Chat Essstörungen Meldung

Jana Hauschild, Anke Nolte und Sylvia Baeck

Viele Menschen leiden unter Essstörungen. Betroffen sind nicht mehr nur junge Mädchen. Auch immer mehr Erwachsene gelten als krankhaft essgestört. Sie brauchen Hilfe. Antworten auf Ihre Fragen rund um das Thema Essstörungen haben drei Expertinnen – im Chat auf test.de. Hier lesen Sie die Fragen und Antworten des Chats.

Die Top 3-Fragen

Moderator: Herz­lich will­kommen beim test.de-Expertenchat zum Thema Essstörungen mit unseren Expertinnen Jana Hauschild, Anke Nolte und Sylvia Baeck. Vor dem Chat hatten die Leser und Lese­rinnen bereits die Möglich­keit, Fragen zu stellen und zu bewerten. Hier die TOP-1-Frage aus dem Pre-Chat:

Hermann: Gehen Essstörungen häufig mit anderen psychischen Krank­heits­bildern, wie Depressionen einher? Eine Bekannte, die wegen Magersucht behandelt wird bekommt Antide­pressiva verschrieben – ist das aus ihrer Sicht sinn­voll?

Jana Hauschild: Ja, es ist oft gleich­zeitig mit Depressionen, Angst­störungen und Zwangs­erkrankungen. Die Depression ist die häufigste Begleit­erkrankung der Magersucht. Depressionen können durch das massive Unterge­wicht ausgelöst werden und erledigen sich oft mit Gewichts­zunahme. Wenn nicht, könnten Antide­pressiva zusätzlich zur Psycho­therapie sinn­voll sein – dies sollte jedoch immer mit dem behandelnden Arzt und Psycho­therapeuten abge­sprochen werden.

Moderator: ... und hier die Top-2-Frage:

Modelfeind: An welchen Symptomen lassen sich Essstörungen erkennen?

Sylvia Baeck: Die gedank­liche Fixierung auf das Essen bzw. Nicht-Essen und auf das Körperschema. Dass ich mich den ganzen Tag und die ganze Nacht mit dem Essen beschäftige.

Anke Nolte: Bei der Anorexie gehe ich über das gesunde Essen dahin, dass ich die Menge immer weiter reduziere und damit auch an Gewicht verliere. Bei der Bulimie habe ich Essanfälle, die ich ungeschehen mache mit Erbrechen, exzessivem Sport oder Abführ­mitteln. Beim Binge Eating sieht es ähnlich aus wie bei der Bulimie: Ich habe Essanfälle und erlebe Kontroll­verlust beim Essen, aber es werden keine Gegen­maßnahmen getroffen.

Moderator: ... und die Top-3-Frage:

Ken: Hallo. Mein Sonn ist 7 Jahre alt und es sagt fast nie, dass er Hunger hat. Wir erkennen es, dass er Hunger hat weil er entweder nervös wird, oder fängt an hyper­aktiv zu sein und benimmt sich als ob er betrunken ist. Sobald er gegessen hat, beruhigt er sich und ist wieder „normal“. Was verursacht das? Wie versuchen es seit langem das zu finden und bis jetzt kein Erfolg. Hat jemand von solchen Fällen gehört?

Sylvia Baeck: Essen dient generell oft dazu, Stimmungen zu regulieren, gerade unter dem Aspekt Beruhigung. Dies deutet jedoch nicht per se auf eine Essstörung hin. Eine Fern­diagnose ist aber nicht möglich.

Was können Angehörige tun?

Moderator: Hier eine aktuelle Frage:

Gaby.Hansen: Meine 24-jährige Tochter leidet m.E. an einer Essstörung. Sie wiegt mit ihren 24 Jahren so ca. 90 kg bei einer Körpergröße von 167 cm. Mit dem Über­gang zur weiterführenden Schule begann ihre Angst­störung. Mein Versuch, Hilfe zu suchen für die Essstörung scheiterte an einer Organisation, die mir sagte, sie müsse das selbst entscheiden. Was kann ich tun?

