Cent-Auktionen Zu schön, um wahr zu sein

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Cent-Auktionen - Zu schön, um wahr zu sein

Ein neues iPad für 30 Euro, ein riesiger Flachbildfernseher für 10 Euro – so genannte Centauktionen locken im Internet mit Spottpreisen für sonst teure Technik. Ein Anbieter solcher Auktionen ist Bidfun. test.de zeigt an diesem Beispiel, wo die Sache mit den Cent-Auktionen ihren Haken hat.

Einer spart, alle anderen zahlen

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Bidfun lockt mit ver­meint­lich günstigen Preisen

„Flanno73“ muss am Ende der Auktion gejubelt haben. Einen hochwertigen Flachbildfernseher von Samsung im Wert von 500 Euro hat der Nutzer der Auktionsplattform Bidfun für gerade mal 62 Cent ersteigert. Ähnlich viel Freude dürfte es bei „Leredoutable“ gegeben haben. Das neue Smartphone Samsung Galaxy SIII, Wert 650 Euro, hat er oder sie für 4,82 Euro ersteigert. Für das gleiche Gerät hat Nutzer „Caravel“ 37,12 Euro hingeblättert. So genannte Cent-Auktionen machen es möglich. Doch hinter den Kampfpreisen steckt nur scheinbar ein Schnäppchen. Denn – anders als zum Beispiel bei Ebay – kostet bei Bidfun jedes Gebot Geld. Um mitbieten zu können, müssen Nutzer zunächst so genannte Gebotspunkte kaufen. Die kosten bei Bidfun je nach Abgabemenge zwischen 60 und 75 Cent. Bietet ein Nutzer, erhöht sich das aktuelle Gebot um nur einen Cent und er verliert einen Gebotspunkt. Wer bei einer Auktion nicht zum Zuge kommt, verliert auch die eingesetzten Bietpunkte und steht am Ende leer da. Derweil freut sich ein anderer über das durch alle anderen Nutzer finanzierte Schnäppchen. Und Anbieter Bidfun gewinnt im Mittel immer.

Selten ein Schnäppchen

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Ein Galaxy SIII zum Schnäppchenpreis – tatsächlich?

Selbst der Auktionsgewinner macht aber nicht in jedem Fall einen so guten Deal, wie man zunächst vermutet. Das zeigt eine einfache Rechnung am Beispiel des bereits erwähnten Nutzers „Caraval“ (siehe Bild): Laut Bidfun hat er 742 Gebotspunkte eingesetzt um das Samsung Galaxy SIII zu ersteigern. Geht man wie Bidfun bei seinen Berechnungen vom höchsten Punktepreis von 75 Cent aus, hat er allein für das Bieten schon 556,50 Euro ausgegeben. Dazu kommen die 37,12 Euro die Caravel am Ende noch für das Smartphone bezahlen muss. Insgesamt zahlt er also 593,62 Euro. Das ist immer noch günstiger als der angegebene Einzelhandelspreis von 650 Euro – aber längst kein Megaschnäppchen.

Ordentliche Gewinnmargen für Bidfun

Das Beispiel des Nutzers „Caravel“ zeigt noch etwas anderes, nämlich wie kräftig Bidfun an den Auktionen verdient. Ein Endpreis von 37,12 Euro bedeutet bei einer Cent-Auktion, dass 3712 Gebote für das Samsung Galaxy SIII abgegeben wurden. Sogar wenn man mit dem niedrigsten Punktepreis von 60 Cent rechnet, kassiert Bidfun bei dieser Auktion also stolze 2264,32 Euro ein. Solche Gewinnmargen sind bei den Geboten nicht selten. Die Multimedia-Experten der Stiftung Warentest haben insgesamt 200 abgelaufene Auktionen ausgewertet. Bei nur 40 davon ging es um konkrete Produkte, alle anderen drehten sich um Punktepakete. Nach den Erkenntnissen der Auswertung nimmt Bidfun durch die Gebote durchschnittlich 70 Prozent mehr ein, als das einzelne Produkt kosten soll. Bei 81 der analysierten Auktionen durften zudem nur Nutzer mitmachen, die vorher noch keine Auktion gewonnen haben.

Auch auf Punkte kann gesteigert werden

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Die meisten Auktionen drehen sich um Bietpunkte

Die meisten Auktionen drehen sich bei Bidfun um Punktepakete. Die Hoffnung der Nutzer: Wenige Bietpunkte einsetzen und damit viele Punkte ersteigern. Unsere Auswertung zeigt: Im Schnitt sparen Nutzer, die auf günstige Punkte hoffen, sechs Prozent im Vergleich zum Kaufpreis. Im Bietrausch verspekuliert sich aber auch der eine oder andere, wie zum Beispiel Nutzer „Bezbiz“ (siehe Bild). Für ein Punktepaket von 100 Gebotspunkten setzt er 112 Bietpunkte ein. Er macht also offensichtlich Verlust. Der Wert beträgt laut Bidfun 75 Euro, „Bezbiz“ muss aber mindestens 80,42 Euro berappen. Rechnet man mit einem Preis von 60 Cent pro Punkt, nimmt Bidfun mit der Auktion des Paketes 806,42 Euro ein.

