Versicherung: Kleine Kratzer werden teuer

Beim Versicherungs­schutz sind die Anbieter nicht knaus­rig. Alle – bis auf Flinkster – gehen über die gesetzliche Mindest­deckung hinaus, was wir auch empfehlen: In der Haft­pflicht reicht die Deckungs­summe meist pauschal bis 100 Millionen Euro; für Personenschäden gelten nied­rigere Grenzen.

Für die Autos greift Voll­kasko­schutz, allerdings mit einem hohen Selbst­behalt von meist 1 000 Euro, oft auch 1 500 Euro. Viele Firmen bieten dem Kunden an, gegen Aufpreis den Selbst­behalt zu senken, oft auf 300 Euro pro Schadenfall. Das kostet meist 90 Euro Zusatz­beitrag pro Jahr.

Kunde haftet für jeden Kratzer

Cars­haring Test

Vor dem Losfahren kontrolliert Gabriele van Boxen den Pkw auf Kratzer. Vorhandene Macken stehen im Bord­buch. So geht sie sicher, nicht für Beulen haften zu müssen, die ein Vornutzer verursacht hat.

Dennoch kann es teuer werden. Denn jeder Auto­fahrer weiß: in der täglichen Praxis sind kleine Schrammen und Dellen auf Dauer unver­meidlich. Wenn jede Kleinig­keit fachmän­nisch repariert wird, können auf einen Kunden leicht mehrere hundert Euro pro Jahr zukommen. Anders als der Besitzer eines Privat­autos, der solche Lappalien einfach im Blech lässt, steht ein Cars­harer in der Pflicht. Die meisten der von uns befragten Anbieter legen in ihren Geschäfts­bedingungen fest, dass der Kunde voll haftet.

In der Praxis hand­haben sie das unterschiedlich. Da wird eher eine einvernehmliche Lösung angestrebt. „Jeden Kratzer machen zu lassen, wäre viel zu teuer“, so Peter Kuhn von Drive Cars­haring München. Also gehe nur ein Vermerk in die Schaden­liste des Autos. Der Kunde zahle meist 80 bis 150 Euro, je nachdem was eine möglichst billige Reparatur kosten würde.

„Bei jedem Auto stehen nach einem halben Jahr in der Schaden­liste Kratzer am Stoß­fänger vorn, hinten, links, rechts, oben, unten“, erklärt Olaf Rau, Geschäfts­führer von Statt­auto München. Da müssten die Kunden nicht gleich zahlen. Und Gabi Lambrecht vom Bundes­verband BCS meint: „Es lohnt nicht, wegen einer kleinen Delle gleich den ganzen Kotflügel auszutauschen.“ Vielmehr werde dem Kunden angeboten, nur 100 Euro zu zahlen, weil meist weitere Bagatell­schäden hinzukommen. Größere Schäden hingegen, etwa deutlich sicht­bare Beulen, werden repariert. Da steht der Kunde mit seiner Selbst­beteiligung voll ein.

Ob er dafür wirk­lich zahlen muss, kann im Einzel­fall aber strittig sein. Denn Klauseln in den Geschäfts­bedingungen, nach denen der Fahrer selbst dann haften soll, wenn er den Schaden gar nicht verursacht hat, sind unwirk­sam. Jeder muss nur für Schäden aufkommen, die er ange­richtet hat. Die Beweis­pflicht hat der Anbieter.

Bei größeren Schäden oder Unfällen, zu denen die Polizei kommt, ist der Fall meist klar. Doch bei Bagatellen kann der Nach­weis schwierig werden. Zum Beispiel wenn der Kunde Zeugen dafür nennt, dass er den Wagen ohne Schaden zurück­gegeben hat. Schließ­lich können Dellen auch in der Stand­zeit zwischen zwei Nutzungen entstehen, etwa wenn der Fahrer aus der benach­barten Park­lücke nicht aufpasst.

Anbieter wollen Streit vermeiden

Und selbst wenn der nächste Fahrer den Wagen ohne Pause direkt über­nimmt und eine Macke entdeckt, heißt das nicht zwangs­läufig, dass sie zu- lasten des vorherigen Nutzers geht. Schließ­lich kann es sein, dass er sie bei der Über­nahme nicht bemerkt hat, zum Beispiel wenn ein Stein­schlag in der Wind­schutz­scheibe wegen des Regenwetters leicht zu über­sehen war.

Recht­lich sind die weit­gehenden Formulierungen im Klein­gedruckten oft nicht durch­setz­bar. Wohl daher – und um den Kunden nicht zu vergraulen – verzichten die Anbieter meist auf juristischen Streit. „Das kann man besser im persönlichen Gespräch lösen“, meint Geschäfts­führer Walter Ernst von Stadt­teil­auto München. „Dass Leute Schäden nicht melden, kommt ohnehin selten vor.“

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