Jana Hauschild: Sie können sie informieren, aber die Entscheidung über eine Behand­lung muss letzt­endlich Ihre Tochter treffen. Überge­wicht ist keine Essstörung an sich. Die Angst­störung sollte in jedem Fall behandelt werden, falls Leidens­druck besteht.

Moderator: ... und noch eine aktuelle Frage:

Matthias1950: Wie kann man jemanden helfen, der nicht wahr­haben will bzw. nicht zugeben will eine Essstörung zu haben, obwohl es aber für die Angehörigen offensicht­lich ist?

Anke Nolte: Die Angehörigen müssen sich schlau machen, zum Beispiel mit Hilfe des Stiftung Warentest-Buches, in der aktuellen Ausgabe von test oder in einer Beratungs­stelle. Wenn Sie Anzeichen bei Ihrer Angehörigen erkennen, sollten Sie den Betroffenen/die Betroffene mit Ihrer Wahr­nehmung konfrontieren und einen Hinweis geben, dass er/sie Hilfe braucht. Nicht locker lassen, immer wieder probieren!

Sylvia Baeck: Bleiben Sie dabei jedoch immer einfühl­sam. Sie können sich ruhig schon einmal in einer Beratungs­stelle Unterstüt­zung holen, auch wenn der/die Betroffene noch nicht einsichtig ist. Oft kommen diese dann später aus Neugier mit.

Welche Therapieformen gibt es?

manuelaM: Eine Freundin von mir leidet an Bulimie. Ihr Freund und ich haben schon mehr­fach versucht ihr „professionelle Hilfe“ zu besorgen und sie möchte sich auch helfen lassen. Allerdings scheint es sehr schwierig eine geeignete und wirk­same Therapie zu finden. Haben sie Hinweise oder Erfahrungs­werte für erfolg­reiche Therapieformen? (Gruppen­therapie, Verhaltens­therapie, Psycho­analyse)

Jana Hauschild: Für kognitive Verhaltens­therapie gibt es gute Belege. Die Therapie sollte aber immer multi­professionell sein, das heißt, der Arzt ist für die körperliche Betreuung zuständig, die Psycho­therapie ist der Haupt­baustein der Arbeit und eine angeleitete Gruppe ist ergänzend sinn­voll.

Sylvia Baeck: Wichtig ist das Zusammen­spiel. Für Selbst­hilfe­gruppen gibt es auch gute Belege. Viele Infos bekommen Sie bundes­weit unter www.dick-und-duenn-berlin.de oder www.hilfe-essstoerungen.de oder www.bundesfachverbandessstoerungen.de.

Tobi-Wan: Wie groß ist die Gefahr, durch berufs­bedingten Stress Essstörungen zu entwickeln?

Anke Nolte: Eine psycho­gene Essstörung entwickelt sich nicht ausschließ­lich vor dem Hintergrund von Stress­situationen. Die Ursachen sind immer vielfältig.

Paul5: Wo ist der Unterschied bzw. die Grenze zwischen „wenig essen“ und einer Essstörung? Wie kann ich diesen Unterschied erkennen?

Anke Nolte: Sobald das Selbst­wert­gefühl einzig und allein von Figur und Gewicht abhängt und die Gedanken sich aufs Essen fixieren, geht es in Richtung Essstörung. Für Essstörungen gibt es klare Kriterien, aber die Grenzen sind fließend. Es kann damit anfangen, dass ich wenig esse, dies muss jedoch nicht in eine Essstörung münden.

Wo finde ich Hilfe?

Moderator: ... und eine aktuelle Frage:

Yasi: Ich bin 39 und leide unter Binge Eating, hatte mal 150 kg und bin runter auf 68 kg mitt­lerweile wieder hoch auf 76 kg. Besteht die Möglich­keit einer kompletten „Heilung“/Normalisierung? Ich hab nach einem über 10-jährigen Marathon an Diäten und Thearpien die Hoff­nung fast aufgegeben..... Eigentlich will ich nur normal leben ohne, dass sich in meinem Kopf ständig alles ums Essen dreht.

