Carvingskier Test

Die meisten der getesteten Skier hinterlassen einen guten Eindruck, sowohl auf der Piste als auch im Labor. Sportliche Modelle liegen bei den Testfahrern vorn.

Für die Marketingstrategen der Skihersteller scheint Deutsch eine Fremdsprache zu sein. Allmountain, Multicondition, Race, Lady und Freeride: In solche Kategorien ordnen sie ihre Bretter ein. Bei den Typbezeichnungen wird es noch wilder. Hier verwirren merkwürdige Zusammensetzungen von englischen Wörtern wie Whiteout, Magfire, Supershape oder Racetiger. Konsequenterweise ist dann auch nicht von Fahrstil die Rede, sondern vom Riding Style, und Pulverschnee wird zu Powder Snow.

Sogar der gute alte Ski geht uns verloren; er wurde zum Carver. Die taillierten und relativ kurzen Carving­skier, zu denen es kaum noch eine Alternative gibt, haben nicht nur die langen Rennlatten von den Pisten verdrängt, sondern auch gleich noch den Oberbegriff dazu.

Carven (englisch Schneiden) bedeutet, auf und entlang der Kante einen geschnittenen Schwung fahren. Entwickelt wurden die Carvingskier als Antwort auf die Anfang der 90er Jahre in Mode gekommenen Snowboards, mit denen Kurven nicht mehr auf der Gleitfläche, sondern auf der Kante gefahren werden.

Modelle der gehobenen Preisklasse

Ein wesentliches Merkmal zur Klassifikation des Carvingskis ist der durch die Taillierung vorgegebene Kurvenradius. Übliche Radien liegen je nach Skityp bei 10 bis 20 Metern. Wir haben für den Test 21 gängige Modelle ausgewählt, zwölf Multicondition- oder Allroundskier, die für alle Bedingungen geeignet sein sollen und Radien von rund 15 bis 18 Metern haben, sowie neun sportliche Modelle mit Radien um 12 Meter, die auch Racecarver (race, englisch Rennen, Wettfahrt) genannt werden. Mit 460 bis 700 Euro pro Paar inklusive der Bindung gehören die getesteten Skier zur gehobenen Preisklasse. Dafür bekommt der Wintersportler aber auch ein Hochtechnologie-Produkt.

Von außen sehen die Skier unspektakulär aus, wenn man einmal von den teilweise sehr bunten Aufdrucken absieht. Das Teure steckt im Inneren. Hochwertige Skier haben einen mehrschichtig verleimten Holzkern und weitere Verstärkungen aus verschiedenen Materialien, darunter oft Titanverbindungen, die von einem glasfaserverstärkten Kunststoff ummantelt sind. Der Ski muss biegsam, aber zugleich verwindungssteif sein. Torsionsfestigkeit nennen das die Konstrukteure, deren Ziel ein möglichst leichter, aber stabiler Ski mit guten Fahreigenschaften ist. Nicht allen Herstellern gelingt das optimal. Nach Abschluss der praktischen Prüfung gab es viele Gewinner und einige Verlierer. Das Testteam, sieben Männer und eine Frau, alles erfahrene Skifahrer, war in zwei Gruppen gestartet: eine mit sportlich ambitionierten Fahrern und eine, die eher auf Komfort Wert legt. Erstaunliches Ergebnis: In beiden Gruppen lagen die stärker taillierten Raceskier eindeutig vorn. Die Erklärung dafür ist einfach: Die sportlichen Modelle haben durchweg einen besseren Kantengriff, mehr Grip (englisch Griff, Haftung). Das bedeutet ein höheres Sicherheitsgefühl. So war der Spitzenreiter bei den Fahreigenschaften der sportlichen Skier, der Head i Super­shape SW, auch der eindeutige Favorit der Komfortfahrer. Der Sieger in der Gruppe der Allroundskier, der Fischer RX Cool Heat, fiel dagegen ein wenig ab. Für den Fischer spricht allerdings der Preis. Er ist mit 460 Euro der preiswerteste Ski im Test und damit fast 200 Euro billiger als der sportliche Head i Supershape.

Weniger überzeugen konnten die Fahreigenschaften der Allroundskier von Dynastar, Blizzard, Kneissl, Elan und Rossignol. Sie wurden von den Testern in vielen Prüfpunkten schlechter eingestuft.

