vor 80 Jahren sollte es nicht werden.

Fonds- und Bankvermögen strikt getrennt

KANA: Guten Tag, mich interessiert ungemein die wirkliche Bedeutung und Sicherheit des „Sondervermögens“ bei Fonds. Dies wird immer als Kardinalantwort genommen, in Diskussionen, bei Bankberatern und in Zeitungsartikeln. Aber dass es mal hinterfragt oder wenigstens ausführlich erklärt wird, hab ich noch nicht gelesen. Vielen Dank.

Hermann-Josef Tenhagen: Ausführlich erklären können wir es hier natürlich nicht, aber in einem Fonds sind die Anteile der Firmen, an denen der Fonds beteiligt ist, getrennt vom Vermögen der Bank, die den Fonds managt.

Das heißt, der Fonds leidet, wenn die Anteile weniger wert werden. Wenn die Bank aber pleite geht, könnte der Fonds sogar weiter steigen, wenn die Aktien im Fonds denn nur gut sind. Fondsvermögen und Bankvermögen sind strikt getrennt.

Nahpets: Sehr geehrter Herr Tenhagen, würden Sie angesichts der momentanen Finanzkrise dazu raten, in Aktienfonds (auch im Hinblick auf die Abgeltungssteuer) zu investieren?

Hermann-Josef Tenhagen: Aktienfonds sind eine langfristige Anlage. Wenn sie also das Geld 10 Jahre übrig haben und sich einen guten Fonds suchen, kann dabei eine ordentliche Rendite rausspringen.
Wenn sie es noch in diesem Jahr machen, ist die Chance für eine höhere Rendite durch Kursgewinne größer. Grundsätzlich aber gilt, Aktien und Aktienfonds kurzfristig zu kaufen, ist Spekulation. Langfristige Anlagen in solchen Papieren sollte man nur mit Geld tätigen, das man langfristig auch übrig hat.

Immobilienwert ist von der Lage abhängig

heide: Ist es sinnvoll jetzt eine Eigentumswohnung für Eigenbedarf zu kaufen, wenn man 50 Prozent selber finanzieren kann

Hermann-Josef Tenhagen: Bei Wohneigentum gilt grundsätzlich: Der Wert der Immobilien orientiert sich an der Lage, an der Lage und an der Lage. Kaufen sie nicht kurzfristig, sondern vergleichen sie und sehen sie sich ihre Lage auch persönlich an.

Einlagensicherung bis 20 000 Euro und mehr

hoterwal: Wie sicher ist mein Festgeld bei ausländischen Banken?

Hermann-Josef Tenhagen: In der Europäischen Union gilt grundsätzlich eine Einlagensicherung, die vorschreibt, dass von den ersten 20.000 Euro pro Konto pro Person 90 Prozent sicher sein müssen. Das gilt also auch für ausländische Banken, die in der Europäischen Union ein Geschäft betreiben.
Darüber hinaus gibt es in Deutschland die Einlagensicherung, in den Niederlanden eine Regelung, die diesen Betrag bis 40.000 Euro ausdehnt und auch in Österreich eine 100prozentige Sicherheit für die ersten 20.000 Euro.

Aktienfonds gut für langfristige Perspektive

beppo: Sollte man bei Fonds ähnlich wie bei Einzelaktien einen Stopp-Loss setzen oder lieber schlechte Zeiten aussitzen?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie das Geld langfristig nicht brauchen, können sie aussitzen. Wenn sie kurzfristig Pläne mit dem Geld haben, sollten sie so eine Stop-Loss-Marke setzen. Sie wissen ja wie viel sie brauchen.

intendant: Ich bespare derzeit monatlich drei Aktienfonds. Diese haben einiges an Wert verloren. Soll ich diese weiter besparen, aussetzen oder mit erheblichen Verlust verkaufen? Die Fonds befinden sich im Dauertest bei Finanztest unter den Top-20 Welt.

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn sie das Geld aus den Fonds kurz- und mittelfristig nicht brauchen, sparen sie weiter. Wenn sie das Geld kurzfristig brauchen, entnehmen sie soviel wie sie brauchen.

Weiter in Teil 2

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