Jana Hauschild: In so einem Fall würde ich zu einer angeleiteten Gruppe raten. Die Adressen bundes­weit finden Sie bei www.dick-und-duenn-berlin.de. Im Rahmen der Gruppen­arbeit kann man heraus­finden, ob es noch andere Möglich­keiten gibt bzw. wie andere es gelöst haben. Die kognitive Verhaltens­therapie hat sich bei Binge Eating-Störungen als sehr wirk­sam erwiesen und die Heilungs­chancen sind gut. Wichtig ist, dass Sie dranbleiben.

ronnie1: Was kann man gegen Esssucht (z.B. Binge Eating) tun außer einer Magen-OP? Nach 30 Jahren Diät-Versuchen mit den typischen Rück­fällen muss es doch noch Therapien geben ohne sich unters Messer eines Chirurgen legen zu müssen?

Sylvia Baeck: Eine Magen-OP ist keine Therapie gegen eine Binge Eating-Störung und eine Psycho­therapie sollte das Mittel der Wahl sein.

Anke Nolte: Wenn tatsäch­lich ein chirurgischer Eingriff bei extremer Adipositas notwendig sein sollte und eine Binge Eating-Störung vorliegt, sollte die OP einge­bettet sein in eine Psycho­therapie.

Moderator: ... und eine aktuelle Frage:

cori: Meine Tochter (24) leidet seit einigen Jahren an Bulimie, sie kommt jetzt zur Akutbe­hand­lung in eine Klinik. Meine Fragen: wie sind die Erfolgs­aussichten hierfür? Wie lange dauert die Therapie ungefähr?

Jana Hauschild: Die Erfolgs­aussichten sind gut, wenn sie eine nahtlose Nach­sorge organisiert, das könnte z. B. eine Wohn­gemeinschaft in Verbindung mit einer ambulanten Psycho­therapie, medizi­nischer Versorgung und einer Gruppe sein. Ein stationärer Aufenthalt dauert in der Regel 10 bis 12 Wochen.

John Boy: Wie groß schätzen Sie den Einfluss ein, den medial propagierte Schön­heits­ideale haben, siehe etwa Hollywood, Werbung und GNTM (Germanys Next Topmodel)?

Anke Nolte: Schön­heits­ideale haben einen Einfluss. Das zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass Essstörungen in west­lichen Industrieländern, in denen ein schlankes Schön­heits­ideal propagiert wird, verbreiteter sind. Dabei ist das Schön­heits­ideal aber immer nur ein Faktor unter vielen und hat bei Bulimie und Binge Eating-Störung einen größeren Einfluss als bei Anorexie.

Sylvia Baeck: Es ist zumindest ein garan­tiert aufrecht­erhaltender Faktor, der eine Behand­lung immer erschwert.

Beratungs­angebote

reinhard: Unsere Tochter ist 30 Jahre alt und leidet seit 15 Jahren an Bulimie. Anfang des Jahres war sie zum ersten Mal für 3,5 Monate in Therapie und jetzt ist alles wie zuvor. Sie wohnt bei uns, wir sind berufs­tätig und sie ist den ganzen Tag zu Hause, weil bei weniger als 40 kg kann sie auch nicht arbeiten – sie ist ungelernt und in Hartz IV und es scheint niemanden zu interes­sieren, wie es weiter gehen soll. Von Ärzten, dem Arbeits­amt oder der Krankenkasse bekommen die Angehörigen keine Infos. Was tun?

Sylvia Baeck: Eltern und Angehörige können sich online coachen lassen unter www.dick-und-duenn-berlin.de oder eine spezialisierte Beratungs­stelle für Essstörungen aufsuchen.
Diese Fragen sind zu komplex, um sie in diesem Rahmen zu beant­worten.