Auktionen haben kein festes Ende

Bei den Cent-Auktionen gibt es anders als bei Ebay noch einen weiteren Fallstrick. Sie haben kein festes Ende. Erhöht ein Nutzer das aktuelle Gebot um einen Cent, verlängert sich die Auktion — bei Bidfun zum Beispiel um 20 Sekunden. Bieten am Ende gleich drei Nutzer mit, verlängert sich das Wettbieten gleich um eine ganze Minute. So schaukelt sich der Auktionspreis in die Höhe und die Nutzer verzocken im Wettrennen um ein Produkt ihre teuren Bietpunkte wie Spielechips beim Roulette. Wer keine automatische Bietfunktion nutzt, kann zudem Tage vor dem Computer verbringen.

Nicht alle Preise stimmen

Die Auswertung der Auktionsdaten zeigt noch etwas anderes: Die von Bidfun angegebenen Einzelhandelspreise sind teilweise deutlich zu hoch. Dem Nutzer wird so eine viel höhere Ersparnis vorgegaukelt als er tatsächlich hat. Ein Beispiel: Die Speicherkarte Kingston 8GB MicroSDHC Card Class 4 gibt Bidfun mit einem Handelspreis von 25 Euro an. Bei Amazon kostet sie aber weniger als fünf Euro. Den oft angebotenen USB-Stick Corsair 16GB Voyager 2.0 GT gibt Bidfun mit 60 Euro an, bei Amazon gibt es ihn unter 30 Euro, ganz ohne Auktionsnervenkitzel.

Nur etwas für Zocker

Eins steht fest: Bidfun ist nur etwas für Zocker. Echte Schnäppchen können Nutzer lediglich mit sehr viel Glück machen. Für die meisten ist der Einsatz hoch, ohne dass am Ende etwas herauskommt. Entsprechend sind auch die Nutzer-Reaktionen in Internetforen. „Abzocke“, „Betrüger“ und ähnliches werfen enttäuschte Nutzer den in England sitzenden Betreibern vor. Immerhin: Bidfun selbst macht kein Geheimnis daraus, dass das Geschäft bei den Gebotspunkten liegt. Unter der Frage „Warum sind die Artikel so günstig?“, schreibt Bidfun offen: „Die Gebotspunkte, die bei den Auktionsteilnehmern verwendet werden, gleichen die Differenz zwischen dem vom Gewinner bezahlten Preis und dem tatsächlichen Preis des Artikels aus.“. Wenngleich das Wort „Ausgleichen“ bei von uns ermittelten Gewinnmargen von zirka 70 Prozent wohl mehr als geschönt ist.

Viele weitere Anbieter

Bidfun steht mit seinem Geschäftsmodell nicht alleine da. Anbieter wie bidrivals.de, swoggi.de, snipster.de, centgebote.de oder buycenter24.de funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Mit deutschem Glücksspielrecht können die Cent-Auktionen je nach ihrer Ausgestaltung kollidieren, wie Dr. Thorsten Reinhardt, Sachgebietsleiter beim Referat für Lotterie und Glücksspielrecht des Regierungspräsidiums Karlsruhe, bestätigt: „Sofern der Teilnehmer der Auktion zuvor Gebotspunkte käuflich erwerben muss, um dann an der Auktion bieten zu können, und er durch die Auktion die Möglichkeit hat, den betreffenden Gegenstand deutlich unter Wert zu erwerben, dürfte es sich bei einer solchen Auktion um ein nicht erlaubnisfähiges Glücksspiel handeln“. Es sei mehr oder weniger Zufall, ob ein Nutzer eine Auktion gewinnt oder nicht. Ein weiterer Punkt der die Cent-Auktionen zum Glücksspiel mache, findet der Experte für unerlaubtes Glücksspiel im Internet. In Baden-Württemberg sind die Behörden daher schon gegen mehrere Anbieter von Centauktionen vorgegangen und haben Untersagungsverfügungen erlassen. Die gelten allerdings nur dort, Glücksspiel ist in Deutschland Ländersache. Bei Bidfun können deutsche Kunden bisher fleißig weiter bieten und Geld verzocken. Wir raten: Finger weg! Sonst wird das Schnäppchen schnell viel teurer als gedacht.