Probleme mit der Kante

Bei der Prüfung der mechanischen Eigenschaften im Labor glänzten die meisten Alpinskier mit Bestnoten. Sie sind stabil gebaut und bieten eine optimale Lauffläche. Bei vier Modellen haben wir jedoch Probleme mit der Stahlkante festgestellt. Bei den Allroundern Kneissl Free und Elan Magfire und dem sportlichen Rossignol Radical ist die Materialstärke gering, was die Lebensdauer beeinträchtigt. Nach mehrmaligem Kantenschleifen bleibt hier kaum noch etwas übrig. Dabei kommt es auf die Kante der Skier besonders an, denn Carven heißt ja Fahren auf der Kante.

Letzter Platz für Rossignol Bandit

Noch schlechter sieht es beim Rossignol Bandit aus, der nur eingeschränkt pistentauglich ist. Beim Schlagtest riss bei diesem Ski die Stahlkante aus, was nicht gerade für eine gute Fertigungsqualität spricht und diesem Ski den letzten Platz im Testfeld bescherte.

Wie lang sollen die Skier sein?

Da man beim Carven auf der Kante sehr schnell wird, kann man die Skier eigentlich nur auf breiten, übersichtlichen Pisten voll ausfahren. Ansonsten werden auch sie im klassischen Stil, wenn auch in einer etwas angepassten Form gefahren.

Im Test machten die meisten Carver auch beim klassischen Parallelschwung und bei der Schussfahrt eine gute Figur. Wichtig ist dabei die Länge der Skier. Je kürzer die Bretter, desto größer ist die Gefahr, dass sie bei höheren Geschwindigkeiten unruhig laufen. Kürzere Skier sind aber wesentlich drehfreudiger. Das unangenehme Flattern der Carver bei Schussfahrten kann man vermeiden, wenn man sie dabei ganz leicht auf der Kante fährt. Als optimale Skilänge wird für Allrounder etwa Körpergröße empfohlen, sportliche Skier sind 10 bis 15 Zentimeter kürzer.

Jeder zweite in Deutschland verkaufte Ski ist ein Allroundmodell. Zu den sportlichen Racecarvern greift nur jeder Fünfte. Die meisten Skier, so wurde auf der letzten ispo, der Fachmesse für Sportartikel und Sportmode, verkündet, haben „moderne Taillierungen mit Skimitten von teilweise deutlich über 70 Millimeter“, und zwar „in nahezu allen Skisegmenten“.

Mit Bindung, teilweise mit Schuhen

Angeboten werden praktisch nur noch Sets mit Bindung und teilweise sogar mit passenden Schuhen. Das ist zweifellos von Vorteil, denn die Komponenten können so optimal aufeinander abgestimmt werden, und teurer sind sie auch nicht als die Einzelteile. Mittlerweile haben alle Skihersteller ein eigenes Befestigungssystem, das meist aus aufgeschraubten oder integrierten Schienen oder Platten besteht, in die eine dem Gewicht des Fahrers entsprechende Bindung eingeschoben wird. Die Anbieter versprechen eine perfekte Harmonie von Ski und Bindung.

Andererseits ist klar, dass es den großen Herstellern darum geht, als Systemanbieter ihre Erträge zu steigern. So wurden fast alle Bindungshersteller von den großen Skifirmen übernommen, Look beispielsweise von Rossignol, Tyrolia von Head und Marker von Völkl. Den Trend zu einem internationalen Vollsortiment-Anbieter kann man gut bei Marker Völkl sehen. Unter dem Dach der Jarden Corporation, einem amerikanischen Konsumgüterkonzern, zu dem auch der Sportartikelhersteller K2 gehört, und in einer engen Partnerschaft mit dem italienischen Schuhhersteller Tecnica, bietet er vom Ski mit Bindung über den Schuh bis zur Bekleidung fast alles, was der Skifahrer braucht – und das in 40 Ländern weltweit.

Immer mehr Wintersportler sparen sich den teuren Skikauf. Sie mieten die Bretter am Urlaubsort. Rund ein Drittel der Skiproduktion geht direkt in den Verleih, der sich inzwischen auch auf höhere Ansprüche der Kunden eingestellt hat. So hat der Skifahrer die Chance, die neuesten und gutpräparierten Modelle zu bekommen.

Wer möglichst lange etwas von seinen teuer bezahlten Brettern haben will, muss sie sorgfältig pflegen. Beschädigte Laufflächen und abgenutzte Stahlkanten stellen zudem ein Sicherheitsrisiko dar. Außerdem sollten die Bindungen jedes Jahr neu eingestellt werden.

Den Skifahrern bleibt jetzt nur die Hoffnung auf einen besseren Winter als im vergangenen Jahr und den Skiherstellern die Hoffnung auf einen neuen Trend. Denn das Thema Carving ist nahezu ausgereizt. Ein passender Begriff wird ihnen bestimmt wieder einfallen.

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