Moderator: Zwei Fragen zum gleichen Thema:

deichdiva: Ein Kollege wird immer dünner und ausgezehrter und geht nie mit zum Essen in die Kantine. Darauf behut­sam angesprochen, gibt er ausweichende Antworten mit dem Hinweis, er habe Angst sich „angreif­bar“ zu machen. Was können oder müssen Kollegen und Vorgesetzte tun?

Rainer B.: Ich habe die Sorge, dass eine Kollegin unter Essstörungen leidet. Sollte ich sie darauf ansprechen?

Sylvia Baeck: Gibt es vielleicht eine Kollegin oder einen Kollegen, die der betroffenen Person besonders nahe steht? Die- oder derjenige sollte dann ihre/seine Wahr­nehmung mitteilen und Informations­material weitergeben. Danach immer mal wieder wohl­wollend ansprechen ohne zu bedrängen, z. B.: „Kann ich dich unterstützen?“

Ambulante oder stationäre Therapie?

Puschel­wuschel: Ich bin seit 6 Jahren Bulimikerin. Anfälle 2–4 mal pro Tag. Wenig Motivation (leider). Bin in ambulanter Therapie. Habe ich trotz sehr geringem körperlichem Leidens­druck (der seelische reicht gegen die Angst vorm Dick­sein nicht) Chancen auf „Genesung“ in der ambulanten Therapie?

Sylvia Baeck: Bei einer Chronifizierung sollten Sie dringend über einen Klinik­aufenthalt nach­denken, da die einge­fahrenen Rituale ambulant schwer zu verändern sind. Auch die Angst vor dem „Dick­sein“ wird in der Klinik bearbeitet.

Anke Nolte: Um eine höhere Motivation für einen Klinik­aufenthalt zu bekommen, kann eine angeleitete Gruppe sinn­voll sein.

Sylvia Baeck: Ein Beispiel aus meiner Beratungs­stelle: Eine Frau, die seit 20 Jahren von Bulimie betroffen ist, hat sich nach 6 Monaten Gruppe für einen Klinik­aufenthalt entschieden. Aber auch hier ist die Nach­sorge wichtig, die in einer ambulanten Therapie und in der Gruppe statt­findet.

Moderator: Kommen wir zu unserer letzten Frage im heutigen Chat.

og3105: Ich leide an Magersucht. Ich habe diese Jahr bereits sieben Kilo zugenommen und weiß, dass ich noch weiter zunehmen muss, damit ich mein Normalgewicht erreiche. Ich möchte zunehmen, kann aber die dabei aufkommenden Gefühle (z.B. sich „dicker“ zu fühlen) nur schwer ertragen. Welche Therapien, Strategien oder Hilfen können Sie mir empfehlen, diese Gefühle besser ertragen zu können und meinen Körper anzu­nehmen?

Anke Nolte: Diese Ambivalenz ist ganz normal, wenn Magersüchtige wieder zunehmen möchten. Körper­therapie kann dabei sehr helfen, einige Psycho­therapeuten haben eine körper­therapeutische Ausbildung.

Moderator: Die Chat-Zeit ist auch schon fast um: Wollen Sie noch ein kurzes Schluss­wort an die User richten?

Anke Nolte: Die Hoff­nung nie aufgeben – egal, wie lange die Essstörung schon besteht oder wie schwer sie ausgeprägt ist. Viel Erfolg dabei!

Moderator: Das waren 60 Minuten test-Expertenchat. Vielen Dank an die User für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen leider nicht alle beant­worten konnten. Vielen Dank auch an Jana Hauschild, Anke Nolte und Sylvia Baeck, dass Sie sich die Zeit für die User genommen haben. Das Tran­skript dieses Chats können Sie in Kürze auf test.de nach­lesen. Das Chat-Team wünscht allen noch einen schönen Tag.

Chat Essstörungen Meldung

Wichtige Informationen für Angehörige und Betroffene bietet das neu erschienene Buch „Essstörungen – Hilfe bei Anorexie, Bulimie und Binge-Eating“ und das Special Essstörungen aus test 06/2013.

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