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Bohne59 am 27.07.2013 um 13:30 Uhr
mal eine Weile verfolgt

Ich habe eine solche Centauktion mal eine weile verfolgt und festgestellt das zu 80% immer die gleichen bieten und das auf mehrere Objekte. Entweder haben die User viel Zeit und Geld oder die Betreiber setzen Bietroboter ein um zum Schluss dann auch noch die Ware behalten zu können und weiter damit abzukassieren.

DBR68 am 16.06.2013 um 17:18 Uhr
Hilfreich

Letztendlich will jedes Geschäftsmodell nur verdienen, alles andere wäre unsinnig. Durch das Internet bestehen natürlich unedlich viel mehr Möglichkeiten, den Menschen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Dies hier ist eine. Daumen hoch für die, die so mit eigentlich nichts Geld verdienen. Auch für die, wohl wenigen, die auf der Seite einen Schnapper gemacht haben. Daumen runter für die, die meinen, 560€ wär 'nen Schnapper, wenns beim Hersteller um die 600€ kostet. Dann kauft lieber was, was 'vom Laster gefallen ist', damit unterstützt ihr nämlich die gleichen Leute, die euch hier weismachen, ihr habt grad was günstig ersteigert.
Letztendlich wäre einfach Preise vergleichen gut, ein wenig Rechnen in diesem Fall, aber wer tut das heut schon? Es wird einem ja alles vorgekaut und man glaubt's.
Anbei, die Geschäftsidee ist wirklich gut, zumindest für die Inhaber, die verdienen wohl fett daran.
LG

Lyr am 16.06.2013 um 14:38 Uhr
@Stelzi79

"Nicht objektiver Artikel 2 "Glückspielargument":"
Du scheinst nur eins zu vergessen. Wenn ich bei Ebay 10.000 mal mitbiete und nix gewinne ist das einzige was ich vergeudet habe meine Zeit. Wenn man mal von einem Preis von 50 cent ausgeht, wären wir immer noch bei 5.000 Euro bei einer Cent Auktion.
Und wenn ich bei einem Produkt welches ich mir neu im Laden kaufe, feststelle das es einen Mangel hat ( dein Montagsauto), fordere ich die Garantie ein und das Thema ist durch. Das als Glücksspiel zu bezeichnen ist also weit vom 'Thema ab.

rumpelbumpel am 01.05.2013 um 19:49 Uhr
Wie intelligent darf man sein

Ich bin ein ganz normal gebildeter Mensch, überdurchschnittliche Intelligenz ist mir auch nicht beschert worden.
Trotzdem geht bei mir bei derartigen Linkereien und halbseidenen Übervorteilungen und Verdummungsversuchen (von denen es reichlich gibt) sofort die Alarmanlage los. Und was mach ich, wenn ich ein ungutes Gefühl bekomme? Na, umdrehen und weg!!!
Tja, und das klappt. Mich hat noch keiner gelinkt.
Aber:
was erwacht bei vielen Menschen, wenn sie denken sie kriegen was umsonst oder saumäßig billiger .....? Na?
Es erwacht die GIER! (und das HIRN schläft ein)
Die Gier lässt sie dann nichtmehr klar denken, und hören nicht auf was ..... , auf ihr Gefühl!!!
Deshalb gibts von meiner Seite weder für die Geld-/Gold-/ oder sonstigen Spekulierer kein Mitleid, und auch die die immernoch nicht geschnallt haben, dass im Internet auch NIEMAND was verschenkt, die kriegen das gleiche: KEIN Mitleid.
Hirn einschalten, im Zweifelsfall --> VERZICHTEN!!!
Das hilft.
Schönen Abend noch!

Stelzi79 am 17.02.2013 um 13:15 Uhr
Nicht objektiver Artikel 3

"Nicht alle Preise stimmen": Da finde ich nun Verkäufer, die zuerst 200% draufschlagen um dann später 50% Rabatt hergeben um dann doch noch teurer zu sein als die Konkurenz, die anständig kalkulliert. Aber gerade dort wo sie 50% Rabatt bekommen kaufen sie, weil sie dort 50% Rabatt bekommen. Dass unverbindliche Listenpreise der Hersteller als statt Preise angegeben werden ist doch im ganzen Handel so und jeder mündige Bürger weiß, dass solche Preisangaben eher zur Unterhaltung gedacht sind. Jeder der keinen marktgerechten Preis recherchieren kann, müsste dann nach diesem Argument vom Einkauf im Internet ausgeschlossen werden.
Leider kommt es mir vor, dass da der Autor unterschwellig Neid in den Mantel der Objektivität darunter geschmuggelt hat und wie sagt so schön ein Sprichwort: "Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung eines Erfolges"